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Carola Oleg
[Name geändert]

Silvester 2000/2001. Sein letzter Versuch, sich in das Herz seiner Jugendliebe Carola Oleg zu stehlen, lag sechs Jahre zurück. Nun war er schon Zweiunddreißig – es konnte als entschieden gelten, dass er endgültig unter 1,80m bleiben, die eineinhalb Jahre jüngere Caro ihn ebenso in Zukunft um einige Zentimeter überragen würde.
Auch jetzt wieder, auf dem traditionellen Silvesterumtrunk in Olivers altem Hof draußen im Kaff, hatte er sie sofort wiedererkannt: Wie je trabte sie auf irgendwie antilopigen Beinen und in ihrer süßlich-herben Parfümschleppe der Marke Zimtpflaumenknödel daher, als sie unverhofft in der Nähe jenes Fensters auftauchte, an dem draußen der wirbelnde Schnee zu Wasserperlen schmolz, die seinen melancholischen Ausblick ins schwarzweiße Nichts verschwimmen ließen.
Selbstverständlich drehte er sich postwendend von ihr weg, jedoch …
Sie studierte Psychologie. Also erhoffte er sich von ihr nicht nur Aufklärung über die Abgründe der weiblichen Existenz, sondern auch Analyse und Therapie jener beiden Krankheiten, die zusammen sein Dilemma ergaben: der Schlusssucht und der Gier, etwas mit einer Frau (ihr – mit der Kleopatra-Nase und den paar Pigmentfehlerpunkten um die Augen!) anzufangen.
Damit hatte sie schon als Schulkameradin auf dem Graf-Münster-Gymnasium in Bayreuth stolz promeniert, die neusprachlich-mathematische Schule mit der günstigsten Busverbindung nach Niederschißritz, dem dreihundert-Seelen-Meiler seines Heranwachsens, sechs Kilometer vor dem Stadtrand der oberfränkischen Kapitale. In dieser Gegend hatte ihn nichts gehalten, weder die soeben sechsundzwanzig Jahre junge Bayreuther Universität noch die gemütlichen fränkischen Hügel – außer eben Carola: die ihm jetzt seine Einsamkeit vor dem Fenster versaute, als sie ihn alkoholisch von der Seite anschielte und gleich wiedererkannte, die schmaler gewordenen Brauen und Backen nach oben zog, im Ansatz, ihn anzusprechen, offenbar wegen einer Idee, die ihr gerade gekommen war, einer vermutlich genialen, – und schon von einer Traube Freundinnen weitergeschoben wurde.
Carola. Sie war nicht wie er und viele andere zu Beginn des Studiums in eine schicke außer-bayerische Großstadt gezogen, sondern hatte sich hier, in der Talsohle zwischen Fränkischer Schweiz und Fichtelgebirge, bis heute am Nest aufgewärmt. Seit seinem Umzug in die Hauptstadt und an die Ernst-Humboldt war die einzige Gelegenheit, sie wiederzusehen: wenn er seine Eltern besuchte. Was er entgegen aller Vernunft häufig tat. Als genieße er es, sich immer wieder erleiden zu lassen, worüber die Schlagersänger in seiner Jugend so viele Hitparadenlieder geträllert hatten.
Er versäumte keine Einladung zu den Ehemaligentreffen, machte jedes Mal alles möglich, um von Berlin herunter zu kommen. Und wenn sie sich dann hier inmitten der Anderen begegneten, wie jetzt … hatte sie seine schamvollen Blicke an ihr vorbei immer missdeutet, seine Sprachlosigkeit niemals auf sich bezogen.

