jan-apr.doc (9)

Die Hauptstadt roch wie immer nach der Scheiße von tausend Katzen, als er aus den Tiefen des Bahnhofs Alexanderplatz ans Tageslicht stieg. Er kam gerade vom Finanzamt und war auf dem Weg zum Rathaus Mitte, um seinen Gewerbeschein abzuholen und seinen Förderantrag abzugeben, als er bemerkte, dass jemand ihm nachstellte.
Er schlug einen Haken zurück in den Untergrund, als hätte er etwas vergessen, kaufte eine Morgenpost, versuchte im Strom der von U- auf S-Bahn umsteigenden Massen unterzutauchen, wählte Nebenwege und Abkürzungen, es änderte nichts: Jemand wandelte in seinem Schatten. Ihm versagte der Mut, sich umzudrehen, dem Unbekannten eine Falle zu stellen, um in sein Gesicht sehen zu können. Immerhin war er nun neugierig genug, dem Verfolger nicht mehr zu erschweren, auf der Spur zu bleiben.
Gelegentlich schien es, als sei der Mann bereit zum Zugriff: wenn Roland den Schritt verlangsamte und Zeichen gab, stehenzubleiben. Aber bevor es zur Konfrontation kam, war Roland bereits hinter die Glastür eines Geschäftes geschlüpft, als kaufe er etwas.
Erst jetzt wurde ihm dieses Geborgenheits-Gefühl bewusst, mit dem einen die Läden empfingen, sobald man sie betrat: die warme Lichtinszenierung; die Düfte der Bekleidungen Plastikmedien Zeitschriften, die von einem wohltemperierten und etwas feucht gehaltenen Klima in die Nase gefächert werden; das sanfte Säuseln von Schlagern wie zu einem Säugling; die freundlichen Gesichter, die einem zunicken, als sei man ein naher Bekannter; die akkurate und stets gleich organisierte Anordnung der Waren … die Tröstung lag im Wiedererkennen eines – wenn auch inszenierten – Zuhauses. Jedoch, er konnte sich nicht ewig in Mutters Höhle verstecken.
Wieder an der Oberfläche, den Alex hinter sich lassend, an der Imbiss-Oase in der Karl-Marx-Allee, ließ er den Anderen herankommen. Hier musste das Versteckspiel enden, denn gleich hinter dem Rathaus und dem International lag seine Wohnung.
Ein fahrig wirkender Kerl seines Alters. Er erkannte ihn nicht gleich, weil er anders aussah, als er ihn in Erinnerung hatte: abgemagert, haarfettig, augenringig.
› Hey, Iobst.
Es war Marwin Heggert, ein Freund Olivers, der in Bayreuth studiert hatte und sich im Journalismus versuchte. Eine der jungen und doch bereits angegrauten Eminenzen bei den Silvesterfeierlichkeiten auf Olivers Hof. Er und Heggert hatten dort häufig in nimmermüden Fachwissenduellen ihre Pfauenräder geschlagen.
› Mensch Heggert, eröffnete Roland, › noch immer der jungen Hauptstadt erlegen?
› Er sei auf Re—cherche.
Heggert besaß die Angewohnheit, schneller zu reden als zu Denken, sodass er entweder seinen eigenen Faden verlor oder mitten im Satz Luft holen musste.
› Proust, he?! Wären sie doch alle. Er sehe übrigens beschissen aus.
Roland konnte es nicht leiden, wenn jemand ohne Vorwarnung in sein Revier eindrang. So jemanden wurde man am schnellsten mit Ehrlichkeit wieder los. Heggert der Idiot nahm es als Scherz.
› ’Ne Magengeschichte. Er freue sich schon auf die Spiegelung. Fühle sich angeblich an wie Frucht—wasserschwimmen. Ein Bekannter habe einmal behauptet, wer mit 35 nicht ein Geschwür vor—weisen könne, werde im Leben nicht mehr weit kommen. Betriebswissenschaftler eben. Arbeite heute bei seinem — Vater in der Werkstatt. Und er, Roland? Einmal Urlaub nötig, was! Raus aus Germanien – nach Südfrankreich? Er empfehle Cap d’Agde bei Narbonne. Paradies für FKK und — mehr. Sich mal ordentlich die Wurst braten lassen. Billiger als Mallorca. Hey, apropos: Roland habe sicher Hunger. Er lade ihn ein. Auf ein paar Wiener?
› Lieber Curry. Was Bayreuth so mache.
Worauf wollte Heggert hinaus?
› Genau wie unser Kanzler! Bayreuth? Nicht viel. Er habe von der Ge—schichte mit der Oleg gehört. Partydauerbrenner gewissermaßen.
Zurückhaltung üben. Nicht aus der Deckung kommen.
› Aber hey: Die habe sich nachher ganz schön unbeliebt gemacht, Roland richtig eins reinwürgen wollen. Sei allen auf die Nerven gegangen damit. Sei aber nach hinten losgegangen. Er habe ja auch mal was von der gewollt, sich aber gleich einen Korb eingefangen. Zu wenig Lebens—erfahrung, habe sie ihm gesagt. Ziemliches Biest. Die werde es noch weit bringen, das stehe fest.
› Was genau er recherchiere.
Warum immer alle so gut über Carola Bescheid zu wissen glaubten? Letztes Manöver beim Schiffe Versenken, wenn man selbst heftige Treffer eingesteckt hat: Den Gegner in ein Gespräch verwickeln, bei dem er unabsichtlich etwas über den Standort seiner Flotte verrät.
› Weil sie gerade von Bayreuth sprächen: Roland habe doch eine Zeit für die Feuilletons geschrieben. Er sei ja in den Genuss des Meininger Rings gekommen. Die Premiere, vier Abende hintereinander, sechzehn Stunden zusammen. Das erste Mal seit der Uraufführung Wagner pur! Das Orchester zwar un—terbesetzt und bei den Einsätzen gelegentlich die Gefolgschaft verweigernd, aber lyrisch schlank. Der Dirigent – erst achtundzwanzigjähriger Novize, man stelle sich vor! – habe Mal so richtig den Pomp im — Blech dröhnen lassen, indes falsche Feierlichkeiten abgespeckt. Sogar den Text habe man ein bisschen verstanden: fast alle Sänger noch schlankes Frischfleisch mit sauberer Diktion. Und die Regie—einfälle! Die Rheintöchter seien in deutscher Trikolore erschienen und auf einem schwarz-rot-goldenen Laken habe sich auch Mutter Erda geräkelt und später Siegmund und Sieglinde nach dem Inzest. Fawsolt und Fafner hätten die Schädel von Wagner und Ludwig II. Getragen; die Walküren — dreißig Kerle kopfüber an Fleischerhaken aufgehängt; Hagens Gesellen Fußball gespielt. Und als Hintergrund für Rheingold in der Tat: ein Nachbau der weißen Barrikade, auf der Wagner 1848 seine aufständische Gesinnung demonstriert habe. Hey, aber das Beste – der Wurm habe sein Maul aufreißen und vor Festspielhauspappkulisse ausspeien können: Winifred Wagner, Heß, Göring, Goeb—bels, Kohl und Schreiber. Und das drei Monate vor den Bayreuthern, die immer noch um die Leitung ver—handelten, die der alte Wagner nicht abgeben wolle; alles in diesem Jahr der Jubiläen: 25 Jahre Richard-Wagner-Museum, 50 Jahre Neu—es Bayreuth, 125 Jahre Bayreuther Festspiele … Hey, der Ring werde bis Juli dreimal wiederholt, und die Karte koste auch nur hundert—achtundzwanzig Mark.
Clever, der Kerl. Wich in weitem Bogen aus und zog eine Mauer aus Feuilletonpalaver hoch. Blieb nur noch die blinde Attacke.
› Heggert. Er wisse, weshalb er gekommen sei: wegen des ungeklärten Todes seines Schwiegervaters. Ja, Roland habe einige Artikel für ihn verfasst, wenn gerade wieder etwas Historisches in der Öffentlichkeit hochgekocht sei, auch über dreivier Theaterabende. Sei aber nicht dabei gewesen, damals, in den Schweizer Alpen. Roland habe sich ja bei den Kollegen unbeliebt gemacht, wegen seiner vielen Aufträge und sozialpessimistischen Haltung. Der Kontakt sei schon davor abgebrochen, der Druck nicht mehr auszuhalten gewesen. Da habe sich jemand ein Nachtreten nicht nehmen lassen. Wer nun Sandroz’ Bergsteigerausrüstung so gefährlich manipuliert habe? Roland habe einen Verdacht: Es habe da eine Frau –

