oktober.doc

Autor:               Roland Iobst
Ort:                 c:/eigene dateien/texte/2001/
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Erstellt:            02.10.01, 09:25:37
Letzte Änderung:     25.10.01, 23:03:21
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02. Oktober. Man hat es nicht fertiggebracht. Weil man ein feiger Hund ist, unfähig zur Tat.
Das Streichholz bereits entflammt, als eine Motte, angezogen vom gleißenden Punkt dort in der Finsternis, mir vorwitzig ums Kinn strich. Und sie war nur ein Späher: eine Flugameisenformation – absolut falsch in der Jahreszeit mit ihrem Irrflug zur Königin! – brandete unversehens gegen Beine und Brust; Mücken umstellten sirrend das Haupt. Das Verhältnis von Masse und Mensch einmalig verkehrt: sie alle Quixote, ich nur die Windmühlen. Schon geriet man ins Rudern, es war nicht zu verhindern; der spontane Ekel, dem keine Vernunft beikam, war daran schuld.
Man öffnete die Beine zu einem Oval, die nächste Ameisenattacke ins Leere laufen zu lassen, duckte sich unter dem Fliegenschwarm weg und wedelte und paddelte mit beiderlei Armen – dem linken, die Viecher in die Schranken zu weisen, dem rechten, die Balance zu gewährleisten. Die Flamme am Hölzchen aber vergessen: An den Fingerkuppen begann es zu bitzeln. Was folgte, war ein lautloser Schrei bei geöffneter Kehle. Das Lichtlein verlosch.
Einige Abweichler der Heerschar, die einem das Seppuku verweigerte, bevor man sich nicht an ihnen bewiesen hätte, in der schlagartigen Dunkelheit jäh um die Orientierung gebracht, sirrten mir in Nase und Mund. Die kleinen Viecher waren noch zu verdauen, schon schwerer aber die Motte; herausspeien befreite von dem pelzig schmeckenden Ding. Dem Würgereflex jedoch war die Austarierung der Körpergewichte egal und so verlor ich meine Haftung auf dem nassen Laub; ein Fuß rutschte davon, der Kontrapost knickte – da lag man auf dem Boden der Tatsachen, kein Herr der Fliegen.
So stand die Lage. Hier konnte es nicht getan werden. So nah an der Oranienburger Straße. Da hatte man, als man so quer lag zwischen den Blättern, über einem das Summen der abziehenden Insekten, an sie/ihn denken müssen und an die gemeinsame Nacht.
Zu vieles stellte die Entscheidung infrage. Der Erlass musste noch einmal in den Vermittlungsausschuss.

03. Oktober. Die innere Ganzheit notdürftig mit etwas Kant-Lektüre wiederhergestellt. Ansonsten Feiertag.

05. Oktober. Wieder Mut. Wasserhahn ausprobiert – es funktioniert! Morgens und abends ein Fichtelölbad, anschließend überfälliges Räumungskommando: Überreste von Muhammadmusa I. in den Müll, Boden gefegt und gescheuert, der Duft von Schimmelvernichter. Sortieren, zuordnen, stapeln, einräumen. Alles Überflüssige auswählen zum Löschen für später.
Rascha hat eine Schachtel mit den außergewöhnlichen Pillen zurückgelassen. Ob man einmal naschen soll? Es sind nur noch wenige.

07. Oktober. Herbstputz finalisiert. Dabei allerhand Verschüttetes wiederentdeckt – darunter eine Kette mit einem kleinen runden Anhänger aus Silber. Ein Fossil aus der Zeit, als man sich vom Vater Baumhäuser und Abenteuerzelte wünschte, aber nur in seinem Träumen dort einzog? Als man vom Onkel statt selbst geschnitzter Wanderstäbe und Spezialüberlebensmesser nur alten Schmuck geschenkt bekam? Wann war das noch gleich …? Man ist bereits mit so viel Geschichte beladen. Wo es überall heißt, sie sei im Stillstand! Ist freilich keine bewegte Vergangenheit, nur wenige Filmrollen kurze Schwarzweißepisoden – alle im Leerlauf. Kann es sein, das man dem jetzt schon nachtrauert? Der Zeit, als man freitags sich gespannt mit Oliver vor das Radio quetschte, um die Hitparade auf Kassette mitzuschneiden, und sich jedes Mal zu Tode ärgerte, wenn der Moderator mit seinem Gelaber wieder rücksichtslos-blutig in die Musik hineinschnitt?
Ich habe sie angelegt, diese Kette, obwohl sie mir gar nicht steht. Weiß selbst nicht warum.

