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Zwanzigster Dezember. Draußen vor dem Fenster gleiten die Landstriche vorüber, als befände sich dort nur ein bewegter Prospekt. Wir rücken vor, treten aber doch auf der Stelle, haben keinen Körperbezug zu unserem Fortkommen. Die Blende wird schmaler. Der Flug durch den Zeittunnel ins Herz der Helligkeit, der Sprung durch die Lichtmauer nach Omegaville.
Die letzten Tage war es einfach nur kalt gewesen – kaum aber passiert der Zug Rhön und Thüringer Wald, der ellenlange Stau auf der A9 hat es schon angekündigt: kommt die vierte Jahreszeit mit Macht auf uns herab. Von hier in der Heimat bricht Kali zu ihren Eroberungen auf, hier hat sie el lenguaje muerto zum Statthalter ernannt: die Macht, die alle Welt ausradiert zu einem unbeschriebenen Blatt.
Es schmerzt hinaus zu schauen, aus dem Fenster ins grell blitzende Weiß, das Autos Schilder Laternen unter sich zu begraben ersticken droht, dass es einem immer stärker so vorkommt, als sei nicht die Bewegung, sondern die Zeit selbst zum Stillstand gekommen.
Zum Glück ragen immer wieder Landmarken heraus: Bäume, unter der Last wie Streichhölzer geknickt; Verwehungen auf den Landstraßen, die mühelos anderthalb Meter erreichen; Karambolagekunstwerke aus Leitplanken und Blech, auf die das Blaulicht der Sanitäter und Polizei aufmerksam macht; Unimog-Streufahrzeuge, die nur noch eine erbärmliche Salzmenge verspritzen; immer wieder Schneeschleudern, Kipper und privat geliehene Lastwagen, sisyphusische Monstermaschinen, die sich daran abmühen, die Schneemassen aus den Ortskernen zu schieben, während hinter ihnen alles sogleich wieder zugeweht wird.
Das Zugradio gibt Auskunft, so etwas hat es in Nordbayern lange nicht mehr gegeben: An den Straßen in Frankenwald und Fichtelgebirge türmten sich die Berge mehrere Meter hoch. Dank Tief Laurin neu hinzugekommen 24 Zentimeter in Nürnberg, 26 in Würzburg, 37 in Hof, 39 in Weiden. Auf der Zugspitze2,65 Meter, auf dem Großen Arber im Bayerischen Wald 2,10 Meter; im Berchtesgadener Land minus 45 Grad: Temperaturen wie am Nordpol. Ganz Frankonia ein Wintersportgebiet. Hunderte Mitarbeiter vom THW, Malteser Hilfsdienst, der Bergwacht und Bundeswehr im Dauereinsatz gegen die Katastrophe. Vorhersage für den Jahreswechsel: 20 Grad minus.
Ein Ruck zuckte durch die Waggons wie eine mächtig irrgelaufene Darmperistaltik. Nothalt. Der Beweis, dass wir unterwegs gewesen sein mussten, bis jetzt. Aber ob Weichen festgefroren sind, Bäume blockieren, der Strom fehlt – was immer der Anlass ist, wie üblich hält die Schaffnerin ihren Durchruf knapp: »Die Weiterfahrt wird sich verzögern, bitte verlassen Sie nicht die Waggons.«

21. Dezember, frühmorgens. Ankunft, endlich. Die ganze Nacht über festgesessen. Nach vier Stunden ohne Veränderung außer der ausgefallenen Heizung, hab ich es irgendwann einfach getan: Bin bibbernd von Bord gesprungen, wie andere vor mir, und weitere zwei Stunden nachts um halb elf durch den Wald gestapft, mit den zwei Eimern, Muhammadmusa II. und einer Reisetasche bis zum nächsten Kaff, wo zum Glück noch ein Taxi aufzutreiben war. Zwar kam das nur im Kriechgang vorwärts, musste ich einige Umwege in Kauf nehmen, weil sie die Kreisstraßen im Umland nur noch an besonders gefährdeten Abschnitten streuten, aber wenigstens gab es kein Problem mit Weichen oder Strom.
› Das macht 180,26 genau, hielt der Taximann lakonisch die Hand auf.
Durchgefroren wie eine Gans aus dem Vier-Sterne-Fach, Rücken und Arme ausgeleiert von den Gewichten, die ich zu schleppen hatte, die Hornhaut am Fuß aufgeweicht von der nächtlichen Wanderung, dass man Angst haben muss, die Nägel könnten jederzeit abfallen, wollte ich dem Kerl am liebsten … Was ändert’s, er machte nur sein Geschäft.
Ich stellte ihm einen der Eimer auf den Beifahrersitz.
› Der Rest ist für Sie.
Bevor er protestieren konnte, war ich hinter dem Schneevorhang verschwunden.