Bevor ich vergesse, das zu meinem Geburtstag aufzuschreiben – ja, Arni, ich muss es hier einmal klar artikulieren, Roland A. Iobst, der das A. für Ansgar gern unterschlägt, erklärter Gnostiker und Satanist, lässt sich sonst nicht verstehen: Dieses Datum hat nicht nur mein Verhältnis zu der Nation, der ich nun nach Südfrankreich entronnen bin, sondern auch meine Interessen geprägt. Es hat mich sensibel gemacht für die vielfach überschriebenen Zeitschichten, die man hinter dem Palimpsest des Heute abschaben kann, wenn man nur das richtige Werkzeug besitzt.
Wenn man am ersten Mai geboren ist, lernt man schnell, mit der traurigen Komik des weißen Clowns zu leben. Das wichtigste Ereignis des Jahres, die feierliche Begehung der eigenen Einzigartigkeit, an der man üblicherweise als Einziger das Recht erhält
– den ganzen Tag alte Buck-Rogers-, Flash-Gordon– und Raumpatrouille Orion-Folgen auf Video anzusehen, als Raumschiffe noch an Nylonfäden hingen und von Wunderkerzen angetrieben wurden;
– den ganzen Tag die alten Sierra– und Lucas-Arts-Adventures zu spielen, unterbrochen nur von einzwei Freudenstab-Rüttelorgien in den Summer– und Winter-Games: alles via Datasette auf dem seit Kindertagen gehüteten Commodore 64 – und daneben die Radrennen-Übertragungen auf dem Fernseher laufen zu lassen;
– den ganzen Tag sich auf den alten Spielplätzen herumzutreiben, wo man früher Weitpinkelwettbewerbe verloren und Gehirnerschütterungen gewonnen hatte, um den Kindern dort die Kletterburg streitig zu machen;
verliert am Tag der Arbeit sein Alleinstellungsmerkmal.
Aber man muss dieses Quantum geduldeter Faulheit nicht nur mit allen anderen Mitbürgern teilen, sondern in Zwangsehe mit einem Anachronismus: Die Mehrheit der Arbeiterklasse genießt mittlerweile die Vorzüge von Arbeitszeitkonten, Gleitzeit und Abbau von zwei Milliarden Überstunden im Jahr – wer Arbeit hat, macht sich davon frei. Und die Netzpioniere meiner Generation haben die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben sowieso gerade auf den Müllhaufen nicht recyclebarer Ideen geworfen. Gelobt seien die neuen Techniken des Speicherns und Kommunizierens! Die aber, sage ich, werden den Menschen endgültig seiner Vergangenheit und seiner Zukunft berauben: Man wird die Gegenwart hinauszudehnen versuchen, carpe diem und workflow rund um die Uhr! Der Tag der Arbeit wird dann nur noch eine bestimmte Dosis Instantfreizeit aus dem staatlichen Servicepaket sein, die historisch gewachsenen Ursprünge dieses Feiertags, die Frage nach einer künftigen Veränderung seiner Bedeutung, werden keine Rolle mehr spielen!

