dezembe.doc

Autor:                Roland Iobst
Ort:                  c:/eigene dateien/texte/2001/
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Es muss hier hindurch. Hinübergehen muss es doch, irgendwo auf die andere Seite, hinter den Spiegel. Die Öffnung selbst herbeischreiben, in die ich mich einnisten kann, zwischen Vorder- und Rückseite? Der Türhüter, den ich bestechen muss, der richtige Schluss? Die Durchschrift durchschreiben, bis irgendwo die Ränder aufweichen zerfransen, der Zellstoff die Pixel sich auflösen und Durchlass gewähren. Nichts durchstreichen.
Was passiert auf der Kehrseite des Bildschirmblattes, während ich darauf notiere? Den Fingerabdruck durch die Tastatur hindurch den computergenerierten Zeilen aufprägen, bis sie sich auf dem Rücken herausdrücken; Spuren legen, Profil hinterlassen; sich abschreiben.
Tapeten wechseln, mal wieder. Die Havarien im Schlepptau endlich abkappen von mir.
Wer der Verräter? Na? Wer sonst, sieh’s endlich ein! Weiß nicht, wie sie an die Hinweise gelangten, aber wie anders sollte die AFFA aus der Deckung gebracht worden sein. Was immer FAF vorhat und AFFA dagegen zu tun gedenkt, wo immer die Zeitbombe tickt – es hat mit mir zu tun. Ich soll ihnen eine Urschrift rekonstruieren? Falsch! Mir wollen sie an die Genompartitur, den Ursprung abscannen. Nur ich kann es beenden.

Den Entschluss unterbreitet, von Albi Verständnis erhalten. Er weiß, was ich vorhabe. »Dich ihm allein stellen musst du«, höre ich eine andere Version von ihm sagen.
› Dabei hättest du, als der einzige Grübler hier unten, die Keimzelle eines Anti-Hofakademie-Departements bilden können!
Die Beine baumelten vergnügt. Mehr hatte der Gegenkönig zu dem Fall nicht zu sagen.
Er ließ mich hinab zu den Wasserspeichern führen. Der Schatz lagerte funkelnd in rot-gelblich schimmernden, niedrigen Bogengewölben. Beispielloses gab es zu heben: Neben dem von Albi erwähnten Müllschmuck, den historischen Münzen und Aktienanteilen lagen Vereinspokale aus Silber und von Intarsien abblätternde Blattgoldspäne und Perlmuttern herum; eine Ecke steckte voller Mineralen; kleine Hügel aus Glimmer, Feldspat und Quarz hatte es, aber auch Katzengoldklumpen und einige seltene Sulfide, Silikate, Sulfate, Landschaftsmalereien aus Großmutters Kate sowie jede Menge Uniformen und Waffen aus den zwei Weltkriegen und noch vielen Gemetzeln davor.
Das kann man bei den richtigen Leuten mit der richtigen Gesprächsführung richtig zu Geld machen. Sich zwei überquellende Eimer abgezweigt – dieses Problem schon mal gelöst.

Die letzten Nachrichten: »Ist die Neue Mitte einfach schwer von Begriff – Kulturnation von den Schülern blamiert« statt »Deutschlands Nachwuchs schneidet bei PISA-Vergleichsstudie im Mittelfeld ab« und »Im November 3,93 Prozent ohne Arbeit, 17.000 mehr als im Vormonat« statt »Neue BA-Meldung: Zahl der Arbeitslosen stagniert auf hohem Niveau«.

Letzte Arbeit für Otto – diesmal an die Adresse eines echten Leserbriefautors:

Sehr geehrter Herr Lichte,

vielen Dank für den offenen Brief im Betbruder, dem unabhängigen christlichen Wochenblatt. Sie werden verstehen, dass wir Ihrer wichtigen Beschwerde direkt antworten möchten. Leider sehen wir für eine rasche Umsetzung derzeit keinen Spielraum in unseren Etats. Wir möchten uns jedoch ausdrücklich für die entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldigen. Im Übrigen brauchen Sie eine Ahndung wegen unbefugter Behandlung von Bahnhofseigentum nicht zu befürchten, im Gegenteil: Aufgrund der desolaten Finanzlage sind wir gerade auf private Initiativen wie Ihre angewiesen. Lassen Sie es mich mit einem Wort aus der Enzyklopädie des nutzlosen Zitats sagen: »Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden« (Volksmund). Vielleicht können Sie noch einige Bekannte aus anderen Städten für ihr Anliegen begeistern? Wir würden es begrüßen, wenn ihre Aktionen weiterhin nachts, etwa zwischen 3:00 und 5:00 Uhr, durchführten, um den reibungslosen Ablauf des Reiseverkehrs nicht zu gefährden und unnötige Nachfragen zu vermeiden. Wir werden im Gegenzug umgehend unser Personal verständigen, Ihnen freie Hand zu gewähren. Seien sie sich unseres Dankes und unserer Unterstützung bei ihrem Projekt, die zahlreichen stillstehenden Uhren an den deutschen Bahnhöfen eigenhändig mit frischen Batterien zu versehen, versichert.

