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Autor:               Roland Iobst
Ort:                 a:/2001/
Größe:               392k
Erstellt:            02.07.01, 10:44:03
Letzte Änderung:     02.09.01, 06:06:31
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Anzahl Seiten:       93 Anzahl Zeilen:            2.734
Anzahl Grafiken:       5 Anzahl Wörter:          18.171
Anzahl Absätze:      763 Anzahl Anschläge:      119.707

[Das erste Viertel dieser Datei ist verstümmelt. Die Lücken sind entsprechend mit /…/ gekennzeichnet worden. Über die Ursachen gibt Roland später selbst Auskunft. Ersatzweise hat er einige wenige Passagen nachträglich hinzugefügt und mit einer entsprechenden Kennung versehen.]

Die Wohnung lebt. Pulsiert im Rhythmus der Maschinen. Wieder fünf Minuten verronnen: Der Kühlschrank sprang an – mit Wehklagen über die vergebliche Mühe, von seiner Bindung an die Steckdose loszukommen. Der Abfluss in der Spüle antwortete nach zehn Minuten, stieß überschüssige Luft auf, in satter Zufriedenheit mit seinem Job als Allesverschlucker. Die Birne der Schreibtischlampe sah das ganz anders: Noch bevor der Kühlschrank zu Stöhnen anfing, war sie bemüht, älter als die beiden anderen zusammen, sich selbst ihr Ende zu bereiten – das Halogenchen flackerte brutzelte sirrte vor bloßer Willensanstrengung, zu verlöschen. Die Gnade ist ihr nicht vergönnt, weiterhin muss sie ihr induziertes Lächeln herzeigen.
Souffliert von den Stimmen des Zuhauses pinselt man wie einst Rudi Dutschke ins Tagebuch. 18. Februar 1963 – erster Eintrag für Urischka, so behaupten die Quellen. Sie hat einen anderen erhört, da hat er begonnen, die Möglichkeiten und Tatsachen seines Lebenslaufs festzuhalten. Urischka. Wer war Urischka? Die Witwe hat das Tagebuch nicht zum Druck freigegeben. »Sie bewegen sich auf ein Ziel zu, das Sie auf keinen Fall erreichen dürfen …« Schreiben wie Rudi – wer das könnte. Ohne Misstrauen gegen die kalte Teilnahmslosigkeit der Daten. Die Verdichtung und Verschiebung zu einer wahren Selberlebensbeschreibung.
Dutschke nun tot, die Niederschriften fünf Jahre und dreiundsiebzig Tage vor meiner Geburt begonnen. Wäre er heute ein Minister?

Nachtrag. Alles stehen lassen. Nichts durchsehen, sich nicht abarbeiten, auf Metamorphosen verzichten. Keine Nachträglichkeiten: Die gefrorene Zeit mit bloßen Händen anfassen. Keine Angst vor der Kälte, den Erfrierungen haben – dieser Haltlosigkeit, die man erfährt, wenn man aus den Untiefen des Bahnhofs Alexanderplatz der Rolltreppe entgegen ans Licht eilen will, beherzten Schwungs den Fuß auf den ersten Stufenstahl setzt, im Taumel der Möglichkeiten, blind wie Ödipus für die Tatsachen – und augenblicklich den Halt verliert, vom Boden abhebt und ihm wieder entgegen stürzt, weil die Treppe sich unverhofft nicht in Bewegung befindet.

Wer war Urischka? War sie gezwungen, ihr Gesicht zu verbergen, wenn sie ausging? Gab sie Dutschke den Laufpass, weil sie das Licht scheute?

05. Juli. Hannelore tot in ihrem Haus in Oggersheim aufgefunden. Spiegel titelt: »Frau im Schatten – Die Tragödie der Hannelore Kohl«. Die wissen nicht, was eine Tragödie ist: Dramatische Ironie, selbstverschuldetes, zugleich auswegloses Unheil. Keine banale Krankheit!
Jetzt keine kalten Füße bekommen. Lachen über steigende Heizkosten, weil man von einem inneren Brand verzehrt wird, der Flamme des Gedankens. Und sich zugleich zurückziehen abschotten einbunkern. »Korrigieren, fälschen Sie Ihr Werk …« Das Kerzenspiel weiterspielen. Was einmal ins Rollen gerät, lässt sich nur außerhalb des Systems stoppen – eine der neun unverrückbaren physikalischen Fundamentalkonstanten. Hat man sich einmal freigekämpft aus dem Luftschutzkeller, möchte man auch den Lichtblitz sehen: die Erleuchtung, die selbst allergische Reaktionen, Juckreiz und Bläschenbildung, Entzündung und Nekrolyse wegbrennt, die der Fluch Hannelores war.