08. Oktober. Den nutzlosen Teil des Hausstands auf dem Flohmarkt verkauft. Jetzt wieder einzwei Tage flüssig.

Rekapitulation des Projektes: Operation augenscheinlich misslungen. Bei näherem Hinsehen bestehen die Kernteilchen wieder aus noch kleineren Teilchen. Was soll man den Gegnern jetzt mitteilen? Würden sie nicht alles durchschauen: die Lügen und Korrekturen, zu denen Sarolle mir riet? Könnte man sie damit freikaufen – so sie noch lebt? Jetzt wäre es hilfreich, die Zukunft zu kennen.

11. Oktober. Gebe mir keine Mühe mehr, mich zu verbergen – ich muss sie hervorlocken, provozieren.
Ich belagere sie schon einige Tage, wieder einmal: Belauere Feuchtwangers Villa, Auroras Fabrik und das IG-Farben-Gebäude; halte Ausschau nach den Knien der Ein- und Ausgehenden, wenn sie gedankenverloren die Hosen hochziehen; habe extra strategisch mit einer Gießkanne kleine Wasserpfützen verteilt – Minenfelder ihrer unbeabsichtigten Offenbarung; versuche einen Blick auf ihre Gürtelschnallen zu erhaschen und spreche die Menschen an, die mir im Bunde scheinen: Sie tun so, als hielten sie mich für einen ganz Tollen. Ich hinterlasse Zettel mit Namen, Adresse und dem Kommentar:

»KOMMT AUS EUREN LÖCHERN – ICH BIN WIEDER DA!«

Fyrfoß
[Roland meint den althochdeutschen Vierfuß, der im Sanskrit Swastika heißt]

Es meldet sich keiner, natürlich. Mir kommt der Gedanke, ich könnte etwas verwechselt …
Aurora ist eine Sonne, auch das Mehllogo ziert eine, die macht Feuer unter dem Hintern, ist also Aurora nicht doch eine Muspelianerin? Jaja, und vergiss das Doppel-S nicht und vor allem den Fyrfoß, das Hakenkreuzrad, das sich bereits im sakralen Schriftgebrauch der alteuropäischen Vinča-Kultur, noch vor den Sumerern findet, auch diese Zeichen von Sonne und Feuer – oder für Thors Hammer. Mensch, wenn man das weiterdenkt: Aurora, die Nazis und die IG … Die Vernichtungsmaschinerie: ein Teil des Projektes, ein gigantisches Ablenkungsmanöver von dem, was sie wirklich zu finden versucht hatten? Vor allem aber: Wenn die Villa und die IG beide Muspel beheimaten, wo haust dann Nifl? Braucht es keine Niederlassung, weil es so gar nicht seinem Element entspricht, dem flüchtigen?
Hier hinge ein weiterer Hammer: Eine freudsche Interpretation des Thorshammersymbols – die ganze Bewegung nur prophylaktische Kastrationsgegenwehr, Goebbels der Ödipus/Schwellfuß …
Zwischen diesen Vermutungen immer mal wieder an der Oranienburger Straße vorbei – geschlichen natürlich, im Schatten namenloser Passanten. Sie arbeitet immer noch hier. Ob sie noch einen Gedanken verschwendet? So oder so, man muss sie da raus halten.
Die letzte Pille hebe ich auf.

13. Oktober. Man fragte sich so durch. In engerer Auswahl standen einige Clubs, einzwei Tanzschuppen auch. Nicht schwer, den Kontakt herzustellen und Eingeweihte ausfindig zu machen; man musste nicht weit dafür latschen. Gleich bei den Buden am Alex jemand, der aufklären konnte. Die kleine Gravur und die Farbe verrieten den Inhalt, meint der. Verwies mich an den Zulieferer. Abends konsultierte man den Umschlagplatz und war sofort im Geschäft. Das Zeug nicht gerade günstig. Muss noch paar Mal den Knabentrick anwenden.

