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Die Dämmerung lag wie ein schweres Tuch über der Stadt, Nebel war nirgends auszumachen. Die Geschäftigen des Tages flüchteten in ihre Häuser und überließen das Territorium den Fürsten der Finsternis: den Verkäufern zwiespältiger Genüsse, Besuchern der Kurzweilkaschemmen, heimlichen Hehlern, Messermännern, frivolen Frauen und herrenlosen Hunden.
Man hätte nicht so überstürzt herfliegen sollen. Wo werde ich heute Nacht Obdach finden? Nichts mehr auf dem Konto, die ganze Erbschaft verbraucht.
Was hatte das zu bedeuten, dass jetzt sogar Oliver ein Duplikat besaß? Es war jetzt klar, dass er sie auf die Spur der Stafette gebracht hatte – Oliver 2, der am Telefon. Wozu das alles?
Man ließ sich vom Wind durch die Gelasse des Molochs treiben, an den Geldtempeln der City vorbei zum Nordufer der Themse, dorthin, wo man den frühen Spaziergang gemacht hatte. Niedergestreckt auf einer Bank, ganz in der Nähe eines Durchlasses unter einem der vielen Brückenarme London-Shivas, glitt einem der Kopf zur Seite und man selbst sofort in Schlummer.

Wildes Durcheinanderreden rüttelte an den Ohren. Es war mittlerweile nach Mitternacht und deutlich kälter geworden. Erträglich, aber eine Decke wäre trotzdem willkommen. Vor der Wand des Brückendurchlasses hatte es sich ein Altmännergrüppchen gemütlich gemacht, deren rücksichtslos ausgetragener Disput einen geweckt hatte. Sechs dieser Stadtstreicher, die sich in einem präzise bemessenen Kreisbogen gegenüberstanden, zählte man und fragte sich, wie es kam, dass sie sich zwar durch wilden Haar- und Bartwuchs auszeichneten, ihrer Kleidung nach aber bessergestellt zu sein schienen: Ein Armani-Anzug degradierte den nächsten. Eine Flasche Kirschlikör ging wie ein Cliquenjoint zwischen ihnen herum. Ohne sich sehr zu bewegen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, richtete man die Lauscher aus:
› Was für eine harmonische Proportionalität und anmutige Simplizität seine Minuskeln besäßen!
› Die kompakte Handlichkeit eines Damenschenkels, gepaart mit dem eleganten Schwung eines Infusionsschlauchs!
› Kein Vergleich zur schwer entzifferbaren gotischen Schrift!
› In der Tat hätte eine Renaissance der Antike, wie in Italien geschehen, ohne die Reform der Schrift niemals stattfinden können!, behauptete einer und ein anderer bestätigte mit der These:
› Die Ausbreitung der Minuskeln über das Frankenreich im 9. bis über ganz Europa im 12. Jahrhunderthabe es den Humanisten doch erst ermöglicht, ihre Pamphlete derart unter das Volk zu streuen!
› Viele Werke der Antike seien nur dank der Abschrift karolingischer Gelehrter erhalten geblieben!, zog ein Dritter den Schlussstrich.
Selbst in der Fremde traf man ständig auf Frankenfreunde. Wie ein Tragödienchor, der zwar seinen gemeinsamen Text kennt, aber immer wieder in Einzelstimmen zerfällt, philosophierten diese hier über Carolus Magnus und seine Bedeutung für das deutsche Schriftgut. Das will man nun wirklich nicht hören, an keinem Ort Ruhe.
Man versucht, sich von der Bank zu schieben, um leise davonzuschleichen. Da hat man den Salat und den Gruppenführer aufmerksam gemacht.
› Was die eigene Auffassung, ob man anderer Meinung sei, oder etwas beizutragen habe? Andernfalls solle man lieber verschwinden. Das sei nämlich ihr Revier hier.
