jul-aug.doc (12)

Man kam von einem Einkauf zur Brücke zurück – und die Alten hatten die Aufmerksamkeit eines pausierenden Nadelstreifenanzuges gewonnen. Er stand auf von der Bank und ging zu ihnen hinüber, den Ergüssen zu lauschen. Zurück blieb seine Tasche.
Man zögerte nicht, griff aus dem Gebüsch heraus nach der Beute und schlich sich davon.
Später teilte man das Gut unter den Freunden. Sie bekamen Schreibblock, Brote und Geld, man selbst das elektronische Notizbuch. Die Chance nutzen, fand ich – wenigstens noch das Erlebte bis hierher verschriftlichen und danach endgültig Schluss machen mit dem Projekt.
› Ob man dafür Verwendung habe, hielt einem Alkunin, als man so auf der Bank über dem Abschluss brütete, eine kleine Festplatte unter die Nase. › Die hätte man ihnen in der Villa zukommen lassen, um sie nach Hinweisenzur Runenrolle zu durchsuchen. Sie hätten sie verbrennen wollen, dann, auf ihrer Flucht, aber entschieden, sie lieber als Pfand zu behalten. Nun aber sei wirklich Zeit, dieses Kapitel zu beenden: Sie ganz zu vernichten – oder halt neu zu formatieren und weiterzunutzen.
› Was denn darauf gespeichert sei.
Alkunin. › Allerhand komisches Geschreibsel eines gewissen Roland aus Bayreuth. Keine Ahnung, was daran bedeutsam sein soll.

Es war kein Entkommen, man war wieder im Spiel. Die Geschichte ließ einen nicht los. Jetzt aber wenigstens die andere Kopfnuss noch knacken: Wer waren die Akademiker wirklich?
Die Lösung, nachdem man zunächst in den Londoner Antiquariaten Zeitschriften mit historischen Portraitaufnahmen hatte mitgehen lassen, brachte ein Besuch beim Barbier.
Alle. › Weia, weia, dreimal weia! Das ist gemein – muss das wirklich sein?
› Wächst sowieso alles wieder nach …
Man lies ihnen unter viel Jaulen und Sträuben die Haare stutzen und Bärte abnehmen. Und in der Tat kamen zum Vorschein, die Ähnlichkeiten von den Fotografien bestätigt: die Gesichter von Döblin und Brecht, Lubitsch und Lang, Schönberg und Weill.
Jene Kriegsexilanten, die sich auf Lion Feuchtwangers Residenz im spanischen Stil, der Villa Aurora in der Berliner Partnerstadt Los Angeles getroffen hatten. Auch sie jetzt kopiert. Instrumente Frankonias, das nichts weiter war, als eines der vielen Gesichter von Nifl und Muspel. Das war es, was die Zwillinge verschwiegen hatten, der wahre Grund ihrer Flucht.
Die Villa in Pacific Palisades existiert noch – kein Problem also, dort DNA-Reste zu finden. Von 1940 bis 47 waren auf den Hügeln zwischen Santa Monica und Beverly Hills vermutlich mehr deutsche und österreichische Schriftsteller, Komponisten, Philosophen, Regisseure und andere Künstler von Rang zusammengekommen, als irgendwo sonst auf der Welt: außer den Genannten noch Eisler, Klemperer, Lubitsch, die Gebrüder Mann, Marcuse … Die Liste derjenigen, die in der Nähe Hollywoods nach einem Broterwerb suchten, ließe sich mühelos verlängern.
»Gemessen an dem Zustand der übrigen Welt lebt man hier wahrscheinlich besonders friedlich und wohl auch üppig.« Die Einschätzung Feuchtwangers vermutlich teilend, bewohnte seine Frau Marta die Villa bis zu ihrem Tod 87. Natürlich hatte man recherchiert und herausgefunden: Weil die südkalifornische Universität, als Erbin des Anwesens und der dreißigtausend Bände umfassenden Privatbibliothek, sich außerstande sah, den Unterhalt des vom Hangabrutsch bedrohten Hauses zu sichern, hatte eine Berliner Privatinitiative mit Geldern des Senats die Instandsetzung als internationale Künstlerbegegnungsstätte übernommen: Agenten des Feindes, treffe mich der Schlag.
Tränennass klammerten die Akademiker sich an die photographischen Reproduktionen ihrer genetischen Brüderväter, den einzigen Belegen ihrer Herkunft. Was die zweite Villa wäre und wo sie sich befände, dazu waren sie leider selbst ohne Ahnung. Ihr Gedächtnis hatte nie richtig zu funktionieren gelernt: das Menschenkopieren noch fehlerbehaftet?
Mit der Suche nach der Rolle der Runen übrigens waren sie nicht weiter als ich. Sie hatten ihre Herren auf falsche Fährten gesetzt. In der Tat aber habe die Rolle vermutlich jahrelang in den Archiven des Freimaurer-Museums gelegen, direkt unter aller Nasen und Augen. Erst mit dem Bestandsverlust im Gefolge des Krieges sei man dank den Resten einer wiederaufgetauchten historischen Inventarliste auf die – nun aber fehlende – Rolle gestoßen. Der definitive Beweis jedoch müsse erst noch erbracht werden.
Der Verband Deutscher Industrie hingegen hatte wohl auf das falsche Pferd gesetzt, als er Hitler die Wagnerschen Manuskripte weiterschenkte. Der jedenfalls ließ ganz Europa nach der Schriftrolle durchkämmen.
Ein weiteres Puzzleteil eingesetzt, die Schriftrolle aber noch immer verschwunden … Und wie sollte meine Literatenstafette neben der Identität jenes Textes auch seinen heutigen Aufenthaltsort offenbaren?

Theowulf-Bertold hatte den Glücksschock über seine Identität nicht überlebt. Aus Mangel an Möglichkeiten arrangierten wir im Hyde-Park seine willfährigen Glieder auf einer Parkbank. Sicher würde ihn dort bald jemand finden und sich kümmern. Die anderen überlegten derweil, was sie mit ihrem kurzen Restleben anfangen könnten.
Man konnte Abhilfe schaffen: zog mit der Truppe durch den Bücherhandel und die Musikläden an der Charing Cross Road und führte sie ein in ihr eigenes Werk.
Zum Dank deutete Alkunin-Arnold in einem deutschen Antiquariat auf zwei kleine Bändchen: Christoph Martin Wieland: Oberon und Jacob Böhme: Aurora, das ist: Morgenröte im Aufgang.
› Die sollte man vielleicht als Nächstes befragen.

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75.025
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1,61803398…

Schon einmal versucht, sich mit der Fibonacci-Reihe oder den Nachkommastellen des Goldenen Schnitts in den Schlaf zu zählen?

Abschied. Sie hatten für den Billigflug zusammengelegt und einem das Ticket besorgt – die Rührung war groß.
Alle. › Vorsicht, Vorsicht! Dreimal Vorsicht! Nun sei es soweit, es käme nun die Zeit!
Man ließ sich für die Konfrontation mit der Gefahr im Gegenzug noch viele Großes von ihnen versprechen.