Silvester 2000/2001. Seit ihrer Begegnung vor dem Fenster jedoch ganze neue Statusmeldungen: Seine tastenden Blicke trafen auf jemanden, dessen Augen zurückgrapschten und der sich kaum dafür zu interessieren schien, dass am Vortag knapp ein Zehntel der Bundesbürger Zeuge gewesen war, wie eine schamlose 23jährige Jurastudentin das Finale der zweiten Big-Brother-Staffel für sich entschied. Während die Gäste sich die Mäuler schaumig diskutierten, ob man nun ein neues Zeitalter der Teleauthentizität heraufdämmern sehen dürfe, duellierten sich Rolands und Carolas Blicke in ihrer eigenen bullet-time inmitten der Menge.
Was konnte geschehen sein? Es wusste doch niemand von seiner Leidenschaft außer dem Gastgeber, seit Kindestagen sein engster Kenner; wusste noch jemand, wie oft Roland vergeblich versucht hatte, an Carola heranzukommen, wenn sie in den Semesterferien für die Festspiele als Platzanweiserin oder Betreuerin jener Besucher arbeitete, die wegen der fehlenden Klimatisierung im historischen Zuschauerraum in Ohnmacht fielen?
Kein Zweifel: Carol hatte Witterung aufgenommen. Warum sonst zwängte sie sich nun so zwischen ihm und den anderen Gästen hindurch, dass die grandiose, von einem pastelligen Angorapulli verhüllte Weichheit ihres Oberkörpers seine Arme entlangstreifte, knisternd vor Reibungselektrizität?
Er hätte besser darauf verzichtet, sich Entschlusskraft anzutrinken. Er war aber Spätsünder, trotz seines Alters noch nie von einer beansprucht worden. Auch half der Schleier des Kirschlikörs, die in einer Gehirnwindung schrillende Alarmsirene zu überdecken, die ihn hartnäckig an das erinnern wollte, was die anderen stets von ihr behaupteten: Sein und Erscheinen stünden nicht immer in direktem Zusammenhang.
Jedoch er kannte sie besser. Er hatte ihr Geheimnis gesehen, ihr wahres Wesen damals am See. Und er hatte den Plan, in sechs Jahren gereift: ihr ein Gedicht zuzustecken. Dieses war zwar nur aus Langeweile heraus entstanden, während eines Frühgeschichteseminars – aber Roland dachte pragmatisch, dass es passend wäre, ihr sein Dilemma zu veranschaulichen, ohne dass er dafür in prekäre Details gehen müsste:

FUßNOTEN ZUM PLAN DER BESCHREIBUNG DES TROJANISCHEN KRIEGES

 
Von Prinz Paris will ich lehren
Wessen Helena-Begehren
Auslöste den trojanischen Krieg

Van Ogomemnan, Adysseus
Die im Glouben on Gatt Zeus
Zagen in den trajonischen Krieg

Von Kossondro und Ondromoche
Den Frouen die mit Och! und weh!
Viel wornten vorm trojonischen Krieg

Van Priamas und Hekuba
Die’s graße Tar als Känigspaar
Äffneten für’n trajanischen Krieg

Von Hekter und Echill im Kempf
Die sich nech lengem Redekrempf
Bewiesen im trojenischen Krieg

Vin einer List will ich singen
Die nich viel blutigem Ringen
Dann entschied den trijenischen Krieg

Dich du keufst je kein x für’n u
Wie ihne mein e und i – du!
Schluußlich mut dum Guducht bugunnun?

Er kam nicht dazu, die Überzeugungskraft seiner Metaphorik auf die Probe zu stellen, denn … Hui, wie das tanzt und sich dreht … Zack!

Für einen Augenzwinkerer waren alle Systeme ausgefallen und er unsanft auf dem Boden gelandet – schon hatte Roland sich wieder aufgerappelt und hinter das Zielobjekt gehängt, überraschend tatentollkühn: Gerade wollte er ihr den gefalteten Ausdruck in die linke Gesäßtasche schieben – sie bog sich einer Freundin entgegen, um sie unter dem Lärm besser hören zu können, ihr hügeliges Rückgrat, vom Angorapulli befreit, drückte sich leicht durch das Seidentop –, da wirklich drehte sie ihm ihr Champagnerlächeln zu und hauchte Worte, die von der Musik verschluckt wurden, aber aussahen wie ein herzlich-fränkisches
› Endlichasdsgschnalld!
Kein Vergleich könnte den Schrecken und die Emphase beschreiben, die ihn in jenem Moment gleichzeitig durchfuhren. Die Knie begannen sich selbstständig zu machen, er spürte, wie ihre Hand die seine packte und hinter sich herzog, hörte helles Lachen, seine Schritte auf dem Pflaster … Und fand sich mit ihr einige Häuserblocks weiter in einer Küche wieder; die anderthalb Liter Mut drückten allmählich auf die Blase.

