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Der Bildchirmschein trübt: das Lesergedächtnis

Tja. Hatte die Universität Mainz 2011 noch in einer großen Studie die Vorurteile gegen des Lesen am Bildschirm widerlegt, kommt nun die Norwegische Universität Stavanger doch wieder mit schlechten Nachrichten. Demnach konnten in deren Studie Schüler die Handlung eines Digitalbuchs schlechter erinnern, als die Printversion. Mehr dazu auf lesen.net.
Jedenfalls ein bedenkswertes Argument mehr in der internen Diskussion um die Permanent Beta meines Online-Romans Norlando. Und auch eine gewisse Hürde für die Bemühungen von fiktion.cc, ein neues, die Konzentration förderndes digitalen Leseformat zu entwickeln?

Zitat

Für das Aushalten von Komplexität

Wir glauben nicht, dass man Komplexität auflösen oder beschwichtigen kann, zähmen vielleicht durch Reduktion, dadurch, dass man Knoten zerhaut. Wir glauben, dass Komplexität lebbar werden muss, denn es wird schwerlich eine Welt geben (wenn wir von Katastrophen verschont sind), die weniger komplex ist als die, in der wir leben. Wir glauben sogar, dass es eine Aufgabe von Literatur, von Kunst ist – man kann auch sagen: von Intellektuellen – aufzuzeigen, wie Komplexität eben nicht erschreckend und gefährdend, sondern im Gegenteil belebend sein kann.

Wahre, wichtige Worte über Literatur von Katharina Hacker in ihrer Keynote-Lecture bei E:PUBLISH in Berlin über Fiktion und die Zukunft des Buches. Und dann vergleiche man mit Jan Eggers‘ Enthüllung des Geheimnisses von social media … Also wo ist der Ort für (gedankliche) Komplexität im Netz? Das ist die Frage.

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NORLANDO Permanent Beta

Es ist schon eine Weile her, seit meinem Aufruf zur Public Beta und dem ersten Zwischenbericht. Nun, da sich die Veröffentlichung des Haus der Halluzinationen bei Hablizel in der Pipeline befindet, stellt sich auch manche alte Frage wieder neu. Zeit für eine Art Abschlussbericht.
Um es kurz zu machen: Die Idee, den Norlando quasi zum öffentlichen Lektorat zur Verfügung zu stellen, muss als gescheitert angesehen werden. Nichts, worüber man Gram sein müsste, denn es war abzusehen. Probieren wollte ich es dennoch. Der Probleme dabei lassen sich viele ausmachen und diskutieren – drei zentrale sind sicher:

  • Das Aufmerksamkeitsproblem: Eine kleine Seite wie diese hat natürlich ihre Schwierigkeiten, überhaupt über eine gewisse Wahrnehmungschwelle zu kommen. Die Public Beta hatte deshalb natürlich auch eine im Nebeneffekt beabsichtigte Marketingfunktion. Ihr Publikum hat sie aber nicht gefunden, trotz massiven Teilens über die einschlägigen Netzwerke (u.a. auch newsgrape, dem mittlerweile eingestellten (!) „You-Tube für Texte“). Ob neuere Plattformen und Initiativen wie sobooks und fiktion.cc da in Zukunft werden Abhilfe schaffen können, bleibt zu beobachten.
  • Das Konzentrationsproblem: Lange Texte im Netz scheinen ihm nach wie vor zu widersprechen. Selbst wenn sie die Linklogik, das Abschweifen, das Fragmentierte des Netzes selbst in sich mit aufnehmen; selbst, wenn man den Text Dank responsive layout auf einem Tablet fast genauso komfortabel lesen kann, als wäre er ein Ebook. Zudem laut dieser Studie Bildschirmlesen nicht so nachteilig zu sein scheint, wie vielfach angenommen. Dennoch: knapp 490 ins Netz gestellte Normseiten scheinen derart zu erschlagen, dass man es gleich ganz lässt.
  • Das Mitmachproblem: Dirk von Gehlens Projekt Eine neue Version ist verfügbar hat gezeigt: Es mögen sich zwar 350 Leute für Bücher-Crowdfunding auftreiben lassen (zumindest wenn man von Gehlens Bekanntheitsgrad hat; als reine Leserschaft gesehen ist selbst das aber etwas wenig, weshalb das Buch auch zusätzlich „regulär“ bei Metrolit erscheint). Von diesen 350 waren es jedoch eher wenige, die sich aktiv an der Kommentierung des Buches in seiner Entstehungsphase beteiligt haben. Selbst ich habe mich da erst spät und zurückhaltend eingemischt. Noch zurückhaltender wurden die Möglichkeiten hier genutzt. Und was das Crowdfundig Phänomen insgesamt betrifft, nähern wir uns vielleicht bald dem ersten Tal der Enttäuschung.

Einen weiteren, vielleicht den wichtigsten Grund aber benannte Mathias Gatza vom Modellprojekt fiktion.cc neulich in einem Interview bei Buchreport:

tatsächlich weiß keiner genau, wie anspruchsvolle Literatur in der Netzwelt funktioniert.

Mal abgesehen von der Schwierigkeit schon außerhalb des Netzes, für diese Art Literatur ein Geschäftsmodell zu finden, das nicht eigentlich über irgendeine Form der Quersubventionierung funktioniert. So war auch kürzlich in Die Dschungel zu lesen:

Denn imgrunde, sagte gestern der Elfenbein-Verleger, gibt es für anspruchsvolle Literatur „keinen Markt“ – keinen, heißt das, von auch nur irgend einer unternehmerischen Relevanz.

