septemb.doc (4)

14. September. Ankunft. Im Briefkasten ein einsames Päckchen mit Frankfurter Poststempel, ohne Absender. Ich machs lieber nicht auf. Vielleicht Anthrax-verseucht.
Eine Bombe hat sowieso schon eingeschlagen, die Wohnung ein einziger Kollateralschaden: die Tür beinahe aus den Angeln; Möbel auf den Boden geschmettert; Kleidung in der Wohnung verstreut: Bilder gegen die Wände geworfen; Tapeten aufgeschlitzt; verschiedenste Formen, darunter sogar ein Herz, aus dem Teppich geschnitten; sonstige Gegenstände zu einem Kaleidoskop-Panorama auf dem Boden arrangiert. Nichts wo es war.
Man benötigt dringend ein Fichtelölbad.
Im Sanitär jedoch die Kacheln aus den Wänden gehebelt. Undwie befürchtet: Das Wasser abgestellt.

15. September. Doch, Arni! Freilich ist man hier sicher. Kommt keiner auf die Idee, dass man sich wieder hier blicken lässt. Nur Licht darf man nicht machen, der Kontakt mit den Nachbarn ist zu vermeiden. Jeden Tag andere Kleidung, wenn man nach draußen geht. Schal und Mütze tief ins Gesicht.
Mit dem Trick des Knaben vom Frankfurter Bahnhof anderen Leuten das Geld aus der Tasche gezogen. Vorerst nur an ältere Damen gewagt. War nicht schwer. Mein Aussehen und der Zustand meiner Klamotten ließen die Leute tatsächlich glauben, ich wäre Tschetschene.
Anschließend Nahrungsbevorratung.

16. September. Projekt wieder aufgenommen. Muss endlich der Quelle auf den Grund gehen. Nur die silbrigen Kristalle des Notizbuchbildschirms spenden mir Licht in der Nacht. Ad fontes!

17. September. Das Jüdische Museum ist mittlerweile eröffnet, wie man aus einem nächtlichen Streifzug von den Plakaten und Fahnen ableitet, die einen sogar durch die Dunkelheit überall ansprangen. Das Laufen in herbstlicher Kälte sollte den Gedankenmotor anwerfen helfen. Es war nichts zu machen.

18. September. Sibylle, siebenstelliges Passwort, ich schreibe dich jetzt einfach Sarolle, irgendwie muss man dich ja nennen, das ist schöner als Cybola – obwohl, das klingt ein bisschen wie Kybele, passt auch. Saroline – nee, kein Plüsch biste. Carolina-Tier, komm tanz mit mir, im Süden und im Norden … Sarolle, Sarolle … Warum habe ich nur das Gefühl, das du mir zwischen den Fingern zerrinnst, mir schwindest? War es die richtige Entscheidung, nicht mehr dir, sondern der Spur der Schriftrolle zu folgen?
Es tut mir leid, ich muss erst diesen Teil der Geschichte beenden. Bin ich noch dein Wolf, meine Winnie?

19. September. Trügerische Ruhe im Haus. Keine Geräusche mehr außer den eigenen Schritten, die sich einen Weg durch das Dickicht bahnen. Kaum Fortschritte sonst.

20. September. Die Armbanduhr tritt den Weg ins Nirvana an, ständig schlägt sie Alarm. Drehen und Ziehen der Knöpfe versagt. Man kann die Tage nur auseinanderhalten, weil sie eine Nummer tragen, weil man sich zwingt, jeden Tag etwas hier einzutragen. Kein Gefühl für die Zeit mehr.

21. September. Man muss nicht müssen, aber man will:

PROJEKT: ROLLE DER RUNEN (X)
 

Soweit die Stafette: von Jakob Böhme zu Martin Opitz, einmal im Buch von der deutschen Poeterei und weiters im Aristarchus wider die Verachtung teutscher Sprach.