[Ich kann verraten, dass der angerissene Handlungszweig um Rolands Arbeit im Sandroz-Verlag, womit er sich nach dem Studium eine Zeit über Wasser gehalten hatte, im Fortgang der Geschichte keine Rolle mehr spielen wird. Man darf Rolands Ausführungen hierzu glauben. Ich kannte Heggert und seine Neigungen und habe keine Veranlassung an den mir bekannten Hintergründen seines Ablebens zu zweifeln. Es interessiert hier nicht weiter Heggerts Geschichte, sondern die Frage, welche Rolle ihre Begegnung in Rolands Geschichte spielt.]

Roland lehnte am Imbiss und blickte mit verkniffenem Gesicht in den wolkenverhangenen Himmel, die Pappschachtel mit gestückelter aber unberührter Currywurst in der Hand, darüber Ketchup gelaufen; um ihn herum das nichtssagende Treiben. Die Menschen pulsten kleinen Blutkörperchen gleich in den Adern der Stadt, ohne dass ein Aussetzen ihres Herzschlags zu erkennen war.
Heggert. War er das gewesen? Heggert der Spinner? Der war doch angeblich beim Erklimmen des Montblanc ums Leben gekommen. Wie sein Schwiegervater an einem anderen Berg einige Jahre zuvor.
Heggert galt als verschollen. Seit fast einem Jahr.

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