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Das Nordufer der Themse entlangflanierend, saugte man jene Luft ein, die man so bisher nur in Berlin vorgefunden hatte: eine Mischung aus Katzenscheiße, modrigen Flusswassermolekülen und Urin auf Asphalt. Acht Bahnhöfe hatte die Stadt, für jede Himmelsrichtung einen und je einen dazwischen. Sowas nennt sich eine Metropole!
Auf die phantastische Architektur der Stadt blickend, die sich rechts und links des Flusses in den Himmel hinaufstemmte, unbedarft-fröhlich alle Epochen und Stile vermischend, erschien einem die Welt als ein gigantisches Gastmahl des Trimalchio, das nur für den Eigenbedarf bestimmt war. Jede Größe war lediglich Schein: Man brauchte nur die Hand auszustrecken, ein Auge zuzukneifen – da passte St. Paul’s Cathedral wie ein Lego-Steinchen zwischen zwei Finger.
Noch in Bayreuth hatte man der freundlichen Sekretärin telefonisch die Information abgerungen, dass Herr Gebhardt im Hause sei. Ohne Zögern hatte man die letzten Ersparnisse zusammengerafft, war nach Nürnberg gefahren und in den nächsten Flieger gestiegen.
Keine Zeit verlieren, den Anlauf nutzen: noch am gleichen Tag zur deutschen Botschaft.

