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Nach fünf Tagen noch immer im Bett. Ein bisschen Tetris gezockt, keine Radrennenübertragungen, Wetter beständig.
Arni, kennst du dieses unheimliche Gefühl, das einen beschleicht, wenn man sich fragt, wie man sich Stunden Tage Wochen später, an diesem oder jenem Termin fühlen wird? Wie es, alles um einen herum, sich dann anfühlen, was sich verändert haben wird? Und den Aberwitz, dass man sich Tags zuvor genau diese Frage in Bezug auf das Heute gestellt hatte, sie aber stets – selbst jetzt, beim Eintreten dieses Datums – unbeantwortet blieb? Warum kann man nicht aufhören, immer wieder sinnlos in dieses schwarze Loch zu starren?
Allgemeinen Gedanken nachgehängt, was war das noch:
Ob überhaupt Schwarze Löcher nicht nur ein geschicktes Täuschungsmanöver der Wissenschaft wären, um zu vertuschen, dass alle bisherigen Rechnungen und Systeme grandios widersprüchlich waren und man in Wirklichkeit noch mehr im Dunkeln tappte als je zuvor? Warum alle großen toten Rockstars einen Vornamen mit J hätten: Jimi Hendrix, Jim Morisson und Janis Joplin – mit zwei J die Königin des Trios; warum sie alle gerade mit siebenundzwanzig gestorben wären und ob man Ex-Rolling-Stone Brian Jones in diese J-Reihe der Toten aufnehmen dürfe? Ob man vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit VHS, MS-DOS, Fast-Food und Privatfernsehen die Evolutionstheorie nicht dahingehend korrigieren müsste, dass immer das qualitativ minderwertigste System sich durchsetzte? Ob Bücherumschläge wirklich zur Abwehr von Staub erfunden worden waren oder um Platz für Werbung auch auf der Innenseite des Deckels zu haben und sich teuren Direktdruck auf Stirn– und Rückseite zu sparen? Was wäre, wenn alle Menschen, mit denen er einmal seit frühester Kindheit engere Beziehungen gepflegt hatte, jetzt überraschend vor der Tür stünden und behaupteten, wieder dieselbe Rolle in seinem Leben spielen zu wollen? Was der Grund dafür sei, dass Rolltreppe und Geländerlaufband verschiedene Geschwindigkeiten haben? Ob nicht –
Ein Schrillen schnitt den letzten Gedanken ab. Die Firmennummer – am Sonntag? Beim dritten Mal schob sich der Anrufbeantworter in die Leitung. Roland schaltete den Lautsprecher ein.
»Past&PR. Ihr Service für Archivmanagement, Geschichts-Marketing, Eventrecherche. Leider ist im Moment kein Mitarbeiter verfügbar. Hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Piep. Wir rufen zurück.«
Der Piep.
› Hallo. Hier Veitinger. Moritz. Die Abiturrede. Das sei ja nun schon recht lange her … Wie es ihm gehe – sie hätten sich ja leider rasch aus den Augen verloren. Nun ja, er werde es kurz machen, es sei bestimmt nicht viel Platz auf dem Band: Er sei über das Netz an diese Nummer geraten und würde gerne Rolands Dienste in Anspruch nehmen. Ob er nicht Lust habe, demnächst nach Südfrankreich zu verreisen? Er, Moritz, sei ja mittlerweile – Ironie der Geschichte – ins Gasgeschäft eingestiegen. Die Firma gehöre zu den Ersten am Weltmarkt, Roland hätte sicher darüber gelesen. Nun ja, er habe im Moment ein paar Dollars über, die er aus dem heißgelaufenen Aktienmarkt in Immobilien transferieren wolle. Es seien ihm da einige Objekte an der Küste Narbonnes angeboten worden: ob Roland diese und die Kontaktfirma für ihn nicht einmal unter die Lupe nehmen könne? Hinweisen anderer Geschäftspartner zufolge gäbe es einen dunklen Fleck in deren Firmengeschichte, sodass er gerne mehr darüber wüsste. Das sei doch etwas für einen Exjournalisten mit geschichtlicher Neigung wie ihn, oder? Es würden alle Kosten vor Ort übernommen, Spesen und ein paar Zusatztage Urlaub inklusive. Und würde Moritz nachher auch die Werbetrommel für sein neues Geschäft rühren! Am besten er packe gleich seine Siebensachen, der April sei ja beinahe vorüber – bis Ende Juni müsse die Sache geklärt sein. Alles Weitere werde ihm eine Kontaktperson vor Ort mitteilen. Nach erfolgreichem Abschluss könnten sie dann ihr Wiedersehen feiern … die Sonnencreme nicht vergessen!
Zweiter Piep.
Veiti? Roland, von dem die Krankheit abzufallen schien wie ein satt gesoffener Blutegel, erinnerte sich, dass es nur noch wenige Tage bis zu seinem Geburtstag waren.
Er begann, seine Sachen zu packen.

