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Erster Mai: Endlich angekommen im Land der eigenen Sehnsüchte. Roland schlenderte die von Platanen zweireihig gesäumte Promenade Les Barques am Canal de la Robine entlang, in Richtung Palais Archevêques. Es war sein Geburtstag. In memoriam der Straßenschlachten, die jetzt bestimmt in der Hauptstadt zugange waren, ließ er die Handknöchel knacken. Nachdem der Frühling ihm nicht zugeflogen war, war er ihm eben entgegengereist.
Die Küstenbrise malte unstete Gänsehautbilder auf das silbrige Kanalwasser, strich durch die von wenigen Zwei– und Vierbeinern frequentierte Allee, regte die roten Laternen mit den kugeligen Lampenschirmen zum Zittern und das noch junge Blattwerk zum Rascheln an. Der Himmel dagegen ein Meer, das, in seiner Bewegung erstarrt, hinter der blaugrünen Färbung etwas zu verbergen schien. Leider wollten die Schwerkraftgesetze, dass ihm ein Sprung dort hinein unmöglich war.
An den Kais warteten Boote auf freigiebige Touristen. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, sich ein wenig herumfahren zu lassen – aber nicht jetzt: Er hatte ein Ziel vor Augen.
Er war jetzt drei Tage hier und hatte sich wegen des Ausbleibens einer Nachricht allmählich Sorgen zu machen begonnen – als man gestern früh einen Zettel für ihn an der Rezeption abgegeben hatte: »Treffen sie mich um 16:00 Uhr im Heiligen Herz der Cathédrale. Ich trage Lila.«
»Raoul« hatte auf dem Namensschild des Mannes in blauer Livree gestanden, der ihm das Papier ausgehändigt hatte. Ein untersetzter, in trockene Wildlederhaut geschlagener Kerl am Beginn seines letzten Lebensdrittels, mit einer in Selbstzufriedenheit eingebetteten Höflichkeit, an der am meisten abstieß, dass sie ungeheuchelt war. Er hatte Roland die letzten Tage bei jeder Gelegenheit über seine fränkische Heimat und die Hauptstadt ausgefragt – und gelächelt:
› Hast du Neuigkeiten?
Zu den Fünf-Sterne-Merkmalen dieses Hotels gehörte offenbar, dass sein Personal die Gäste duzte.
› Nach was es denn aussehe, einer seltenen Briefmarke?
Roland hatte den Empfangsbereich rasch verlassen, um weitere Kommunikationsversuche zu unterbinden, ein Café aufgesucht und dort das Papier gemustert. Es befand sich weder eine Unterschrift noch ein Firmenlogo darauf, der Text war in elegant geschwungenen Linien mit einem Füllfederhalter geschrieben worden.
Solange die Bezahlung stimmte, konnte sich Moritz als ehemaliger Schulkamerad von ihm aus einiges mit ihm erlauben. Aber ob er mit allen seinen Geschäftspartnern derart geheimnisvoll tat?
Vielleicht hatte er ihm zunächst die versprochene Zusatzerholung angedeihen lassen wollen, bevor er zur Sache kam. Oder er hatte ein wenig gebraucht, um das Hotel ausfindig zu machen, in dem er abgestiegen war. Was Veiti wohl noch für ihn parat hielt? Der Verbindungsmann war eine Frau – Französin? Er wollte einen guten Eindruck hinterlassen, aber Rolands Sprachkenntnisse waren Schulzeitrelikte, zu theoretisch für flüssige Konversation.
Er kam an den Ausgrabungen der Via Domitia vorbei, einem Abschnitt der küstennahen Militärstraße aus der Zeit, als die Stadt Regierungssitz der Provinz Gallia Narbonensis und unter dem Namen Narbo Martius regelmäßig in Auseinandersetzungen mit Asterix und Obelix verwickelt war. Die Straße war eine der Hauptschlagadern des Römischen Reiches gewesen, deren Verlauf heute die Autobahn nach Spanien hinab nachzeichnete. Hier herrschte regeres Treiben als am Kanal.