14. Oktober. Im abendlichen Dämmer weiter durch die künstlich erhellte Stadt, den Heckenschützen auflauern. Hier hat keiner die geringste Vorstellung. Wer dieser Menschen mit Wachsmantel und Plastiktüten, strebsam auf dem Weg durch die Friedrichstraße ins Zuhause aus Chrom Eiche Glas, erahnt die wahren Zusammenhänge?
Vor der spiegelnden Konfiserieauslage ein Penner auf seinem Lager, ein Schild lag vor ihm:
»Unheilbar verwundet! Wer erweist mir die Gnade?«
Niemand beachtete ihn. Oder störte sich daran, dass zwei Pferdefüße unter dem fleckigen Wolldeckenberg hervorlugten, überhaupt der sich darunter abzeichnende Körper viel zu groß schien. Die Kreatur dämmerte schläfrig dahin, aber die großen spitzigen, braunsamtenen Ohren verstellten sich sekundenweise gegen den Wind, registrierten, wie die breit bebenden Flügel der Nase bewiesen, jede Bewegung: Vor allem meine.
› Komm näher, forderte das Etwas mich auf. Die Stimme so kräftig, als sei sie von einem ordentlich voluminösen Lungengebläse gestützt, die Sprechweise aber zugleich gedehnt, die Konsonanten sehr schwerfällig – kein Wunder, bei der riesigen Zunge!
› Was bist du?, fiel man mit der Tür ins Haus und wagte sich näher.
› Ich bin verwundet. Keine Angst. Ein Kentaur.
› Ach so?
Und der Rössling rappelte sich auf, eine der Decken rutschte zur Seite und offenbarte: die weißblonde Stehmähne, die über den ganzen Rücken verlief und sich jetzt aufstellte über dem kurzhaarigen, straffen Fell, das auf dem Rücken und an den Außenseiten der Schenkel von einem hellrötlichen Braun, an Bauch und Beininnenseiten weiß war. Die schwarzstruppige Schwanzquaste klopfte kraftvoll gegen den Asphalt.
› Ähm. Wie kommt es, dass du niemandem auffällst?
› Viele sehen nur, was sie wollen. Du aber willst sehen, was ist.
Man kniete sich also nieder zu ihm und besah ihn sich einmal näher.
› Wie heißt du?
› Chiron, eigentlich. Lehrer Achills, Asklepios und Iasons. Freunde indes nennen mich Schiri.
Gelber Schweiß stand ihm auf der Stirn, die Wangen klebten dünn an ihren Knochen, das Fell war mit grauen Flecken übersät.
› Kann ich dir … irgendwie helfen?
› Weißt du nicht mehr? Es traf mich versehentlich ein giftiger Pfeil, getränkt mit dem Blute der Hydra, von Herakles! Selbst ich, der Heiler und Musiker, Entdecker des Tausendgüldenkrauts, Überbringer von Opfer und Eid, kann diese Wunde nicht heilen. Lange hoffte ich auf Erlösung, ich, der ich leide und doch nicht sterben kann. Jetzt muss ich meine Grenze in Demut erkennen. Ich nehme es an, dieses mein Schicksal – und nun bist du hier.
› Ich?
Nun wurde der komisch Redende ungehalten laut:
› Welche Nachricht zu überbringen schickte man dich? Zögere nicht länger!
› Ich weiß nichts!, wehrte die Paranioa in einem ab. Doch Schiri insistierte väterlich:
› Erinnere dich. In wessen Auftrag suchst du mich auf. Was bat er dich, mir zu sagen?
Man glaubte nicht mehr an Zufälle und stand doch wie der Ochs vorm Berg.
› Suche nach den Worten der Alten. Lasse deine augenblickliche Gedankensprache beiseite, stellten Schiris Zotteln sich über der Stirn erwartungsvoll auf.
Man überlegte, kam aber auf keinen grünen Zweig.
› Da war diese, begann man gedankenlos –
› Was hab ich gesagt, ging Schiri ungeduldig dazwischen. › Nicht mit diesen Worten!
Man wagte einen Versuch.
