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Am nächsten Morgen besorgte Madschudsch das Ladengeschäft, während man mit Jadschudsch am Küchentisch saß.
› Warum sie ihm geholfen hätten und soviel über diese Verbrecher wüssten? Was Sibylle damit zu tun habe?
› Immer der Reihe nach. Vielleicht solle man zunächst die eigene Geschichte erzählen.
Jadschudsch zündete sich mit links eine Pfeife an und man gab ihm zu lesen, was man in der Nacht des Ersten auf den zweiten Mai in der Kathedrale über Carola, die Bücher, Veiti, Sibylle geschrieben hatte. Den Rest trug man nach: Die vergeblichen Versuche, das Rätsel des Zettels zu lösen. Die Médiathèque und Raoul.
Muhammadmusa hatte nur eine leichte Delle abbekommen. Zwar ging der Atem des Maschinchens jetzt rasselnder, sonst aber verhielt es sich wie immer.
Jadschudsch überflog die Aufzeichnungen mit einem geübten lesefotografischen Blick, während er den Rauch inhalierte. Nach einer langen Pause, in der er mit links seine Pfeife ausklopfte, wandte er sich wieder an Roland:
› Fest stehe einmal der Betrug mit Moritz Veitinger, jaja. Zwar sei keinmal nicht auszuschließen, dass es einen solchen im FAF gebe – eine Sibylle kenne er trotzdem keinmal nicht.
› Wieso der FAF hinter ihm her wäre?
› Bestimmt, stichelte er mit dem Finger, › sei er an dem Buch interessiert, das am Ursprung von Rolands Stafette stünde.
› Ein Spaß, den man nur mit sich selbst getrieben habe! Wie jemand davon habe wissen können.
› Er habe es keinem erzählt?, wurden seine Augen schmal.
› Niemandem, ganz sicher, keinem. Außer – nein! Nein, der nicht. Oliver Gebhard, ein alter Schulkamerad, arbeite im Außenministerium. Der beste Freund sozusagen. Bis … Ihm habe man davon erzählt, am Telefon. Sie hätten sich gestritten und Oliver ihm geraten, einmal hierher zu fahren. Nein, der komme nicht infrage.
› Oi, in Bayreuth befinde sich die Zentrale des FAF!
Es wurde ungemütlich. Oliver? Immerhin – er hatte ihn ja an Carola verpfiffen.
› Was mit ihnen wäre, den Zwillingen: Zeit für einige Gegenfragen.
Madschudsch lugte herein, grantig.
› Er wolle dem Jungen keinmal nicht alles erzählen? –
› Man habe ein Recht darauf, konterte Jadschudsch.
› Einem Unbekannten ihr Geheimnis enthüllen?
Das Türglöckchen vermeldete einen Kunden und rief Madschudsch zurück nach unten in den Verkaufsraum. Er warf dem Bruder einen drohenden Blick zu. Kaum war Madschudsch verschwunden, fachte der linkshändig eine neue Pfeife an.
› Also jetzt sie: Er und sein Bruder seien seiner Zeit selbst im FAF aktiv gewesen, jaja. Zur Gründung im Jahr ’68 hätten sie noch in Franken gelebt, gerade einmal zehn Lenze hätten sie gezählt, die Mutter etwa so alt wie Roland. Ein freches Fräulein, oi, das zwar mit den jüdischen Wurzeln der Familie keinmal nichts anzufangen gewusst, diese Traditionen keinmal nicht gelebt, aber als eine, die als Kind die zerbombten Städte gesehen, das Leiden des jüdischen Volkes wie den Mief der Adenauer-Zeit nachher miterlebt habe, eine der Ersten gewesen sei, die Ende der 50er auf ihre Weise gegen die alte Moral aufbegehrten: Sie habe sich viel für Fouriers phalanstèrische Triebphilosophie interessiert – er wisse schon, der Vater des Feminismus, der in den Frauen und ihrer Befreiung die sozialrevolutionäre Avantgarde gesehen habe. Um einen Präzedenzfall zu schaffen, habe sie sich also schwängern lassen, unehelich. Der junge Vater habe sich davongemacht und sie selbst präventiv ihre Familie verlassen, bevor sie von ihr ausgestoßen werden konnte. Mit ihnen, den Zwillingen im Bauch sei sie nach Frankfurt gezogen und habe ein Soziologiestudium aufgenommen. Dann schließlich, im Winter ’57, noch in der Frühphase der Schwangerschaft, die Schmerzen: Sie habe kaum schlafen können, sich etwas verschreiben lassen – das zwar ihr Leiden linderte, aber dafür zu einer Thalidomidembryopathie führte.