Klar: Gründervater der deutschen Poeterei. Humanistische Gedanken wie Wieland. Deutsches Mittelalter und altgermanische Bardendichtung wiederentdeckt zur Begründung einer einheitlichen deutschen Poetik. Lange Jahre Maßstab jeden poetischen Gestaltens.

22. September. Wenn man nur baden könnte – es umgibt einen das Miasma eines unmündigen Greises. Ich merke es nur, wenn ich die Wohnung verlasse, mir Wasser hole. Musste der Prophet eben zum Fluss gehen. Mir waren einige Eimer aus Entkräftung entglitten, just als ich sie in der Wohnung abstellen wollte. Keine Lust, das aufzuwischen; nun hat es zu schimmeln begonnen. Ich mache mir meinen eigenen moosigen Rasen. So muss man sich wenigstens selbst nicht riechen.
Kein Interesse, einmal zu prüfen, ob der Vermieter mittlerweile gezahlt hat, das Wasser wieder zu mir gelangt. Wer weiß, was die durch die Rohre jagen. So schon genug Durchfall.

23. September. Kein Bad. Aber Fichtelöl auf Taschentücher getropft und unter die Nase gehalten. Kirschlikör.

PROJEKT: ROLLE DER RUNEN (XI)

 

Von Böhme zu den anonymen Verfassern des Volksbuchs Histora von D. Johann Fausten, dem weitbeschreiteten Zauberer und Schwarzkünstler. Wieder Mephisto, der Fliegengott.

Marlowes Dramatisierung der erste Punkt auf dem Strang einer anglistischen Seitenlinie, die das deutsche Geheimnis tradiert und bis zur CIA führt? Marlowe ja angeblich selbst Agent. Junger Tod bei Stecherei in der Kneipe sehr mysteriös.

Auf jeden Fall vom Faustenzu Martin Luthers Etlichen Fabeln aus dem Esopo. Start für das Neuhochdeutsche. Kernige Sprüche. Nicht überraschend. Wohl aber, dass Hans Sachs, der Meistersinger, sich nicht hier einreiht. Wieder einer, der nah dran, aber nicht eingeweiht war?

Humanistische Troika – von Luther zum Vielbriefschreiber Erasmus von Rotterdam: Lob der Torheit. Idee der Einheit des Abendlandes. Christus und Sokrates als gleichwertige Ideale. Projekt der Versöhnung allerdings auf später verschoben.

Weiter zu Jakob Wimphelings Historie Germania. Früher Versuch einer lückenlosen Chronik der Deutschen.

Von diesem zu Conradus Celtis Ars Versificandi. Erste Dichtungslehre im Deutschen überhaupt.

24. September. Kann man sich etwas drauf einbilden? Was sind die eigenen Ideen, was die der anderen? Alles nur angelesen. Kein eigener Beitrag. Wem ist man schon auf der Spur. Kindisch. Kopf wie ausgewischt. Pomadig. Steißschmerzen.

25. September. Über den Berg,die Sache kommt wieder in Fahrt. Jaja, Sisyphos ein glücklicher Mensch – aber bevor oder nachdem er den Thanatos fesselte und damit dem Sterben selbst Einhalt gebot (wofür er eben bestraft wurde)?

PROJEKT: ROLLE DER RUNEN (XI-2)

 

Apropos Humanismus: Daher trotz Vorherrschaft der germanischen Götterwelt die immer wieder aufkommenden Parallelen in griechisch-lateinischer und christlicher Lehre: Die Sehnsucht der Renaissance nach der Einheit des Abendlandes! Der Heilige Gral einer Hypermythologie; eine uralte Chimäre, zusammengeflickt aus den Bruchstücken westlicher Geschichte – als Bollwerk und Waffe gegen den Vormarsch des Morgenlands!

Ich fühle, ich bin ganz nah. Hinab, hinab. Radelradwegs, zurück zu EvaundAdam’s!

26. September.

PROJEKT: UNICODE (XII)
 

Weiter zu Johannes von Tepl: Der Ackermann aus Böhmen.