› Oheim, ich weiß, was dich quält wie des Anfortas ewige Wunde. Aber sei unbesorgt: Zeus, den sie auch Jupiter nennen, im alten Ägypten aufgetreten als Toth, der laut Platon – im Phaidros schrieb er das glaube ich – der Erfinder der Schrift war … nein, das war bei den Griechen eher Hermes; nicht der, natürlich Hermes Trismegistos, oder? Entschuldigung, hier im Norden jedenfalls als Odin bekannt, lässt dich, seinen Halbbruder, wissen: Den Prometheus auszulösen von der unendlichen Qual seiner immer nachwachsenden Leber, zugefügt vom göttlichen Adler … wie klingt das bis jetzt? –
› Nicht übel, nickte Schiri. › Fahre fort.
Man ließ sich neben der Kreatur nieder.
› …könntest du dich selbst in deiner Unsterblichkeit aufgeben und den Weg in den Hades antreten. Nichts wird dann bleiben von dir, als ein Bildnis am Himmel.
Schiri nickte wissend.
› Richte ihm aus, ich, Sohn des Kronos und der Philyra, Deuter der Sterne und Gerechtester der Kentauren, willige ein.
Putziger Kerl, aber gefährliche Augen. Man trieb das Spiel weiter, an die Mauer gelehnt, den Blick von unten her auf die flitzenden Passanten und die kolossalen Gebäude gerichtet, Schiri die Vorderläufe aufgestemmt, den Pferdearsch aber noch immer am Boden.
› Sag Schiri, wo wir uns nun in den Straßen der Hauptstadt begegnen, auch Privates gelüstet es mich zu wissen von dir: Was ist dieses dein Volk? Wo kam es her? Wie viele existieren von euch?
› Tja, hub Schiri an, › als sich Ixion, König der Lapithen, einer Nation thessalischer Sturmdämonen, bei einem Gelage der Götter besoff – Missbrauch trieb er da mit der Gastfreundschaft und suchte der Hera selbst nahe zu kommen. Jupiter aber bildete aus einer Wolke ein Trugbild der Hera, Nephele geheißen und aus phönizischem Geschlecht. Ixion, berauscht von seinem Begehren, fiel herein auf die Täuschung und stach mit seinem Gemächt in die Wolke. So wurden wir Kentauren gezeugt und erhielten gleich unseren Namen: »Ich steche die Wolke«.
Man kicherte. Der Kentaur schaute streng zu einem herüber. Ich schnell:
› Immerhin hat auch Jupiter in Gestalt eines Nebels die Io schwängert. Da hat’s doch jeder mit jedem getrieben.
Schiri füllte seine Lungen und setzte unbeirrt fort:
› Auf dem Berg Pelion, wo die Nymphen uns nährten, zog man uns – Söhne von Lapithen und Nephilim – auf. Mit anderen Pferden zeugten wir weitere Nachkommen. Bis unser Niedergang kam: Als Pholos und seine Freunde ein Fass Wein stehlen wollten, das Eigentum Herakles’ war, tötete dieser Amphion, Argeus, Daphnis, Dupo, Hippotion, Isopleus, Melanchaetas, Oreus, Phrixius und Thereus. Nephele aber kam den Übrigen zu Hilfe: Sie sandte Regen, den Boden schlüpfrig zu machen, sodass sie entkamen.
› Was geschah mit den anderen?, drehte man sich ihm vollständig zu, das Passantengewimmel um einen herum einmal beiseitelassend.
› Meine Brüder sind gewalttätig und heimtückisch – nicht viel brauchte es, sie zu Schlimmem zu treiben, willst du die lange oder die kurze Fassung darüber hören?
› Die Bessere.
Der Kentaur guckte mir tief in die Augen. Und dann:
› Ich mach’s mal halblang: Es war auf der Hochzeit des Peirithoos, dem neuen König und Sohn des Ixion mit seiner Braut Hippodamia. Wir waren zu dem Festmahl geladen. Der Wein aber ward uns wieder gefährlich und Ares, der Kriegsgott, der nicht zu dem Ereignis geladen war, flüsterte uns ein. Als schließlich Eurythion nach den Brüsten der Hippodamia griff, begriffen die anderen und packten sich weitere Frauen, in dem Versuch, sie zu entführen. Theseus verhinderte dies und schleuderte einen Krug Wein gegen den Kopf Eurythions, Gehirn, Blut und Wein miteinander vermischend. So begann ein gewaltiger Kampf: Amykos packte einen Leuchter und warf ihn gegen Caladons Haupt, worauf ihm die Augen herausquollen und die Nase tief in den Gaumen getrieben ward und er daran verstarb; ihn selbst tötete Belates, indem er ihm mehrfach das Kinn auf die Brust schlug, sodass er die Zähne ausspieh. Areos ward durch Dryas getötet. Bianor drosch ein auf den Theseus, was dieser ihn sühnen ließ. Gryneus blickte auf den dampfenden Altar, »O warum nicht brauchen wir jenen?« Sprach’s und warf ihn mitsamt der Glut in den dichtesten Schwarm der Lapithen, sodass er Broteas und den Oreius darunter verschüttete, worauf Exadius ein Hirschgehörn packte und dem Gryneus mit doppeltem Ast in die Augen versenkte, um ihm die kostbaren Blutäpfel am Spieß zu entreißen. Bromus kam durch Caeneus ums Leben. Chromis starb durch den Gastgeber selbst. Chtonius fiel durch Caeneus. Clanis ward durch Peleus getötet. Crenaeus hatte ein Einsehen und wollte flüchten – als das Schlachtfeld schon bitter bestellt war, sich noch einmal umsehend, traf ihn aber der Wurfspieß des Dryas. Hylonome tötete sich selbst, nachdem ihr Gatte Cyllarus gefallen war. Phäokemes, der sich die Felle sechs mächtiger Löwen um den Rossleib gebunden, zerschmetterte dem Sohn des Phonolenos oben den Scheitel, dass ihm Haarwirbel und Knochen vom Haupte sprangen und plötzlich ihm weiches Gehirn durch Mund Ohren Nase und Augen entwich: so wie käsende Milch fließt aus der Form. Demoleon riss eine Fichte heraus und wollte damit den Theseus bestürmen, doch traf er damit den Krantor – und das rächte Peleus, der ihm seinen Spieß in den Bauch warf; zwar gelang es Demeleon, sich die Waffe aus der Wunde zu ziehen, sich aufzubäumen und so den Peleus niederzuwerfen, doch stieß der ihm den Spieß erneut von unten her in den Leib. Diktys gelang eine Flucht, doch stürzte er und rammte sich die Splitter einer Hainbuche hinein, als ihr Holz unter seinen Schritten zerbrach. Dortlas wollte Peleus mit den Hörnern von Ochsen aufspießen, doch schnitt der ihm den Bauch auf, sodass die Gedärme herausquollen, er sich darin verschnürte und elendlich umkam. Dryalus starb ebenfalls. Erygdupus wurde von Macareus erschlagen. Eurynomus fand durch Dryas den Tod. Helimus fiel durch Caeneus. Nicht mehr erinnere ich all ihre Wunden, wohl aber die Zahl und die Namen. Helops fand sein Ende durch den Gastgeber selbst, als der ihm den Spieß durch den Kopf rammte, von einem Ohr durch das andere. Hippasos mit dem Barte starb durch den Theseus. Imbreus ward von Dryas ermordet. Latreus kam durch den Caeneus ums Leben; zwar drang er mit all seiner Kraft gegen ihn, doch konnten ihm die Streiche nichts antun, und endlich gelang es Caeneus, ihn niederzustoßen. Lycidas fand durch Dryas den Tod. Lykothas, ein Meister im Umgang mit dem Wurfspieß, fiel durch den Theseus. Lykus starb durch den Gastgeber selbst. Auch Mimas musste dran glauben. Monychus attackierte besonders Caeneus: er bewarf ihn solange mit Holz, bis dieser davon fast gänzlich bedeckt wurde; dann aber kam Nestor zu Hilfe, sprang auf Monychus’ Rücken und streckte ihn nieder. Mopsus