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Ein Knacken. Sofort klappe ich den Bildschirm ein, damit sich draußen niemand über das merkwürdige Glimmen hinter den Kirchenfenstern falsche Gedanken machen kann.
Zu spät erkenne ich den Fehler an diesem Reflex: Die Sinne nehmen stets die Veränderung in den Fokus, das Beständige wird leicht übersehen. Sollte jemand in der Nähe sein, wird das rasche Löschen des Lichts ihn erst recht neugierig machen.
Ich verharre in meiner Position, stelle die Lauscher auf und nehme, ohne den Kopf zu bewegen, die Umgebung genauer in Augenschein. Der Rhythmus des Blutes pocht mir einszweieinszweieinszwei! in den Ohren, untermalt vom Pfeifton nasalen Schnaufens, das ich vergeblich zu kontrollieren versuche. Schulter und Hüfte, durch das gestrige Ereignis in Mitleidenschaft gezogen, klopfen wieder. Kopfschmerz. Die Phantasie meines Blicks nistet sich in den Schatten des Altars und der Apsidenwinkel ein, bemüht, die Konturen des darin lauernden Grauens herauszuschälen.
Das Gemäuer erwidert meine Aufregung mit Gleichgültigkeit. Die Nacht liegt sanft über dem Gotteshaus, die Chimären verschwinden. Es war das Gestühlholz gewesen, dessen Alter gearbeitet hatte.
Das muss ich aufschreiben.

Das erinnert mich daran, das war vielleicht eine Geschichte: Einem Mitschüler war einmal im Schulgottesdienst – gerade als der Pfarrer in seiner Predigt die rhetorische Pause machte – mit einem Knall, der dem Aufplatzen einer fauligen Hülsenfrucht nicht unähnlich war, die aufgestauten Verdauungsgase entwichen.
Du, lieber Arni, wirst dir jetzt vorstellen, dass alle in langanhaltende Lachkanonaden verfallen wären und den Fortgang der Predigt erheblich behindert hätten. Nein, unsere Reaktionen waren unterschiedlich und subtil: Caro, der Roland bereits verklemmte Blicke hinterher schmiss, schnalzte mit der Zunge und rollte die Augen. Hardi kicherte leise in sich hinein, verstummte aber sogleich, als ihn sein Banknachbar anstupste. Und Lauri, wie immer für alles, was dagegen war, solange es ihm keine Taten aufnötigte, blickte aufmunternd zu Moritz herüber, ohne ein Wort. Aber nicht nur wir – die ganze Bande bedachte den zufälligen Kommentar zu den selten geistreichen Ausführungen des Geistlichen mit Schweigen: eine stumme, gewaltlose Demonstration der Solidarität mit Moritzens Protest, die Ghandi zur Ehre gereicht hätte.
Zweidrei Lehrkräfte wenigstens wandten sich ob der postflatulenzischen Stille um, verunsichert den Kopf schüttelnd. Veiti – so nannten wir Moritz Veitinger, den Jungen mit dem geschäftigen Darm –, Veiti also blieb unentdeckt und von Strafe verschont.

Moritz Veitinger
[Name geändert. Richtig: Rolands Spitzname hätte also korrekt »Iobsti« lauten müssen. Weil er aber meistens nur mit Hardi zusammen auftrat, wurde er häufig Lauri gerufen, nach dem dünnen Kollegen von Oliver Hardy aus Dick und Doof.]