Er ließ die Antike hinter sich und navigierte durch einige Fluchten und Nebengebäude des erzbischöflichen Palais. Die auf dem Dach thronende Uhr des ins verschachtelte Gebäudeensemble eingepferchten Hôtel de Ville ließ seinen Schritt beschleunigen, während er sich seinem Ziel näherte: Die schlanken Türmchen der Kathedrale ragten den Zacken einer Krone gleich hinauf in die Bläue. Das sich aus der Stadtmauer langsam herausschälende Maß des Chors verstärkte noch den Eindruck einer gigantischen steinernen Königskopfbedeckung, deren Schmuck die eingelassenen Fenster mit ihren Spitzbögen und Verzierungen bildete.
Über den nördlichen Zugang der Sainte-Trinité-Chapelle trat er ein, wie immer überrascht von der Kühle, die die Kirchensteine abstrahlten, und dem Echo seiner Schritte, das in die Oase der Ruhe mit gleichmäßiger Frequenz einfiel. Das Ausmaß des Innenraums mit seinen vierzehn Kapellen übertraf alle Vermutungen, die man vom Außen abgeleitet hatte. Getrübt wurde der Blick jedoch von der schmucklosen Mauer, an die das Gewölbe im Westen anstieß, wo eigentlich das Kirchenschiff zum Westwerk führen sollte. Ein dubioser Erlass der damaligen Stadtväter hatte den Weiterbau verhindert.
Die Zielperson war leicht auszumachen. Zwar hielten sich hier noch eine ganze Reihe anderer Menschen auf, aber nur wenige lange an einem Fleck. Dort, wohin ihn die Nachricht auf dem Zettel führte, zur Apsis des Heiligen Petrus mit den Aubussoner Wandteppichen Petrus und Paulus sowie Taufe des Prinzen Djem, Bruder von Bajazet, verweilte eine junge Frau, die ein sommerliches lila Kleid trug – keine Touristin: Sie zeigte kein Interesse an der Kunst vor ihrer Nase und gab ein solches auch nicht vor.
Er schlenderte zu ihr, als hätte er es nicht eilig. Sie drehte den Kopf in seine Richtung, ihr Gesicht blieb nasaufwärts vom Schatten der Apsis verdeckt. Das Haar fiel ihr ungehindert von Spangen oder Kämmen den Kopf herab auf die Schulter. Ein erdiger Duft wehte ihn an. Wie es sich in einem Gotteshaus gehörte, flüsterte sie:
› Roland. Roland Iobst?, sog ihr aristokratischer Zinken ein Häppchen Luft in sich ein. › Haben Sie sich ein wenig eingelebt in der Stadt?
Die Vokale kamen gedehnt und das Knallen der Konsonanten eher von einem Trampolin als einer Pistole beschleunigt aus ihrem Mund, was dem sonst gerne etwas ruppigen Germanisch gutstand.
› Derselbe. Könne sie denn etwas empfehlen?
› Ob er schon einen der FKK-Strände besucht habe.
Die unerwartete Konfrontation mit der deutschen Urlaubswirklichkeit berührte ihn peinlich. Hoffentlich hatte Veiti keine Geschmacklosigkeiten über ihn verbreitet. Etwas begann, sich in sein Bewusstsein zu drängen wie ungewaschene Socken, die allzu lange im mentalen Wäschekorb zuunterst gelegen hatten, sodass ihr Duft nun doch durch alle Schichten darin drang.
› Das sei nicht so sein Fall.
› Natürlich.
Die Mundwinkel waren geflaggt. Kniff sie die Augen zusammen? Sein Herz schaltete einen Gang höher, als die Fremde sich eine Strähne hinter das Ohr strich – und damit plötzlich ein Hals freilag, auf dem drei Leberflecke unter dem Nackenflaum hervorschimmerten.
› Gleich zum Zweck ihres Treffens: Eine Notiz mit allen Informationen befände sich bereits in seiner linken Gesäßtasche. Sie habe so vorgehen müssen, um auszuschließen, dass man etwas von ihren Lippen ablesen könne. Sie stünde unter Beobachtung. Müsse ihn also bitten, die Notiz erst in Augenschein zu nehmen, wenn er zurück im Hotel sei. Dann solle er ein großes Archiv aufsuchen.
