jul-aug.doc (2) jul-aug.doc (3) jul-aug.doc (4)  

16. Juli. Heute ohne jede Heiterkeit. Versuch, sich abzulenken, ohne grundsätzlich abzuschwenken. Vielleicht sollte man …Stattdessen eine kleine Geschichte verfasst – der Stimmung entsprechend geraten. Ich füge sie hier ein, als ein Mahnmal:

SCHÖNE TODE I: DER EISERNE JUNGGESELLE

Folgend die polizeiliche Abschrift einer Tonbandaufzeichnung, die man in der Praxis des Dr. med. — entdeckte, nachdem eine aufmerksame Nachbarin wegen des Überquellens seines Briefkastens die Behörden verständigt hatte.

Wir schreiben den 24. Dezember und ich, Dr. med. —, Arzt für Allgemeinmedizin, liege im Innern des Thanatosautomaten. Noch ist der Deckel geöffnet und lässt meine letzte Morgenröte hinein: neblig und feucht. Dieses Band hinterlasse ich als Testament und Fibel für denjenigen, der meinen Automaten benutzen und mir damit nachfolgen will.
Ein wunderbarer Apparat, Umkehrung des deus ex machina, der Tradition von Orpheus, Dante und Kafka verpflichtet, einzigartige Verschmelzung der Höllen-und Zeitmaschine, Amalgam von Philosophie und Wissenschaft. Geschaffen, um alles, was es zuvor auf diesen Gebieten an Erkenntnis gab, abzuschaffen. Das Heureka der Erlösung!
Der Automat hat Charisma und Eros einer Eisernen Jungfrau. Es ist ein offener Sarkophag, aber größer und geräumiger als dieser und bequemer gepolstert. Am Kopfende ist der Sarg eng und die Polsterung schalenförmig verstellbar, um eine individuelle Arretierung des Kopfes zu erreichen. Er gewährt wirklich doppelt soviel Komfort wie ein herkömmlicher Sarg. Die Wände bestehen aus Kirschholz, darum ein Mantel aus chirurgischem Stahl, den ich eben noch einmal mit Isopropylalkohol blank rieb. Die Polsterung besteht aus roter Seide, daunenunterfüttert. Auch zeitgemäßere Füllungen wie Dinkel sind denkbar.
Heute Geburts- und Todestag. Kann es eine größere Bestätigung der menschlichen Autonomie geben?
Man hört rhythmisches Trommeln von Fingern.

Kein Philosoph, nicht in Antike noch Neuzeit, hat je dieses große, gemeine Menschheitsrätsel gelöst: ob sich der Mensch in Freiheit befinde. Stets war die Antwort dem Reich der Spekulation entsprungen oder bloßes Postulat geblieben. Nichts hatte sich je als Beweis anführen lassen.
Das Trommeln hört auf.

Aber es gibt einen: die letzte menschenmögliche Tat, die Idee und Durchführung der Selbsttötung. Freitod, ja. Ich wähle dies nietzscheanische Wort, weil der Begriff Mord in diesem Zusammenhang eine moralische Unterlegenheit suggeriert, die der Kühnheit meiner Überlegungen spottet.
Der Automat ist das Werkzeug und mein Vermächtnis. Unfassbar: Der erste freie Mensch der Historie – dank einer Maschine!
Deftiges Lachen. Abruptes Ende.

Aber gut. Was hat alle Freiheitsfanatiker vor mir so kläglich scheitern lassen? Das Problem schon der Frage nach ihr. Das Paradox nämlich ihrer feststehenden Antwort: Die Untersuchung der Freiheit erzeugt schließlich ihre eigene Aufhebung.
Wie sich das erklärt? Durch einen einfachen Schritt – den Brückenschlag von der Philosophie zur Wissenschaft mittels der neuesten Erkenntnisse der Quantenphysik, namentlich der Heisenbergschen Unschärferelation:
Von jener wissen wir, dass eine Untersuchung in einem System das Ergebnis beeinflusst, weil es den Zustand des Systems vor der Untersuchung während der Untersuchung verändert. Nachher lässt sich keine Aussage mehr über alle Faktoren machen, die vor der Untersuchung galten.Angewandt auf den Determinismus, ein unlösbares Dilemma: Entweder ist der Mensch frei ohne es zu merken – oder er stellt die Frage und erfährt dabei seine Begrenzung. Freiheit verhält sich wie der Welle-Teilchen-Dualismus. Oder das Glück.
Werden wir konkreter: Freiheit artikuliert sich seit Aristoteles, knapp formuliert, in zwei Komponenten: I. Handlungs- und II. Willensfreiheit.
Zu I.: Für die Freiheit meines Handelns gilt, wie erläutert: Da die Freiheitsbefragung einer Handlung vor, während, oder nach ihrem Vollzug diese selbst einschränkt, vernichtet sie damit die allgemeine Freiheit. Selbsttötung jedoch ist eine Handlung, bei der während wie nachher keine Frage mehr existiert.
Zu II.: Selbsttötung kann dennoch aus Unfreiheit geschehen, dann nämlich, wenn die Willensfreiheit vor der Handlung nicht vorliegt. Der Entschluss muss also ohne den Druck äußerer Faktoren erfolgen, ohne Schicksalsglauben oder die Angst vor jenem unentdeckten Land, die Hamlet zögern lässt und die Totengräber zu ihren Witzen antreibt.
Ich habe diesen Schritt getan und stelle ihn nicht infrage. Es gibt nichts, dass mich soweit getrieben hat. Ich habe genug, was mich ans Diesseits binden könnte: Vermögen, Frauen, Besitz = ein glückliches Leben.
Ich hege wirklich aus freien Stücken den Plan, einmal an einem solchen Höhepunkt menschlicher Gedankentätigkeit angelangt, diesen Taten folgen zu lassen und dieses Stadium meiner Existenz hinter mir zu lassen. Die Praxis vor Tagen geschlossen, die Arzthelferinnen entlassen. Dieser letzte Sonnenaufgang bedeutet mir nichts. Mein Geist ist mit meinem Herzen im Einklang. Beide sind bereit. Der Körper wird folgen.
Unidentifizierbare Geräusche. Klacken der Stop/Start-Taste.