Dass ich mich vorhin so mitreißen ließ … Du weißt warum, Arni: Das haben mir die zwölf Semester Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie eingebrockt. Diesen Altvorderenslang meine ich. Mit dem operiere ich außerhalb der derzeitigen Jargons: der Pauschaldiarrhöe und Pizzalieferantenprosa, die in den Medien – dem Netz allen voran – neuerdings gepflegt wird.
Ich kann halt nur Schwulst.
› Kein Wunder, wirst du jetzt sagen, › solange du dich lieber über Truppenaufstellungen aus dem dreißigjährigen Krieg, Einkaufslisten Pariser Mägde während der Schweinepest oder Pamphlete aus dem 15. Jahrhundert beugst, die statt der vier Körpersäfte Blut, Phlegma, Gelber und Schwarzer Galle die Dreiheit von Wasser, Blut und Sperma preisen; als könnten sie damit wirklich die göttliche Abstammung des Menschen beweisen, nur weil die 3 dem Schöpfer kosmologisch näher stehe, als die auf den Elementen beruhende, gänzlich irdische 4! Hättest wirklich mehr aus deinem Mathe-LK machen sollen.
Arni, ich habe immer geglaubt, die Langsamkeit der Wörter sei etwas Gutes. Und ich will daran festhalten, wenn ich mich damit auch ins Abseits begebe. Ja, ich bin pathetisch: Nur Wörter können das Unvorstellbare transportieren.
Stimmt, sie transportierten auch den Faschismus. Aber just jener falschen Kraftmeierei galt es doch immer etwas entgegenzuhalten!
Werd’ es wohl aushalten müssen: das lange Sterben des Typographeums und diskursiven Schriftdenkens in Distinktionen, das nun in tausend Bildflächen diffundiert. Der Film ist die Erzählung der Zeit und die Literatur wird man bald nur noch über Bildschirme lesen; auch du, mein Sohn Netz … Andererseits: Was wurde mit dem Ende des Cäsarismus alles erst möglich! Vielleicht bin ich einfach nur –
Immer ist der Dämon der Beendigung am Werk. Gerade jetzt probiert er es aufs Neue. Selbst Flucht vor ihm ist Teil seiner Strategie. Ich habe eine wirkliche Behinderung – man halte mir die gekennzeichneten Parkplätze frei!
Ich kann den Mahr, der wieder zum Sprung auf meinen Bauch ansetzt, nur abschütteln, indem ich die Tastatur weiter behämmere, dem Computer alles anvertraue, was der Gang der Gedanken mir eingibt, den Regeln eines noch zu formulierenden postsurrealistischen Dogmas automatischen Schreibens gemäß: weiter die Straße entlang, sich nicht aufhalten lassen, höher schalten, den Blick immer nach vorne, nur nicht an Hindernisse falsche Abzweigungen jählings kreuzende Passanten denken.

Silvester 2000/2001. Sie bemerkte, wie er um sich blickte: Sie hatte ihn nicht etwa zu sich nach Hause geführt, um ihm zu beweisen, dass sie die Tochter eines Vorstandsvorsitzenden war?
Bevor er noch selbst darauf kam, an was ihn der Anblick des Gasherds und des WMF-Instrumentariums erinnerte, kam die Frage aus einem Nebenzimmer, in das sie soeben gehüpft war:
› Ob er Biolek gucke, die Küche sei der Sendung nachempfunden, Spleen ihres Vaters, aber ob er den Witz kenne, wie Cunnilingus bei den Grünen genannt werde.
Er verneinte zweimal, was von einem wenig damenhaften Kichern quittiert wurde, machte einen Ausfallschritt, um nicht tatenlos herumzustehen – und lief ihr geradewegs in die Arme.
Sie war nackt bis auf einen teuren Seidenslip – sogar um die Brustwarzen waren Pigmentfehlerpunkte wie Planeten um zwei Sonnen verstreut –, hielt mit der einen Hand eine Champagnerflasche und fuhr ihm mit der anderen über das Haar langsam abwärts bis zur verbotenen Zone. Mitternacht stand kurz bevor, 56 Prozent der Bundesbürger erwarteten optimistisch das neue Jahr, nachdem die deutsche Wirtschaft zuletzt mit 3,1 Prozent den größten Anstieg seit der Wiedervereinigung verzeichnet hatte. Das Grölen einer Junggesellenrotte echote von der Straße:

»Hei, der gute kühle leckerschmecker Wein!
Verschafft uns eine kunterbunte Runde!
Von Aargau bis nach Zypern – keiner allein!
Schenkt ein und leert ihn bis zum Grunde!
Hei, der gute kühle leckerschmecker Wein!
Schmeckt wohlgemund in dieser letzten Stunde!
Zu Ada und Zorana woll’n wir schrei’n!
Das Eckige muss heut’ noch in das Runde!«

Während Rolands Gedanken sich zur Flucht wandten, sein Körper aber Lots ungehorsames Weib spielte und noch immer gegen das Blasenproblem kämpfte, schob sie sich ärschlings auf die Esstafel, köpfte den Champagner, ließ sich seine hellgelben Perlen den Hals hinabrinnen und versuchte sich dabei so zu räkeln, wie sie es den Blondinen aus den Spätfilmen im Kabelfernsehen abgeschaut hatte.
Als wäre das nicht schon genug, streifte sie auch noch den Slip ab, schleuderte den Roland mit dem Fuß ins Gesicht, spreizte ihre Beine zum Siegeszeichen (V – Die Außerirdischen Besucher kommen, erinnerst du dich, Arni?) und entblößte unmissverständlich ihr Lachsfleisch zwischen den Schenkeln.
› Schnell, winkte sie, › um Nullpunktnullnull Uhr wolle sie zum Höhepunkt kommen! Wenigstens das, wenn sie schon den eigentlichen und wahren Jahrtausendwechsel in diesem Kaff, dieser ganzen Scheiße hier verbringen müsse! Er sei doch schon lange spitz, sie habe sich bei Oliver nach ihm erkundigt. Damals am See, das sei doch er gewesen, nicht war? Ja, sie habe ihn bemerkt, als er sich davonzuschleichen versucht hatte – hier wäre jetzt seine Chance!
Wie um die befremdliche Verzweiflung ihres Wunsches zu unterstreichen, tippte sie auf eine naheliegende Fernbedienung. Irgendwo sprang eine Stereoanlage an und schmetterte Wer bist du, kühner Knabe aus Wagners Nibelungenzyklus.
Dieser Walküre war er nicht gewachsen. Man verlangte eine Entscheidung von ihm. Er hatte getrunken: Das verwässert oben den Kopf und will unten wieder heraus. Der Pennäler hing beharrlich herab, ein mittlerweile entkräfteter, geradezu appetitlos gewordener Egel, da ließ sich nichts machen. Ein schamhaft zusammengepresster Mund war alles, womit er ihr entgegenkommen konnte.
Da war noch dieser Ausdruck auf ihrem Gesicht, der die ganze Skala von Säuerlichkeit über Enttäuschung bis zur Verachtung durchlief. Und die Tatsache, dass sie ihm hektisch die Hose aufknöpfte, alle Tricks anwendete, die sie in der Bravo gelernt und über die Jahre an zahlreichen Testpersonen perfektioniert hatte.
Er ließ es mit sich geschehen, alle Kraft ausgelaufen, flüssige Butter. Zwecklos. An Roland zerschellte ihre sexuelle Meisterschaft wie die Titanic am Eisberg.
Aufhören!, dachte er. Warum hört es nicht auf?

