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November, irgendwann später. Keine Ahnung, der Wievielte heute – keine Messung hier unten. Meine Armbanduhr endgültig hin, Muhammadmusas Digitale stehengeblieben. Egal, man kommt sowieso kaum dazu, regelmäßig hier Eintragungen zu machen. Der Kampf nimmt in Anspruch:
Stalaktiten rufen Stalagmiten hervor. Isis geht nicht ohne Osiris. Aldi Süd steht Aldi Nord gegenüber und beide sind Feinde von Lidl. Man hat entweder einen quer- oder hochgeschlitzten Bauchnabel, ist Rechts- oder Linkshänder, o- oder x-beinig.
Wir sind alle Rekruten in unversöhnlichen Lagern – ist dir das jemals so klar gewesen, Arni?
Man wird nicht gedrängt zu bleiben, aber man tut’s. Fühlt sich verpflichtet. Sie lassen einen dafür teilhaben am Kampf. Endlich mit den Worten auch Taten verbinden!
Ein Quartier zugewiesen bekommen. Albi im Gegenzug in die Geheimnisse eingeweiht. Er machte ein mopsiges Gesicht, als man ihm die Informationen zukommen ließ: Gab sich keine Blöße als Anführer. Schwer zu durchschauen, ob ihn die Details überraschten oder ihm das meiste sowieso bekannt war; geduldig hörte er zu und ließ eine Kopie meiner Dateien zur weiteren Analyse anfertigen.

Man ging Otto, einem wahren Grandseigneur des Wortwitzes, in der Leserbriefwerkstatt zur Hand. Sein liebstes Hobby waren gängige Stilmittelbeschreibungen sprengende Wortkombinationen. Über einen scharfen Kommentar zum Geschäftsgebaren eines schwedischen Möbeldiscounters gebeugt – die beigelegte Selbstbauanleitung für das Regalmodell Hädonist war wieder einmal unverständlich und die Schrauben nicht vollständig gewesen –, knuffte er mich in die Seite:
› Dringen in absolut jeden Lebensbereich vor: Nicht einmal beim Scheißen hat man seine Ruhe vor denen, die totale Gleichschaltung unserer Wohnungseinrichtung! Stehen auf meiner Abschussliste ganz oben. Moment: »Ottos Ottomanenmanie«, was sagst du dazu?
› Eine Art alliterierender Kurzknittelvers?
› Eher eine pleonastisch-iterative Permutation epanaleptischer Prägung.
› Hm.
› Magst du mal Hand an diesen Boykottaufruf legen? Bin immer noch mit den Möbelmeiern zugange. Eine Lehrerin beschwert sich da über eine Szene in einer Stralsunder Maria-Stuart-Aufführung, in der die beiden Königinnen in der Schlüsselszene des Stückes ein wenig mit Titten und Pobacken wackelten und es sich schließlich völlig nackend gegenseitig besorgten und dadurch der ganze Wendepunkt uminterpretiert wurde: Weil nämlich nur die lustaufgeschlossene Maria einen Orgasmus bekam (vaginal!), die psychologisch beladenere Elisabeth aber nicht, gabletztererdiesesden Anlass, die Hinrichtungzu befehlen. Die Lehrerin habe nichtsdavongeahnt, als sie ihre Achtklässer mit in die morgendliche Schüleraufführung nahm. Man müsse die Jugend vor solchem Schmutz schützen, was sich die Frau Regisseurin dabei gedacht habe undsoweiter.
Alter ottonischer Manierist. Mit diesem Kopisten und Lohnschreiber wurde man gleich warm. Stellvertretend für die unzähligen Anti-Elogen erregter Abonnenten, die man die Tage über mit gaunerischem Vergnügen beisteuert, sei diese Kleinigkeit angeführt:

Lieber Herr Bürgermeister, lieber Herr Volsen,

leider sehe ich mich gezwungen, den Bericht des Hamburger Abendblatts vom 15.11. mit einer öffentlichen Richtigstellung zu erwidern. Mitnichten war es Herr Peters, der Vorsitzende unseres Hasenhaltervereins der Hansestadt Hamburg e.V., der den Herrn Bürgermeister auf unserer Mitgliederversammlung am 12.11. anlässlich der Vorbereitungen zu unserem 45jährigen Bestehen wegen der Kürzungen der städtischen Zuschüsse einen, ich wiederhole, »geisteskranken Hirnwichser« genannt hatte, worauf der, als ihm dieser verbale Ausrutscher zugetragen worden war, sich zu einer halbherzigen Anzeige genötigt sah – die natürlich von der Polizei sofort abgeschmettert wurde, aber auch so beträchtlichen Schaden am Ruf unseres vorbildlich geführten Vereins angerichtet hat –,vielmehr waresHerr Volsen vom HA selbst, der den Fauxpas beging, in Anwesenheit von Kollegen der Presse diese Worte in den Raum zu werfen, um damit seinem Bedauern über die nun immer schwieriger werdende Situation des Vereins Luft zu machen, der außer der Tatsache, dass aufgrund auch politisch mitverantworteten gesellschaftlichen Wertewandels die Zahl der Mitglieder seit Jahren nur mit viel Mühe gehalten werden konnte, nun durch die Stadt Hamburg eine Rechnung für seine gemeinnützige Arbeit präsentiert bekommen hat, die jede weitere Zusammenarbeit erschwert, wenn nicht gänzlich infrage stellt. Ich wiederhole: Trotz der Tatsache, dass der Vorsitzende unseres Vereins persönlichen Grund für einen solchen Ausfall gehabt hätte, müssen wir darauf verweisen, dass besagte Äußerung von Herrn Volsen, dem Autor des Artikels selbst, getätigt wurde, dem wir zwar dankbar für seine Anteilnahme und Fürsprache sind, aber mehr Rückgrat zugetraut hätten, als das er in seinem Bericht die Wahrheit derart verdreht – nach der Devise: Was einmal geschrieben steht, kann nicht mehr zurückgenommen werden. Herr Bürgermeister, vergleichen Sie einmal die Berichterstattung in den anderen Magazinen. Ich kann Ihnen, Herr Volsen, obwohl sie nicht von einer Geldstrafe bedroht sind, nur dazu raten, sich beim Herrn Bürgermeister öffentlich zu entschuldigen. Wir harren Ihrer Kommentare in der nächsten HA.

Mit freundlichen Grüßen,

Kalle Kragen
Pressesprecher des HhVdHH e.V.

Zwischendurch Colombo begegnet, dem Doppelagenten. Er überbrachte offenbar Neuigkeiten vom Feind. Mir jedoch verriet er sie nicht.
› Ungewöhnliche Finte, das muss ich sagen – das mit der Lesung, haute er einem etwas zu kräftig auf den Rücken.
› Das war eigentlich keine …, hustete man ihm in den Bauch.
Ein Augenzwinkern, als sei man eins dieser Mädchen, das man eben mal schnell an den Tisch bitten kann:
› Ein Spiel mit vorbestimmten Ausgang. Wir hätten dich auf jeden Fall hergebracht.
› Wieso sind Sie nicht gleich herausgerückt damit? Sie wollten mich von Anfang an für die AFFA rekrutieren, nicht wahr?
› Der Nervenkitzel?, tat Colombo, als wäge er Alternativen.
Man wollte es ihm heimzahlen.
› Wie fühlt es sich eigentlich an, eine umcodierte Reproduktion zu sein? Muss schlimm sein, nichts von der Vorlage zu wissen.
› Das Original ist lange passé, mein Freund, kam es gepresst höflich zurück. › Alles ist Falsifikat so oder so.
Man hätte mehr Hirnzeit für einen gepfefferten Konter gebraucht. Aber Colombo stolzierte weiter, Bericht erstatten bei Albi.

Ab und an in der Nachrichtenreverskorrektur engagiert. Dort folgende Euphemismen gerade gerückt: Statt »Das Ende des Zitterns? – Wirtschaftsentwicklung im dritten Quartal nicht so schwach wie befürchtet« hat man »Die Rezession ist da: Bruttoinlandsprodukt sank laut Statistischem Bundesamt vom zweiten zum dritten Quartal um 0,1 Prozent« weitergetickert oder aus »Embryonen sterben schon nach wenigen Zellteilungen – Fürs Duplizieren doch noch zu früh?« ein »Durchbruch im Gen-Pool: Amerikaner haben ersten Menschenabzug erstellt« gemacht. Aber auch unscheinbare Meldungen wie »Älteste Frau aus Brunsbüttel an ihrem 102. Geburtstag: ›Bin immer noch so agil wie mit 30‹« galt es in »Berühmte Brunsbüttel-Greisin nicht zum Sterben bereit ›Bevor nicht meine Krankenkassen- und Rentenbeiträge wieder hereingeholt sind‹« zurückzuverwandeln. Und bei »Einser-Schülerin holt den Sonderpreis im Wettbewerb Jugend Musiziert« konnte man sich ein »Wen kratzen schon diese Mir-fällt-alles-so-leicht-warum-dir-nicht-Weiber?Uns, die wir uns alles mit schwieligen Männerhänden mühsam erarbeiten müssen können die mal!« nicht verkneifen.