› Thalio-was?
Man hatte den Faden verloren, der Blick sich im Karomuster der Wachstuchtischdecke verfangen, die Brandflecken trug, die das Jugendstilmuster der braunen Tapete bestens ergänzten. Unten beriet Madschudsch noch immer den Kunden.
Contergan, frisch auf dem Markt. Das Ergebnis sähe man vor sich: Knochenmissbildungen am linken Arm und rechten Bein bei seinem Bruder, am rechten Arm und linken Bein bei ihm selbst. Erst als sich bis ’61 die Fälle gehäuft hätten, sei das Medikament aus dem Handel genommen worden, jaja. Die Mutter habe bis 1970 in dem Mammutprozess gemeinsam mit anderen Betroffenen um eine Entschädigung gekämpft. Mit dessen Einstellung sei es zu einem schäbigen Vergleich zwischen Eltern und Hersteller gekommen: Zwar habe der Bund sich an den Zahlungen beteiligt, aber die Summen, die tatsächlich in die Geldbeutel der Opfer geflossen seien – eine Beleidigung! Mutter habe noch eine Rechnung offen gehabt, sei also 1971 den FAF-Milizen beigetreten, die somit zu ihrer neuen Familie geworden sei. Zunächst sei das alles die Kaprice gewesen, ein paar Leuten in den Allerwertesten zu treten. Die Abkürzung habe damals noch für Freigeistige Anarchie-Flagellanten gestanden. Mit der Zeit sei die Sache aber aus dem Ruder gelaufen: Bald habe der FAF den bloßen Straßenkampf aufgeben, aus dem studentischen Chaoshaufen sei eine, oi, straff organisierte Terrorgruppe geworden, die ihnen ideologiefremde links- wie rechtsradikale Milizen unterstützt habe, um dank der Konzentration der gesellschaftlichen Kräfte auf die von diesen entfachten Gewaltakte selbst im Hinter- und Untergrund agieren zu können. Die Sache im Münchner Olympiastadion schließlich sei das letzte große Ding gewesen – die Aktion habe denjenigen Stimmen in der Gruppe Aufwind gegeben, die sich für eine Betonung der unauffälligen Methoden ausgesprochen hätten. Anfang der ’80er, unterstützt von vermögenden Mäzenen aus Oberfranken, sei die endgültige Transformation in einen Geheimbund mit erweiterten Zielen eingeleitet worden. Und dieser sei nun in Freundeskreis Autonomes Franken umbenannt worden – oder für die Initiierten: Fraternitas Automendonti Franconiae, die »Bruderschaft der geschickten Wagenlenker Frankonias«.
Man schwieg. Der Rauch machte schwindelig und Jadschudsch war immer schneller geworden – als wolle er sicherstellen, alle Informationen losgeworden zu sein, bevor sein Bruder zurückkam.
› Die Methoden des FAF seien denen staatlicher Geheimdienste ebenbürtig: Der Einsatz von Spionage, V-Männern, Bestechung habe über die Jahre dazu geführt, dass ganz Nordbayern sich heute faktisch unter seiner Kontrolle befinde – oi und das seit ’89, als man heimlich ein unabhängiges Frankonia ausgerufen habe. Der FAF habe sich damals selbst ein Symbol geweiht, zur Identifizierung seiner Agenten: ein normales und ein nach links gespiegeltes F, kombiniert mit einem A, das auf dem Kopf steht.

Jadschudsch malte das Zeichen auf eine Tageszeitung, die auf dem Tisch lag. Das Türglöckchen schepperte, als der Kunde den Laden verließ. Madschudsch musste jeden Augenblick da sein.
› Bereits Mitte der ’70er Jahre habe man die Zentrale des FAF von Frankfurt, das zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe, nach Bayreuth verlegt. Damit sei der nächste Strategiewechsel einhergegangen. Getreu dem Motto »Was geschrieben steht ist wahr«, sei man daran gegangen Texte, Dokumente und Schriften von Belang im eigenen Sinne zu manipulieren. Deshalb wahrscheinlich das Interesse an Roland und dem Buch, die Tatsache –
› Er habe also alles verraten.
