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Man harrte der Dinge im Niederschißritzer Exil. Während droben auf dem grünen Hügel der Kampf Siegfrieds gegen den Drachen und in der Innenstadt der Freiluftcaféhäuschen gegen McDonald’s und Kaviar tobte; während Japan auf dem Bonner Weltklimagipfel einen Kompromiss billigte, damit das Kyoto-Protokoll von der Staatengemeinschaft ohne die Zustimmung der USA, von deren Entscheidung Nippon sich abhängig gemacht hatte, ratifiziert werden konnte; während die Republik von einem radikalen Modernisierungsschub erschüttert wurde, als das fast siebzig Jahre alte Rabattgesetz außer Kraft trat und sogleich alles in die Geschäfte stürmte, um die mehr als drei Prozent Nachlass zu ergattern,hatte man selbst sich in den Geräteschuppen des Gärtners zurückgezogen, von wo aus man Haus und Hof überblicken konnte, ohne sich sofort zu verraten.
Auf einer der täglichen Stadtexkursionen zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung wäre man beinahe La Carola in die Arme gelaufen, konnte sich aber beizeiten einer japanischen Touristengruppe untermischen. Sie versuchte wieder an den Festspielen zu verdienen, diesmal als wandelnde Bratwurstesse. Exotisch – solche Schnellfressbuden waren hier trotz der Touristen selten zu sehen: Das will zum barocken Kleinstadtschick nicht so recht passen.
Sie war mit den irgendwie antilopigen Beinen immer noch eine, die es selbst in dieser Uniform leicht zu einer Miss Bayern hätte schaffen können. Nun aber stach auch ihr Angemaltsein, ihre verdorrten Hoffnungen ins Auge.
Das war nicht die Caro vor zwölf Jahren, die tränennasse Priesterin von Erde und Wasser, aber auch keine Walküre oder eleusinische Sibylle, verschleierte femme fatale. Nur eine Frau, die vergeblich das rollende R und den niedlichen Wortschatz zu überquasseln versuchte, sich Anerkennung jenseits ihres frugalen Liebreizes, der allmählich eh zu verfliegen begann, verdienen wollte.
Sie hatte vom Papa alles bekommen, gleichwohl – oder deswegen? – bis jetzt wenig erreicht; sie war in den Dreißigern und immer noch nicht aus dem Nest gekrochen, bloß Ferienjobblerin und Praktikantin. Und doch schon ein wenig verbraucht, kalt erwischt von dem Konjunkturwind, der endgültig gedreht hatte, während andere sich in die Sicherheit einer eigenen Hütte hochgedient hatten.
Sie tat ihm leid.

Am 25. verpasste man die Eröffnung der Festspiele mit den Meistersingern vor zweitausend Premierengästen. Die Zeitungen hielten die fünf Jahre alte Inszenierung für einen lahmen Beginn.
Den 99er Lohengrin am 26. Nichts rührte sich.
Schließlich den Beginn der vielgeschmähten und aufpolierten Ringinszenierung aus dem letzten Jahr: Rheingold am 27. Auch das Trio war nicht in Sicht. Heute hatte man die meiste Zeit im Wald verbringen müssen. Der einzige Mensch war aufgetaucht und hatte Rasen gemäht und Hecken gestutzt. Hab hoffentlich nichts Auffälliges im Schuppen gelassen. Die Walküre am 28. Der Gärtner wieder vom Acker ohne etwas zu merken. Immer noch alles ruhig im Haus.
Den Siegfried am 30., der schwächste Teil und trotz Nachbesserung ausgebuht.
Aber man war überzeugt, dass genau hier und zu dieser Zeit eine Versammlung des FAF stattfinden müsste! Nur während die Massen regierten, würde ihre Zusammenkunft ohne Aufsehen bleiben. Man hielt das Abwarten nicht aus, versuchte vergeblich über seine Journalistenkontakte an eine Pressekarte für die morgige Götterdämmerung zu gelangen – wie passend, es war der Tag der ersten gleichgeschlechtlichen Eheschließungen.
Hatte man etwas übersehen? Wechselten sie ihre Treffpunkte, hatten sie Niederschißritz 26 bereits aufgegeben? Man begann noch einmal das ganze Haus zu durchkämmen, gründlicher als vorher. Nichts.
Letzte Kröten vom Konto zusammengekratzt und die Schwarzmärkte abgeklappert. Endlich eine Karte bekommen. Von einem fetten Koreaner, dessen Feilschermethode darin bestand, jedes zweite Wort nicht verstanden zu haben und einem von seiner Familie vorzuheulen, deren junge Existenz auf dem Spiel stehe, weil sie bei der Russenmafia arg in der Kreide stünde. Nein, ich werde hier nicht die unglaubliche Summe nennen, die man schließlich zu zahlen sich breitschlagen ließ.

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