jan-apr.doc (15)

Stimmen springen umher, der Puls wird einem gefühlt, man wird auf die Seite gerollt, der Kopf auf eine Jacke gebettet. Die Augen offen, die ganze Zeit. Aber erst langsam schälen sich aus der Verschwommenheit: Straße Autos Füße aus der Froschperspektive. Die Menschen, die zu der Schar Füße gehören, reden auf einen und noch jemand anderen ein. Ein Mobiltelefon fällt und wird aufgehoben. Jemand brüllt, Polizei und Krankenwagen müssten verständigt werden, soviel reimt man sich zusammen. Kann man aufstehen? Käme auf den Versuch an. Tut weh. Langsam! Es wird einem nahegelegt, liegen zu bleiben. Man wehrt ab, also wird einem aufgeholfen. Wieder an der Höhenluft, überrennt einen sogleich eine Elefantenmigräne; beinahe wäre man erneut auf dem Boden gelandet. Man wird gestützt. Somit hat man sich bald wieder unter Kontrolle und stellt mit Erleichterung fest: den Kotflügel ziert zwar ein Striemen Schuhsolenabrieb, der Peugeot hat aber keinen weiteren Schaden erlitten. Dem Mann mit dem Mobiltelefon, der gerade im Begriff ist, es zu benutzen, gibt man Handzeichen, es zu lassen.
› Mea culpa, mea culpa, brabbelt man vor sich hin, schüttelt dem Fahrer die Hand und überreicht ihm eine Visitenkarte von Past&PR – Archivmanagement, Geschichts-Marketing, Eventrecherche.
Alle registrieren erstaunt, wie man seinen Körper nach Kratzern und Wunden abtastet, bei der Berührung von Hüfte und Schulter Luft durch die Zähne zieht, beide Stellen immer energischer abklopft, das maximale Ausmaß der Schmerzen erforschend, auf Deutsch etwas von einer leichten Prellung murmelt und, Hinterkopf und Schläfen mit beiden Händen massierend, davonschlurft.

Im Hotel lies man sich einfach ins Bett fallen – und verließ es erst zum Abendlicht wieder. Man hatte den Tag in einem schaukelnden Dämmerzustand verbracht, das Schreien der Glieder im Fichtelölbad niedergehalten. So konnte man wenigstens seine Gedanken sortieren.
Das Auto hatte einen seitlich gerammt und anschließend war man, nach einer Rutschpartie über die Frontscheibe, mit Kopf und Schulter auf dem Pflaster aufgeschlagen. Unter blauen Flecken zwei Prellungen einer Beule am Hinterkopf war man halbwegs bei Sinnen.

Man hatte nicht schlafen können, aber hatte dennoch geträumt. Und in dem Traum eine Entscheidung gefällt: Heute Nacht würde man sich in die Kathedrale einsperren und endlich seinen Silvestervorsatz angehen.
Danach würde man sie suchen. Die Rätsel zu lösen versuchen, die sich angehäuft hatten.
Der Zettel! In der Kathedrale konnte sie einem unmöglich etwas zugesteckt haben, das hätte man bemerkt. Sie musste einem irgendwo aufgelauert haben. Über den Wannenrand hinweg fingerte man nach der Hose – und fischte in der Tat ein kleines Papier aus der linken Gesäßtasche heraus.
Darauf stand, in Schreibmaschinenschrift:

»Deficit! Hist. CCM. Fas. Mag. Kar. 13 X 23 Ann. Lib. 7.6255975 Deficit!«