Alle Augen auf mich. Derart an der Ehre gekitzelt, unterlag man dem Reflex und ging in die Falle:
› Nun ja, für die vorgebrachte These dürften die karolingische Minuskeln nicht allein in Anspruch genommen werden. Es gelte vielmehr zu berücksichtigen, dass Karl die Bibliotheken geöffnet und von alten Zwängen befreit, die Bestände erhöht, das kirchliche Vulgärlatein gereinigt und zur Amtssprache erklärt und zugleich angeordnet habe, die Lehre in den Klöstern und Domschulen fortan nur noch in Romanisch oder Germanisch durchzuführen – bei Beachtung einer allgemeingültigen Grammatik. Den Winden und Monaten habe er germanische Namen verliehen und Harún al Raschíd, der Kalif von Bagdad, ihm einen lebenden Elefanten als Anerkennung vorführen lassen – was den Zugang zu den arabischen Abschriften der antiken Kompendien ermöglicht habe.
Man hoffte, es ihnen gezeigt und sich die Erlaubnis zum Gehen verdient zu haben, hatte aber das Gegenteil erreicht:
› Horch, Horch, klatschte der Anführer Beifall, während seine Kumpane mit einfielen. › Ganz wie der Kaiser es selbst formuliert habe: »Obwohl gutes Tun besser sei als gutes Wissen, gehe das Wissen dem Tun doch voraus.« Man hätte allerdings noch Aspekte vergessen: DieDreifelderwirtschaft. DieGenueserVolksversammlungen, denen man gerade jetzt, nach der Tragödie des G-8-Gipfels, wieder gedenken sollte. Die Bedeutung der sechs Erzbistümer Mainz, Köln, Salzburg, Trier, Hamburg-Bremen und Magdeburg …Man solle doch Platz nehmen. Nur für ein Viertelstündchen. Sie schätzten es, sich ab und an neuen Impulsen auszusetzen.
Er bedachte einen mit einem Blick, der keine Ausrede duldete, und gab den anderen Zeichen, Hölzer fürs Lagerfeuer am Ufer zusammenzuklauben. Zwei setzten sich ab von der Gruppe. Man selbst zögerte, näherzukommen, konnte aber auch nicht mehr weg.
› Neue Impulse, genau! So wie Karl –, begann einer die Einladung zu bekräftigen –
› Wie Karl den Umgang mit Buchstaben gesucht habe, beendete ein anderer den Satz. › Er habe sie sogar mit ins Bett genommen: zum Einprägen im Schlaf!
› Habe bekanntlich nicht viel geholfen, haha.
› Er würde es vorziehen, meinte ein likörseliger Dritter, das Prägen fraulichen Fleisches im Bette noch einmal genießen zu können. Da sei ihm ein Carolus serenissimus Augustus a deo coronatus magnificus imperator Romanorum gubernans imperium qui est per misericordiam die rex Francorum atque Langobardum, der seinen müden gichtkranken Körper stets an die warmen Quellen nach Aachen habe expedieren lassen können, so was von hundsfottegal. Seinen Verfall könne nur ein letztes Bad in der Themse kurieren – aber das wäre nur etwas für Leute von dunklerem Gemüt.
Alle lachten und bleckten dabei ihre fauligen Zähne. Das Geräusch sprang hinaus in die Dämmerung und über den Fluss, in der Millionenstadt weitere Lauscher zu finden. Doch niemand wurde Zeuge des folgenden Gesprächs:
› Das sei Theowulf der bald tote Gote, begann der Älteste alle vorzustellen. › Zwar wäre er lieber der Apostel Wulfila aus Gotisch-Mösien, aber das sei vor seiner Zeit gewesen. Sein Name, deutete er auf sich selbst, › sei Alkuin der Angelsachse. Die anderen seien Petrus von Pisa und Fra Angilbert der Franke. Gleich vom Holzholen zurück seien Paulus Diaconus der lange Langobarde und Mr. Einhard der Mainfranke.

