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Wie der Vater es versprochen hatte, war ein Großteil der Erbmasse bereits auf Rolands Konto übergegangen. Die Bürokraten hatten entgegen seiner Erwartungen keine Schwierigkeiten gemacht. Alles war mit geradezu verdächtiger Leichtigkeit vonstattengegangen. Eine selbst erstellte Seite und ein bisschen Bannerwerbung waren schon ins Netz gestellt, die erste Werbenetzpost verschickt. (› Inter-was? Was’n das nu’ scho’wieder, hatte seine 93jährige Oma Tilde gemümmelt. › Nee, das nich’ aach noch, das mach ich jetz’ nich’ mehr mit. Reichtscho’, dass ich mich beim SMS-Schreiben immer auf diesen winzigen Handytasten vertipp’.) So einfach war es also, das Heer der weisungsabhängigen Malocher und Katzbuckler hinter sich zu lassen und in den Kreis derer mit Richtlinienkompetenz aufzusteigen. Nun hieß es: er seine eigene Firma, seine eigene Dienstleistung, seine eigene Unternehmensidentität. Aber auch er sein eigenes Risikokapital, seine eigene Auftragsabhängigkeit, sein eigenes Netzwerk. Die Angel war ausgeworfen in den Teich mit den Goldfischen und Edelhechten. Blieb zu hoffen, dass ihm keine Haie in die Quere kamen.
Past&PR: Wann würde Roland die ersten Zuarbeiter einstellen, wann würde er einfach nur noch der Chef sein?

[Mit der Agentur Past&PR hatte Roland versucht, nachdem man ihm für eine Stelle auf der Berliner Museumsinsel abgesagt hatte, sich als Ich-AG auf Unternehmensgeschichte zu spezialisieren, um die Aufarbeitung und Organisation von Firmenarchiven sowie die Erstellung einer repräsentativen Jubiläumschronik zum Verkauf anzubieten. Keine neue Geschäftsidee – vielmehr schossen zu der Zeit viele derartige Dienstleister aus dem Boden.
Es ist bezeichnend, dass Roland kaum ein Wort über seine Auftragslage verliert. Belegt ist lediglich die Anfrage eines Düsseldorfer Netzgeschäfts, das sein von Gewinnwarnungen, sinkenden Quartalszahlen und dementsprechendem Aktienwert dominiertes Öffentlichkeitsbild mit einer Broschüre über die eigene Vorreiterrolle in den Gründerjahren des Netzes aufpolieren wollte. Roland hat sie aber zugunsten von etwas anderem abschlägig beschieden, wie man gleich sehen wird.
Achten Sie überhaupt weniger auf die Wahrheit, als auf die Auslassungen.]

Die Prognoseninstitute waren die Einzigen, die im Moment Hochkonjunktur hatten. Ein regelrechter Überbietungswettbewerb der Wirtschaftsprophezeiungen war seit März über das Land gerollt – und alle korrigierten ihre Zahlen nach unten. Aus Angst vor einer Rezession in den USA reduzierte das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv am 14. März seine Wachstumsprognose für Deutschland von 2,7 auf 2,3 Prozent. Am 03. April glaubte der Internationale Währungsfond nur nach an 2 Prozent, während die Regierung bei ihrer Zahl von 2,6 blieb. Am 10. April legten die sechs führenden Wirtschaftsinstitute ihr gemeinsames Frühjahrsgutachten vor und veränderten ihre Prognose von 2,7 auf 2,1 Prozent.
Überall bereitete man sich auf harte Zeiten vor. Selbst das britische Büro für UFO-Sichtungen, tätig seit 1953, musste mangels Meldungen geschlossen werden. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen den Außenminister und seine angebliche Falschaussage ein. Afghanistan sprengte prophylaktisch die über 1.500 Jahre alten Buddhastatuen von Bamian. Der ehemalige Schatzmeister einer großen deutschen Partei überwies dieser noch schnell eine Million Mark von seinem Privatkonto, Gelder von unbekannten Spendern für frostige Zeiten. Die Öffentlichkeit wandte sich derweil spannenderen Themen zu, zum Beispiel, ob man Stolz auf Deutschland sein könne. Aufs pompöse Kanzleramt, für den man den Schlossplatz aufgab, war man es offenbar; während der Einsatz der deutschen Friedenstruppe in Mazedonien beinahe am Parlament gescheitert wäre, die Maul– und Klauenseuche weiter die Fleischpreise verdarb und im Senat der Hauptstadt die Große Koalition zu bröckeln anfing.
Ist das jetzt bloß ein Geschehen oder schon Geschichte?
Wie auch immer – in solche Zeiten mag es nützlich sein, immer eine Enzyklopädie des nützlichen Zitats parat zu haben:

Alle Kategorien: Wer die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, muss gefüttert worden sein. (Roland Iobst).

PROJEKT: SPUR DES DOPPELT und DREIFACH (III)

 

Das Glasperlenspiel: Lebensbeschreibung Josef Knechts, der in einer von der Außenwelt abgeschotteten Provinz namens Kastalien zum Magister Ludi, zum Glasperlenspielmeister aufsteigt. Wie Manns Dr. Faustus vor dem Hintergrund der politischen Situation Deutschlands seit dem Ersten Weltkrieg und der Entwicklung während der Hitlerei geschrieben. Der Gegenwart Entgegengehaltenes und in die Zukunft projiziertes Ideal des Glasperlenspielerordens gleicht der platonischen Akademie, elitäres Kastalien gemahnt an Goethes pädagogische Provinz.

Das Glasperlenspiel erfolgt in Geheimsprache mit eigener Grammatik. Stellt die Einheit des Geistes her und bündelt Werte, Künste, Geistes– und Naturwissenschaften sowie alle Ideen sämtlicher Kulturen zu einer Synthese. Die Erfüllung des gnostischen Traums vom Zusammenfall aller Gegensätze! Glasperlenspieler spielen auf dieser weltgeistlichen Klaviatur wie auf einer gigantischen Kirchenorgel von unendlicher Schönheit, deren Manuale und Pedale alle Register des schöpferischen Universums umfassen. Das hatte Mann wohl gemeint, als er behauptete, der Roman habe »das Trauliche auf eine neue, geistige, ja revolutionäre Stufe gehoben«: Glasperlenspiel = Weltformel!

Knecht selbst ein zwischen »zwei Orden« bzw. »die beiden Pole« (zwei Kapitelüberschriften) Eingespannter. Das eine die »Tendenz zum Bewahren, zur Treue, zum selbstlosen Dienst an der Hierarchie«, das andere »zum Erwachen, zum Vordringen, zum Greifen und Begreifen der Wirklichkeit«. Der einstige Mustergeistliche kehrt mit den Jahren zu jener Anschauung zurück, die ihm sein Lehrer Pater Jakobus nahegebracht hatte: »Wie soll man Geschichte treiben, ohne Ordnung in sie zu bringen?« hatte Knecht ihn gefragt. »Geschichte treiben heißt: sich dem Chaos überlassen und dennoch den Glauben an die Ordnung und den Sinn zu bewahren«. Die Erkenntnis, dass auch die kastalische Geistlichkeit der Vergänglichkeit der Materie unterworfen ist – was sich nicht weiterentwickelt und stehenbleibt, ist dem Verfall preisgegeben – lässt Knecht sein Amt aufgeben. Die Innere Spaltung wird jedoch erst sein letzter Schüler, Tito Designori, überwinden: Bald ereilt Knecht der Tod beim Baden in einem Gebirgssee.

Hier sind sie wieder, die zwei Strömungen, die Antipoden, deren Verschmelzung Hesse und die anderen anstreben! In der Figur Tito Designoris sicher Thomas Mann verewigt, in den Hesse seine Hoffnung gesetzt hatte. Aber wo steckt der Hinweis?

Nicht in den beiden Kapiteln über die Zweiheit. Auch nicht in einem der drei Lebensläufe im Anhang, Material aus Knechts Waldzeller Schulzeit, in der das Verfassen fiktiver Selbstbiographien zur Selbsterkenntnis führen sollte. Hierin aber erneut das Motiv der Spaltung und Weitergabe des Erbes.