Hier drinnen verblasst der Kontrast zwischen dem Bildschirmleuchten und der Umgebung, weil die ersten Lichter des Morgens durch die Kirchenfenster in die Dunkelheit des Chors hineinschneiden.
Arni, die letzten Abschnitte habe ich kein einziges Mal meinem Laster gefrönt! Die Schmerzquellen offensichtlich versiegt. Das alles verdanke ich dir: Esclarmonde, Sibylle-Carola.
Dennoch die kleine Rast nötig, bevor ich jene letzten Ereignisse schildere – noch ein Schuss Kirschlikör!

Ich knete die Finger, die die nächtliche Kälte und die dauerhafte Krümmung verkrampft haben, spreize und balle sie. Oje, schon spüre ich, wie das Wiederanfangen schwieriger wird. Bald werden die Touris kommen, um die unfertige Kathedrale zu besichtigen.
Eine halbe Stunde nach fünf. Sich noch rasch einen Plan für die Flucht zurechtlegen und weiter. Am besten sich nachher in einem der Apsidenwinkel verstecken und auf die ersten Eindringlinge warten, um sich unter die Menge zu mischen.
Los jetzt! – weitermachen!

[Da wir bereits zur letzten Szene der ersten Diskette kommen, Roland eine genauere Darlegung des südfranzösischen Katharerkomplexes jedoch nicht für nötig hielt, hier ein kurzer Abriss:
Die Provinz Languedoc-Roussillon, der Landstrich zwischen Nîmes und Perpignan, war einst eine vom französischen König unabhängige Grafschaft. Ihre Kultur, die viel mit den Königreichen Aragón und Kastilien gemein hatte, suchte in der damaligen christlichen Welt ihresgleichen. Hier studierte man Dichtung, Kunst, Philosophie, Griechisch, Arabisch und Hebräisch; selbst die Grafen von Toulouse und das Haus Trencavel war literarisch gebildet zu einer Zeit, als man im Norden nicht einmal schreiben konnte. Hier lebten die Guten Menschen, boni christiani oder bonshommes wie sie sich selbst, cathari, wie sie die Deutschen (»hos nostra Germania catharos appellat«), Albigenser, wie sie die Kirchenleute nannten, nach einer streng asketisch-dualistischen Auslegung der Bibel.
Aus Anlass eines Attentats auf Pierre de Castelnau, einem päpstlichen Legaten, der die Häretiker aus Albi zur wahren Kirche bekehren wollte, wohl aber aus Neid auf die reichen Pfründe und um sein Prestige neben Kaiser Friedrich II. aufzubessern, rief Papst Innozenz III. 1208 zu den Albigenserkreuzzügen auf. Die Frage, wie man die Katharer von den Katholiken unterscheiden könne, erwiderte der Erzabt von Citeaux vor dem Sturm auf die kleine Stadt Béziers mit den berühmten Worten: »Tötet sie alle! Gott wir die Seinen erkennen!« Er sollte später Erzbischof von Narbonne werden, während unterdessen der zwanzigjährige Feldzug das Land in die Steinzeit zurückwarf.]

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