dezembe.doc (3)

Elfter Dezember. Sollte mich rüsten, ein Druckmittel muss her. Wenn man Ihm gegenübertritt, braucht man etwas, damit er nicht umhin kann, die Sache zu stoppen. Konsequent sein, auch mit sich selbst. Noch einmal Fight Club ansehen. Wie war das noch? Was zur Herstellung nötig ist, ist vor allem Fett, viel Fett. Das bekommt man auf den Hinterhöfen der Schönheitskliniken.

[Schon geschehn.]

Gib mir nur einzwei Tage Zeit, Arni. Oje, dich hab ich in der Zwischenzeit völlig vergessen. Du weißt, ich schreibe das alles für dich; den Stärkeren von uns beiden, vergib mir die Unhöflichkeit.

Zweidrei Kinderchemiekästen kaufen und einmal bei den Pillenkontakten anfragen? Muss möglich sein, das selbst herzustellen!

12. Dezember. Es klopfte an der Tür. Obwohl zuletzt nie Gutes über die Schwelle wollte, verleugnete ich mich nicht.
Dieser Besuch überraschte allerdings: Dem Ornat, dem Scheitelkäppchen und roten Birret nach ein Kardinal; an seiner Seite zwei mindere Geistliche, mit denen er auf Italienisch um die Wortführung stritt.
› Ja, bitte?
› Sind wir hier richtig bei Iobst, Roland?
Der Kardinal übertönte seine Untergebenen mit einem deutschen Akzent, diese verstummten.
› Derselbe.
› Hier meine Karte.
Er zückte ein blütenweißes Papier mit dem Wappen des Vatikanstaats: »N. Staudinger, Kardinalsdekan«.
› Wir möchten nicht stören.
(› Scusi, scusi, fielen die zwei Italiener wackeldackelnd ein.)
› Bin vor Jahren ausgetreten und habe nicht vor, wieder zu den anderen Schafen zu stoßen, spende nichts und will kein Abonnement. Die Geschäfte gehen wohl nicht mehr wie früher? Dass die Kardinäle jetzt schon selbst –
Er ignorierte meine Analyse.
› Nicht nötig, uns hereinzubitten (› Scusi, scusi, fielen die zwei Italiener wackeldackelnd ein), wir überbringen nur eine Nachricht.
› Und?
› Er möchte sie kennenlernen. So in zwei Stunden, würde Ihnen das passen? Das kommt überraschend, ich weiß. Für Sie genauso wie uns, kann ich Ihnen versichern.
› Wer in Gottes Namen möchte mich kennenlernen?
› Genau der: Der servus servorum dei, der Knecht der Knechte Gottes, der Pontifex Maximus, gepriesen sei er: Der heilige … nun ja, Vater.
› Sie meinen: Der Papst?
(› Papa, si, Papa, si si, scusi, fielen die zwei Italiener wackeldackelnd ein.) Der Kardinal drohte ihnen mit erhobenem Zeigefinger.
› Er ist auf der Durchreise und nur kurze Zeit in der Stadt. Ihnen wird eine Schweigepflicht auferlegt, das soll nicht an die Medien. Missachtung wird Ihnen behördlichen Ärger einbringen. Er möchte kein Aufsehen erregen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht – er wartet im Adlon auf Sie.
Der Kardinal bellte seine Lakaien zusammen wie ein tasmanischer Teufel und schon war’n sie entschwebt. Es klingelte in meinem Kopf: helle Stimmchen, die summten und sangen, als falle heute Weihnachten und Ostern zusammen. Ich stand noch immer ölgötzenblöde im Türrahmen herum, als mein persönlicher Dämon die Geflügelten endlich verjagte.
Eigentlich passt es nicht in meine Planung. Bin nicht darauf vorbereitet, ihm jetzt gegenüberzutreten. Aber sicher – wer sonst? Dem Dreifaltigkeitsderwisch wird man was bieten! Töte den falschen Buddha … Ich werde meinen Konfirmandenanzug anlegen und die Mikrowellenpistole einstecken, die die AFFA mir überlassen hat, für alle Fälle.

