mai-jun.doc

Autor:              Roland Iobst
Ort:                c:/eigene dateien/texte/2001/
Größe:              312k
Erstellt:           21.06.01, 00:44:03
Letzte Änderung:    01.07.01, 16:45:49
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Anzahl Seiten:      78   Anzahl Zeilen:       2.310
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Im Juni, zur Sommersonnenwende. Ist man wirklich reif dafür, wieder aufs Rad zu steigen? Kann sich nicht jeden Augenblick ein Graben vor einem auftun, den man hinabstürzt, in das unendliche Weiß zwischen den Buchstaben, das Vergessen und die Erschöpfung, die zum Schluss machen führen?

Wie von mir befürchtet, blieb die am ersten Mai aus dem Ruder gelaufene Handlungsenergie

Lieber nur von einem schreiben, der von Ferne zu einem schaut, der man erst dann sein wird, wenn einem nichts anderes übrig bleibt, als sich ihm zu ergeben.
Stimmt, jetzt habe ich ihn erwähnt.
Ich lasse das Mal so stehen.
Ja, Muhammadmusa: Verführerisch bequem scheint alles mit dir vonstattenzugehen, ein Knopfdruck ruft sofort ins Leben. Dabei in Wahrheit magst du dich nicht damit begnügen, bloß Vermittler zwischen meinem Wörterstrom und dem Bildschirm zu sein. Unheimliche Manipulationen finden zwischen deinen Platinen statt: Löschen, umformulieren, umstellen, Versionen tauschen, neu formatieren – Was mir erst nur neue Werkzeuge waren, will sich selbständig machen, den Prozess erobern. Ist der Text erst einmal in Nullen und Einsen zerlegt … Früher wälzte man die Worte im Kopf, bevor man sie ins Werk setzte – die analogen Maschinen ließen kaum Wahl: Korrekturen waren mit einigem Aufwand verbunden. Jetzt, da im Computer das Hirn sich viel direkter mitteilt, die Tastatur wirklich nur Schnittstelle, nicht mehr auch Verkörperung bildet, fallen zugleich die Filter; denken und schreiben beinahe in eins. Jedoch während ich dabei zusehe, was auf diese Weise auf dem Bildschirm erscheint, greift etwas daraus wieder nach mir zurück, will mich übernehmen. Bleibt nur, diese Verbindung zu meinem Doppel mit dem Konjunktiv oder Futur zu durchtrennen: Das werde nicht, könnte nicht ich sein.
Ich mache dir keinen Vorwurf, Muhammadmusa. Du hast gar keine Wahl, als nach der Dialektik von Herr und Knecht, der Konkurrenz zwischen unseren Gehirnen zu handeln. Deshalb aber leite ich nichts an den Drucker weiter: Das gäbe ihm, den wir beide erschufen, einen Körper.

Wie befürchtet blieb die am ersten Mai aus dem Ruder gelaufene Handlungsenergie, diese neue Erfahrung des nicht-aufhören-Könnens, die alle Warnbotschaften des Körpers betäubt hatte, nicht ohne Folgen.
Nicht nur, dass man gewetzt war wie seit Jahren nicht – schneller noch als zu der Zeit, als der Nachbarshund einem hintergejagt hatte, um die Klingelstreichattentate auf sein Herrchen

Sibylle. Dein Blick abgewandt, als du den Namen ausgesprochen hattest. Weil er nur eine Chiffre war, hinterlassen, damit man sich auf deine Fährte setzt.
Soll man Muhammadmusas Komputationsmagie nutzen, um jetzt, im Augenblick ihrer Bearbeitung in seinem Speicher, die Geschehnisse der letzten zwei Monate zu korrigieren: die Irrwege des Intellekts und die Weisheit Raouls; die Bedeutung von Parzival und Sibylla; den Angriff des Trios, dem man dank deiner Schlagkraft entkam; den Mut der Zwillinge, die das Geheimnis des Zettels lüfteten? Diese Dinge sind aber geschehen – nicht mehr nur Erinnerungsfetzen, sondern Ereignisprotokolle. Wirklich nicht lieber ihre Permutationen ausrechnen lassen und, vielleicht nach dem Zipfschen Gesetz, nur die wahrscheinlichsten davon als geschehen ansehen?
Zurück in der pisswarmen Hauptstadt, vermisst man die Kälte der Kathedrale, die einen so schön stimuliert hatte.
Verzeih, lieber Arni, dass du so lange ausharren musstest, es ging einfach nicht früher. Zusammen mit Muhammadmusa und meinen Fingern bist du der einzige Treue auf meiner Radtour – mein Pansa, mein Watson, mein Sherasmin: Man hat wirklich kein Recht, dich so zu behandeln.

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