[Unnötig zu erwähnen, dass alle diese Namen nicht von mir geändert wurden – aber ich folge der Pflicht.]

Die Angesprochenen nickten augenrollend und blickten mich erwartungsvoll an. Als sollten die Namen etwas zum Klingen bringen bei mir.
› Die Hofakademie?
Sie strahlten und strichen sich anerkennend die Bärte. Jetzt kam man näher. Zwei der Gesichter erschienen seltsam vertraut, aber die Flecken Filzhaare Falten machten eine genauere Identifizierung unmöglich. Vermutlich ein Streich des Gedächtnisses.
› Ganz recht.
› Eigentlich wollten sie davon loskommen.
› Aber es überkäme sie immer wieder davon –
› Davon zu reden. Von ihrem Auftrag.
› Dem Grund ihrer Gefangenschaft.
› Aus der sie hierher geflohen seien. Ja, geflohen!
Keiner wollte dem anderen zu viel der Geschichte überlassen. Man versuchte, am Ball zu bleiben, von einem Filzgesicht zum anderen blickend. Sie boten einem an von dem Likör. Also gut.
› Die alte Hofakademie, startete Alkunin einen neuen Anlauf,–
› Habe ja die künftigen Äbte, Bischöfe und Grafen des karolingischen Reiches erzogen, vollendeten sofort die anderen, –
› Die fränkisch-lateinische Sprachlehre vorangetrieben.
› Die Verwaltung der Hofbibliothek besorgt.
› Und germanische Heldenlieder gesammelt.
› Das erste Sigurdlied sowie Karls eigene Verse zum Beispiel.
› Sie aber, legte wieder der erste Sänger vor,–
› Die zweite Hofakademie, einige Jahrhunderte später –
› Hätten sich nur mit einem beschäftigen sollen: der Suche nach der wertvollsten Schrift Karls des Großen!
Paulus und Einhard kamen mit dem Holz zurück und begannen, es in der Mitte zu einem Türmchen zu schichten, während man sich selbst in den Kreis integrierte. Alle rutschten zusammen, um Zeuge zu werden, wie Alkunin das Feuer entfachte. Ein wie immer magischer Vorgang.
› Vom Bestand der Karlschen Bibliothek sei doch weder etwas bekannt noch erhalten, versuchte man die Aufmerksamkeit wieder vom Feuer aufs Thema zu lenken – und als hätten sie nur darauf gewartet, erntete man einen donnernden Chor:
Alle. › Weia, weia! Dreimal Weia! Man sei nicht bereit für die kommende Zeit!
Paulus. › Zwar sei wirklich noch niemand diesem Problem beigekommen.
Angilbert. › Zu diesem Text, jener wertvollsten Schrift jedoch gäbe es Hinweise.
Petrus. › Für die Stunde der höchsten Not seines Volkes, so sei ihnen gesagt worden,
sollten sie diesen Spuren folgen und die Schrift rekonstruieren, damit,wenn Charlemagne–
Einhard. › Charlemagne aus dem Dunkel des Untersberges bei Salzburg –
Paulus. › Wo er Jahrhunderte ausgeharrt habe –
Alkuin. › Wieder herauskäme –
Theowulf. › Er seinem Volk in der letzten Schlacht beistehen könne.
Jetzt wurde es wärmer hier unter dem Durchlass, von inneren und von außen – das Feuer warf unsere zuckenden Schatten auf das Brückengemäuer. Man fragte sich, wie viel Zufall bei dieser Begegnung im Spiel war. Es mit der sokratischen Methode versuchen.
› Wie Karl dort solange habe überleben können?