Und so, lieber Arni und Muhammadmua, trug sich die Begegnung zu: Zur verabredeten Zeit stand ich pünktlich im Adlon zur Abholung bereit. Cholerisch wie an meinem ersten Tag alleine im Kinderhort. Gerade noch Zeit, Raoul an der Rezeption dingfest zu machen.
› Hab ich dir das zu verdanken?
Er wollte etwas erwidern, als bereits der Kardinal in den Raum glitt.
› Danke, dass Sie seiner Heiligkeit Bitte entsprechen. Folgen Sie mir.
› Wie kann man da Nein sagen.
Ich wurde an einem Heer Sicherheitsbeamter und Geistlicher vorbei einige Stockwerke höher zu einer Suite geführt. Davor standen die obligatorischen Jungadjutanten, die Pendants zu Albis Gefolge. Natürlich untersuchten sie mich und entdeckten die Waffe, ich sagte:
› Nur ein Spielzeug für meinen Neffen, ich wollte es ihm nachher noch vorbeibringen. Hier sehen Sie.
Ich forderte den Adjutanten auf, die Wand anzuvisieren und abdrücken. Nichts passierte.
› Peng! Hehe. Sehen Sie, nicht einmal Platzpatronen.
Ich bekam sie wieder. Dachte, das würde der schwierige Teil werden. Benutzen die diese Knarren nicht selbst? Man öffnete mir die Tür – und ließ uns glücklicherweise allein.
Tatsächlich. Der Nachfolger Petri: Johanna II. Ich kniete nieder vor ihr, küsste den Ring an der Hand, wie ich glaubte, dass es sich gehört.
Sie saß vor einem knisterflackernden Bildschirmkamin, in einem Spezialschaukelstuhl mit verlängertem Sitz um das Herausfallen zu hemmen. Friedlich wippte die Alte vor und zurück und strahlte mich aus dünn-grauen Haarsträhnen an, die wie Insektengespinst unter ihrer einfachen Mitra hervorkrochen. Den Stuhl hatte man ihr verschafft, damit sie ihrer altersbedingten Gleichgewichtsstörung nachgeben konnte, ohne auf die Nase zu fallen.
Ich schwieg voller Erwartung, wagte es kaum, der Herrin aller Meister in die Augen zu schauen aus Furcht vor den Offenbarungen, die wie Laserstrahlen herausschießen könnten. Es begann ein mentales Duell: Wer zuerst mit der Braue zuckte, hatte verloren.
Wichtige Worte brauten sich in ihr zusammen und schienen sich nach oben in Richtung Stimmbänder zu arbeiten, während die knochigen Finger ihrer Linken mir anklagend entgegenstocherten: ein auf menschliche Größe komprimiertes fiat lux schwang sich in ihr ein, das Ozeane zum Kochen und Feuer in quadratische Form bringen könnte.
Und als das göttliche Wort endlich aus ihr entwich wie aus einem unvorstellbaren sechsdimensionalen Ballon – entpuppte es sich als Luftblase, als kardinaler Rohrkrepierer sozusagen: Der Laut fiel ihr zu Füßen auf den kostbaren Teppich, zu kraftlos, es bis zu mir hinüber zu schaffen. Mama Petri zappelte wilder mit den Händen herum, als wollte sie mich mit den Nägeln aufspießen, das ganze Gesicht kräuselte sich vor Anstrengung ein, mich näher an sich heranzuwinken. Ich blieb trotzdem auf Abstand, hier war die Luft frischer. Sie wollte etwas haben von mir, wollte sie etwas haben? Erinnerte mich an Laurel und Stan: MMMUUUUPPPP. NNNNNFFFFLLLL.
Ach so, klar, was alle wollen: Unterhaltung bekommen, die Lach- und die Sachgeschichten, jaja. Ich fing an zu erzählen – Silvester 2001, das wird ihr gefallen, ist nicht ganz jugendfrei.
Sie schien zufrieden. Man konnte die Knorpel quietschen hören, als sie wieder in sich zusammensackte, um meinen Worten zu lauschen. Noch bevor ich aber zur ersten tragischen Wende kam, war es wieder passiert: Der Kopf rutschte zur Seite, sie dämmerte weg.
Draußen warteten der Kardinal und die zwei Italiener.
› Wie war es?
› Sie ist auf dem Zenit ihrer Kräfte.
› Was hat sie gesagt?
› Oh, sie hat mir ein wenig von sich erzählt, ihrer Jugend – den kleinen Ferkeleien in der Schuldusche und dem Trick, wie man immer gute Noten bekommt –, aber auch von ihren Plänen für die Zukunft: wie sie einen Kräutergarten und sich mit den Nachbarn anlegen wird, wenn sie erst in Rente ist. Ihr war ein wenig nach Beichte. Wollte mal wieder mit einem Saukerl wie mir zu tun haben. Gönnt ihr jetzt einfach einmal für eine Viertelstunde was Gutes und schiebt ihr ein paar Playgirls unter der Tür durch – auch die disziplinierteste Dauerläuferin muss sich mal abreagieren.
Ich stapfte davon, der Dirigent mit dem Taktstock, ein ratloses Orchester zurücklassend. Unten hatte Raoul mir einen Zettel hinterlegt, seine Schicht war vorüber.