Wo bin ich? Hierher nach Narbonne bin ich geflüchtet: zu den Katharerketzern. Arni, endlich.
Geburtstagsgratulationen? Ich behaupte seit Jahren den ersten August als meinen Tag, weißt du doch. So hab ich Ruhe, während sich alle auf Mallorca die Bäuche braten lassen.
Endlich mal etwas anderes sehen, nicht wahr, als immer nur die olle Ein-ZKB-plus-Balkon-Wohnung, die Plattenparzelle im sechsten Stock an der Karl-Marx-Alle, wo die Wessi-Generationen Golf und Guido, aber auch die Ossi-Künstleravantgarde die Kontrolle übernommen haben, um mit dem Schick des Kargen und 597 DM Warmmiete zu kokettierten!

Past&PR
[Name geändert]

Auf meinem Anrufbeantworter kann man jetzt erfahren, dass ich mir einmal Urlaub von Marx gönne – im Dienste des ersten Auftrags meiner Ich-Agentur Past&PR – Archivmanagement, Geschichts-Marketing, Eventrecherche. Arni, ich bin jetzt mein eigener Herr, was sagst du dazu? Ist ja gut:

Neujahr 2001. Erwachen im alten Kinderzimmer bei den Eltern. Bilder tanzen auf öligem Wasser. Auf der Zunge Geschmack von Ameisenkot. Im Spiegel Das Bildnis des Dorian Gray. Gänsehaut. Blaugelbe Muster auf die Lenden gestickt. War er doch noch standhaft geworden, hatte den Sieg nach Hause getragen?
Schnappschüsse: Carolas Rasen und Wüten, Carola beschimpft ihren Vater (wieso?), Carola greift sich eine Biolek-Pfeffermühle als erektilen Ersatz – und gibt endgültig auf. Roland schleicht stumm auf die Toilette und wird endlich den Wein los, geräuschvolle drei Minuten. Anruf bei Freundinnen: Tränen und Gelächter. Blick zu ihm, der mit ausgerissenen Fäden vor der Toilette zusammengeklappten Marionette. Stummes Geleit zur Haustür.
Er hatte Carolas Kavalier sein wollen und war nun ihr Narr geworden. Er hatte ihr eine Ballade geschrieben, sie aber wollte nur auf seiner Flöte spielen. Er hatte ihr Feenbild in seinen inneren Louvre gehängt und sie hatte sich als Brünhilde entpuppt.
Wie es seine Natur war, hatte das Erlebnis ungefähr die Wirkung einer Zahnwurzelbehandlung: Er hörte sofort auf, für Carola zu schwärmen, ihre Nähe suchen zu wollen, Frauen pauschal als platonischen Heuhaufen zu betrachten, in dem man das Nadelöhr suchte, das als Einziges mit dem eigenen Faden etwas anfangen konnte. Apropos Anfangen. Etwas anfangen war meistens problematisch, aber etwas mit Frauen anfangen, war unmöglich.
Gleich nach dem Aufwachen, es zwackte noch im Gehirn, fiepte im Ohr, schwankte beim Gehen, beschloss er den guten Vorsatz, dass das Ereignis, um die Folgen auf sein Gemüt zu minimieren, am besten in der schriftlichen Niederlegung zu bewältigen sei – wobei man gleich seine zukünftigen Erlebnisse tagebuchmäßig festhalten könnte.
Es blieb, soviel ist bekannt, bei der Planung des Vorhabens.
Nun aber war es vier Monate später, der Tag nach seinem 33. Geburtstag: Er hatte sich in die Nachmitternachtsstille einschließen lassen und saß auf einem der 131 handgeschnitzten Chorgestühlplätze der Cathédrale St-Just-et-St-Pasteur, die geweiht war den beiden Schuljungen, die den Märtyrertod starben, weil sie nicht lügen wollten für ihren Glauben. Ja, er befand sich wirklich hier, in der altrömischen Stadt im Herzen des Katharerlandes – und hatte, den Blick auf die Raffael-Kopie der Verklärung Christi gerichtet, das Gesicht blau bestrahlt von den Flüssigkristallen seines Notizbuchbildschirms, doch noch seine Chronik begonnen.

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