Alle. › Weia, weia! Dreimal Weia! Die Zeit bricht heran und man sei nicht bereit!
Angilbert und Theowulf. › Na, dank des Geheimnisses!
Petrus. › Das der Grund dafür sei, warum er, der keine gelehrte Erziehung genossen –
Alkuin. › Noch im hohen Mannesalter das Schreiben gelernt–
Paulus. › Sein Latein und Griechisch zu bessern versucht habe.
Man glotzte begriffstutzig, angezwitschert vom Likör, der immer noch kreiste.
Einhard und Alkunin (insistierend). › Das Geheimnis eben jener Schrift!
Theowulf. › Die Rolle, mit deren Hilfe es ihm gelungen sei, die Geschichte zu ändern.
Einhard. › Das Desiderat–
Alkuin. › Das zu finden sie, die Akademie, gezeugt worden seien:
Angilbert. › Karl habe unbemerkt dreihundert Jahre länger regiert–
Petrus. › Dank der Magie dieser Rolle Arabischpapier.
Die Akademie streckte ihm mit angespitzten Brauen die Köpfe entgegen. Man war ihnen wirklich in die Falle gegangen. Endlich hatten sie jemand, der ihnen zuhörte und sie verstand. Aber langsam verlor man den Faden, kam sich vor wie in eine Samstag-Abend-Schau geraten: Wetten, Dass..?. Am laufenden Band. Einer wird gewinnen. In der Themse spiegelten sich fleckig die Sterne.
› Man habe schon viele Geschichten gehört. Aber diese –
Alle. › Weia, weia! Dreimal Weia! Die Geschichte kennt kein Happy-End, wenn niemand ihre Wahrheit nennt.
Paulus (es noch einmal sanft versuchend). › Ob man denn wirklich noch nie von der These gehört habe, Karl, von dem es so wenige Zeugnisse gäbe, obwohl er so Großes vollbracht habe –
Petrus und Paulus. › Habe nie existiert!
Man schüttelte den Kopf, dann musste man sich korrigieren.
Angilbert. › Eine bloße Erfindung des Heilig Römischen Reiches Deutscher Nation.
Einhard. › Ein Gründungsmythos der Staufischen Kaiser, die sich damit hätten selbst legitimieren wollen.
Paulus. › Gipfelnd in der Behauptung,dem Kalender seien dreihundert Jahre um die Zeit Karls herum –
Theowulf. › Einfach hinzugefügt worden!
Petrus. › Eine gigantische Korrektur der Zeit.
Eine bedeutungsvolle Stille trat ein. Fernsehunterhaltung im Kopf. Luftholen.
Einhard und Alkunin. › Alles Humbug! In der Tat nämlich–
Angilbert. › Läge der Fall genau anders herum.
Alkuin. › 299 Jahre seien bei den christlichen Kalenderreformen gestohlen worden. Was bin Ich. Der siebte Sinn? Vielleicht Na Sowas! Die Akademiker legten Holz nach.
Paulus. › Die Zeit eben seiner verlängerten Herrschaft.
Petrus. › Denn, seiner Macht müde geworden und befürchtend –
Theowulf. › Dass jene Schriftrolle in falschen Händen allerlei Übel anrichten könnte–
Alkuin. › Habe Karl sich zurückgezogen und durch ein letztes magisches Wort die Erinnerung an diese Zeit tilgen lassen.
› Und niemand davon etwas bemerkt?, versuchte man der Akademie den Wind aus den Segeln zu nehmen.
› Nicht ganz, sprang Einhard darauf an. › Weil nicht die tatsächliche Vergangenheit zu korrigieren möglich gewesen sei –
Angilbert. › Sondern lediglich die zukünftige Erinnerung daran –
