jan-apr.doc (4)

Jeder andere wäre unter Vorwand sofort abgereist, um in den eigenen vier Wänden Tröstung zu suchen. Roland zog es vor, bei den Eltern zu überwintern. Eigentlich war es komplizierter: Er konnte sich nicht zwischen Bleiben und Verschwinden entscheiden. Also blieb er.

Oliver Gebhard
[Name geändert]

Oliver Gebhard, der wie er aus Niederschißritz stammte und mit ihm die Schulbank gedrückt hatte, wo sein Rufname Hardi gewesen war, wollte wissen, was vorgefallen sei.
Roland erzählte es ihm und Oliver – zu klug, um die falschen richtigen Worte zu sagen, oder aus einem anderen Grund? – nickte nur und klopfte ihm auf die Schultern. Oliver, der gute Oliver, der noch in der neunten Klasse der größte Geschichtslegastheniker und Nachrichtennichtgucker gewesen war, den er kannte, ausgerechnet er hatte nach dem Abitur ein Stipendium für London erhalten und dort überaus erfolgreich Politikwissenschaften studiert, war mittlerweile als Großbritannienexperte im deutschen Außenministerium tätig und Erbe des urgroßmütterlichen Hofs. Und klopfte Roland jetzt auf die Schulter.
› Er müsse sich leider wieder verabschieden. Sähe so aus, als ob das House Of Lords bald das Therapeutische Klonen erlaube. Das könne hierzulande Diskussionen auslösen, Kontrollverluste über die öffentliche Meinung usw. Deshalb habe man ihn zurückgepfiffen. Sie würden ihr Gespräch in die Hauptstadt verlegen müssen, bis dann.
Und schon war er weg, der Schulterklopfer. Der Fall war klar: Oliver, sein bester Freund, er hatte Roland an Carola verpfiffen.

Wettervorhersage: Abendnebel und von Westen kommende Cirrustrati deuteten einen Temperaturanstieg an. Wirklich war der Silvesterschnee bald wieder angetaut und hatte tropfende Zweige und braunen Matsch hinterlassen. Richtige Winter gab es nicht mehr, also sah Roland dem Frühling entgegen. Wenigstens bis zum Bayreuther Fasching wollte er bleiben. Sollte keiner sagen, er besäße keinen Humor. Während aus den umliegenden Höfen die ersten BSE-verseuchten Rinder zur Notschlachtung abtransportiert wurden und auf den Straßen einige Bauern protestieren gingen, verbrachte er die Tage damit, an die Decke zu starren und dabei zuzusehen, wie sich in den Strahlen der Korblampe funkelnder Staub auf sein Gesicht herabsenken wollte und doch von seinem Atem zurück in die Höhe geschleudert wurde, um sich dort zu zerwirbeln. Sein Pneuma konnte verhindern, dass sich etwas so Kleines und Allgegenwärtiges auf seiner Haut niederließ! Das induzierte Erhabenheit in die Brust und bog das Rückgrat durch.
(Schlag nach bei Shakespare I: »Dringlichste Frage aber, / Ich bring zuletzt sie vor, ist – O Du Wunder – / Bist du ein Mädchen oder nicht? / Kein Wunder, Herr, / Doch sicherlich ein Mädchen.«)
Manchmal gelang es, dass ein Staubteilchen bis an die Decke des Zimmers geschleudert wurde und dort haften blieb. Die Regel aber bildete das Beschreiben einer Sinuskurve, die aus dem Einflussbereich der Windkräfte hinausführte und in chaotischen Trudel überging, mit dem der Fall Richtung Erde eingeschlagen wurde. Wenigstens die Physik war verlässlich. Statistisch gesehen.

