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Der Verein „Fiktion“, u.a. prominent unterstützt von Elfriede Jelink, Marcus Braun und Katharina Hacker hat auf seiner Homepage eine lesenswerte Deklaration Zur digitalen Zukunft unserer Literatur veröffentlicht. Wird aber auch Zeit, dass sich einmal jemand der Digitalisierung jenseits der marktorientierten Literatur annimmt und z.B. auch einmal klarstellt:

Die gängigen E-Book-Formate imitieren das gedruckte Buch und erweitern es um Zusatzfunktionen, die für Sachbücher von Vorteil sein mögen, vom Lesen unserer Literatur aber eher ablenken. Es fehlt ein digitales Leseformat, das die technischen Möglichkeiten nutzt, um die Konzentration auf unsere Literatur zu erleichtern.

Zu Recht wird hier darauf hingewiesen, dass es E-Book-Experimente jenseits der bloßen Kopie des analogen Buches, aber auch jenseits überflüssiger „enhanced“-Spielereien bedarf. (Ich selbst habe über Ähnliches u.a. letztes Jahr hier auch schon einmal kurz geschrieben.) Wie aber mehr „Konzentration“ mit einer eher dekonzentrierenden Technikentwicklung erreicht werden soll?

Nun ja, es geht den Autoren in Vielem lediglich um einen ersten Diskussionsanstoß. Und um das Sammeln von Komplizen. Man sollte diesen Ruf danach, den schwierigen Spagat zwischen Zukunft und Tradition auch mit – ich sage mal, um das Genre-bashing zu vermeiden, „dichterischer“ oder „engagierter“ – Literatur zu üben, dieses bewußte Spiel mit dem Widersprüchlichen gerade als Ausdruck dessen nehmen, um welche Art Literatur es den Autoren der Deklaration geht. Gut, auch eine Jelinek ist mittlerweile auf ihre Weise eine „Marke“, da wird es natürlich eng mit dem „Jenseits der Marktorientierung“. Aber das gesellschaftspolitisches Engagement ihrer Literatur wird man ihr wohl kaum absprechen können. Diese Art Literatur freilich ist nicht erst durch die Digitalisierung in Gefahr. Wenn sich z.B. Ansgar Warner von e-book-news fragt, ob er alles in der Deklaration richtig verstanden hat, das Ganze unter der allein marktwirschaftliche Aspekte in den Mittelpunkt stellenden Überschrift Lieber Gratis-Marketing als Charity von Verlagen?, beschleicht mich das Gefühl, dass hier schon wieder aneinander vorbei geredet wird. Schon wird nämlich wieder das Bild des weltfremd-verträumten, verquast daherredenden Intellektuellen beschworen, der sich immer noch dagegen zu wehren versucht, dass die Rede vom „König Kunde“ heute nicht mehr nur Rhetorik ist, sondern „der“ Weg zum Glück ist. Das macht das Diskutieren schwierig. Dabei versucht diese Deklaration ein paar der richtigen Fragen zu stellen und zwar absolut jenseits der unsäglichen „Wir-sind-die-Urheber„-Initiative. Immerhin legen die Autoren ihren Fokus auf jene „Gefahren“ der Digitalisierung, denen vielleicht zugleich auch eine Art Rettung erwachsen könnte: Wieder mehr Bedeutung und Verbreitung auch für: na, genau diese Literatur eben.

Nachtrag am 13.09. : Alban Nikolai Herbst gibt noch etwas genauer Einblick in das hinter der Deklaration steckende Verlagsprojekt neuen Typs. Damit wird deutlich, dass es wohl eher um Verbreitung und Formatanpassung denn Experiment oder Ästhetik geht – aber immerhin:

Für an einer modernen, sagen wir zeitgenössischen literarischen Ästhetik interessierte Künstler ist Gatzas und Niermanns Projekt freilich nicht von Bedeutung, sondern unterm Strich geht es darum, die seit Gutenberg „klassische“ Verbreitung von Erzählungen, Romanen usw. den modernen Gegebenheiten lediglich anzupassen. Mehr nicht, aber eben auch nicht weniger.

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