Eine offene Unterstützung des kleinen Manifests jedoch, das hätte sich keiner von uns zur Bravheit Abgerichteten getraut: Das Ereignis wurde auf dem Weg zur Klasse kurz herumgetuschelt – und nachher unter solchen Gedanken begraben, die man als Siebtklässer für gewichtiger hielt.
Größere Bedeutung gewann die Geschichte erst, als Veiti, von der Konsequenzlosigkeit des Vorfalls angestachelt, es sich zur Regel werden ließ, einmal im Jahr beim Abschlussgottesdienst seinen Protest gegen das Schulsystem lautstark herauszupressen. Der Lehrkörper hielt mit ausdauernder Nichtbeachtung dagegen, während es Veiti über die Jahre zu immer größerer Fertigkeit in der dramaturgischen Platzierung seines Trompeteneinsatzes brachte.
Experimentelle Anordnungen bestimmter Mahlzeiten sowie Testreihen mit dem Zeitpunkt der Nahrungszuführung vor dem Kirchgang sollten den idealen Darmwindkatalysator herauszufinden helfen, wobei sich die Kombination Linsensuppe (Vorspeise), Chili con Carne (Hauptgericht) und Leinsamenjoghurt (Nachtisch), eingenommen gegen 23:00 Uhr am Vortag, bald als am ergiebigsten erwies.
Wir anderen beneideten Veitis Mut, kürten ihn zu unserem Spartakus, sehnten uns das Ende des Jahres immer dringlicher herbei, da die Gottesdienste zu kleinen Lehrstunden in Spannungserzeugung gerieten, die sich durchaus mit dem Finale von Hitchcocks Der Mann der zuviel wusste messen konnten.
Was würde passieren, wenn nach einer Moritzschen Tristanakkord-Eröffnung der Reihe nach alle Schüler aufstünden und gemeinsam in ein atonales concerto grosso einfielen? Mit dem kollektiv erzeugten Schwefelwasserstoffnebel hätte man sicher so manchen Lehrer aus der Kirche treiben können.
Natürlich war das nie geschehen, der Lehrkörper mit seiner Taktik in dem Moment erfolgreich geworden, als wir mit dem Abitur aus der Schule entlassen wurden. Angesicht der nahenden Freiheit jedoch wagten wir mutig den Schritt zu einem letzten Akt des Aufbegehrens, der Veitis jahrelangem Solo endlich die angemessene Bühne bereiten sollte: Wir hatten ihn mit der Abschlussrede betraut.
Und so nahm die Sache ihren Lauf. Zunächst ging nur ein Raunen durch die Reihen der Aula, die Quelle des Übels war nicht sofort ausgemacht, war doch die Rede allgemein in warmen Ton gehalten und hätte man sich so eine Impertinenz nie und nimmer vorstellen wollen. Dann stellten die Ersten den Zusammenhang zwischen den Miefwellen und gewissen etwas lauter und mit röterem Kopf gesprochenen Einschüben des Redners her, womit jener das Dampfablassen zunächst noch zu verbergen suchte. Die Inszenierung des Abends sah jedoch sowieso vor, dass er bald nicht mehr mit seinen Zuhörern Verstecken zu spielen brauchte. Er ging schließlich zu offenen und gezielt auf die Nase gerichteten Salven über, immer im Einklang mit seinem zunehmend agitatorischer werdenden Vortrag, dessen Bestandteile nun deutlich einer Leninrede aus Rolands Antiquariat nachempfunden waren:
› Leidensgenossen! (FFFTT!) Knapp zwei Jahre habe nun der Notenendkampf gewütet. Und mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Tage sei es für die Schülermassen immer klarer geworden, dass die Phrasen von der »notwendigen Härte« und dem »Lernen fürs Leben« und dergleichen nichts als (FFFTT!) Betrug gewesen wären. Dass es eigentlich nur ein Kampf der Lehrenden unter sich selbst wäre. Der großen Räuber. Die darüber stritten, welcher von ihnen der Gebildetere wäre, wer die meisten Stunden abhalten müsse und wie weitere Schülergenerationen unterjocht werden könnten. Vor zwei Jahren – als es schon offensichtlich gewesen sei, dass der Endkampf käme – habe ein einziger Junge eine Warnung ertönen lassen: das Moritzsche Manifest. Das stumm aber einstimmig von den Schülerparteien der ganzen Stadt angenommen worden sei. Es habe diese Wahrheiten offen ausgesprochen. (FFFTT!) Dass nämlich überhaupt der Kampf gegen unsere Nächsten, dieses einander mit Noten Angehen, das größte Verbrechen darstelle. Dass die Schuld daran die Direktoren- und die Lehrendenklasse aller Gymnasien trügen. Dass aber die Empörung der Schüler dagegen zu einer scholaren Revolution mit Notwendigkeit führen müssten. (FFFTT!) Ja, die Schrecknisse und Leiden wären furchtbar. Aber die Schüler dürften nicht mit Verzweiflung in die Zukunft schauen. Die Hunderte von Opfern der Klausuren und Prüfungen, sie hätten nicht umsonst gelitten. Die Verwiesenen. Die Abspicker und Einsager. Die Strafarbeiter. (FFFTT!) Sogar Einserschüler und Schülersprecher wie Eugen Debbs, der da zum Beispiel schreibe: »Ich bin keineswegs strebsamer und folgsamer als ihr. Nein, ich will nicht zur regulären Armee der Philister gehören, wohl aber zur irregulären Armee der Autodidakten!« Sie alle hätten Kräfte gesammelt. (FFFTT!) Ihren Willen gestählt (FFFTT!) und hätten zu immer größerer Entschiedenheit gefunden. (FFFTT!) Der wachsende Unwille der Masse, die wachsende Gärung (FFFTT! FFFTT!) – dies alles gehe auch in anderen Gymnasien der Stadt vor sich. (FFFTT!) und das gäbe ihnen die Gewähr (FFFTT!), dass irgendwann nach dem Abitur die scholare Revolution, auf ihrem Marsch in die Zukunft, die bayerische Gymnasialbildung in den Staub des Vergessens treten wird.
Die Rede hatte sich bis zu einem lautmalerischen Getöse gesteigert, Neue Musik für Kunstbanausenohren. Zur Perfektion hätte wirklich nur noch der Einsatz der anderen Hörner gefehlt.
Seine Wirkung erreichte es auch so. Die Lehrer blieben, ganz die alten Preußen, beim Aussitzen, sowieso würde man uns bald los sein. Die Eltern hingegen bekamen endlich Wind von unseren wahren Gefühlen: Am Ende saßen wir mit unseren Ausbildern alleine im Raum, vom Schwefel umnebelt, als wäre der Leibhaftige erschienen.
Die Zeitung titelte: »Synästhetische Abiturrede am Graf-Münster-Gymnasium – Schüler demonstriert, was ihm stinkt.«
Danach hat nie wieder jemand etwas von ihm gehört. So wie er uns erst aufgefallen war, als er seinen Hintern zum Instrument erkor, war unser Heiliger Moritz zum Himmel gefahren.