Sie drehte den Kopf, als ob sie jemanden erwartete.
› Sie müsse nun gehen. Viel Erfolg.
Schon streckte sie ihm die Hand entgegen, da sprang es ihn zugleich an: Pflaumen im Herbst – das war der Geruch. Mechanisch streckte er ihr seine feuchte Klaue entgegen.
› Adieu.
› Auf Wiedersehen.
Sie wollte sich zum Gehen wenden, aber er ließ nicht los.
› Wie sie denn heiße. Sie erinnere ihn an jemanden.
› Sibylle – und sie würden sich nicht wiedersehen.
Sie hatte einen Schritt Richtung Ausgang gemacht, heraus aus dem Schattenwinkel der Apsis, und ihn unverwandt angesehen. Nun ergänzte sich alles: Pigmentfehlerpunkte ums Auge. Sie machte sich von ihm los und war bereits durch den Ausgang geschlüpft, als er eine Entscheidung traf und ihr hinterhereilte.

Er konnte noch einen Zipfel ihres Kleides erkennen, der um eine Häuserecke in einiger Entfernung herumwirbelte, rief ihr hinterher – als er in die Zone verwinkelter Gässchen einbog, lag die bereits verlassen. Sich nicht mit Mutmaßungen über die Wahrscheinlichkeit ihres Weges aufhaltend, nahm er die Gerade und mehr Tempo auf. Seit den letzten Bundesjugendspielen war sein Körper nicht mehr derart im Einsatz gewesen: Unsichtbare Messer stachen ihm in die Brust, die Luftröhre zog sich zu einem mit Sandpapier gefütterten Strohhalm zusammen, sodass er, anstatt erneut ihren Namen zu rufen, nach Luft schnappte. Weiterhin keine Spur. Wie hatte sie ihm nur so lautlos und schnell davonkommen können? Geruch und Stärke des Windes ließen den Kanal irgendwo in der Nähe vermuten, am Besten dorthin und Kraftreserven mobilisiert – jetzt war aus dem Gassengewinkel heraus in der Tat die Allee am Canal de la Robine auszumachen. Während er noch auf den neuen Horizont zueilte, suchten seine Augen jenseits der Hauptstraße, die parallel zum Kanal verlief, und den Bäumen der Fußgängerallee den Kai ab. Und wirklich: Dort stöckelte sie auf dem Pflaster und lüpfte den Rock, der zwei blasse Unterschenkel entblößte, die im Begriff waren; ein kleines Boot zu besteigen! Roland rief nun doch nach der Gejagten, aber die Stimmbänder kamen nicht richtig in Schwingung und er war zu weit weg, um durch den Lärm zu ihr zu dringen.
Doch schenkte ihm der Zufall in jenem Moment einen Drahtesel, der einsam und unabgeschlossen an der nächsten Laterne lehnte. Ohne sich umzusehen, schwang er sich auf den Sattel und stieg in die Pedale. Kugellagerklackernd keuchend klingelklingelnd jagte er durch die Gassen. Seine ganze Energie auf das Ziel fokussierend, gelang es ihm, eine letzte Kraftreserve anzuzapfen. Sausen Schweiß Passantenschimpf: Die Umgebung schmolz zum Hintergrundrauschen, war lediglich noch eine Landschaft auf dem Holodeck – bis irgendwann selbst sein Körper sich abzulösen schien: die Muskeln ihre Verkrampfungen abstreiften … die Mechanik seiner Beinarbeit nahtlos in die Bewegung der Pedale überging … er sich in die pure Kinetik einer Fahrradmenschmaschine verwandelte, die keinerlei Rücksicht auf die Welt nahm, die sie durchquerte.
Die Welt aber vergalt Gleiches mit Gleichem, für sie war er der nicht Einkalkulierte, der Störfall. Erst als ein Déjà-vu vom Fliegen und Aufschlagen ihm Rätsel aufgab und sich dem Schmerz, der jäh durch seine rechte Hüfte schoss, zwei weitere an Kopf und linker Schulter hinzugesellten, verstand er: dass er gegen ein Auto geknallt war.

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