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Überall diese kleinen schwarzen Dinger. Sie quollen aus den U-Bahn-Schächten, klebten an der Straßenbahn, wuselten die Rinnsteine entlang, ließen sich mit ihren Stummelflügeln von den ersten Hitzeturbulenzen antreiben, unfähig die Richtung zu steuern, trunken vor Geilheit. Wie Popcorn im Windkanal kollidierten sie reihenweise mit angewiderten Passanten und fielen aufs Pflaster, um von quiekenden Frauen zertreten zu werden. Die verspätete Verkündigung des biblischen Endes: Während man durch die Straßen der Hauptstadt schlurfte, waren Hekatomben von Flugameisen auf der verzweifelten Suche nach ihrer zu befruchtenden Königin.

Die Stadt hatte sich verändert. Zwar waren noch immer an allen Ecken und Enden die vergeblichen Mühen im Gange, die Furunkel der Geschichte auszuschneiden; die Restaurierungsarbeiten am Brandenburger Tor verhüllt vom Banner der Telekom, während die Baustellenkräne ihre Hälse wie Dinosaurier aus der Museumsinsel hervorreckten … Ende Mai aber hatte sich die desolate Lage im Finanzhaushalt durch die zusätzliche Schuldenaufnahme zugunsten der defizitären landeseigenen Bankgesellschaft dramatisch verschlechtert und in der SPD den Plan reifen lassen, die Regierungskoalition zum Platzen zu bringen. Während in Großbritannien mit knapp einundvierzig Prozent der Stimmen bei den Unterhauswahlen weiterregieren durfte und Tony Blair ernsthaft einen »historischen Moment« reklamierte, wurde nach langem Tauziehen am siebten Juni die mit zehn Jahren dienstälteste Große Koalition in Deutschland aufgegeben zugunsten des Schreckgespenstes einer möglichen Regierungsbeteiligung der Altsozialisten. Und dann gleich der nächste Schock: Auf einem Sonderparteitag der Berliner SPD bekannte der Spitzenkandidat für das Amt des Interimsbürgermeisters, er sei schwul und das sei auch gut so! SPD und Grüne wählten zwei Tage später gemeinsam mit der PDS den Bürgermeister und vier weitere CDU-Senatoren ab, um einen rot-grünen Übergangssenat unter dem bekennenden Homoerotischen vereidigen zu lassen. Mannomann.
Hatte man Oliver Unrecht getan, war ein schlimmer Reaktionär? Man wollte ihn sowieso aufsuchen. Ich werde es wieder ins Lot bringen.

› Oliver sei wegen der Wahlen in London. Vermutlich feierten sie dort. Seine Rückkehr werde für Anfang Juli erwartet.
So teilte es mir Olivers neuer Liebhaber Lebensgefährte Freund in der Tür stehend mit, ein braungebrannter Italotyp. Man wollte sich nicht mit ihm näher bekannt machen, obwohl er auf einen Umtrunk hereinbat. Jedenfalls nicht so ganz allein ohne Oliver.
› Man habe sich nur kurz aus dem Urlaub zurückmelden wollen.

Weil einem nichts anderes übrig blieb, begann man die Ausarbeitung seiner Aufzeichnungen und nahm endlich wieder Kontakt zu dir, Arni, auf. Du arbeitetest gerade an einem Projekt, über das du nicht sprechen wolltest. Ich wagte nicht zu hoffen, dass du Zeit für mein Anliegen aufbrächtest – aber du wolltest es dir einmal ansehen. Vielleicht ließ sich ja wirklich etwas damit verdienen? Auf dem Anrufbeantworter neun Nachfragen der Eltern.
War es ein Fehler, dich, Arni einzubinden? Aber was könnte mich besser schützen als eine Veröffentlichung? Ewig würde die vorgezogene Erbschaft schließlich nicht reichen.

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