Es ist zurück wie der Terminator. Das Geräusch meine ich. Nun hat es einen Ort: über mir, hoch oben im Kopf der Kathedrale. Gewissheit erlangen? Oder warten, bis der Gegner sich zu erkennen gibt? Moment …

Da schon jedes Zögern mich auf jene Spur setzt, die, je länger man ihr folgt, desto unausweichlicher in vollständiger Tatenlosigkeit mündet, kratzte ich im Gegenreflex einen Kiesel aus der Schuhsole und warf ihn in die Richtung des Geräuschs.
Dem Aufprall folgten luftige Schläge, mit denen eine Taube ihren jäh attackierten Aufenthaltsort wechselte.
Puh! Manchmal steckt hinter schlimmen Befürchtungen nur ein für tot erklärter Demiurg, der aus Überkompensation die Menschen mit bemüht wirkenden Tricks in Aufregung zu versetzen versucht. Schaut man genauer hin, verpufft der Zauber im Erkennen seiner Struktur. Aber lehren uns nicht unsere Horrorfilmerfahrungen, dass jeder Finte genau dann eine wirkliche Attacke folgen muss, wenn das Spiel der Täuschungen durchschaubar wird?
Wenigstens erinnert es mich an den Likör. Das wärmt. Hätte ich nicht vorhin mit einigen beherzten Schlucken daraus meine papierene Kehle geschmiert, das Tosen im Bauch weichgespült, die falschen Gedanken verklumpt, sodass sie durch keine Nervenbahnen mehr passten, säße ich gar nicht hier geschweige denn vor der Tastatur. Also noch einmal nachgeladen.

Muss etwas zu meiner Beruhigung tun. Dem Apple-Arbeitsgerät, dem treuen Zettelkasten und elektronischen Rechenkünstler, sollte man einen gebührenden Namen verpassen: Muhammadmusa – so taufe ich dich, Meister des al-ğabr wa-’l-muqābala und AND OR NOT. As-salāmu ’alaikum!
Kein anderer Name passt besser als dessen, der die größte Erfindung der Menschheit in die rechnenden Räume eingeführt hat: die Null; Mächtigkeit der leeren Menge; Basischiffre allen Seins; umfassende Verneinung der Existenz!

[Zu Ihrer Information, bevor Sie es in der Wikipedia nachschlagen: Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi war ein bedeutender Mathematiker um 800 n. Chr., während und nach der Zeit Karls des Großen. Seine Übertragung der Null aus dem indischen (»sunya«) in das arabische Zahlensystem (»sifr«) ermöglichte das positionsbezogene Rechnen im Dezimalsystem sowie die diskrete Mathematik des Computers. Die lateinische Fassung seines Rechenbuchs hieß »Dixit algorizmi« (»Algorizmi hat gesprochen.«). Gemeinsam mit dem griechischen Wort »arithmos« für »Zahl« leitet sich daraus der »Algorithmus« ab, in der Folge auch für die Bezeichnung solcher Rechenbücher verwendet.
Eine persönliche Anmerkung: Rolands Beziehung zu seinem Schreibcomputer, wie hiernach noch deutlicher werden wird, nimmt immer mehr Züge einer einseitigen heterosexuellen Bewunderung an. Muhammadmusa, die Maschine, eine Frau? Bedenken Sie die Konsequenzen! Und warum thematisiert Roland das nicht?]