nagelte durch einen gekonnten Wurf seines Spießes Odites’ heraushängende Zunge an seine Brust. Perimedes verstarb und auch Petraeus traf der Wurfspieß des Gastgebers zu Tode. Phlegraeus ward durch Peleus getötet, Pyrakmon durch Caeneus. Pyretus starb durch den Periphas, als er sich auf dessen Beilager breitmachte. Ripheus, trotzdem er von gewaltiger Größe war, sodass er die höchsten Baumwipfel überragte, fand durch Theseus den Tod. Rhoekus schlug mit ganzen Baumstämmen auf die Lapithai ein, ward aber dennoch getötet. Stiphelus kam durch Caeneus ums Leben. Teleboas gelang es dem Nestor eine schlimme Wunde zu reißen, ehe der ihn selbst tötete. Nur Abas, knapp lebendigen Leibes; Medon, wegen einer Verwundung nur mit äußerster Not; Melaneus und Mermerus – letzterer trotz seiner Schnelligkeit schwer getroffen; Nessus und Orneus, als die Sache für uns Kentauren ungünstig zu verlaufen begann; Pisenor und Thaumas entkamen. Rhoetus ergriff ein brennendes Scheit vom Altar und ging damit los auf Charaxus: Als der eine Türschwelle ausriss, um sich damit zu wehren, schlug er versehentlich seinen Gefährten Kometus nieder, den Rhoetus darauf erschlug; auch den jungen Korythus erschlug er und dem zu Hilfe kommenden Evagrus stieß er das brennende Holz tief in den Rachen. Erst als er von Dryas einen mächtigen Stoß empfing, ergriff er die Flucht.
Pause. Schwermütiges Nicken. Jaja.
› Was geschah mit den Überlebenden?
› Die vertrieb Herakles selbst aus Thessalien auf die Inseln der Sirenen, wo die meisten am Hunger verstarben. Ich und nur sehr wenige andere, wir sind die letzten eines aussterbenden Volkes.
Schiri wurde mit einem Mal ungeduldig. Inzwischen hatte die Nacht ihre Sternendekoration angeschaltet: kitschig und selten klar leuchtete der Himmel über Berlin.
› Jetzt lass mich gehen, Zeus Rat zu erfüllen.
› Es gibt noch andere?
› Du bist ihnen gewiss schon begegnet, nur sahst du sie damals noch nicht – sie verstecken sich unter eurem menschlichen Abschaum wie ich, beobachten die Wege der Fußgänger, Radfahrer und Automobile.
› Weißt du, Sohn von Nebel und Sturm, mehr über Nifl und Muspel?
› Von diesen neuzeitlichen Worten kenne ich keins. Gewähre aber mir nun auch eine Frage, bevor ich gehe: Mir scheint, dass der Grund deiner Reise ein Weib ist?
› Woher –
› Ich bin ein Seher! In deinem Falle jedoch erriet ichs am Blick deiner Augen, als ich Hippodamia erwähnte. Wisse, um deinen Schatz zu gewinnen, musst du hinab in die Tiefe. Doch Vorsicht! Viele Sträuße wurden bereits wegen so einer gefochten – nie hatte nur ein Jüngling Anspruch erhoben. Auch Paris hätte besser daran getan, auf eine andere zu warten. Ziehe die Lehre aus unserem Schicksal: Begehre die Brust eines Weibes nie unaufgefordert.
› Versteht sich.
› Merke, wurde er abschlußfeierlich, › als Ixion, dem Hippodamia inzwischen verstorben war, in den Hades hinabstieg, die schöne Persephone zu befreien, war nicht er es, der sie gewann, sondern Theseus, sein treuer Begleiter. Nur dieser schaffte es wieder heraus aus der Tiefe.
Eine Handbewegung nach oben. Der Blick folgte dem Fingerzeig, man starrte in das Sternbild des Schützen – und als man sich wieder zurückwandte, sah man noch: wie sich der letzte Deckenzipfel zaghaft auf eine augenblicklich entstandene Leere herabsenkte.

***

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