Ausdruck antithetischen Lebensgefühls: Menschliche Größe und Kraft gegen die Ohnmacht gegenüber dem Schicksal und der irdischen Hinfälligkeit. Die Aussprache zwischen Tepl und dem Tod, der ihm seine Frau geraubt hat – folgender Spruch des dunklen Gevatters ist es wert, dass man ihn hier einmal zitiert:

»Ein mensche wirt in sünden empfangen, mit unreinem, ungenantem unflat in müterlichem leibe generet, nacket geboren und ist ein besmireter binstock, ein ganzer unlust, ein kotfaß, ein wurmspeise, ein stankhaus, ein unlustiger spülzuber, ein faules as, ein schimmelkaste, ein stinkender leimtigel, ein übelriechender harmkrug, ein übelsmekender eimer, ein betriegender trockenschein, ein leimen raubhaus, ein unsetig leschtrog und ein gemalte begrebnüß.«

27. September. Keine Ahnung, wo das hinführen soll. Man weiß ja eigentlich schon, was die erste Schrift ist: die Tafel des Odin. Es geht nur noch darum, die Lücken zu schließen. Aber wie soll man auf diese Weise herausfinden, wo sich die Rolle der Runen, die Rekonstruktion jener Tafel aufhält?

PROJEKT: UNICODE (XIII)
 
Immer schneller reißt der Sog einen hinab: von Tepl zu Eike Repgows Übertragung des Sachsenspiegels. Sächsisches Recht, gültig bis ins 19. Jahrhundert. Erstes großes Prosawerk im Niederdeutschen. Weiter zur Mystik und Heinrich Seuse, Gottes Minnesänger, mit seinem Büchlein der Ewigen Weisheit. Mit Hildegard von Bingen wieder eine Halbeingeweihte. Zur Volkspredigt mit Berthold von Regensburgs Von den zwei Büchern. Dann gleich zwei Stafettenträger mit den ersten Novellen: Konrad von Würzburg mit Der Welt Lohn und Rudolf von Ems mit dem Guoten Gêrhart.

28. September.

PROJEKT: FABULA RASA ODER DER ALGORITHMUS DES ANFANGS (XIV)

 
Und noch einmal drei Eingeweihte zu fast gleicher Zeit: Gottfried von Straßburg:

Tristan und Isolde. Wolfram von Eschenbach: Parzival – hier etwa sind die Katharerkriege zeitlich einzuordnen – und die Neuschreibung des Nibelungenlieds von einem unbekannten Verfasser. Danach verliert sich die Spur.

Sigurdlied. Hierzu weder Datum noch Text oder Verfasser. Davor wohl die Merseburger Zaubersprüche.

Lieder, immer wieder Lieder … Mathematik und Musik …

Aber natürlich: Um die Sphärenmusik und die Sprache der Gottheit in eine Schrift bannen zu können, dafür braucht man die Ziffern! Als Komponente der Zeit. Bilden die Runen nichts anderes als eine archaische Beschwörungsformel? Die erste Handlungsanweisung: erst dieser, dann jener Ton, von einer Ausgangs- zu einer Ankunftssituation; das erste Weltenprogramm, das Vergangenheit und Zukunft, wahr oder falsch entstehen ließ? Darum der Drang, an den Anfang zu gehen: Nur wo die Spaltung entstand, kann sie überwunden, der Quellcode neu geschrieben werden. Dixit Algorizmi – hättest du das gedacht, Muhammadmusa?

Löst aber nicht die heikle Frage: War jener erste Algorithmus bereits fehlerbehaftet; gar Paragraph, mithin danebengeschrieben? Oder wurde die Schöpfung erst durch die Permutationen und Raubkopien, den ständigen Abtastungen danach zum Mängelexemplar?

Weiter hinab bis zu Allvater Odins Tafel. Bis nur noch die erste Programmiersprache, der Schlüssel zur Welt: das Machtwort am Anfang – und dies war?

***

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: NORLANDO – dritte Fortsetzung (4) | Wechselwetterwolken