»Bin’s nicht gewesen. Er muss dich vorgestern in meiner Begleitung gesehen haben. Sein Kardinal hat sich nach dir erkundigt. Was hat er gewollt?«

Nichts, lieber Raoul, nichts. Das ist etwas, das selbst du nicht verstehst. Er war eine Sie – Johanna. Sie hat etwas in mir gesehen, jedoch brachte sie es nicht über die Lippen.
Er aber wartet noch irgendwo da draußen.

Traumnotat Ende?

14. Dezember. Kann ich dich einfach herbeirufen? Jaja, ich kenne dich länger, als du es wahr haben willst.

SCHÖNE TODE IV: MATT
 
I://Hier jetzt, an der Peripherie der Arena, liegend halb auf dem Gehweg, halb auf der Straße, der linke Fußknöchel im Gitterstabgriff einer Rinnsteinvertiefung, aus dem Gelenk gedreht durch den Schwung meines Laufs, der nicht auf einen Fehltritt vorbereitet war, warte ich, Matt, die Waffe, die ich niemals gebrauchte, im Anschlag, auf meinen Verfolger.

II://Hier nun ziele ich ins Dunkel der Texturen; bis hierher hatte ich mich jedes Zugriffs erwehren, jede Strategie meiner Verfolger vereiteln können: man hatte im Schatten von Mauern, Gassen und Hauseingängen gelauert; ich, Matt, war in Sackgassen getrieben worden; man hatte mich eingekreist, zu umzingeln versucht, von Dächern, Kellern, Balkonen aus auf mich angelegt – immer hatte ich, Matt, entkommen können.

III://Hier aber endet die Jagd: einer übermütigen Nachlässigkeit wegen kann ich, Matt, nicht von der Stelle … alle waren verirrt, bei dem Versuch, mich zu fassen, die Folge eines Denkfehlers, ausgelöst in ihren Gehirnen durch die Vortäuschung meiner Flucht aus den irisierenden Canyons der Arena, bei der ich, Matt, Muster hinterließ, die in Abschnitte führte, wo ich den Auflauerern auflauerte und sie irrgehen ließ; ihnen zuvorzukommen war keine moralische Frage – sondern eine Entscheidung des Augenblicks, da ich, Matt, Auge in Auge, dem ersten Verfolger überraschend gegenübergestanden … alle, nur einer nicht, waren in die Maschen meines Netzes geraten; alle, nur einer nicht; nun liege ich, Matt, der Minotaurus, gefangen in der Arena Mitte, harrend meiner Entdeckung.

IV://Hier also, in der Arena, sind nur zwei Verfolger noch übrig: ich, Matt, der nicht mehr verfolgende Verfolgte – und mein Verfolger; die Jagd ist vorbei; ich, Matt, der Minotaurus, warte auf das Duell – ein Schatten fällt auf mich herab, hinterrücks, wo ich nicht sehen, noch, wegen des Fußes, mich hinwenden kann; ich, Matt, zögere nicht, weil mir nichts anderes bleibt: schieße mit der Waffe, die ich niemals gebrauchte, blind über die Schulter, bis der Schlag ihres Bolzens das Munitionsende verrät … und noch während die Echos davonpulsieren, versuche ich, Matt, mich an den Anlass der Jagd zu erinnern, meinen Auftrag oder den meines Verfolgers.