Jaja, Geschichte schreiben. Was hatten sie Bohnenkeimlinge sich damals für ein Allotria daraus gemacht, das Leben des mickrigen Dorfkollektivs tüchtig irrezumachen. Wie das so vor sich geht in den Trabantenkommunen mittelgroßer Kreisstädte: Man muss nur einmal am Morgen im Tante-Emma-Laden – heute eine Edeka-Filiale, ich erwähnte es schon – vorbeigeschaut haben, um sich für seine paar Pfennig die geschätzte Ahoj-Brause oder endlich den grünen Spielschleim zu besorgen, auch dem Gerücht nachzugehen, es gebe eine neue Wassereisgeschmacksrichtung »Weizenbier« mit 0,3 Prozent Alkohol – und man war durch Ekel-Elke, die alte Emmatante, ungewollt wieder auf dem neuesten Stand gebracht über die Sorgen und Sonderbarkeiten, Nöte und Nahrungsgewohnheiten, Unterlassungen und Untaten der Einwohner des Kaffs, uns konnte sie es ja erzählen.
Mit diesem Wissen viel es wirklich schwer, sich nicht einzumischen. Wenn sie schon nicht beim dritten Krieg der Sterne Regie führen konnten, dann wenigstens ihre eigene Galaxis beherrschen. Fast einen Sommer lang waren sie die heimlichen Imperatoren der Niederschißritzer Geschicke: von ihrer Geheimbasis im Forst aus fädelten sie die Operationen ein, die in ihrem Kaff wieder Wahrheit und Gerechtigkeit wiederherstellen sollten – was oftmals nur durch die Zerstörung von Frieden und Ordnung zu bewerkstelligen war.
Meistens war es ein Brief, der den Stein ins Rollen brachte; oftmals aber genügte eine im richtigen Augenblick fallengelassene Bemerkung, die sogleich von der intendierten Antenne willfährig empfangen wurde. Es war der ereignisreichste Sommer, den Nieder- Ober und Mittelschißritz jemals erlebten, damals im Jahre achtzig! Sie kanalisierten, verknoteten, knickten und kreuzten die Lebensstränge, flochten Schleifen und Schlaufen hinein, verschafften jedem sein Wagnis, seinen Wendepunkt und sein Waterloo. Jeden Tag eine gute Tat, jeden Tag eine gute Geschichte …
Hans Dinel, dem unvermeidlichen Dorfstreicher, bekennenden Halbinvaliden und Quartalssäufer, der immer irgendwo im Weg herumstand, um das tägliche Treiben bierselig zu mustern, verhalfen sie zu einem Lottogewinn, der niemals eingeklagt werden konnte; die Schucks und Grüntalers brachten sie dazu, ihre Fehde endlich in Handgreiflichkeiten eskalieren zu lassen: indem sie den Schuck-Hund und die Grüntaler-Katze kurzerhand entführten und jeweils beim anderen auf die Portalstufen scheißen ließen; sie stifteten eine Beziehung zwischen Anne Wollmann, der hässlichen aber hitzigen Jungfer im Klimakterium, die sie oft beim einsamen, tränenerstickten Dosedillern und Dampfnudeldrücken zugleich angewidert und neugierig durchs Fenster beobachtet hatten, und Karl Friedrich, dem kernigen Siebeneinhalbtonnerlenker mit Faible für Deutsche Schlager der 60er – und so ging es mit vielen anderen.
Das Treiben fand ein jähes Ende, als sie dem Siedenschwinger Mariechen einen Brief zukommen ließen – in jener krakeligen Schreibschrift, wie sie von ihrem Söhnchen, dem zwar scheuen, aber ständig blöd kichernden Zweitklässler, bekannt war – heute würde man ihn als entwicklungsgestörten Manisch-Depressiven bezeichnen und mit Medikamenten gegen Hyperaktivität vollpumpen, damals war das noch ganz normal in dem Alter. Jedenfalls: Einer von ihnen hatte gerade noch durch die Katzentür gepasst, um das Schriftstück auf dem Küchentisch zu deponieren.