Petrus. › Seien in der Tat einige wenige dahinter gekommen.
Theowulf. › Wenn auch nur in ihren Träumen.
Alkuin. › Und ohne jemals etwas beweisen zu können. Die Supernasen. Aber Dalli Dalli!
› Wer diese besonders Erleuchteten gewesen seien?, fragte man misstrauisch, hegte aber bereits eine Befürchtung. Das Feuer knisterte und zuckte, verlangte ständig nach Nachschub.
Paulus. › Die Bogomilen.
Einhard. › Die slawischen »Gottesfreunde«.
Angilbert. › Eine im orthodoxen Kleinasien, auf der Balkanhalbinsel angesiedelte religiöse Gemeinschaft –
Theowulf. › Mit einem dem Manichäismus ähnlichen Glaubenssystem und strenger Askese.
Petrus. › Jene hätte sich nämlich nicht erst im 10. Jahrhundert –
Einhard. › Sondern bereits viel früher entwickelt –
Angilbert und Theowulf. › In Karls Ägide, jaja.
Alkuin. › Ein Diasporagrüppchen sei damals in Belgien eingewandert –
Paulus. › Und diese Leute seien es schließlich gewesen –
Angilbert. › Die durch ihren Glauben und fremde Kultur dort eine Verstimmung im Weltenlauf wahrgenommen hätten. Die slawischen –
Petrus. › Slawischen Bogomilen seien mit der türkischen Eroberung Bosniens untergegangen.
Einhard. › Während das Wissen der belgischen im Laufe der Zeit in jene Bewegung geflossen sei –
Paulus. › Die man dreihundert plus dreihundert Jahre später –
Alkuin. › Die Katharer nennen sollte.
Trommelwirbel. Gewinnt der Kandidat den Großen Preis? Werden Die drei ??? den Fall lösen? Wann wird Hans Rosenthal in die Luft springen?
› So sei aus Král, dem Königswort der Slaven, das sie wegen Karl aus dem Deutschen entlehnt hatten, der Gral geworden …
Man konnte den Blick nicht vom Feuer lösen, das knisternd in sich zusammenzufallen begann, am Punkt höchster Hitze.
Theowulf. › Jaja. Unter Karls Leuten hingegen habe es einen kleinen Kreis Initiierte geben–
Einhard. › In seiner Zukunft unangetastet und mit dem Auftrag –
Angilbert. › Das Geheimnis zwar unentdeckt, aber dennoch überliefert zu halten –
Alkuin. › Damit später einmal –
Paulus. › In Zeiten der Not –
Petrus. › Die Macht Karls seinen Nachfahren beistehen könne.
Welches Schweinderl hättens denn gern? Der Preis ist heiß. Topp, die Wette gilt. Die Nacht zog sich langsam zurück. Die ersten Menschen schlurften unausgeschlafen an uns vorbei zu ihrer Arbeit, man selbst hatte jeden Widerstand aufgegeben und sich endgültig anstecken lassen:
› Deshalb also sei von den Katharern kaum etwas übrig geblieben – weder Menschen, noch schriftliche Zeugnisse: Sie hätten begonnen, das Geheimnis der dreihundert Jahre weiterzugeben.
Alle (aufspringend). › Jubel, jubel! Dreimal Jubel! Jetzt sei man bereit für die kommende Zeit!