Und der Long Tail …!? Nun ja, selbst sobooks traut sich nicht, mit einem Katalog jenseits des Erwartbaren an den Start zu gehen …  Aber gut, die sind ja auch erstmal nur Beta. Dennoch: ich für meinen Teil bin der social media ein bisschen müde, ich schrieb es andernorts bereits. Ob das wieder vergeht? In social-payment bzw. microdonations via flattr und Kachingle jedenfalls habe ich von Anfang an wenig Hoffnung gesetzt; inzwischen habe ich zumindest letzteren Dienst wieder entfernt. Was nun nicht heißen soll, das Experimentieren generell aufzugeben. Aber man wird wählerischer, wohinein man seine Energie steckt.

Zum Beispiel in das Schreiben selbst. Auch wenn als Beta deklariert: einmal ins Netz gestellt, ist der Norlando nun in der Welt. Wozu mir das Experiment verholfen hat, ist mir über meine eigene Haltung klarer zu werden. Und über bestimmte charakterliche Eigenschaften dieses „Romans“, die für mich erst jetzt kenntlicher werden. Nicht alles, wofür ich allein die Verantwortung trage, werde ich ihm noch aberziehen können (oder wollen), aber einzwei eingehende Elterngespräche sind mit ihm offenbar noch zu führen. Dies aber in der Anerkennung derjenigen Eigenschaften, die er sich eigenständig erwarb: Zum Beispiel, dass er sich nicht nur an etwas Bestimmtes herantastet, sondern selbst ein Roman geworden ist über den Tastsinn im Digitalen. Wird er sich als solcher nicht immer dem Versuch, ihn irgendwo festzuhalten, entziehen wollen? Und darf eine Abschweifung über den Anfang jemals zu Ende gehen?

Man kann das hier leicht für Narzissmus abtun. Ist es ja auch. Aber dieser ist eben eine zentrale Energiequelle, aus der sich ein Teil der dichterischen Arbeit speist. Also hat man sich dem zu stellen, wenn auch man sich dafür etwas schämt. Wichtig ist, dass durch das Schreiben eine Transformation des Narzissmus entsteht, die zu anderen Lesern als sich selbst berechtigt.

Genau darum geht es auch im  Norlando. Darum wird er online bleiben, nehme ich ihn nicht zurück: Auch wenn ich seine Nachfolger für wohlgeratener halte, gäbe es jene nicht ohne das Fundament, das er legte; auch dazu muß man stehen. Das annotierbare Manuskript aber bei crocodoc ist bereits gelöscht. Der Online-Text wird somit quasi zu einem „Buch kleiner Wandlungen“ – aber ohne Versionen vorzuhalten; nur Kommentare sind nach wie vor möglich. Denn um anzufangen, muß man vergessen können; auch und gerade im Netz. Und paradoxerweise scheint nirgendwoanders das Geheimnis, von dem in ihm erzählt wird, am Sichersten versteckt zu sein, als unveröffentlicht-öffentlich zwischen so vielen anderen Texten! Wer es dennoch findet und liest, wird verstehen, worum ihm eine aktuell gehaltene „Fassung letzter Hand“ im Netz adäquat ist. Damit soll eine kommende Druck- oder Ebook-Fassung nicht ausgeschlossen sein. Diese aber wird dann eben bloß dies sein: statisch, eine Momentaufnahme.
Die Public Beta des Norlando im Netz aber wird nunmehr folgerichtig zur Permanent Beta erklärt. Die sie eigentlich immer schon war, seitdem der Text 2008 das erste Mal auf www.popp-art.com in das Netz überging. Dem Einwand, einen Roman, der sich selbst für niemals fertig erklärt, würde überhaupt niemand mehr lesen wollen, gilt es entgegenzutreten. Mit dem Verweis auf den Roman unseres Lebens, dem bloß der Tod das einzig zu akzeptierende Ende setzt. Deshalb sei hier auch abschließend der Arbeitstitel jenes nächsten „Romans“ verraten, an dem ich gerade begonnen habe zu arbeiten: Nachwelt. Bitte zu lesen mit Betonung auf „Welt“.

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Den Commercial Realism von innen heraus überwinden

Und da ist dieses Buch erschienen, das ziemlich Wind gemacht hat vor zwei Jahren von James Wood, Die Kunst des Erzählens oder Schreibens, glaube ich, How Fiction works . Da ist das alles, diese Machartsfragen, wirklich sehr toll nochmal ausgeführt für die amerikanische und englischsprachige Welt. Da gibt es diesen wunderbaren Begriff vom Commercial Realism , in den die narrativen Standards des 19. Jahrhunderts heute übergegangen sind. Und da dachte ich, ja, das ist es doch: diese Kombination aus Tradition und Trash, aufgeladen mit meiner theoretizistischen Idiosynkrasie. Und das war dann auch wieder so eine klassische Pop-Idee, dass man sagt, der Roman soll nicht mit irgendwelchen äußerlichen theaterhaften Gesten experimentell sein, sondern innerlich. Und das Pophafte wäre, nach außen hin ist es super simpel; aber im Inneren, heimlich: formal experimentell. Das geht dann nur furchtbar langsam beim Schreiben.
Rainald Goetz im Gespräch Über „Joahnn Holtrop“ mit Ijoma Mangold und Moritz von Uslar: Wut ist Energie – ZEIT.DE

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