Doch im Demian nachsehen? Dort aber spiegelt sich das Thema mit der Suche nach dem Gott Abraxas, der zugleich der Satan ist, zu sehr an der Oberfläche …

Noch einmal akribische Analyse der ersten Seiten: »Den Morgenlandfahrern« lautet die Widmung. Hatte Hesse nicht bereits eine ähnlich betitelte Geschichte verfasst?

Den kleinen Band Die Morgenlandfahrt aus der eigenen Sammlung herausgesucht. Die Hand zittrig, als ich ihn aufschlage.

Nach wenigen Stunden Lektüre unter Hinzuziehung der Sekundärliteratur endlich die Lösung: Die Morgenlandfahrt, fertiggestellt im April 1933, wird allgemein als Übergang zum Glasperlenspiel angesehen. Hesse selbst hat fünf Jahre danach notiert, die Morgenlandfahrt, »die beinahe von niemandem noch entdeckt wurde«, sei ihm so wichtig, dass ihm die fünfundfünfzig Jahre seines Lebens »bloß als Vorbereitung zur Morgenlandfahrt« erschienen. Noch im Jahr der Veröffentlichung des Glasperlenspiels weitere sieben Jahre später findet er diesen Roman »nicht so frisch wie die Morgenlandfahrt«, und später gefällt ihm manches am Glasperlenspiel gar nicht mehr, während »die Morgenlandfahrt sich restlos bewährte«.

Ausgangspunkt ist die Krise des Erzählers und ehemaligen Musikers H.H. (!). Wehmütig denkt er an die Zeit zurück, als er Mitglied des »Bundes der Morgenlandfahrer« war, einer Bruderschaft hohe Geister der Vergangenheit und Gegenwart, die er nun erloschen glaubt: »ich erscheine mir wie der überlebende alte Diener etwa eines der Paladine Karls des Großen, welcher in seinem Gedächtnis eine Reihe von Taten und Wundern bewahrt«. Die spirituelle Wallfahrt in das Morgenland, die »Heimat des Lichts«, von manchen als »Kinderkreuzzug« belächelt, verband die Teilnehmer zu einer geistigen Gemeinschaft.Bedingung für die Aufnahme: Jedes Mitglied sollte sein privates Ziel mit der Reise verbinden. Für H.H. war es »die schöne Prinzessin Fatme zu sehen und womöglich ihre Liebe zu gewinnen« (Esclarmonde, bist das du?). Die Reise führt über Kontinente, durch die Menschheitsgeschichte, an die Grabstätte Karls des Großen und andere geschichtsträchtige Orte; zurück in die Unschuld der Kindheit – aber auch zu Irrtum, Zweifel und Verzweiflung. Das Verschwinden des Dieners Leo in der Schlucht von »Morbus Inferiore« schließlich zerstreut die Bundesbrüder. Bald muss H.H. erkennen, dass nicht die Gemeinschaft, sondern er es war, den Schwäche und Zweifel untreu werden ließen. Das hohe Gericht, dem er sich als Selbstankläger stellt, betrachtet das Ereignis als Prüfung und spricht ihn frei. Der Diener Leo offenbart sich als wahrer Hochmeister des Bundes. Er folgt dem Gesetz vom Dienen: »Was lange leben will muss dienen. Was aber herrschen will, das lebt nicht lange.«

Unglaublich – mehrfach ist von einem »Bundesgeheimnis« die Rede, besiegelt in einem »Bundesbrief«. Im Bundesarchiv steht auf dem Katalogzettel zu Andreas Leo: »Cave! Archiepisc. XIX. Diacon. D. VII. Cornu Ammon. 6 Cave!«

Nach etwas kabbalistischer Arbeit an dieser Stelle sowie der Figurennamen und Symbole den nächsten Stafettenträger dingfest gemacht: Otto Rahns Kreuzzug gegen den Gral, eine ausführliche Abhandlung zu den Katharern, an der dieser während Hesses Niederschrift der Morgenlandfahrt arbeitete – erschienen im Jahre 1933.

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