Wie funktioniert nun der Automat? Das möchtest Du wissen, nicht wahr? Adept, der du meine Hinterlassenschaft fandest, um meine Entdeckung der Welt bekannt zu machen!
Ich will deinen Wissensdurst stillen: In den Deckel ist auf Kopfhöhe eine Apparatur mit einer Spritze eingebaut. Der Deckel selbst ist mit Scharnieren aus Stahl, die von zwei starken Zahnrädern und einem Motorsystem angetrieben werden, am Sarg befestigt. Motor und Spritzenapparatur sind durch ein Kabel in der Sargwand mit dem roten Knopf verbunden. Wird dieser betätigt, passiert es: Der Motor schließt mittels der Zahnräder langsam den Deckel. Liegt dieser auf, wird die Spritzenmechanik in Gang gesetzt und diese fährt nieder und bohrt sich rasch durchs rechte Auge und spritzt –
Merkwürdige Schluckgeräusche. Ein unterdrücktes Niesen?

Entschuldigung, Säure direkt ins Gehirn. Ein weiterer, gelber Knopf ist mit einem Lampensystem im Inneren verbunden. Ein kleines Extra für den Fall, dass man die Verdunkelung, die bei Schließung des Deckels natürlicherweise eintritt, verhindern möchte, um dem Niederfahren der Spritze sehenden Auges beizuwohnen.
Ich will das.
Ein blauer Knopf steuert das Tonband in der Vertiefung zu meinen Füßen. Das Mikrofon ist in die Wand eingelassen.
Alles muss einwandfrei aufeinander abgestimmt sein: Geschwindigkeit des Motors und Winkel des Deckels und seine Abmessung und Höhe der Polsterarretierung und Länge der Nadel und ihr Durchmesser und die Geschwindigkeit ihres Niederfahrens.
Ich habe lange an dem Apparat gearbeitet.
Klacken der Stop/Start-Taste.

So. Nun. Ich beginne jetzt mit der Durchführung meines Plans.
Klacken der Stop/Start-Taste.

Der Apparat ist am Strom und betriebsbereit.
Klacken der Stop/Start-Taste. Leises Rascheln.

Mein Kopf liegt in der Polsterarretierung.
Ich drücke den gelben Knopf. Die Beleuchtung geht an.
Blinken und Summen von Neonröhren.

Ich drücke den roten Kopf.
Ächzen eines Motorsystems.

Der Deckel fährt nieder.
Leises Quietschen.

Ich bleibe.
Leises Quietschen. Rascheln.
(mit weniger Hall in der Stimme als vorhin:)

Die Nadel nähert sich exakt meiner Stirn.
Die Arretierung stimmt. Alles funktioniert ausgezeichnet.
Leises Quietschen. Kein Rascheln.
(noch gedämpfter:)

Der Deckel liegt beinahe auf.
Ein sanfter Knall. Dann ein Knarzen und Schleifen.
(nur noch ganz dumpf, die tiefen Frequenzen überbetont:)

Jetzt ist es soweit: Der Wechsel des Getriebes lenkt die — Motor—kraft auf — die — Spritzenapp –
Ein exp
losives Niesen: Die Aufnahme übersteuert und lässt keine Identifizierung der Geräusche mehr zu. Stille.
Flüche. In der Klangqualität wie zuletzt.

Abbruch. Der Anfall hat meinen Kopf nach unten geschleudert und aus der Arretierung gerissen. Dabei wurde die Nadel verbogen, deren Spitze sich direkt neben meiner Nase, vielleicht drei Zentimeter vor dem Auge befand. Ich spüre und ertaste einen Kratzer an der Augenbraue.
Kratzen, Schaben und Klopfen.

Kein Konstruktionsfehler, aber Nachlässigkeit, diesen Anwendungsfall nicht auch bedacht zu haben: unmöglich, den Sarkophag von innen zu öffnen!
Zusammenfassung der noch verbleibenden Aufnahme: Immer wieder Hilferufe zu hören sowie Kratzen, Schaben und Klopfen verschiedener Intensität, über die Zeit im Mittel nachlassend. Ende des Tonbandes nach sechzig Minuten.

Protokoll Ende. Gez. Kommissar-Anwärter —

***

Schreibe einen Kommentar