Auf dem Fensterbrettchen in der PVC-Küche entdeckte er eine Fliege, die rücklings im Sterben lag. Wild ruderte sie mit den Flügeln und robbte dergestalt millimeterweise den Marmor entlang: Ein Morsecode, mit dem sie um den Gnadentod bat. Dann Ende der Übertragung.
› Hallo, sagte er zu der Fliege. › Wie sie denn heiße: Johnny got his gun? Ob Johnny Beistand benötige in seinem letzten Kampf heute Nacht? Was er glaube, wie viele Zentimeter er sich mit seinen Zuckungen bis zum finalen Seufzer noch erarbeiten könne?
Die Fliege erwiderte nichts.
› Sei es bald soweit – nicht einmal Zuckungen mehr? Nur immer heraus mit der Beichte, bevor das Fliegenfegefeuer herannahe.
Roland beugte sich herab und hielt sein Ohr so nahe, dass es ganz dunkel um die Fliege herum wurde.
Versteh das nicht falsch, Arni: Roland wollte nicht etwa hässliche Neigungen ausleben, indem er dem Tier eine rasche Beendigung seiner Qualen verwehrte. Es war auch nicht so, dass er keiner Fliege etwas zuleide hätte tun können. Wobei das noch die Frage war – ob sie überhaupt Schmerz empfand. Er fand sich nur nicht befugt, dem armen Ding seine ohnehin kurze Lebenspanne zusätzlich zu verknappen. Weil er kürzlich im Netz gelesen hatte, dass ihn von dem Insekt so viel gar nicht trennte: die dreifache Zahl Erbeinheiten nur, wenige Hundert mehr als von der Maus, der schmale Grat zwischen Kafka und Käfer.
Er half Johnny auf und stellte ihn auf seine dünnen Beinchen. Der humpelte noch einzwei Millimeter, bis ihn sein Fliegengewicht wieder zu Boden warf, nicht ohne dabei wieder auf dem Rücken zu landen. Ein Fallhinfliegchen. Um 4:23 Uhr Mitteleuropäischer Zeit konstatierte er den Gehirntod und vollzog, Johnnys Letztem Willen gemäß, die Wasserbestattung in der Toilette.

Während er weiter versuchte, an etwas Bestimmtes nicht zu denken, kam er auf die Idee, mit seinem Namen anagrammatische Spiele zu treiben, Assoziationen und Neologismen daraus zu zaubern.

[Da auch der Name Roland Iobst von mir gefälscht wurde, kann der folgende Abschnitt nur sinngemäß wiedergegeben werden:]

Obst, Ob, St! Oder bei Obi, TS-Boi (Telefonsex?), BS-Toi (bizarrer Sex?), Ronald, Donald, Nothalt, Land, And, Or, Not, L.A. Nord, Ola(la)!, Ro(h), Rand, Rost, Bar, Dorn, Last, Rast, Star, Band, Roi, Sol, Narb, Landobst, Obstler, Roland’s Iob DT (Deutsches Theater?), Roland’s TB Iod (Tuberkulose?) …
Eine Auswahl weiterer Gedankenspiele: Was sich leichter lese, das mit frischer Druckerschwärze parfümierte Buch oder das mit der herben Blume von Antiquariatsmoder? Ob jeder, der im Zug neben einem Bullizisten saß, sein Leben nach unentdeckten Verbrechen durchkämmte? Wie sich die heute Dreißigjährigen ohne Was-Ist-Was, Yps und Peter Mossleitners Interessantes Magazin entwickelt hätten? Ob diejenigen, die zur Zeit der Tschernobylwolke das elterliche Verbot missachtet: trotz der Hitze draußen gespielt und ihre kurzen Hosen mit Sunkist-Limonade nassgespritzt hatten, Folgeschäden davongetragen hätten?
Nein. Wie und warum Roland zum Neinsager wurde, das werden wir hier nicht exemplifizieren. Mache sich ein jeder seine eigene Gedanken, nicht wahr, Arni?

Seine Eltern hatten 1986 in ihrer Panik erst die Gemüsebeete und den Komposthaufen, nachher den ganzen Vorgarten einen viertel Meter hoch abtragen lassen. Die herbstlichen Fichtelgebirgsausflüge zum Kiefernzapfen- und Pilzesammeln waren der täglichen Geigerzählerkontrolle der Wohnungseinrichtung gewichen; das Gerät, eine Kreuzung zwischen einem Erbstück aus dem letzten Krieg und dem Entwurf einer Raumschiff-Enterprise-Requisite, zum heiligen Götzen der letzten Tage geworden. Der Vater hatte es auf dem Flohmarkt erstanden, wo sich allerhand Tand ähnlichen Designs zu tummeln pflegte.
Selten war so eine Aufregung im Hause Iobst. Der plötzliche Aktionismus seiner Eltern war Roland willkommene Bereicherung des Niederschißritzer Alltags, wenn auch er dafür die Unter-Quarantäne-Stellung zahlreicher Jugendfreuden auf sich nehmen musste. Solange seine aus den Beständen der beiden Antiquariate neben der Stadtkirche und dem Alten Schloss zusammengemopste Büchersammlung unangetastet blieb, fiel es ihm leicht: nicht nur die Schimmelpilzsammlung zu opfern, sondern sich auf Drängen der Mutter beim Urologen der fortbestehenden Zeugungsfähigkeit zu versichern und das Haus nur für das Lebensnotwendigste zu verlassen.
Er war fast volljährig – das Lebensnotwendigste war ein weit auslegbarer Begriff.
(Schlag nach bei Shakespare II: »Sie sind Zentauren von der Hüfte abwärts, / Wenn auch noch weiblich oberhalb. / Nur bis zum Gürtel wohnen mehr die Götter. / Darunter herrscht der Teufel: Hölle, Dunkelheit, / Dort ist der Schwefelpfuhl, Verbrühn, Vebrennen, / Gestank, Verwesung! Pfui, pfui, pfui! Bah! Bah!«)
Er hätte sich gewünscht, dass alles noch ein bisschen mehr aus der Bahn geriet, dass es zu Hause so aussehen würde wie am Schluss von E.T.: alles mit Plastik verhängt und voller Männer mit Atemmasken und in weißen Schutzanzügen. Bald aber glaubten die Eltern, alles in ihrer Macht Stehende unternommen zu haben und die Dinge gingen wieder ihren Schlurfgang.

