mai-jun.doc (3)

Immer der Reihe nach, sortiert nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht. Erstes Ziel: Sibylle wiederzufinden. Nicht mehrere Dinge zugleich angehen – du weißt ja …
Man kühlte sich wieder in der Nähe der Kathedrale, versteckte sich hinter einer Seitengassenecke und spähte auf den Vorplatz hinaus oder beobachtete den Touristenstrom aus dem Schatten einer Apsis heraus.
Nichts tat sich. Der Tatort wurde nicht wieder aufgesucht.
Am Kai befragte man die Bootsführer nach einer Frau im lila Kleid, die sich hier vor mehr als einer Woche habe transportieren lassen, man zahle für jede Information: Niemand konnte sich erinnern, wie auch, wahrscheinlich waren Boot und Kapitän Fremde gewesen.
Man war Orpheus, der in die Unterwelt hinabstieg, Pyramus, der Löcher in die Wände bohrte, sie aber war weder Eurydike noch Thisbe, sondern Isis, die Verschleierte. Osiris aber konnte man nicht werden, denn der war ihr Bruder und zum Tode verdammt. Es blieb nur eines übrig: Man kannte die Geographie der Stadt nun genug, um Sibylle und ihren Beschattern Fallen zu stellen.
Man lenkte seinen Weg in eine Sackgasse, die sich an einen gut zu übersehenden Platz anschloss, drückte sich durch die Seitentür des Antiquariats Jadschudsch&Madschudsch, um wieder aus der Vordertür ins Freie zu gelangen und freie Sicht auf den Platz und das tote Ende der Gasse zu haben.
Vorgeblich ziellos schlenderte man im Palais des Archevêques herum, durch die Passage de l’Ancre hindurch, schwenkte nach rechts in den älteren Teil der Anlage, den Innenhof des Palais Vieux, vorbei an der Ausgrabungsstätte der drei Vorgängerbauten der Kathedrale, um unerwartet im benachbarten Kreuzgang durch eine Tür in der Westgalerie zu verschwinden. Mögliche Beschatter wären hier zurückgeblieben, weil sie im dahinter liegenden Park sofort entdeckt wären; dieser Weg aber verschaffte einem die Gelegenheit, über den Hauptflügel des Palais Neuf gleich wieder zurück in die Passage zu gelangen und so den Verfolgern überraschend in den Rücken zu fallen.
Ähnlich ging man am Kanal und im archäologischen Museum vor.
Weder Sibylle noch ihre Beobachter gingen ins Netz. Man wurde in Ruhe gelassen oder an der langen Leine.
Sibylle, Unenthüllte! Ich werde hier ein Gedicht aus meiner Jugend einfügen – nun weihe ich die Peinlichkeit dir:

LIEBENGESTIRN

 

vier

was will
ich wohl von
dir und
drei was du
vielleicht von
mir

was

nützt es
wenn ich
hier zahlenspekulier

denn alles nichts

entscheidet eh
das unterlassen

unser nicht

fallen lassen
jenes worts
das man
doch tauschen
soll wo
zwei zusammenpassen

drei und

vier das
ist kein hassen

sondern die

wunder planeten
leiter zum
liebengestirn

also

wir beide
zwar im besitz
eines beisammenorts
aber wohl nur
in unserm
hirn

Roland hatte Oliver auf einem der Pfadfinderzeltlager in sein carolinisches Schwärmen eingeweiht. Ihre Gruppe unternahm gerade eine Nachtwanderung durch die Ausläufer des Schißritzer Forsts, mitten durch das unheimliche Ästeknacken Blätterrascheln Eulenheulen. Sie kamen sich mit ihren 13 Jahren wie verwegene Jungabenteuer aus einem Enid-Blyton-Roman vor.
Roland, den ganzen Tag äußerst nervös, ob er wegen der ekelhaften Eintöpfe, kalten Nächte oder unzähligen Unternehmungen, die sich ihm aufdrängten, womöglich das dritte Mal in Folge Durchfall bekommen würde, nahm diesmal nicht am gemeinsamen Wandergesang Nehmt Abschied Brüder teil:

»Nehmt Abschied Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr,

Die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer.

Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiederseh’n!

Wir ruhen all’ in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh’n!

Die Sonne sinkt, es steigt die Nacht, vergangen ist der Tag;

>Die Welt schläft ein und leis’ erwacht der Nachtigallen Schlag./p>

Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiederseh’n!