06. Juli.

PROJEKT: DIE OBSKUREN GESÄNGE (V)
 

Im Goldenen Topf spielen ein Dreiklang und drei grüngoldene Schlangen eine bedeutende Rolle im Kampf der weißen Magie gegen die schwarze, zwischen deren Fronten sich unversehens der junge Student Anselmus begibt, der nicht mehr zw /…/ terscheiden weiß. Das »Märchen aus der neuen Zeit« ist in zwölf »Virgilien«, Nachtwachen, eingeteilt. Hinweis vermutlich in der zweimal dritten, also sechsten, zentralen Virgilie, worin erstmals der titelgebende Topf, Schlüssel zum Reiche Atlantis, und Archivarius Lindhorsts azurblaue Bibliothek /…/

Nachtrag. Warum verweist Wagner nicht auf Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik mit dem fruchtbaren Zwist von Apoll und Dionysos, der Kraft der harmonischen Ordnung gegen den Urwillen des gestaltlosen Chaos?

Nietzsche zu prätentiös. Ahnte aber, dass der verehrte Wagner Teil einer Tradition war, an der er keinen Anteil hatte. Deshalb die Geburt der Tragödie mit ihrer Widmung an ihn – ein Versuch, sich einzuschmeicheln. Bekanntlich erfolglos. Und seine Interpretation der zwei Ströme obszön und verhauen, zum Beispiel in den Unzeitgemäßen Betrachtungen: »so soll hier ausdrücklich mein Zeugnis stehen, dass es die deutsche Einheit in jenem höchsten Sinne ist, die wir erstreben und heißer erstreben als die politische Wiedervereinigung, die Einheit des deutschen Geistes und Lebens nach der Vernichtung des Gegensatzes von Form und Inhalt, von Innerlichkeit und Konvention.«

Zweiter Versuch mit Wagner in Bayreuth. Später gezwungen, sich von Wagner zu distanzieren – nach einer Aufführung des Parsifal. Anschließend Rache des Schmollenden: Der Fall Wagner sowie Nietzsche kontra Wagner. Er findet keinen Eingang in das System: also schwingt er den Hammer, macht den Zertrümmerer, verkündet die Umwertung der Werte.

Hegels Herrenknechte nicht vergessen! Der Aussagesatz als Übergang vom Subjekt zum Prädikat. Anders-Sein gegen An-sich-Sein. Alles Wirkliche vernünftig, alles Vernünftige wirklich, haha. Großer Anhänger der Dreiheit: Triade von These, Antithese und Synthese; subjektivem, objektivem und absolutem Geist als Selbstbewegung des Denkens und der Wirklichkeit. Auch er Meister des dunklen Stils, auch bei ihm prophetisches Element.

Und natürlich die Umdrehung im Materialismus bei Marx: Antagonismus von Produktivkraft und Produktionsverhältnis. Triade von Erkenntnis, Kritik und Handeln.

Nein, sie beide keine Eingeweihten. Nur kompensatorischer Versuch einer eigenen Interpretation des Geheimnisses, um die Initiierten aus der Reserve zu locken. Oder nur historischer Zufall? Jedenfalls deuten sie die zwei Ströme als abstrakte Mächte (des Geistes, des Materialismus), deren Streit im Verlauf der Geschichte vollendet und überwunden werde. Es ist jedoch von konkret handelnden Mächten auszugehen, deren Kontroverse in einem endlosen Stellungskrieg ausgetragen wird.

Die Folgen der Hegel-Marxschen Interpretation sind bekannt.

Das Berliner Oberverwaltungsgericht bestätigte ein Urteil, wonach die Liebesparade nicht als politische Demonstration gelten könne.

Siebter Juli. Noch nicht an Oliver herangekommen. Niemand öffnete die Tür. Der neue Freund Richard wahrscheinlich ausgeflogen. Ab ersten August dürfen die heiraten. Vermutlich Flucht zu den anderen Junggesellen – man schob einen Zettel durch.

In der Bertolt-Brecht-Bibliothek eine Einführung in den Zen-Buddhismus entdeckt. Weisheit des Lao-tse:

»Der Weg schuf die Einheit.

Einheit schuf Zweiheit.