› Darum die Inquisition und die Verfolgung eben auch der Templer, die in katharischen Landen ihren eigenen Staat aufgebaut hätten, legte man jetzt selbst aufgekratzt los über die Lösung eines der größten esoterischen Rätsel. › Darum die Massenverhaftung der Führungsriege durch König Phillip IV. von Frankreich, die Aufhebung des Ordensstatus durch Papst Clemens V. und der bizarre Prozess wegen Häresie, Homosexualität und der Anbetung des Baphomet – wofür man Beweismaterial mittels eingeschleuster Spione und erpresster Geständnisse hätte zusammentragen lassen.Die komplette Ausrottung des Templerordens allein wegen jenes albigensisch-katharischen Wissens, das an ihn weitergegeben worden war.
Alkuin (alle wieder zum Hinsetzen mahnend). › Jacques de Molay, der Großmeister der Templer, habe ja zuvor noch Bücher und Dokumente des Ordens wegschaffen und verbrennen lassen.
Eine magische Schriftrolle in der Hofbibliothek Karls des Großen, mit deren Hilfe er der Zeit Herr und den Menschen für dreihundert Jahre ein Gott war, endlich aber die Gefährlichkeit jener Macht einsah und deshalb den Zeitbetrug aus der Geschichte der Menschheit löschen und die Rolle – das, was alle den Gral nennen – verstecken ließ. War sie der Anfang der literarischen Stafette?
299 Jahre … In Wirklichkeit heute das Jahr 2301! Der technische Fortschritt – für einen kleinen Kreis ist er dreihundert Jahre voraus. Das erklärte die Doppelgänger – Menschenkopien, in dreihundert Jahren gängige Praxis. Wie die Strahlenwaffe; Alientechnologie ja vielleicht sogar.
› Was die Schriftrolle enthalte.
› Das eben wüssten sie nicht, zuckte Alkunin die Achseln und die anderen ergänzten:
Angilbert. › Schließlich seien sie nicht die Gelehrten von damals.
Paulus. › Keine Unsterblichen.
Theowulf. › Nur ein paar Forscher.
Einhard. › Die Namen willkürlich.
Petrus. › Mit nichts in der Tasche als einigen Texten –
Angilbert. › Und einer Flasche Likör.
Einhard und Alkunin. › Weit weg von der Heimat –
Alkuin. › Der zweiten Villa Aurora
Einhard. › Ihrem Gefängnis.Ort ihrer Geburt und ihres Lebens –
Petrus und Paulus. › Grund ihres Chors wie ihrer Flucht.
Villa Aurora. War das nicht Feuchtwangers Exilantenanwesen in den Vereinigten Staaten? Der Himmelsrand begann sich zu verfärben, die chemische Reaktion zweier Flüssigkeiten: Der Tag kündigte sich an.
Petrus. › Aber sie hätten eine Theorie.
Einhard. › Es handle sich vermutlich –
Theowulf. › Um die Schrift eines Gottes. Die erste –
Paulus. › Erste Fraktur eines Volkes –
Angilbert. › Von einem Herren der Botschaft –
Alkuin. › Wie der griechische Apollo oder auch Hermes und der ägyptische Thot –
Theowulf. › Undwie sie ein Gott der Enthüllung und des Rätsels zugleich –
Angilbert. › Ein Brahma der Zauberei und der Zukunft –
Einhard. › Der alleindas chaotische Urlied des Kosmos, die vorstoffliche Welt –
Paulus. › Und ihre schöpferische Kraft in eine Schrift zu bannen imstande sei:
Angilbert und Theowulf. › Wodan-Odin –
› Der Gott der Germanen, vervollständigte man selbst den Satz.
Petrus. › Genau! Um die magischen Runen aus sich zu gebären –
Theowulf. › Und sich damit sämtlicher Weisheit zu bemächtigen –
Einhard. › Habe dieser sich selbst mit dem Speer verwundet und für neun Nächte an den Weltenbaum Yggdrasil gehängt.