Wir ruhen all’ in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh’n!«

Er war beschäftigt mit den Ästen, die ihm in der Dunkelheit ins Gesicht peitschten und die neue Nylonjacke aufzuschlitzen drohten, und trat ständig in kleine Schlammlöcher, die sich immer nur unter ihm aufzutun schienen. Schnitzeljagd wäre ihm lieber gewesen.
› Ob eine wie Carola, begann er an Olivers Seite seinem Frust Platz zu machen, › Lust hätte, Wölflein zu werden, wenn man sie fragte?
› Nee, die laufe doch jetzt immer so herausgeputzt herum. Außerdem die ganzen Schnaken … was er denn von der verzogenen Kuh wolle?
› Nur so, aus rein statistischem Interesse.
› Klar, und sein Großvater sei Nazi gewesen – verknallt sei er!
Roland sagte nichts.
› Vorsicht!, warnte Oliver ihn vor der nächsten Pfütze.
› Vielleicht … Ob er mal auf ihre Beine geachtet habe?
› Irgendwie giraffig oder?
› Nee, antilopig!
Das waren die Worte, die sie neuerdings zur Bewertung bestimmter Eigenschaften ihrer Schulkameradinnen benutzen. Giraffig war alles, was träge und langsam oder krumm und viel zu lang war, Segelohren besaß – und antilopig war so ziemlich das Gegenteil.
› Sogar affig-giraffig, wenn er ihn frage. Mann, bloß weil er sie immer bei sich abschreiben lasse und sie ihm dafür ein Küsschen auf die Stirn gegeben habe. Die sei Schickeria, Mann, eine Zugezogene, die Eltern hätten in München Franz-Xaver die Eier geleckt.
› Franz-Josef heiße der, Strauß außerdem. Übrigens trage sie neuerdings Parfüm. Was Pflaumiges.
› Wenn er es unbedingt mit einer Giraffe …
› Scheiße!
Roland war erneut mit einem Fuß in Schlamm gelandet, der diesmal jedoch schmatzend den Schuh an sich saugte, um ihn für sich zu behalten. Roland hatte den Verlust erst die Sekunde später bemerkt, in der er bereits barsockig auf dem kalten Waldboden aufgetreten und auf dem nassen Laub ausgerutscht war. Sie befanden sich am Rande eines kleinen Hangs, drunten mäanderte ein Bach. Dorthin kullerte jetzt Roland hinab. Die Ausrüstung in seinem Rucksack stach bei jeder Umdrehung schmerzhaft in die Rippen, bis er endlich am Ufer anlangte, dort sich den Kopf an eine Baumwurzel anknallte und mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegen blieb.
Das war’s, dachte er, ich nehm’ jetzt Abschied Brüder, ciao liederliches Leben! Ungewiss ist alle Wiederkehr, Erstickungsschwärze wölbt sich über mich, ade, auf Wiederseh’n!
Und in einem kitschigen Licht sah er sich Carola entgegen fliegen, die blank bis auf ein Feigenblatt und mit zum Kuss gespitzten Lippen dort hinten auf ihn zu warten schien – in 72facher Ausführung, wie Mohammeds Schrift es versprochen hatte.
Sofort sagte er das dem Propheten gewidmete Pfadfindergebet auf:

»Oh Gott, ich bitte dich um Festigkeit in meinen Vorhaben, um Beständigkeit in meinem Vorsatz; um ein ergebenes Herz, um eine aufrichtige Rede; ich bitte dich um das Gute.«

Jemand packte ihn, drehte ihn auf die Seite und führte sorgfältige Erste-Hilfe-Maßnahmen durch – brach die aber ab, als er bemerkte, wie überflüssig sie waren. Oliver.
› Warum er ihn zurückgeholt habe!, faselte Roland. › Lieber jetzt abgetreten, als mit einem Gehirnschaden jahrelang dahinzusiechen!
› Mann, einen Moment habe er echt geglaubt, es sei um Roland geschehen. Da, nur eine Schramme am Kopf! Keine Zeit für noch mehr Theater – die anderen hätten nichts mitbekommen und seien weitergezogen, noch könne man sie hören, aber wenn sie nicht bald …
› Carola – 72mal naturelle … und dann hätte Oliver der Allzukühne ihn ja leider –
› Weil Roland doch der Weise sei. Bald stünden Schulaufgaben an, da bräuchte er wieder einen zum Abspicken.
› Traue er sich gar nicht, raffte Roland sich wieder auf. › Ob er seinen Schuh irgendwo gesehen habe?
Den fanden sie in der Finsternis nicht mehr. Roland musste sich bis zum Lager mit einem Plastikbeutel aus Olivers Rucksack begnügen.

Roland der Weise und Oliver der Kühne, der ein’ des ander’n Sühne, wandern gemeinsam durch die Scheiße …

skandierten sie beide auf dem weiteren Weg durch das dunkle Gehölz, von Eulenaugen und Grillenzirpen begleitet. Wegen des Zwischenfalls war es jetzt sogar Oliver ein bisschen bang.
› Dass er wirklich das Mohammed-Gebet zum Himmel geschickt habe: Roland, der erklärte Satanist, versuchte Oliver kopfschüttelnd darüber hinwegzulachen.
› Dann müsse er sich jetzt wohl auch daran halten.
Wirklich, so ist es gewesen.

***