23. Dezember. Zurück im Reiche Frankonias, aufs Neue hinein ins feindliche Lager, wo mich jederzeit jemand mit einem hohen Kreischen verraten kann, wie die Außerirdischen in Die Körperfresser kommen.
Zurück an der Quelle: dem Mehrstromland der unversiegbaren Flussadern zwischen sanft geschwungenen Mittelgebirgslandschaften, an deren Wölbungen sich charmante Fachwerkdörfer und selbstgenügsame Altstädte mit ihren Heilbädern anschmiegen. Wo bei Schweinsbraten und Weizenbier noch dem feudalen Burgleben, dem Prunk des Barock nachgeeifert wird. Wo kein städtisches Zentrum alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wo fast die Hälfte der dreißigtausend Quadratkilometer Fläche in insgesamt neun Naturparks eingebunden sind. Wo WWW noch ein Kürzel für Weinberge, Würstel und Wald darstellt oder – soziologisch gesehen – für Werte, Wende und Wandel. Wo das Mekka der niedrigen Lebenskosten gleichermaßen Senioren und Neureiche wie Junggebliebene und Geringverdiener anzieht.
Bis zum Ende der 80er lag es am Ende der Welt. Die Bauern vorm Stacheldraht: Zonenrandgebiet hieß das damals. Kurz nach der Wende hatte es Hoffnung gegeben für diesen Landstrich, in den der Freistaat angeblich unablässig Kapital hineinpumpte, das jedoch bereit auf den ersten Hopfenfeldern an der Grenze mit der Jauche versickert zu sein schien. Erst stürmten die Konsumdefizitären die Kaufhäuser, um sich ihr neues Westgefühl mit nach Hause zu nehmen, dann besetzten sie mit Elan auch noch diejenigen Arbeitsstellen, die hier keiner wollte. Umgekehrt stand den hiesigen Unternehmen drüben mit einem Mal ein Pionierland für Einkaufsmärkte aller Art zur Verfügung. Wer am meisten versprach, kriegte es auch.
Der Boom war nur ein Strohfeuer – seit Mitte der 90er kippten sämtliche Statistiken wieder nach unten; Keramik und Textil gingen vor der neuen Ostkonkurrenz in die Knie. Zwar kommt kaum ein Auto auf den Straßen der alten Tante Europa ohne Einbauteile von hier aus. Zwar liegt die Region in Sachen Radfahren im Bundesvergleich ganz vorne dran, gilt immerhin als die zweitbeliebteste. Zwar leben die hier Ausharrenden geographisch gesehen in der Mitte Europas, weil das Gebiet vom Mittelmeer genauso weit entfernt ist wie von der Nord- oder Ostsee. Dennoch bleibt die Tatsache: Wo man nur über holprige Landstraßen an die Peripherie gelangt, ziehen die Ureinwohner lieber fort, um die Ballungszentrengeplagten ihre grüne Idylle stürmen zu lassen: Neun Millionen Mark erwirtschaftet auf diese Weise der Frankentourismus.
Meinen Eltern ist das alles egal. Froh, mich wieder hier zu haben, bestechen sie mich mit »Baumwollenen in Pelzkappenbräih.« Beruhigend, irgendwie.