Vater lag im Krankenhaus. Chronisch lymphatische Leukämie im C-Stadium. Der Krebs konstruierte wild am Zellbestand herum wie ein übereifriger Altbausanierer: riss ab, verstreute, bildete Nester, kombinierte neu. Ohne zu berücksichtigen, dass er damit zugleich die Substanz ruinierte. Vielleicht war Roland deshalb geblieben. Die Mutter jedenfalls wich Vater nur von der Seite, wenn die Stationsschwester den Chefarzt zur Hilfe rief.

Erwin und Elke Iobst
[Namen geändert]

Erwin und Elke Iobst besaßen nicht nur außergewöhnlich gewöhnliche Vornamen. Sie agierten auch › Niemals unüberlegt!, wie die Mutter sagen würde, und waren › Mit wenig zufrieden!, wie der Vater sagen würde. Robust und widerständig gegen so ziemlich alles. Vom Aussterben bedrohte Stammwähler in Telesocken, mit denen er ziemlich gut auskam, da sie ihn – außer in Gesundheitsfragen – bei fast allem gewähren ließen, was sie nicht verstanden oder sowieso nicht ändern konnten. Die Ausnahme der physikalischen Regel waren sie, voneinander angezogen nicht aufgrund ihrer Gegensätze, sondern einer Neigung, die durch das Aufeinanderprallen des Identischen sich dem Sohn gleich doppelt vererbt hatte: Sie waren bereits über vierzig, als sich ihr Zeugungsverhalten unter dem Druck der sexuellen Revolution überall um sie herum endlich dazu durchringen konnte, für Nachwuchs zu sorgen.
Als Revanche für Rolands späten Weltbühnenauftritt raubte ihnen der Zeitgeist die letzte Autorität: Der lange Gewaltmarsch der ’80er und ’90er ins Digitale ließ sie als abgehängte Computeranalphabeten zurück.
So gab es keinerlei Vorwürfe, dass er nur gelegentlich den Vater besuchen kam, mit dem es offensichtlich zu Ende ging. Nicht weil er ihm nicht beistehen wollte, sondern weil er fürchtete, sich von seinem Siechtum endgültig aus dem Konzept bringen zu lassen. Jede Wahl führte irgendwann ins Grab, also wozu sich überhaupt entscheiden?
(Schlag nach bei Shakespare III: Yea, von der Erinnerung Tafel werd ich / All die trivialen, dummen Zeichen löschen, / Alles an Bücherwissen, Formen, Bildern, / Die Jugend und Beobachtung dort eintrug. / und einzig deine Instruktion soll herrschen / Innerhalb von Buch und Einband meines Hirns, / Mit Niedrigerem unvermischt. Ja, Ja, beim Himmel. / O du verderblich Weib!)
Das war alle Tragik, die Roland bisher hatte aushalten müssen, tut mir leid. Er war nicht vernachlässigt geprügelt wenigstens zu öden Sommerjobs gezwungen worden, hatte sich eigentlich nicht wirklich durchschlagen müssen im Leben, besaß also keine Erfahrungen, von denen er kompromisslos erzählen könnte, aus denen er Radikalität schöpfen könnte: Er pendelte nur immer weiter hin und her zischen Gar-nicht-erst-Anfangen und schnellem Beenden.
Arni, du hast doch auch schon einmal den Selbstmord phantasiert, neunhundert dauerhafte Diskussionsteilnehmer auf www.werthersfreitodforum.de sehen das ähnlich – gebt wenigstens Gedankenfreiheit!
Roland war sowieso der Letzte, der diesen schwersten aller Schritte auch zu tun wagen würde.

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