V://Hier jedoch ist nicht der Ort der einfachen Lösungen: es streift mich sein Atem … ich, Matt, schließe die Augen in Erwartung des Schmerzes; doch wendet der Verfolger mir das Gesicht zu: »ich habe meinen Auftrag und deinen oder den Anlass der Jagd leider vergessen; meine Waffe ist leer, mein Fuß lahm, ich will es beenden« … und ich, Matt, dem nun alles klar wird, antworte: »du hast Recht, wir sind zum fünften Abschnitt der Arena, dem Ende meiner Gedanken gelangt; dein Auftrag ist erfüllt – du hast meine Fallen umgangen, um mich hier zu finden; mich, Matt, durfte nur finden, wer nicht sich verirren ließ und mir meinen Auftrag verriete … wir sollten uns treffen, auf Umwegen, hier – und ohne die anderen.«

Komm schon! Hier bin ich! Fass mich!

[…!!!]

16. Dezember. Veitinger mit dem falschen Auftrag auch nur so ein Faksimile? Oder hat man ihn gekauft für einen Anruf und dann … Ist ja nie mehr aufgetaucht, der ungewöhnliche Anlasser. Oder war das am Ende er selbst? Brächte ganze neue Aspekte ins Spiel.

17. Dezember. Harmonica, sie bricht einfach an, diese Zeit, du kannst sie nicht aufhalten. Von Frankfurt her weht der Wind: Um Mitternacht bekommt man die ersten Säckchen für zwanzig DM. Die Tage dieses altväterlichen Fetischs der demokratischen Ordnung sind endgültig gezählt.
Wie erwartet der erste Schnee gefallen, aber nicht liegen geblieben.

18. Dezember. Die Kentauren pfeifen es von den Brücken – das Geschehen wird keinen Stein auf dem anderen lassen. Alles bereitet sich vor auf das Schlimmste: Der Staat traut den Bürgern nicht mehr und legt ihnen allen das Horchgerät auf die Brust; könnte ja wer eine neue hochansteckende Bronchitis in sich tragen, ohne davon zu wissen. Besonders Studenten erscheinen ihm jetzt gefährlich, die machen so viele Auslandssemester, wer weiß, was die von dort einschleppen. Die Märkte zittern und ziehen sich gleich Schnecken zurück in ihre Häuser; die Indikatoren wissen nicht mehr, wofür sie noch stehen; es wird nur noch das Nötigste gekauft, das aber auf Vorrat. Nur die DVD stemmt sich tapfer gegen den Trend. Hab mir welche gekauft, altes Zeug meistenteils: Des Teufels Saat, Wargames, Starfighter und EXistenZ.

S…, ich weiß, dass es dich noch gibt, irgendwo. Du warst ihr Lockmittel, bist jetzt die versprochene blaue Belohnung. Aber es ist, wie du gesagt hast: Ich kann Ihnen nicht geben, was sie verlangen. Ich muss es anders beenden, endgültig. Werden wir uns vorher noch einmal sehen, wie damals in Bayreuth?
Rascha, oh Rascha, es tut mir so leid.

Jetzt bleibt er am Boden liegen, der Schnee.

19. Dezember. Beantwortete endlich die seit Wochen lauernde Frage der Eltern, ob ich denn Weihnachten käme? Mehr trauen sie sich nicht, von mir wissen zu wollen. Sie ahnen natürlich, dass das mein dauerndes Beschäftigtsein keinen Broterwerb meint – die Vorwürfe aber heben sie sich auf bis zum Freudenfest.
Ich will nicht undankbar erscheinen. Denn erst jetzt wird mir klar, dass meine Eltern noch immer eine Fernsteuerung zu meinem Leben besitzen – von der sie im Zweifel Gebrauch machen werden, um mich wieder auf einen öffentlich-rechtlichen Kanal mit den netten Ansagerinnen und ordentlich gekleideten Moderatoren zu schalten. Nur dort wird sich der Kreis schließen: Ich muss in die Heimat.

futhark3