Du brauchst nicht zu antworten. Ich weiß, ich bin der Ungläubige, der Besitzer der Schrift, dem darfst du keinen Frieden zurückwünschen. Aber du trägst jetzt die Verantwortung: Wärme mir die Finger, ohne sie kann ich weder beschleunigen noch bremsen; halte meinem Rad die Zügel, damit es nicht ausbricht; schieb’ mich an, wenn mir die Kraft ausgeht, Muhammadmusa! Sing für mich, wenn ich einzuschlafen drohe, sing Daisy Bell. Vielleicht nehme ich dich dann einmal ein Stück auf dem Gepäckträger mit.
Was geschah im Februar, Muhammadmusa? Rechne dich durch die Alternativen und verrate mir, welche die wahrscheinlichste ist, damit ich weiß, dass ich mich richtig erinnere. Handle dem Foto gemäß, das unseren mittlerweile ins Gerede gekommenen und zu einem Untersuchungsausschuss vorgeladenen Außenminister auf der Weltausstellung zeigt, wo uns aus dem Hintergrund vielsagend der auf eine Wand projizierte Satz entgegen leuchtet: »Every man discovers the mystery of his own life.«

Ob das auch in den Hirnen der 1,5 Millionen europäischen Rindviecher im Moment ihrer Keulung aufgeflackert sein mag? Welchen Sinn hat eigentlich das Leben eines Zuchtrindes, das nach seinem Ableben nicht mehr als Hackfladen zwischen zwei Brötchenhälften verputzt werden kann? Das hatten Camus und Sartre wahrscheinlich gemeint: Man muss sie sich trotzdem als glückliche Kühe vorstellen. Obwohl der Seuche mittlerweile nur noch mit einem Massentötungsprogramm beizukommen war.
Mutter berichtete in ihrem Brief, der wie immer pünktlich zum Monatsende eintraf, wie die Schißritzer Bauern nun jeden Tag aufs Neue – unangemeldet! – mit Spruchbändern durch die Straßen zogen, während in den Fleischereien die Massen für Hamsterkäufe anstanden, aus Angst vor einer Explosion des Fleischpreises. › Nichts ändere sich, so sie, › das alles habe sie so ähnlich schon vor, während und nach dem WKII erlebt.
Vater, wie bereits erwähnt nicht so leicht kleinzukriegen, wurde am 27. Februar aus dem Krankenhaus entlassen, einen Tag bevor die UNO veröffentlichen lies, dass sie im Jahr 2055 eine Weltbevölkerung von 9,3 Milliarden Menschen erwarte, gelobt sei unser Gesundheitssystem. Erleichtert wagte Roland ein Telefongespräch:
› Wie es ihm gehe.
› Ach ein Geschlecht von Nilpferden seien sie ja.
› Hörmal. Es tue ihm leid, dass er es nicht mehr geschafft habe, ihn noch mal im Krankenhaus –
› Seine Mutter glaube, unterbrach der Vater, › es gäbe da eine Mädchengeschichte. Warum er das denn verschweige. Sein Junge: Müsse endlich einmal in Fahrt kommen. Etwas bewegen, Erfahrungen machen, ihm und der Mutter zweidrei Bambinos schenken, es zu etwas bringen. Wie er das alles schaffen wolle als Selbständiger. Er halte das nicht für … Ach übrigens: Da brauche er bestimmt Geld? Er schieße ihm gerne einen Teil seines Erbes als Startkapital vor. Aber diesmal den Arsch zusammenkneifen dafür! Sein Junge: Irgendwann komme für jeden die Zeit der Konsequenzen. Wie viel er denn brauche, es sei ja irgendwann sowieso alles sein’s. Und ob er ihm nicht mal ein wenig zur Hand gehen könne bei seinem Computer? Ja, er habe jetzt auch so ein Ding, finde sich damit aber auf Teufelkommraus nicht zurecht.
Vaters Krebs war unaufhaltsam, ließ sich mit ärztlicher Hilfe aber noch ein wenig steuern, wie der Absturz der abgetakelten russischen Raumstation Mir über dem Atlantik.
Man begann wieder von staatlicher Sterbehilfe und der Erschaffung eines neuen Menschen zu sprechen, der sich selbst aus dem Katalog der Gene zusammenstellt. Ein Gremium, das niemand um seine Meinung gefragt hatte, erklärte die »National befreite Zone« zum Unwort des Jahres und der Altkanzler verweigerte vor einem anderen, sehr wohl im Mittelpunkt stehenden Gremium, zum dritten Mal seine Aussage.
Klar, dass Roland nicht im Traum daran dachte, an diese bestimmte Sache zu denken.
Die Hauptstadt lag im Karnevalstaumel, in den selbst die Bagger und Baukräne einfielen – aber wieder vereitelte Köln als Prinzessin des Narrentums den plumpen Versuch der einstmals geteilten Metropole, diesen Titel an sich zu reißen. Nachdem er an keiner der Antifa-Demonstrationen zum sechsundfünfzigsten Jahrestag der Auschwitz-Befreiung teilgenommen hatte, sah er keine Schande darin, auch die Umzüge und Maskenbälle zu meiden.
› Spielverderber! › Langweiler! › Hast wohl keinen Humor!, wurde er von Freunden gescholten. Spaßfanatiker! Tütendreher! Oberflächenglattgeschmirgelte!, dachte er bei sich.
Er kümmerte sich lieber um seine Geschichtsagentur. Wenn er nicht gerade in der Bertold-Brecht-Bibliothek im Rathaus Mitte auf einem Korbstuhl saß, erinnerst du dich? Nicht um Zeitung zu lesen, sondern sich auf der Suche nach zitierbarem Material durch den kleinen Bestand zu arbeiten; eine Gewohnheit, die ihm sein Studium eingebrockt hatte. Gelegentlich ließ er ein Buch mitgehen, ohne nachher beim Mittagessen im Betriebsrestaurant ein schlechtes Gewissen zu haben. Wie konnte man auch nicht Ordnung halten, Mengen zusammenstellen, in Kategorien des Verstehens aufteilen, um überhaupt arbeiten zu können …
Irgendwie schaffte er es, alles zur Geschäftsgründung zusammenzubekommen. Die nächsten Behördengänge standen an, als ihm beim Blick auf die Fülle der zusammengetragenen Exzerpte einfiel: Eine Enzyklopädie des nutzlosen Zitats, eine neue Abteilung in Zettels Alptraumkasten ausarbeiten – das wäre doch ein Projekt! Schon hatte er ein erstes Einteilungssystem und für jede Kategorie ein Beispiel. Er lernte die Liste auswendig, um sie für alle Lebenslagen parat zu haben:

Bundespräsidentenzitate: Über der Veränderung liegt stets ein Hauch von Unbegreiflichkeit. (Carl Friedrich von Weizsäcker). Tierfabelzitate: Der Fuchs wechselt den Balg, nicht den Charakter. (Sueton). Frankenzitate: Zuviel Vertrauen ist häufig eine Dummheit, zu viel Misstrauen immer ein Unglück. (Jean Paul). Zitate mit Selbstzerstörungsautomatik: Hamlet heute: Sein, ohne zu sein, oder seiend nicht sein? Keine Frage. (Stanislaw Jerzy Lec). Fernöstlich-esoterische Zitate: Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg. (Zen-Buddhismus). Simpelzitate: Erziehung ist Beispiel und Liebe (Friedrich Wilhelm August Fröbel). Dialektikzitate: Diese Welt ist eine Welt zweier Götter. Es ist eine Welt des Aufbaus und des Zerfalls zugleich. In der Zeitlichkeit erfolgt diese Auseinandersetzung, und wir sind daran beteiligt. (Alfred Döblin). Konterzwillinge: Gott würfelt nicht. (Albert Einstein). Alles spricht dafür, dass Gott ein unverbesserlicher Spieler ist. (Stephen W. Hawking). Zitate dieser Kategorie: Vielleicht ist die universale Geschichte die Geschichte von ein paar Metaphern. (Jorge Luis Borges). Zitate mit kleinen Flügeln: Der hat die Lehren des Lebens nicht begriffen, der nicht täglich eine Angst überwindet. (Ralph Waldo Emerson). Etceteraetceteraetcetera: Do you know nothing? Do you see nothing? Do you remember nothing? (T.S. Eliot).

Die Arbeit an der Enzyklopädie half, sich zu vergewissern, dass er nicht mehr liebte. Dass der Geist imstande war, das Gefühl kaltzumachen. Roland hatte den Zustand schillerscher Erhabenheit erlangt – er stand über dem Drama der Welt. Seinem Neujahrsvorsatz kam er nur mit einigen Notizen nach. Es sollte Anfang März werden, bis sich ihm wieder ins Bewusstsein drängte, dass er extra früher nach Berlin zurückgefahren war, um seine Adornotheorie an Thomas Mann zu überprüfen, und dass er Oliver hätte anrufen sollen.

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