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Ankunft am Bayreuther Bahnhof. Die ersten Festspielgäste quetschten sich aus dem Zug. Man versuchte, hinter der strömenden Menge die Deckung zu wahren, vielleicht lauerte jemand, man betrat das Land dessen, den keiner kennt: das geheime Frankonia.

Die Heimatstadt, dieses Beamtenstübchen, das sich mit der bundesweit höchsten Pro-Kopf-Zahl Vereinsmitgliedschaften hervortat und Oberzentrum eines Landstriches bildete, dessen besonderes Kennzeichen die bundesweit einmalige Flächenkonzentration von Bierbrauereien war, gab sich geschäftig. Das Wachstum der Wagner-Devotionalien hatte bereits seit den ersten lauen Lüftchen Mitte März alle Anstrengungen unternommen, eine noch steilere Exponentialkurve hinzulegen. Diesmal feierte die Stadt gleich drei Jubiläen auf einmal: 125 Jahre Festspiele, 50 Jahre Neu-Bayreuth, 25 Jahre Wagner-Museum.
Der Wagner-Wahn kam nicht ungelegen, galt es doch, kein kleines Kunststück zu vollführen – die unabsichtliche Begegnung mit den Eltern, Carola und dem FAF zu vermeiden. Also zum Taxistand.
› Niederschißritz 26.

Das Dorf war so mickrig, dass die wenigen Zufahrtswege keine eigenen Straßennahmen besaßen. Olivers Hof lag sich selbst überlassen am Rande zum Forst – ein kleines Gut mit seit Jahrzehnten ungenutzten Hühner- und Schweineställen und einem langgezogenen Garten mit Obstbäumen. Warum nutzte es Oliver nicht als Ferienlager für die Festspielgäste? Der einzige das Anwesen belebende Mensch war ein Gärtner, der hier ab und an nach dem Rechten sah, damit die Natur nicht völlig sich selbst überlassen blieb.
Ein Spruch prangte in Holzlettern über der Eingangstürdes Fachwerkhauses, das dem Areal zum Traktorpfad hinaus vorgelagert war: »Man reißt das Haus nicht ein, das Väter uns erbaut, doch richtet man sich’s ein, wie man’s am liebsten schaut!« Seltsame Tradition. Auch Wagner hatte mit einer dreiteiligen Inschrift seine Niederlassung gegen böse Eindringlinge zu schützen versucht: »Hier wo mein Wähnen Frieden fand« (über dem linken Flügel) – »Wahnfried« (über dem Hauptportal) – »sei dieses Haus von mir benannt« (über dem rechten Flügel). Heute ist es Museum und Wallfahrtsort.
Man zückte den Zweitschlüssel, den man für Oliver verwahrte, und betrat das Domizil in Erwartung des bekannten Anblicks: helle Holzdielen, grüne und gelbe Blümchentapeten, Fenstergardinen aus weißer Spitze, einer der Höhepunkte die Küche aus Nussbaum.
Leer. Keine romantischen Bergseebilder, keine Standuhren, keine fußbetriebene Nähmaschine – ausgeräumt. Wenige Sitzmöbel, Anrichten und Tische standen bockig in den Räumen herum, mit Laken bedeckt. Im Esszimmer hingegen wie eh und je die lange Eichentafel mit den Polsterstühlen, ohne einen Staubschutz.
Wenn das kein Beweis war. Hier ging etwas vor. Nachdem sich der engste Freund als Handlanger des Gegners entpuppt hatte, gab es keinen Zweifel mehr, dass er diesen Ort für ihre Machenschaften zur Verfügung gestellt hatte, dass sie hier Treffen abhielten.
Man wollte sich einige Tage einschließen, sich auf die Lauer legen, vorbereitet sein, um in den Kampf zu ziehen, wenn sie zurückkämen.
Jedes Zimmer nach Hinweisen, Rückständen durchleuchtet – kalter Asche oder Schriftzeichen, die sich durchs Blatt ins Holz hindurchgedrückt haben könnten. Nichts.
Oliver, während ich hier auf dich warte, der Rabe in deinem Nest, widme ich dir diese Geschichte:

SCHÖNE TODE II: ZELLENGENOSSEN

Ohne dass er darauf vorbereitet war, hatte man Herrn J. eines Morgens in eine Zelle gesperrt.
Nur ein schmaler Lichtstrahl schoss durch eine Mauerlücke, die handgroß, vergittert und in unerreichbarer Höhe die einzige Öffnung nach draußen bildete, und fiel auf das Stroh, das den Boden bedeckte und einige Menschenknochen in sich barg. Kalt und feucht waren die Steinwände. Es roch nach Salpeter.
Er wusste nicht, worin sein Vergehen bestand, wusste nicht, wer ihn angezeigt hatte, nicht, wie lange die Haft dauern würde. Es hatte keine Gerichtsverhandlung gegeben.
Herr J. besaß keine Verwandten und keine Freunde. Da war niemand, der ihn vermisste. Aber auch niemand, an dem er sich eines Vergehens schuldig gemacht haben könnte.
Er hatte versucht ihnen zu sagen, dass, was immer sie ihm vorzuwerfen hätten, sie damit im Irrtum waren. Er habe nach den Regeln gelebt, sich immer anständig verhalten.
Sie hatten ihn trotzdem festgenommen, die Gorillas im Frack, ohne ein Wort. Ob er Frau und Kinder habe, was sein Name sei, was sein Beruf – sie schienen bereits alles zu wissen.
Er, der Buchhalter, war nämlich selbst einer vom Gericht. Unerhört: Der Mund beißt nicht die Hand, die ihn nährt! Aber er war ein kleines Rad in diesem Getriebe und ein altes dazu. War er entbehrlich geworden? Nicht mehr tüchtig genug?
Herr J. war ein Herr, den man aus seinem organisierten Tagesablauf gerissen hatte. Er unterzog die Zelle also zunächst einer gründlichen Säuberung: kratzte die Moosfleckchen aus den Fugen, sammelte die Insekten ein und entließ die noch lebenden durch die Scharte in die Freiheit; arrangierte hiernach die Knochen zu einem nach Größe sortierten Bündel Mikado und widmete sich schließlich der Zähmung des Strohs, um es, Halm neben Halm, zu einem ordentlichen Haufen zu schichten.

Es stellte sich die Frage, was er als Nächstes tun könnte.
Herr J., im Bewusstsein, dass gleich jemand kommen, ihn freilassen und sich für diesen Vorfall entschuldigen werde, setzte sich auf den sauberen Haufen Stroh und wartete.

Den ganzen Tag war kein Wärter gekommen. Draußen wurde es dunkel. Herr J. hatte niemanden gehört. Draußen, jenseits des Oberlichts nicht, nicht hinter der Tür oder den Wänden. Nur das Knirschen der Zähne und das Scharren der Füße, der eigenen.
Herr J. hatte Hunger. Herr J. wollte sich ablenken. Aber die Zelle war bereits sauber. Also verkündete er den Wänden, dass er unschuldig, alles ein Missverständnis sei, niemand ein Verbrechen verübt haben könne, das eine solche Behandlung verdiene, dass er jetzt bald keinen Humor mehr habe, ja er habe Humor, aber bald nicht mehr, und ob ihm denn keiner zuhöre und antworten wolle. Aber die Wände hörten nicht zu oder waren einfach etwas maulfaul.
Als Herr J. bereits im Begriff war, die Wände mit seinen Fäusten zur Aussprache zu zwingen, meinte ein dünnes Stimmchen: Jeder sei schuldig.
Es saß etwas in einer Ecke. Ein kleines dickes, ein befelltes Etwas mit angespitzter Nase und schnittigen Zähnen.
Herr J. konnte Ratten nicht ausstehen. Sie waren lästig wie Fliegendreck auf einem frisch gewienerten Fenster, übertrugen Krankheiten und fraßen eventuell Menschen.
Dieser Ratte aber eignete über alle anderen Ratteneigenschaften hinaus die Unverfrorenheit, ihn aus ihren Knopfaugen pikiert anzustarren. Guten Tag, sagte sie höflich, ich bin Herr S.
Herr J. glotzte zurück, die Kinnlade so weit geöffnet, dass ein Vogel bequem Platz für sein Nest gefunden hätte.
Er fragte Herrn S., wie er das meine, und Herr S. antwortete, so, wie er es gesagt habe.
Herr J. beteuerte daraufhin erneut seine Unschuld, weil er Herrn S. für einen Richter oder Henker hielt, aber Herr S. sagte, er sei keines von beidem, das sei gar nicht nötig, das werde Herr J. schon noch verstehen.
Darauf wusste Herr J. nichts mehr zu sagen.
Nach einer Weile wollte Herr J. wissen, wie Herr S. hereingekommen sei, und Herr S. antwortete, er sei die ganze Zeit dagewesen, in einem kleinen Mauerloch, das Herr J. übersehen habe, er sei schon ewig hier eingesperrt, sein ganzes Leben, und er hätte lange keinen Zellengenossen mehr gehabt und auch keine Speise, nun aber sei endlich wieder jemand gekommen, er habe aber erst noch sehen wollen, was für ein Mensch dieser wäre, und da er Herrn J. bald für ungefährlich erkannte, habe er sich jetzt offenbart.
Hiernach schwiegen sie wieder. Der Hunger war schuld. Herr J. wollte wissen, ob Herr S. vorhabe, ihn zu verspeisen, und Herr S. antwortete, wenn Herr J. verspreche, ihn nicht zu verspeisen, dann werde auch er versprechen, Herrn J. nicht zu verspeisen.
Herr J. versprach’s und Herr S. auch und beide freuten sich. Der Hunger war etwas, das sie nicht mehr zu Gegnern, sondern Kollegen machte.
So gerieten sie bald in ein einigermaßen tiefgründiges Frage-und-Antwort-Spiel über Lähmung und Zweifel. Herr S. entpuppte sich als Autodidakt für die bittere Konsequenz des Laufs der Dinge – kein Wunder, hier in der Zelle.
Irgendwann war alle Erkenntnis ausgetauscht, hatte jeder vor dem anderen sein Lebensleid ausgeschüttet, und sie fühlten sich wie alte Bekannte. Sie freuten sich an ihren Gemeinsamkeiten und lernten an ihren Unterschieden. Ihr Zellenschicksal befreundete sie: Herrn S.’ Neugier auf die Welt jenseits des Oberlichts und Herrn J.’s Kenntnis davon; ihrer beider Unkenntnis von dem Grund ihrer Haft, und irgendwann versprachen sie sich, es gemeinsam durchzustehen, Ratte und Mensch: Geteiltes Leid ist halbes Leid. So ging die Zeit dahin, ohne dass ihnen der Hunger etwas anhaben konnte, denn sie bemerkten ihn nicht.
Als keiner von beiden mehr reden konnte, nach einer Partie Knochenmikado, kuschelten sie sich aneinander, der ein’ dem ander’n Wärme spendend, und schliefen den ruhigen Schlaf der Gerechten.