Zweiheit schuf Dreiheit.

Dreiheit schuf die zehntausend Wesen.

Die zehntausend Wesen

Tragen das Yin auf dem Rücken,

Das Yang in den Armen.

Der Atem des Leeren macht ihren Einklang.«

08. Juli. Bewegung nötig. Fahrt in der S-Bahn, wie immer auf einem Sitz in Nähe des Feuerlöschers. Der übliche Tütenpenner döste allein in der hintersten Ecke und verströmte gleichgültig seinen Essigodor. Jede Flucht war vergebens: Die Duftmoleküle wehten weit hinein ins Abteil. Geduscht, aber anders grotesk die Zeitungsleser: feiste und spinnengliedrige Gestalten aus einem Hieronymus-Bosch-Gemälde, ihrer einzigartigen Physiognomie nicht bewusst. Oder schwante ihnen ’was und deshalb das Papier – zur Abschirmung der Blicke? Was keine Zeitung las, waren die Leserinnen: Sie versenkten sich in die Kulturtipps aus der Brigitte, hatten sich zum fünften Platz der Bestsellerliste vorgekämpft, gaben aber auch einmal einem Gedichtband eine Chance, immerhin. Einer fiel das Lesezeichen aus dem Fantasyschmöker. Jetzt hatte sie die Orientierung verloren, ach Gott. Die Mittsechziger-Punkerin daneben zupfte sich den Oberlippenflaum mit einer Pinzette und murmelte dazu:
› Nee, wenn die dett noch eemal wagt, jeb ick der solange Backpfeefen, bisse lacht.
Wenn doch die Menschen in den Büchern statt von gefälschten Wirklichkeiten von ihrem eigenen Falsch in der Wirklichkeit läsen!
Ach, Roland, du instabiles Isotop, voller Eifersucht auf die chemischen Reaktionen der anderen …
/…/ Asiatenmädchen spielte viel Trauerfloriges auf dem Schifferklavier, ließ einen Hut herumgehen. Alles starrte auf das schlechte Gewissen am Boden. Auch der Mann im Trenchcoat gab nichts. Nächste Haltestation aussteigen.
Es war nicht Colombo.

Abends: Wetterbericht. Ich gewann.

09. Juli.

PROJEKT: DIE OBSKUREN GESÄNGE (VI)

 

Eine weitere Übergabe in der Stafette entdeckt! Die Stellen um die blaue Bibliothek meinen Jean Pauls Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht. In der sechsten /…/ Jean Paul hatte Hoffmann das Vorwort zu den Phantasiestücken in Callots Maniergeschrieben, worin sich der Topf findet.

Nächste Etappe der Tell? Schiller ja gleichfalls ein großer Gespaltener. Nächster Hinweis in der Rütlischwurszene? Darin vertreten dreiunddreißig Eidgenossen das Volk der drei schweizer Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden.

Erneut Weissagungen. In der wunderbaren Gesellschaft verkünden drei Propheten der Zeit: »Sprachgelehrte werden in alten Bibliotheken nach einer Edda und nach einer Bibel forschen, und ein künftiger Schiller wird das neue Testament lesen, um sich in die Charaktere eines Christen und Theisten täuschend zu setzen und dann beide aufs Theater (…) Himmel! Wenn dann der ganze Globus schreibt, der Nord- und der Südpol Autor ist und jede Insel Autorin (…); wenn natürlicherweise eigne Städte gebauet werden müssen, wo bloß Bücher wohnen (…) Wenn man die Wolken so richtig wie kürzere Sonnenfinsternisse prophezeien kann (…) Wenn alles unzählige Male dagewesen (…) – sag an, o bleicher Jüngling, wenn schlägt es in der Ewigkeit 12 Uhr, und die Geisterstunde der Erd-Erscheinungen ist vorbei?« Worauf der Erzähler: »Irgendwann wird Sein und mein Deutsch, Freund, sich zu dem künftigen Verhalten wie das in Enikels Chronik zum jetzigen; wir werden also geradesooft auf den Toiletten Aufgeschlagen liegen als jetzt Otfrieds Evangelium, nämlich bloß um die einfältige Schreibart und die Reinheit der Sitten zu studieren an Ihm und mir. (…) wahrlich ich werde und muß einen letzten Leser haben.«

Nun schon gramma-eschatologische Antagonismen.

Die Fenster knacken.

10. Juli. Wann kommen sie? Wohin fliehen? Wer war Urischka?

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