Madschudsch hielt sich rechts am Farbe abblätternden Rahmen der Tür fest und war nicht in bester Laune.
› Jetzt könne man den Rest auch noch hören.
› Er werde sie vorzeitig ins Grab bringen.
Madschudsch schüttelte den Kopf und trat ein, ein Zeichen der Aufgabe, während sein Bruder rot anlief, aber nachsetzte:
› Wenigstens keinmal nicht als Duckmäuser.
› Wie auch immer, scheuchte Madschudsch den Bruder vom Stuhl, › Jadschudsch habe gerade erwähnen wollen, gewisse Umstände hätten zum Bruch zwischen ihnen und dem FAF geführt. Oi, sie hätten fliehen müssen, jaja. Er koche übrigens heute einen Kakao mit einem Schuss Chili.
› Gerne.
› Sie hätten gedacht, sagte Jadschudsch, nun links an der Tür lehnend, während Madschudsch sich rechtshändig am Herd zu schaffen machte, › es sei am sichersten, wenn sie zwar Deutschland den Rücken kehren, sich aber in direkter Nachbarschaft einer der Stützpunkte des FAF niederlassen würden. Dort würde sie niemand vermuten. Und um die Strategie perfekt zu machen, hätten sie sich des Judentums ihrer Mutter erinnert, diese Namen angenommen – die Franzosen hier unten liebten so etwas und erst recht die Touristen – und den Laden eröffnet. Oi, die Keinmalnichttarnung habe nun über zehn Jahre gehalten.
› Unglaublich.
› Die beiden Männer von gestern, ergänzte Jadschudsch, › sie hießen Laurel und Hardy. Alle in der Organisation trügen solche Codenamen.
› Sibylle?
› Könnte sein.
› Und wer kenne die richtigen Identitäten?
› Nur Punktpunktpunkt, setzte sich Madschudsch wieder auf seinen Platz, während die Milch auf das Erhitzen der Kochplatte wartete.
› Punktpunktpunkt?
Man schaute von Madschudsch auf dem Stuhl zu Jadschudsch im Türrahmen und wieder zurück.
› Der geheime Führer des FAF, konkretisierte er. › So geheim, dass niemand seine wahre Identität kenne und er meistens überhaupt keinmal nicht – oder stets in Verhüllung auftrete, jaja.
› Wie man ihn dann erkenne.
› Er trage das Präputium, erklärte Jadschudsch. › Die Vorhaut Jesu Christi, aus dem berühmten Schatz Karls des Großen, des ersten Kaisers der Franken, in einem Amulett um seinen Hals: als sein Zeichen.
Allmählich stieg einem die Sache über den Kopf. Man mochte die beiden Buckligen, wirklich – aber war sich nicht sicher, ob einem hier nicht eine grandiose Flunkerei aufgetischt, ein bibliophiler Scherz mit einem getrieben wurde. Madschudsch schien einem das anzusehen:
› Laurel und Hardy seien damals die Zungen entfernt worden. Jaja, weil sie sich zwar als gefügig, aber auch redselig erwiesen hätten. Der Dritte im Trenchcoat sei der Chef der Bande: Colombo. Mit drei O. Der könne, wenn er einmal die Contenance verlöre, zu einem wahren Beißer werden.
Das hatte man zu Spüren bekommen.
› Diese Dreierkonstellationen seien sehr beliebt beim FAF, fügte Jadschudsch hinzu, der linkerhand das Würzen der kochenden Milch mit braunem und rotem Pulver übernahm, da Madschudsch wieder im Verkaufsraum gebraucht wurde. › Dennoch sei die Formation um Colombo nur eine der äußeren Struktureinheiten. Auch die anderen Stützpunkte in Frankfurt, Paris, Berlin, Aachen, Rom, verfügten über einen bis drei dieser Trupps, die stets eingesetzt würden, wenn die geheimen Methoden keinmal nicht weiterhelfen würden. Oi, sie hätten gleich geahnt, dass Roland, als man das erste Mal den Laden betreten habe, mit denen Ärger bekommen würde. Die Bücher, für die er sich interessiert, die Fragen, die er gestellt habe … Dann sei er erneut hereingeschneit: durch die Seitentür und vorne wieder heraus – da seien sie ganz sicher gewesen, dass sie hinter ihm her waren. Also habe er, Jadschudsch, das brüderliche Verbot beiseite gewischt und sich auf die Lauer gelegt: durch die Toilettenluke die Nachbargasse beobachtet, weil die ein beliebter Ort für Colombos Zangenangriffmanöver sei.