Die Sekretärin sah eigentlich umgänglich aus. Man wurde sofort vorgelassen, merkwürdig.
› Was für eine Überraschung!
Oliver erhob sich rapid von seinem Schreibtisch. Er hatte, als man eintrat, versucht, etwas Rosafarben-Plüschiges in seine Schreibtischschublade zu stopfen – ein Zipfel lugte noch heraus. Auffallend aufgeräumt und nur mit dem Nötigsten bestückt war sein Büro; keine Familienfotos. Aber viel Glas.
Oliver kam auf einen zu, der Mund breit, die Stirn ein wenig zusammengezogen. Man ließ es geschehen, dass er sich die Bügelfalten an einem plattdrückte. Dann Schluss mit den Höflichkeiten:
› Die Täuschungsmanöver könne er sich ersparen.
› Wie der Flug gewesen sei?, winkteer einenzu einer Sitzgruppe aus Stahlrohr, unbedarft. Man rührte sich nicht.
› Was er mit der Festplatte angestellt habe.
› Was für eine Festplatte? Einen Kaffee?
Er lief zur Gegensprechanlage auf dem Schreibtisch zurück, man versperrte den Zugriff.
› Die er einem entwendet habe unter dem Vorwand sie zu verbrennen. Die er in seinem hässlichen braunen Aktenkoffer herumtrage.
› Schwarz.Sein Koffer sei schwarz, deutete er entgeistert auf das Ding hinter sich.
› Ob er ihn mit der Spritze habe umbringen wollen?
Man hatte die Finger von der Anlage genommen und kam jetzt zu Oliver herüber, der sich in seinen Drehstuhl fallen ließ, um den, wie er eben bemerkt hatte, aus der Schublade herausragenden Zipfel zu verdecken.
› Nun aber langsam, drehte er sich zu mir.
› Ob er leugne, seinen Hof der FAF zur Verfügung gestellt zu haben?, stützte man sich auf seiner Stuhllehne auf.
› Den habe er verkauft, winkte er ab. › An so ein älteres Paar mit zwei Tochterfamilien. Er habe ja kaum Zeit sich zu kümmern, und der Gärtner täte es auch nicht umsonst. Für die nächste Silvesterfeier fänden sie bestimmt etwas anderes. Was das bedeute, FAF?
Oliver hatte ganz schön Traute, den Unbedarften zu spielen.
› Man hätte es mit eigenen Augen gesehen, dank des Zweitschlüssels.
› Ach, an den habe er gar nicht mehr gedacht! Den müsse man jetzt natürlich zurückgeben. Moment – er sei dort gewesen?
Ihm einfach nur fest ins Gesicht sehen.
› Es freue ihn wirklich, einen zu sehen. Aber das mit Caro sei jetzt ein halbes Jahr her.
Oliver wurde immer röter im Gesicht. Bald würde man ihn soweit haben. Ihn einfach nur weiter fixieren.
› Er verstehe. Man wäre spontan hergeflogen, weil einem die Sache wirklich sehr zusetze. Ihm zuliebe werde er gern seine Termine annullieren, kein Problem. Eine kleine Kneipentour, um ein wenig in alten Zeiten zu schwelgen? Man wisse doch noch, Roland der Weise und Oliver der Kühne …, hieb er mir auf die Schulter.
Das ließ mich jetzt allerdings aus dem Takt geraten.
› Genau. Wandern. Nicht waten!, fiel der Groschen.
› Also –
› Waten, er habe waten gesagt, der Andere. Dabei stamme der Spruch von ihren Nachtwanderungen. Jetzt sehe man klar!
Man lief zum Fenster, blickte hinaus auf die Stadt. Deshalb hatte Oliver ihren Streit mit keinem Wort erwähnt.
› Es gäbe noch einen Oliver, drehte man sich zu ihm um. › Ein Double wie das der zweiten Carola. Ihr Streit und die Trennung, das sei der Andere gewesen. Die Abweisung durch die Sekretärin – eine Fangschaltung wahrscheinlich.
› Ein zweiter …?
Oliver war jetzt ebenfalls aufgestanden, jedoch zur Tür gelaufen. Während man sich von ihm abgewendet hatte, hatte er den Zipfel verschwinden lassen.
› Bisexueller Crossdresser, nicht wahr?, zog man das Leibchen aus seinem Versteck.
Das erwischte ihn in seinem Rücken. Langes Schweigen.
› Woher …? –
Man hatte es geschafft – Oliver ein Häufchen Elend. Nicht mehr der Kühne, aber der echte.
› Kein Problem, man werde sich daran gewöhnen. Einen Beweis aber brauche man noch.
Noch ehe Oliver Einspruch erheben konnte, war man ihm beigesprungen und hatten die Hosenaufschläge gelüftet: Die Haut darunter wadenweiß und von keiner Tätowierung gezeichnet.
› Man habe nur sicher gehen wollen, lachte man darüber hinweg, während Oliver sich wieder zurechtrückte. › Das müsse man erst einmal verarbeiten: diese neuen, in Bezug auf ihr Verhältnis zwar äußerst beruhigenden, aber andererseits sehr verwirrenden Erkenntnisse. Sich mal eine Auszeit nehmen, alles zu überdenken. Das währe schon viel zu lange. Er möge nicht böse sein, man müsse ihn nun verlassen, sofort, um ihn nicht zu gefährden. Es bleibe keine Zeit, auf ihre Freundschaft anzustoßen. Oliver habe sowieso noch Termine.
Jetzt war es Oliver, der auf einen zukam und in den Sessel drängte. Er krallte sich auf der anderen Seite in die Kante des Schreibtischs, entriss einem das Leibchen und fuchtelte damit herum.
› Man sei ja schon immer aus der Art geschlagen – um nicht zu sagen: ein Anschlag auf die Menschen! Aber okay, er nehme sich da nicht aus. Nur hätte es ihm, Oliver, wenigstens zu Ellbogen und Rückgrat verholfen. Ob Roland glaube, Oliver komme mit der ganzen Scheiße hier klar, he? Scheiße nochmal! Ob er sich eigentlich je gefragt habe, wie es ihm hier so gehe, weitab von dem, was sie früher so abfällig Provinz genannt hatten, wonach er sich jetzt mehr denn je – er gebe es zu – wieder zurücksehne? Scheiße! Er sei wie alle Angestellten in den Tudiestudas-Algorithmen gefangen, die man ihm vorschreibe. Nur dass sie und dem ganzen Politikzirkus hier ständig ein neues Programm auflegen würden: Worin er gestern noch glänzte, interessiere morgen schon niemanden mehr. Ob Roland glaube, es sei leicht, er zu sein: Oliver, der Kühne! Nein, schossen ihm jetzt Tränen in die Augen, › er kriege durchaus nicht alles geregelt, obwohl das jeder von ihm denke. Und jetzt komme auch noch Roland hereingeplatzt, bewerfe ihn mit konfusen Anschuldigungen, sehe doppelt, betatsche ihm Füße und Waden und behandle sein Geheimnis wie einen chronischen Schnupfen. In welcher Nerdphantasie man denn lebe! Solle man doch einmal nach Südfrankreich kutschieren und die Überreste der katharischen Hochkultur aus der Nähe betrachten. Vielleicht besäße die Rosskur ja heilende Wirkung.
–Von dort käme man her, räumte man Olivers Platz. –Das sei überhaupt Grund und Anlass von allem. Aber das könne man nachlesen, sobald man wieder in den Besitz der Festplatte gelangt sei.
Zeit, die Fliege zu machen. Olivers Augenbrauen und Mundwinkel zuckten, als er einem die Tür öffnete. Die Kneipentour fiel dann ja aus.
› Die Kneipentour falle dann ja aus.
› Er solle Arni kontaktieren, der wisse über manches Bescheid und könne ihm Aufklärung verschaffen.
Olivers rot unterlaufene Augen verrieten eine Nitroglyzerinmischung aus Unverständnis, Selbstmitleid und Wut, die nur auf meine falsche Bewegung wartete.
› Jetzt solle man aber endlich verschwinden. Sie sprächen sich wieder, wenn man seinem Verhalten ein Ende gesetzt und sich von seinem Narzissmus befreit habe.
Hardi bemerkte, als er die Hand zum Abschied hob, dass sich in ihr noch immer das rosa Plüschleibchen befand.
Nein, man war ihm nicht böse.

***

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