Sie erwachten, und es war Morgen. Und mit ihm war der Hunger zurück. Kein gewöhnlicher Hunger. Richtiger Hunger.
Ihre Blicke trafen sich. Und darin lag Einvernehmen darüber, unbedingt Kollegen bleiben zu wollen. So verging der Tag im Gespräch über Argwohn und Hader, bis der nächste Morgen kam, und mit ihm wieder der Hunger. Es war nun kein richtiger Hunger mehr, es war großer Hunger.
Wieder trafen sich die Blicke und darin lag immer noch Einvernehmen darüber, den Anstand zu wahren. So verging im Gespräch über Verrat und Beschwerde auch dieser Tag, bis der nächste Morgen kam, und mit ihm wieder der Hunger, der nun ein wirklich großer Hunger war.
Herr S. kam aus seinem Loch, und Herr J. fragte ihn, was sie denn tun könnten, bald würde der Hunger sie zu Tieren machen und vielleicht könnten sie ihr Versprechen nicht mehr halten, da gebe es doch dieses Wort vom Herrn B., erst kommt das Fressen, dann undsoweiter … und Herr S. antwortete, er habe gewartet, dass es Herrn J. von selbst einfalle, aber da das nicht geschehen sei, werde er es ihm nun sagen: Herr J. wäre gewiss Speise für ihn wie Herr S. für Herrn J., einer könnte des ander’n Verköstigung sichern, was das Problem der Haft aber nicht löse, also bleibe nur eines: Herr J. müsse ihn hochheben von hier unten, bis hinauf an das Licht, und er könne durch die Gitterstäbe hinaus und wäre aus der Gefangenschaft in die Freiheit entlassen. Dort könne er einen Plan schmieden und Hilfe holen, um Herrn J. zu befreien oder zur Flucht zu verhelfen, denn freilassen werde man sie sicherlich nicht.
Das sei eine schlechte Idee, meinte Herr J. Er habe ja keinerlei Garantie: Sicher komme, einmal in Freiheit, Herrn S. Rattennatur wieder hervor. Oder das alles sei überhaupt nur ein Trick, um J., den dummen Herrn J., zu hintergehen, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste undsoweiter. Herr S. sagte, aber sie seien doch Kollegen, außerdem sei Herr J. eine viel bessere Kost, könne ihn viel länger ernähren als er den Herrn J., deshalb habe er es nicht nötig, frei zu sein angesichts dieses Fleischparadieses, das nie versiege, weil Herr J. sicher nicht der letzte Zellengenosse bleibe.
Herr J. antwortete, Herr S. habe doch jeden für schuldig erklärt, folglich werde er ihn draußen sofort vergessen, und Herr S. antwortete, er habe aber keine andere Wahl, es wäre Herrn J.’s letzte Hoffnung, und wenn er es nicht versuche, werde er auf jeden Fall sterben und Herr S. ihn verspeisen und ausharren bis zum nächsten Genossen, eingesperrt, aber lebendig.
Herr J., dieses alte Rädchen, konnte nicht fliehen, soetwas kannte er nicht, und wohin auch: das Getriebe war überall, man war in ihm, ein Teil von ihm. Herr J. wollte lieber freigesprochen werden.
Er sagte Herrn S., er werde noch einmal darüber schlafen, das brauche Planung, er werde sich morgen entscheiden. Herrn S.’ Knopfaugen schauten bitter und so schwiegen sie den restlichen Tag.
Nachts besiegelte Herr J. sein Schicksal, indem er Herrn S.’ Schicksal besiegelte. Herr S. war klug, so klug, dass sich Herr J. dumm vorkam, so dumm – dass er es nicht war, würde er jetzt beweisen:
Herr S. schlief an der Seite des Kollegen, in dem traumhaften Wissen, dass die Zelle ein Schirlingsbecher sei, den man nicht freiwillig trank, und J. vollstreckte sein Urteil, war Richter und Henker:Er bekannte sich schuldig, erschlug S. mit einem der Knochen und fraß ihn.

Am nächsten Morgen ließ man ihn frei, nicht ohne um Nachsicht zu bitten. J. sei das Opfer einer Verwechslung geworden. Tatsächlich gelte die Verhaftung Herrn K.

Na, wie gefällt dir das?

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