Erster Teil jan-apr.doc Zwischenwort  

Autor:               Roland Iobst
Ort:                 c:/eigene dateien/texte/2001/
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Erstellt:            02.05.01, 00:44:03
Letzte Änderung:     06.05.01, 02:06:31
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Nein. Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich glaube eher nicht. Nee. Ich doch nicht! Wie auch? Hab wenig Übung, stand zumeist auf der anderen Seite – und jetzt soll ich hier, obendrein über mich … Also wir reden hier wirklich von mir! Und ich kann mich meistens (eigentlich: jedes Mal bei näherer Betrachtung) selbst schon nicht leiden.

Klappe halten und loslegen.

Geht nicht. So nicht.

Also dann:

Muss ich mit einem Exkurs über das Anfangen beginnen. Weil ich das stets die schwierigste aller Handlungen fand. Ziele abstecken, mir etwas vornehmen, geht noch gut von der Hand; unangenehm ist mir nur der sanfte, aber beharrliche Druck zur baldigen Umsetzung. Kniffliger wird es schon, die Entscheidung über die Tatzeit zu fällen. Ist diese Hürde jedoch genommen und der Moment da, das Vorhaben Realität werden zu lassen – hält mich die Furcht vor den Folgen am Wickel: Ich lasse die Finger davon.
Wie jetzt wieder. Ziemlich anstrengend, eine solche Gestaltung in die Gedanken zu rastern! Germanist sein ist eines, Mathematiker nochmal etwas anderes, aber Chronist Schriftsteller Dichter … Hör doch auf!
Überhaupt ein mittleres Wunder, dass ich hier sitze: in kühler Umarmung dieses Krüppelgemäuers, das niemals über die Stadtmauergrenze hinaussprießen durfte, mir aber meine mentalen Nachtschattengewächse erlaubt; dass ich hier, inmitten des Dunkels der Kathedrale, meinen Adlerfinger über die Tastatur kreisen und auf ihre Buchstabenbeute herabstoßen lasse – und somit wirklich die Worte zusammenstelle, die eben auf dem Bildschirm erscheinen.
Schluss machen nämlich kann ich aus dem Effeff.
Beispielsweise als Kind auf dem Spielplatz, als ich mich mal wieder mit Karl Koschel im Sand prügelte – ohne angefangen zu haben! –, da rief Mutter von der Bank herüber:
› Roland! Jetzt ist aber genug!
Schon ließ ich es. Nicht aus Vernunft oder Reue, sondern weil es mir, einmal auf die Idee gebracht, leichter fiel, als den nächsten Hieb zu platzieren. Karl hat mir dann, hämisch grinsend über mein Stillehalten, noch ordentlich zwei auf die Lippe gegeben, bevor mein Vater dazwischen ging.
Oder als wir die obligatorische Mutprobe unter uns machten und ich beim Überqueren der Autobahn abrupt stehen blieb. All die Fragment gebliebenen Hausaufgaben Seminararbeiten Zeitungsreporte. Die vorzeitigen Abreisen, das Verlassen der Theater in den Pausen, die abgebrochenen Kontakte …
Um meinem Verhalten den Anschein der Vorsätzlichkeit zu verleihen, prahlte ich gegenüber den Grundschulkameraden: ich sei Satanist. Das klang nicht nur plausibel, es verschaffte mir auch einen gewissen Radius freier Homosphäre auf dem Pausenhof. Anteil daran hatte aber auch mein vielgetragenes, deshalb häufig zum Himmel stinkendes »Satan Rules Crew«-T-Shirt. › Nein, kein Grufti sei ich, vielmehr ein treuer Gefolgsmann des Geistes, der, wie man weiß, stets verneint: den erkennt man eben nicht an schwarzer Schminke Nietengürteln Lederklamotten, ciao, Karl und Liselotte.
So ist das nun Mal: Ich kann dem mächtigen Impuls nicht widerstehen, wenn sich eine Gelegenheit zur Beendigung bietet – und weil das oft zu Verletzungen führt, habe ich gelernt, besser auch vorsichtig mit dem Anfangen zu sein.
Jetzt ist es auch schon egal:

Carola Oleg
[Name geändert]

Mein letzter Versuch, mich in das Herz meiner Jugendliebe Carola Oleg zu stehlen, lag sechs Jahre zurück. Nun war ich schon Zweiunddreißig – es konnte als entschieden gelten, dass ich endgültig unter 1,80m bleiben, die eineinhalb Jahre jüngere Caro mich ebenso in Zukunft um einige Zentimeter überragen würde.
Auch jetzt wieder, auf dem traditionellen Silvesterumtrunk in Olivers altem Hof draußen im Kaff, hatte ich sie sofort wiedererkannt: Wie je trabte sie auf irgendwie antilopigen Beinen und in ihrer süßlich-herben Parfümschleppe der Marke Zimtpflaumenknödel daher, als sie unverhofft in der Nähe jenes Fensters auftauchte, an dem draußen der wirbelnde Schnee zu Wasserperlen schmolz, die meinen melancholischen Ausblick ins schwarzweiße Nichts verschwimmen ließen.
Selbstverständlich drehte ich mich postwendend von ihr weg, jedoch …

Dass ich so weit gelangt bin, bis auf diese Seite – es muss wirklich mit gestern zu tun haben, Arni. Endlich wird mein Neujahresvorsatz zur Tat: mein Neinsageralltag, der sonst bloß in gähnende Erinnerung zerfließt, zuvor in Elektropapier fixiert für die Zukunft. Um die nächste Niederlage eher kommen zu sehen, aus dem Vergangenen vorhersagen zu können? In jedem Fall: Um vorbereitet zu sein. Nicht wie an Silvester blind in die Falle zu tappen.

Reiß dich am Riemen!

Ich schreibe, als spräche ich selbst, dabei ist jedes Wort, das ich hier eintippe, einer Entscheidung entsprungen, die von jemandem stammt, der unmöglich mich meinen kann; schon beschleicht mich wieder die Lähmung: Es lässt sich nicht ignorieren, der Zwang reckt seine Ellbogen vor. Ich muss ein Zugeständnis.

***

 

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