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Alles schwimmt. Das nächtliche Gedankenmeer wiegt die Partikel auf seinen Wellenkämmen und -tälern, treibt sie bei REM-Flut an den Hirnrindenstrand, dort fließt alles zusammen zu Likören und schillernden Farbemulsionen, mit denen die berühmten Theatermaler Max und Gotthard Brückner mir meine gefälschten Kentaurenschlachtbilder zusammenschmieren. Die Leinwand reißt. Sie haben es gebaut – die Fränkischen Motorenwerke haben das neue Werk in Hof doch noch errichtet. Wie Mutter sich freut! Sie schickt dem neuen Herrscher gleich eine Karte. Der Futuromantenstab hat das natürlich geahnt und den Dankesbrief zwei Tage zuvor an sie verschickt. Deswegen beeilt sie sich, der selbsterfüllenden Prophezeiungen flux nachzukommen. Schnitt zum Thronsaal: Sibylle als rechte und linke Hand des Königs, Prätorin der Futuromantik und des Imperfektionismus, predigt die unhintergehbaren Gesetze der Futuristischen Unschärferelation und epochemachenden Ablauftermine. Im Königreich Frankonia, mittlerweile als eigenständiger Staat anerkannt, wird soeben ein Sprachreinigungsgesetz erlassen, das die harten Konsonanten aus dem Alphabet streicht und statt der Vokale nur noch den Laut Uoa, mit einem neuen Buchstabensymbol (– was mancher anstößig findet) zulässt; zugleich erklärt der König den ersten Mai endlich zum Tag der müßigen Ruhe. Rückblende zu den Feierlichkeiten der Staatsgründung: Ein aus seinen Überresten gezüchteter zweiter Artaud, der krause Vater des Theaters der Grausamkeit, hält die Laudatio vom Balkon des Hauses Wahnfried herab. Als er geendigt hat, raunt er zum König, mit Blick aufs drängende Volk: »Die Menge ist wie eh und je begierig nach dem Geheimnis: Sie wartet nur darauf, sich Gesetze bewusst zu machen, durch die sich das Verhängnis kundtut, und vielleicht das Geheimnis seiner Erscheinungsformen zu erraten.« Der König nickt. Er weiß, was das für seine Administration bedeutet. Schnitt in die Menge: Freyr und Freyja, das germanische Götterpaar, klatschen am lautesten. »Ein Teil der Originaltafel«, raunen sie mir von rechts und links zu – »verstaubte lange in den Beständen Alexandrias, das war dir doch klar oder? Caesar hatte sie auf seinen Feldzügen in den nördlichen Wäldern erbeutet und Kleopatra zum Geschenk mitgebracht. Sie schien sich jedoch mehr für den Ring durch sein Ding, dieses Prinz-Albert-Piercing …« (»Was soll das denn sein?«, tippen mich Max und Gotthard von hinten an) »… zu interessieren. Na ja, der Brand hat sie jedenfalls nicht zerstört; sie gelangte wie viele andere Werke später ins Museion von Pergamon, der neidvollen Bibliothekskonkurrentin.« Aha, sage ich und ein harter Schnitt folgt – grob zweitausend Jahre später: Grabungen im gelben Sand. Ein Fund. Zusammen mit dem Fries, das heute auf der Museumsinsel ausgestellt wird, wird das Tafelbruchstück nach Berlin geschafft. Kamerazoom rückwärts: Das Bild bekommt einen Rahmen, ein Fenster, auf einer graphischen Oberfläche, in einem Monitor – Muhammadmusas. Man selbst, das unverständliche Hendiadyoin, sitzt ganz individualträge davor. (Dual, die alte Elektronikfirma, ob die auch …?) Warum alles nicht einfach jemandem erzählen, anstatt sich am Aufschreiben abzuarbeiten? Die Sprechsprache Zarathustras und der Propheten benutzten, nicht die Schriftsprache Homers; das Kultlied gegen mein Epos ausspielen, die Körperlichkeit der Fabel gegen ihre logozentrische Verkopfung, den vielstimmigen Chor der wild tanzenden Fabelgestalten gegen ihren Zusammenfall in der Gestalt des Protagonisten, ja: mich.

29. September. Am Nullpunkt. Am G-Punkt, dem geheimen. Alles herausgekitzelt. Also ein Schlusspunkt.
Lange widerstand ich, hab mir wirklich Mühe gegeben.

Der Dämon war nie von der Seite gewichen.

Ich nähere mich »El lenguaje muerto«, so hat Raoul sie einmal beim Bier an der Bar genannt – die Worte hatte er aus seiner Experimentierphase mit südamerikanischen Pilzen mitgebracht –, der »toten Sprache«, die vielleicht die Sprache der Toten ist. Ob er deshalb so viel nuschelt?
› Jeder Schreiber habe vor ihr Respekt, wenn nicht Furcht. Und doch hantierten manche fahrlässig damit herum. Obwohl es gefährlich sei, sich so leichtfertig einzulassen mit ihr.

Tatsache ist, es gibt sie in jeder Fiktion: Füllsel, Hülsen, Brücken, Überflüssiges wie »sagt XY« oder »nicht wahr?« – lebloses Material, Vorboten des Nichts, ohne welches das Etwas nicht existierte, das es aber zugleich immer bedroht; weshalb es in Schach gehalten werden muss durch die Sprossen und Triebe der umzingelnden Blüten.

Manchmal aber gelingt el lenguaje muerto der Bruch durch die geschlossenen Reihen.

 

Wie jetzt.

Es zieht mich hinab.

Ein bisschen Weiß:

 

 

 

 

 

 

 

 

30. September. Es ist abgemacht, besiegelt. Das Wort will es so: Zeit Schluss zu machen. Ob man strampelt oder kein Fingerchen rührt – man sinkt nur noch tiefer. Auch Allvater Odin bekam die Antworten erst, als er sich selbst an die Esche hing. Man hatte allerdings ein größeres Spektakel im Sinn. Ein guter Tag für ein furioses Finale, einen wirklichen Endschluss: Durch’s Fegefeuer auf zum Elysium!
Mit etwas Glück dauert es lange genug, bis man gefunden wird, ist das Benzin dann verflogen und nichts mehr nachzuweisen. So hätten sie wieder einen Fall spontaner Selbstentzündung, einen Aufhänger für eine unsterbliche Legende, eine Geschichte, mündlich fortgepflanzt zwischen den Generationen …
Man wandert hinaus zum Dorotheenstädtischen Friedhof. Der Wind zischt, die Bordsteine noch feucht, den Mantelkragen nach oben gefalzt; der Himmel dunkel und lauter, die Luft riecht nach Laub; die Lichter, die hinter den Kneipenfenstern glimmen, geben das letzte Geleit.
Übergossen hat man sich zwei Straßenecken zuvor, den Kanister in den Müll für die morgige Abfuhr geworfen. Ein Streichholz wird den Impuls geben: Die Spuren verwischen.
Einsam liegen die Steinalleen, eingepfercht zwischen dem Brecht-Haus, dem Französischen Friedhof und den Mauern vor der Chausseestraße; es rascheln die Birken.
Hier liegen sie alle: Hegel, Mann, Brecht, Müller, Schinkel, Fichte, Krauss, Minetti, Seghers, Zweig, Bahro, Berghaus, Bunge, Dessau, Dohnanyi, Weigel, Eisler. Soviel Geist auf diesen Quadratmetern. Hier ist es behaglich.
Hier wird man es tun.

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