Alle (singend).

»Ich weiß, dass ich hing

am windbewegten Baum

Neun Nächte hindurch,

Verwundet vom Speer,

Dem Odin geweiht,

Ich selber mir selbst,

An dem mächtigen Baum,

Von dem Menschen nicht wissen,

>Aus welchen Wurzeln er wuchs.

Man bot mir kein Horn

Noch Brot zur Labung,

Nach unten spähte mein Auge,

Ächzend hob ich,

Hob aufwärts die Runen,

Zu Boden fiel ich alsbald.

Bestlas Bruder,

>Des Bolthorn Sohn,

Lehrte mich wirksamer neun,

Und den Trank erlangt ich

Des trefflichen Metes,

Aus Odrerirs Inhalt geschöpft.

Zu gedeihen begann ich

Und bedacht zu werden,

Ich wuchs und fühlte mich wohl;

Ein Wort fand mir

das andere Wort,

Ein Werk das andere Werk.«

Alkuin. › Als er aber schließlich herabsank –
Paulus. › Sei Odin durch das Wissen der Runentafel zur tragischen Gestalt geworden –
Theowulf. › Sein Blick bis ins Morgen gedrungen –
Petrus. › Dass er doch nicht zu ändern vermochte.
Alle in der Akademie streckten die Köpfe vor, schauten mich an.
Petrus und Paulus. › Ragnarök: Weltenbrand.
Alkuin. › Einem Sterblichen Midgards jedoch –
Wieso schauten die einen so an?
Angilbert. › Könnte die Tafel die Fähigkeit geben –
Einhard. › Die Zukunft nicht nur zu wissen –
Theowulf. › Sondern auch zu bestimmen.
Warum schauten die so?
› Und die Zeichen jener mythischen Runentafel habe die alte Akademie für Karl wirklich rekonstruieren können?
Einstimmiges Nicken.
Paulus. › Die magischen Runen seien teilweise überliefert gewesen durch das Futhark, das altgermanische Alphabet – das man später von vierundzwanzig auf dreiunddreißig Zeichen erweitert habe –
Alkuin. › Und natürlich die verstreuten Texte der Edda und des ursprünglichen Sigurdlieds –
Angilbert. › Der ältesten Fassung der Sage von Siegfried dem Nibelungen.
Einhard. › Ihren Vorfahren sei es gelungen –
Petrus. › Die Fragmente zu sammeln und zu sortieren –
Alkuin. › Und auf jene Papyrusrolle zu bannen.
Das war spiiitze, springt Hans Rosenthal in die Luft!
› Gut, fasste man zusammen, › die Schrift, besser gesagt, das verschriftlichte Schöpfungslied eines Gottes, verstanden. Aber wieso ihre Flucht vor dem Auftrag, jene Schrift oder Rolle wiederzufinden?
Theowulf. › Das könnten — sie — nicht–, fing er zu stottern an, –
Angilbert. › Nicht so genau rekonstruieren.
Alkuin. › Immer hätten sie mit Mängeln zu kämpfen.
Paulus. › Wie die Tatsache ihres beschleunigten Alterns.
Alkuin. › Wohl aber erinnerten sie sich –
Theowulf. › Dass sie immer in einem englischsprachigen Land leben wollten.
Petrus. › Seit ihrer Geburt hätten sie nichts anderes gekannt als jene Villa, ihr süßes Gefängnis–
Einhard. › Dort aufgewachsenzu keinem anderen Zweck, als später einmal –
Einhard und Alkunin. › Die Rolle der Runen zu finden –
Paulus. › Zum Wohle der Menschheit und des karolingischen Erbes.
Angilbert. › Einmalaber habe einer von ihnen ihre Eltern belauscht.
Alkuin. › Und entdeckt, dass ihrMotiv nur ein Vorwand gewesen –
Angilbert. › Dahinter sich ganz andere, sogar zwei ganz verschiedene Interessen verborgen hätten, untereinander –
Petrus. › Untereinander beständig im Kampf vor dem gähnenden Abgrund der Schöpfung –
Einhard. › Aorgik, das Walten des Wassers die eine –
Paulus. › Negentropie, die Verfechtung von Feuer und Funke die andere Macht.
Alkuin. › Das hätten jedenfalls ihre Nachforschungen (dazu hätte man sie ja geboren) ergeben. Niflheimer und Muspelheimer hießen sich ihre Anhänger –
Theowulf. › Nach dem germanischen Vorbild der Reiche, aus denen das Leben entstand: die Riesen und Götter, die Vanen und Asen.
Petrus. › Sie suchten seit Jahrhunderten nach der Rolle der Runen –
Angilbert. › Um damit den Weltenlauf in ihrem Sinne korrigieren zukönnen –
Einhard. › Als Mehrer von Wirrwarr und Wucherung.
Petrus. › Oder Konsistenz und Kontrolle.
Es war taghell und an Müdigkeit sowieso nicht mehr zu denken.

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