› Aber wie sie seinen Namen herausgefunden hätten.
› Dank der Kreditkartendaten –
› Ach ja, Wagners Mein Leben.
Jadschudsch rührte mit einem Holzlöffel im Topf herum. Allmählich wurde ihr Indiziengebäude ziemlich stabil.
› Er habe sich in den Hotels nach einem erkundigen wollen, aber gezögert, aus Angst, die Telefone könnten angezapft worden sein. Da habe der Zufall das Problem gelöst.
› Angenommen man glaube das alles, wollte man endlich zum Ende kommen, › was habe das alles mit ihm zu tun? Sibylle –
› Sicher eine feindliche Agentin, kam Madschudsch von nebenan, den Laden zur Siesta abschließend; seinem Blick nach hatte er einen Einfall. › Vielleicht sei den Katharern etwas in die Finger gelangt, was einmal dem alten Charlemagne gehört habe.
› Eine Schriftrolle! Möglicherweise der Ursprung dieser Stafette, sprang Jadschudsch ihm bei.
› Etwas so Wertvolles, dass die Kirche alles daran gesetzt habe, es zurückzubekommen. Das würde die Radikalität der Verfolgung erklären! Schließlich hätte dieselbe Kirche andere häretische Gruppierungen dieser Zeit durchaus toleriert, manche sogar gefördert.
› Wieso hetzten sie einem dann Colombo auf den Hals? Wenn ihn Veitinger nur wegen dieser Urschrift hergelockt habe – wieso sei man nicht einfach dem versprochenen Kontaktmann begegnet?
› Könnte von einer Gegenpartei ausgeschaltet und von Sibylle ersetzt worden sein, begann Madschudsch das heiße Getränk rechterhand in drei Tassen zu füllen, die Jadschudsch ihm mit links anreichte, bevor er sich wieder auf den Stuhl setzte. › Das habe ihren Pläne durchkreuzt – sie hätten erst in Erfahrung bringen müssen, was falsch gelaufen war, bevor sie sich ihm offenbarten. Weil sie aber weiter im Dunkeln getappt seien, hätten sie es eben mit einem Überfall versuchen müssen.
› Und die Ähnlichkeit zu Carola?
› Ob er den Zettel einmal sehen dürfe?
Man reichte Madschudsch das Papier. Er musterte es sorgsam durch seine Brille, vergaß darüber völlig die trinkfertigen Tassen; er hielt es über eine Kerze, blies Metallstaub aus einer Dose darüber – nichts.
› In der Médiathèque hätten sie damit nichts anfangen können?
› Nein.
› Ob er sich eine Abschrift machen dürfe? Er kenne dreivier kleinere Bibliotheken und Büchereien in der Gegend.
› Man wolle mitkommen, stand man mit recht plattem Hintern auf.
› Auf keinen Fall, wurde man von Jadschudsch einhändig auf den Stuhl zurückgedrückt. › Sie seien mit den Leuten hier bekannt – da sei eine Anfrage keinmal nichts Ungewöhnliches. Bei einem Ortsfremden aber habe der FAF schon eine Spur. Ob man jemanden kenne, mit dem man eine Übergabe seiner Siebensachen aus dem Hotel arrangieren könne?
› Raoul. Den Mann von der Rezeption. Er sei in die Geschichte weitgehend eingeweiht und vertrauenswürdig.
› Gut. Er, Jadschudsch, übernehme den Laden und werde morgen früh im Hotel anrufen, mit diesem Raoul sprechen, während Madschudsch dem Zettel nachgehen sollte.
› Ausnahmsweise korrekt geschlossen, bestätigte der Bruder.
› Warum sie das alles für ihn unternähmen?
› Sie hätten sich eben nie eine Familie leisten können, packte Jadschudsch Roland energisch links an der Schulter und Madschudsch, während er ihm von rechts die Tasse zuschob: › Jetzt solle er aber endlich seinen Kakao …

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