Mit freundlichen Grüßen,

Der Vorstand der Deutschen Bahn AG

P.S.: Anbei eine Bahncard erster Klasse als bescheidene Anerkennung für Ihren Einsatz. Sie dürfen uns im Falle weiterer Beschwerden übrigens gerne direkt anschreiben, damit wir ihr Anliegen zügig bearbeiten können.

Abschied von Albi, Jammer bei Jadschudsch und Madschudsch. Zwei Bubis trugen den Zwergenkönig in einem zerfledderten Kindersitz aus einem Autowrack durch die Kanäle. Seine Beine strampelten wie wild, aber die Augenringe verrieten: nicht wegen mir. Jadschudsch und Madschudsch steckten wie immer zusammen wie zwei Flügel an einem Insekt. Mal wieder werden Daumen gedrückt und Hände gequetscht.
› Diesmal haben wir keinmal nichts, das wir dir mitgeben könnten, bedauerte Jadschudsch. › So völlig unvorbereitet. Muss wohl ohne Hilfsmittel gehen diesmal.
› Dass du gar nicht vorgesorgt hast, knuffte Madschudsch den Bruder.
› Bin ich Requisiteur? Du kümmerst dich doch sonst ums Interieur.
› Eben! Weil du Reimwicht –
› Ich komme klar, ging ich dazwischen. › Besorgt ihr euch endlich ein Haustier. Und ein letzter Versuch Richtung Albi: Eine Bitte hätte ich noch.
Albi. › Du wirst es herausfinden, gab er die Antwort. Geh du deinen Weg. Wir halten hier weiter die Stellung.
Die Lider zuckten nervös. Er steckte sich eine frische Roth-Händle an, die Zwillinge machten betriebsame Augen. Kam mir vor, wie Der Letzte Mohikaner oder Charles Bronson’s Harmonicaaus Once upon a Time in the West, der dem finalen Duell entgegen reitet, das selbst bei glücklichem Ausgang die Ankunft der neuen Zeit nicht verhindern wird. Warum waren solche Szenen immer so erwartungsgeschwängert? Wieder die alte metaphysische Sehnsucht? Hoffentlich wird die Blase nicht zu früh zum Platzen gebracht. Ade.

Erneut durch die Tunnel und Schächte und Kammern geführt, kapuziert wie ein Mönch, man kann nie wissen.
Es ist nicht der Weg meiner Herkunft, versicherten meine Begleiter, das Ziel aber, der Ausgang, sei in der Nähe meines damaligen Einstiegs. Nach einer Stunde ging es einen langen Gang schräg hinauf, wir überwanden viele Meter Höhenunterschied. Eine Stahltür wurde geöffnet – Menschenlärm schwappte durch verwinkelte Ecken gebrochen heran. Die Kopftüte gelüftet, der Zugang schlug hinter mir zu: Ich stand inmitten des Alexanderplatz-Bahnhofes.
Niemanden aus der Menge interessierte das Auftauchen aus der Nische unter der Rolltreppe, der in abgegriffenen Klamotten verkniffen ins Licht blinzelnde Mann vor der Tür mit der Aufschrift »Kein Durchgang«, die glückliche Rückkehr aus Utgard. Die Nacht der lebenden Toten war Tagesgeschäft auf Schritt und Tritt.
Ein kleines Ausstellungsarrangement in abgeschiedenen Glasvitrinen, die kein Geschäft anmieten wollte, rief es in Erinnerung: Alex lange zentrale Baustelle Berlins, hier sollte einmal der größte Kreuzungsbahnhof entstehen. Könnte ich jetzt auch mit Döblin belegen, erspar’ ich mir aber.Die Ausstellung klärt auch so genug auf: In die Baugrube eines nicht ausgeführten Hochhauses hatte man einen Tiefbunker eingelassen; auf zwei Etagen Schutz für dreitausend Mann. Rampen führten hinab, Verbindungstreppen als Fluchtmöglichkeit zur U-Bahn und angrenzende blinde Tunnel wurden nach Luftschutzauflagen verbaut. Gewirr der Anlagen reicht bis zu zwanzig Meter ins Erdreich, selbst für Kapazitäten auf dem Gebiet kaum überschaubar. Unterster Bahnsteig, zwei Etagen tief in der Erde, galt als unbedingt sicher. Insgesamt Schutz für zehntausend, bei Fliegeralarm sofort Anziehungspunkt für den gesamten Nordosten – und das alles gleich bei mir um die Ecke. Hier stand man also. Im kaum gekannten Zuhause. Es war der 5. Dezember.

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