24. bis 26. Dezember. Sinnlos, für die Feiertage hier etwas einzutragen. Die Rituale sind bekannt. Ich lasse es ergehen über mich, nehme die stummen Vorwürfe schweigend entgegen und habe hinterher meine Ruhe.
Über den DVD-Player, den ich als Geschenk mitgebracht habe, immerhin haben sie sich gefreut. Auch wenn Sie ihn nur einzwei Mal im Jahr benutzen werden.
Zugegeben, ich bin neidisch auf meiner Eltern und Oma Annas Weigerung, jede neueste Mode mitmachen zu müssen. Ihre Haltung ist nicht lediglich eine Reaktion auf das historisch einmalige Abgehängtsein ihrer Generationen an jenem Punkt der exponentiellen Entwicklung, ab dem die Kurve rasant steiler zu verlaufen begann – sie ist begründete Überlebenserfahrung. Ein letztes Zuhause für mich.
Und ach so, apropos: Selbst Papas Leukämie hält für einen Moment andächtig inne. Vergiss, was ich gerade geschrieben habe, er will vor seinem Abgang durchaus noch was Neues mitmachen: Ich versuchte, seinen ersten Rechner zum Laufen zu kriegen und ihm zu erklären, was er nun alles damit anstellen kann. Erforderte wahre Fahrlehrergeduld! Dabei stürzte ich mich nur aus einem Grund so hinein: Aus Angst, unsere sonst einsetzende Sprachlosigkeit könnte offenbaren, wie wenig unsere Welten sich noch berühren. Ich will niemandem wehtun. Am wenigsten mir. Vielleicht ist das ja das Problem.
Wo bleibst du? Wo hast du Deinen Thronsaal? Wann wirst du dich duellieren mit mir? Alles lauert auf das Durchschlagen des Knotens, die Luft knistert vor Wollpulloverelektrizität, draußen quietscht jeder Schritt.
Matts Spiel in der Arena ist im Remis: Den Trojanischen Krieg und das Liebengestirn haben schon andere besungen; Jonny-in-der-Toilette wird bald die nächste Fliege nachfolgen; Moritz bleibt ewig verschwunden, wie in Schwefelwasserstoff aufgelöst; Heggert ruft noch immer von irgendwoher aus dem Gebirge nach mir; die Königin von Saba verzehrt sich mehr und mehr nach dem Morgenlandbuch, je weiter es sich von ihr entfernt – und Archäologiestudent Barthelmess gräbt weiter nach ihrem Palast, als zwar früh eingeführte, aber sträflich unauserzählte Figur; die Enzyklopädien verweigern, weitere Einträge aufzunehmen; Lene und Paul können nicht weiterspielen, solange sie schwanger ist; der Prof. wird die Kontaktlinse auch in seinen Ausscheidungen nicht finden; Herr J. weigert sich einfach, die Zelle zu verlassen; Dr. med. — möchte so gerne einen zweiten Versuch unternehmen – und Frau Neumann benimmt sich immer noch seltsam.
Die Heere haben Stellung genommen – wer bläst ihnen zum Angriff?

27. Dezember. Dies soll es also werden, das letzte Gefecht; die endgültige Konfrontation von Materie und Antimaterie, Elektronen und Positronen, Protonen und Antiprotonen.

Jesaja 34, 4:

»Die Gestirne zerfallen und der Himmel rollt sich ein wie eine Buchrolle.«

Du willst es so, willst endlich ein Ende finden, eine Seite zum Sieg geführt sehen. Wie den zweiten Urknall verhindern?

28. Dezember. Wieso eigentlich kannst du mit den Namen herumflunkern? Weil du zugleich ihr Entdecker bist.
Sieglinde die Gattin von Siegmund, die Mutter von Siegfried. Mund, Sieg, Frieden und Linderung. Oder Linde, der Baum? Selvaggia, das ist italienisch und bedeutet »die Wilde«. Das Wort kommt dreimal vor – wo? Sieglinde gibt einen Fingerzeig: Im Lohengrin-Libretto, erster Aufzug, erste Szene, zweimal mit einem Ende, das dritte Mal mit einem Ruf verbunden:

»Pure a me, capo dell’Impero, necessariamente convenne
escogitare una fine ad onta sì selvaggia;«
(»Doch mir, des Reiches Haupt, musst es geziemen,
solch wilder Schmach ein Ende zu ersinnen;«)
»Spirato ormai è il termine, e il tributo si nega…
e s’arma il nemico con minaccia selvaggia.«
(»Zu End ist nun die Frist, der Zins versagt, –
mit wildem Drohen rüstet sich der Feind.«)
»Confusione e selvaggia contesa mi si fa manifesta;
e perciò io ti chiamo, o Federico di Telramondo!«
(»Verwirrung, wilde Fehde wird mir kund;
drum ruf ich dich, Friedrich von Telramund!«)

Hab mal wieder nicht schnell genug mitgedacht. Dahin rufst du mich – zum Wahnfried! Und seinem Archiv …
Fehlt nur noch der Zeitpunkt.

29. Dezember. Das mit dem Sprengstoff hat nicht funktioniert. Hatte mir vorgestellt, wie ich dich drankriege: Ich hätte meine Aufzeichnungen, dein Desiderat ausdrucken und im Kopierladen zum Buch binden lassen. Das Papier eine Spezialanfertigung, nach meinen Anweisungen hergestellt von der AFFA, mit einer Chemikalie getränkt oder ganz aus ihr gefertigt. Käme es in Kontakt mit einem einzigen Wassertropfen, brächte die Reaktion eine blaue Stichflamme hervor, die das ganze Werk und denjenigen, der seine Nase hineinsteckte, binnen Sekunden zu Asche verbrennte. Ich hätte dich nur zu nassem Gelächter oder Geheul bringen müssen, um das zu vernichten, worin ich selbst vorkomme, und dich mit dazu. Im Nebel begann es und endet im Feuer. Auch dafür hatte ich die letzten drei Monate berichtigt – damit du es akzeptierst, es dir eine Träne entlockt, sei es meiner Unbeholfenheit wegen.
Das Papier ist nicht das Problem – wohl aber die Chemie: Ich bekomme sie einfach nicht richtig zusammen.
Sowieso wärst darauf vorbereitet, nicht wahr? Hast ja bisher alle meine Spuren verfolgt.

Dein Schweigen verrät dich.

Es war niemals nötig gewesen, mir meine Aufzeichnungen von Oliver 2 abjagen zu lassen. Nur ein weiterer Versuch, mich bei der Stange zu halten, damit ich die Aufzeichnungen zu Ende bringe.

Das ist es doch, was du willst? Die Rolle der Runen? – besitzt du bereits. Die Quelle? – war gestern. Jetzt verstehe ich: Nie war es darum gegangen, an die erste Schrift zu gelangen. Die Letzte, die ist das Ziel, die Letzte! Das andere Ende der Stafette begehrst du, den sicheren Beweis für ihr Zu-einem-Ende-Kommen, die Chronik deiner Zerstörung, verfasst von meiner Hand – das möchtest du von mir empfangen, Eisheilige Kali: Das Buch, sie alle zu enden.
Das Gesuchte war vom Beginn der Ermittlung an da, offen lag es vor mir: nur noch nicht fertiggestellt. Colombo hatte es mir gesagt.

All die Stolpersteine nur die heimlichen Wegweiser hierher.

Ich halte el lenguaje muerto in Schach: Der mystische Anfang, auf den die Bücherstafette verweist – er enthält nichts als diese selbst. Schwarz auf weiß: Muspel brennt Nifl die Zeichen ein, Nifl stellt dafür den Hintergrundraum. Menetekel – die brennende Schrift an der Wand. Ohne einander bedeuten sie nichts, nur zusammen bilden sie eine unendliche Fraktur. Den Algorithmus eines Fraktalmusters.
»Run«, das heißt auch: Geheimnis.
Nun, ich habe das Rätsel gelöst – wie geht es weiter?
Was sagst du? Eine Konsequenz muss noch gezogen werden, dann erst kann es in dein Archiv, deine Bibliothek eingestellt werden?
Wann ist es endlich soweit?

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