HALLo MuddI, NABNd FAddI,
HAps sAdd HIER. ALLs Soo öd.
pIN AusGWANdERd. WüNSCHd MIR kLÜk.
LIEpE EuCH dRoTZTEM.
FRANZL

Sie hatten sich nur einen Jux machen, das tranige Einerlei der Siedenschwingers zumindest einen Moment lang, wenn die Mutter mittags von der Arbeit zurückschlurfte, um eine warme Mahlzeit für den kleinen Heimkehrer vorzubereiten, in Schwung bringen wollen; der Junge wurde ja wirklich nicht immer koscher behandelt – Zeit, der Madame und ihrem Gatten einen heilsamen Schock beizubringen.
Sie hatten Franzl nämlich beim Aussteigen aus dem Schulbus in Bayreuth dabei erwischt, wie der sich hinter die anderen zurückfallen ließ und ein bisschen herumdruckste und in einem unbeobachteten Moment die Biege machte, irgendwo auf den Wiesen bei der Eremitage einen schönen Tag zu erleben. Sie steckten die Köpfe zusammen, nahmen sich vor, die letzten beiden Stunden Sport mit der Ausrede ausfallen zu lassen, sie hätten ihre Turnschuhe vergessen, und das nächste Vehikel heimwärts zu nehmen, um noch rechtzeitig eine weitere Nebenlinie ihres galaktischen Epos einzuführen: diesen Zettel zu deponieren.
Zunächst lief alles nach Plan. Franz kehrte mittags nicht zurück, weil er auf der Wiese die Zeit vergessen hatte, wie sie gehofft hatten – und schon ging es los: Was für eine Erregung im Siedenschwingerschen Haus! Als er aber wirklich den ganzen Tag ausblieb und auch bis zum folgenden Morgen, begann die Sache heikel zu werden: Üblicherweise dauerte es ja, bis so ein Kriminalapparat in die Gänge kam, solange nicht fürchterliche Ereignisse bereits als gesichert erschienen – dummerweise hatte Franzls Mutter ein Bettverhältnis mit dem Oberinspektor, wie ihnen Ekel-Elke hinterher einmal zuraunte: Am nächsten Mittag stand das halbe Departement auf der Siedenschwingerschen Matte. Das ganze Kaff war in Aufruhr, die Grünröcke durchkämmten die Höfe und Wälder, Gerüchte wurden wie Fischlaich gestreut: Ein Fremder sei gesehen worden, nein man habe sein Gesicht nicht erkennen können, aber er habe etwas Vierschrötiges und so einen gemeinen Gang gehabt.
Sie schwiegen, wussten ja beinahe genauso wenig, wie alle. Wie schnell sich die Menschen zufriedengeben, wenn nur die Puzzleteile halbwegs zusammenpassen und das, was so aus ihnen sich bildet, der Erwartung entspricht. Der Brief wurde für echt befunden – entstanden unter dem Druck einer Entführung oder viel Schlimmerem. Niemandem fiel der Unterschied zu Franzls sonstigen schriftlichen Äußerungen auf. Nun ja, es gab derer noch nicht viele.
Am dritten Tag schließlich fanden sie ihn. Der g’schamige Hauskaspar war ein vorübergehender Kaspar Hauser geworden, durch eigenes Verschulden festgehalten im Dunkeln: In einem Bayreuther Hochhauskeller habe er mit sich selbst Spion & Spion gespielt, zum Beispiel die Autonummern aller verdächtigen Typen aufgeschrieben, die er den Tag über durch die Souterraingitterstäbe beobachtet habe – sei aber aus Versehen in einem Nebenraum eingesperrt worden, als er sich vor einem Bewohner dorthin geflüchtet habe, um der Entdeckung zu entgehen.
Ihre Verwicklung kam nicht heraus. Niemand bezweifelte, dass der Brief nicht von ihm stammte: Den Eltern traute man einiges zu – und sie sich selbst offenbar auch –, was den kleinen Rabauken zum Abhauen veranlasst haben könnte. Franzl, der nun doch mager Gewordene, bezog Prügel. Erst recht, als er leugnete. Und das mit dem Oberinspektor kam nun natürlich ans Licht. Der Vater beantragte die Scheidung, die Mutter zog zu ihrem Uniformierten nach Bayreuth, der Sohn blieb beim Papa, der die Woche über auf Montage fuhr.
Alles in allem hätten die Dinge schlechter laufen können. Mit dem Überstehen dieser Geschichte waren wenigstens die Lügen dahin, die Frontlinien einmal gezogen, der frühe Schritt zur Mannwerdung getan. Manche warten mit fünfundfünfzig noch auf so ein Ereignis. Heute arbeitet er bei VW, hat eine kleine Familie, ein abbezahltes Eigenheim am Stadtrand, ich würde sagen – er hat es geschafft!
Ich könnte das jetzt anders aufschreiben, tu’s aber nicht:
Für Oliver jedoch hörte der Spaß auf. Er wollte kein Imperator mehr sein, sich nicht mehr originell in die Lebensgeschichten der Leute einschreiben, er machte den Judas. Obwohl sie beste Freunde blieben, hatte diese Geschichte eine Weiche gestellt: Oliver ging Rolands vorgezeichneten Pfad zur Geistes- und Geschichtswissenschaft nicht mehr mit.

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