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Migräne. Unsägliche Migräne plagte einen. Ein Heißluftballon pustete sich im Schädel auf und drückte gegen die Decke. Noch hielt der Knochen stand. Schweiß, der nicht salzig schmeckte, drang aus den Poren. Eine Frühjahrsgrippe Allergie? Wie konnte man sich die so plötzlich eingefangen haben? Jedenfalls kein Burnout-Syndrom.

[Roland hatte nämlich die während seiner Pfadfinderzeit erlernte Deutung der Wolkenformationen und klimatischen Verhältnisse auf wenige Kernregeln heruntergebrochen – und traf damit überraschend häufig ins Schwarze. Siehe Appendix.]

Er nutzte die Gelegenheit, die Wonnen der Betttlägerigkeit wiederzuentdecken: Sich nach einem Bad mit Fichtelöl, gekleidet in einen Seidenpyjama, auf eine frisch bezogene Matratze niederzulegen. Der keimfreie Geruch der Laken, die Geschmeidigkeit der fichtelgesalbten Haut, deren Nervenspitzen von der zarten Kälte der Pyjamaseide leicht in Erregung versetzt wurden – das war das einzige Mittel gegen die Krankheit, dem er vertraute. Die Fenster blieben geschlossen, der Briefkasten ungeleert, Arzt oder Apotheker unaufgesucht. Da war nur er und der Virus und ihr Duell beim Durchschauen der Videosammlung und Wetten gegen die Wettervorhersage.
Auf die Idee, die Zeit zu nutzen, seinen Silvestervorsatz umzusetzen, kam er nicht. Nur zweidrei Notizen schafften es auf über das Zimmer verstreue Zettel. Er dachte nicht weiter darüber nach, warum er das eigentlich tat.

[Parfaits
Initiierte, die das sogenannte consolamentum erhielten, mit dem sie sich der Askese, dem Zölibat, der Ehrlichkeit und dem Vegetariertum verschrieben]

Traumnotat. »Knapp Roland kam zum finstern Turm, sein Wort war …«, so das Wort des Armen Tom. Sfumatobilder, in denen Zeit und Raum sich zu einer neuen Dimension verdichten, hingen in der Eingangshalle. Auch Holbeins Miniatur Salomon empfängt die Königin von Saba neben Michelangelos Relief der Kentaurenschlacht. Im Keller ausufernde Feierlichkeiten des deutschen Autorenvereins anlässlich der triumphalen Rückkehr des Genitivs. Fahrt durch eine Kellerluke ins Freie und Schwenk in die Hügelausläufer der Cevennen: Nach einem erneuten Attentat gegen die Inquisition in Avignonet belagern französische Königstruppen und Zwangsverpflichtete sowie heilige Milizen der Erzbischöfe von Narbonne und Albi die Burg Montségur, Kopfsitz der verbotenen Kirche und letzte Zuflucht der Katharer auf einem 1200 Meter hohen Bergkegel. Schnelle Schnitte überbrücken ein Jahr des Leids. Im März darauf Kapitulation nach hohen Verlusten auf beiden Seiten. 225 gute Menschen finden den Flammentod auf den Scheiterhaufen zu Füßen des Bergmassivs – die Kamera begleitet ihre in goldgelbe Flammen geschlagenen Fratzen aus der Froschperspektive. Rückblende: Monate zuvor, nachts. Drei Wagemutige stehlen sich, unbemerkt von den Belagerern, aus der Burg. Was versuchen sie, in Sicherheit zu bringen? Es ist nicht der heilige Gral und nicht die Kirchenkasse, wofür sich zwei parfaits in äußerste Lebensgefahr begeben, sondern sie: Esclarmonde de Foix, die Schwester des Grafen. Die Hohepriesterin. Black, Vertigo … tiefer hinab in Morpheus’ Arme. Halluzinationen in den Schluchten eines Gehirns, wo zwei Freuds miteinander um die Herrschaft ringen, der eine im Streben nach freien Einrichtungen, der andere zur absoluten Macht. Tonspur einer Rede zur Verleihung des Nobelpreises an ihn, Iobst, für den Beweis, dass Schönheit nichts anderes ist als ein augenblickhafter, berechenbarer Schwebezustand – der Moment, in dem ein geordnetes System ins Chaos zurückkippt oder das Chaos in einer Struktur gebändigt wird. Kaleidoskopbilder fraktale Muster Mandelbrotmengen. Ein Wort wird an die Tafel geschrieben: Seltsamer Attraktor. Der mathematische Übergangs- und Haltepunkt. Esclarmonde, wie gerne wäre ich der Wurm in deinem Apfel, die Schlange zu deiner Verführung! Aber Gog und Magog bitten zum Tanz: Die Heere nehmen Stellung auf. Auf der einen Seite: der Chiliasmus. Auf der anderen: die Dichotomie. Und jeweils als Duellanten sich gegenüber: Weströmisches vs. Oströmisches Reich, Ying vs. Yang, Logos vs. Mythos, Eros vs. Thanatos, vita activa vs. vita contemplativa, digital vs. analog, rechte vs. linke Gehirnhälfte. Und außerdem: die These – die Antithese; die Pole: Nord vs. Süd, Plus vs. Minus; Hegel: Staat – Familie; Hölderlin: das Organisiert-systematische und das Elementar-formlose; Nietzsche: das Apollinische – das Dionysische. Und fürderhin, für die Wissenschaft: Relativitätstheorie vs. Quantenmechanik; für die Mathematik: Abakisten vs. Algoristen; für die Kunst: Goethe der Realist, Schiller der Idealist sowie naive vs. sentimentalische Dichtung, der Stofftrieb – der Formtrieb; und auf höherer Ebene dann sowieso die zwei Kulturen: die Wissenschaften der Natur vs. des Geistes. Und überhaupt ganz allgemein: Vernunft vs. Natur, Differenz vs. Identität, Baisse vs. Hausse, konvex vs. konkav, Auge vs. Ohr, Zeichen vs. Bezeichnetes, McDonald’s und Coca Cola vs. Burger King und Pepsi. Dua principia auch aufseiten der Albigenser: Die ebenbürtigen, nichtstofflichen Gottheiten Liebe und Macht geben sich gegenseitig die Schuld an der Schlechtigkeit der Welt. Gerade als die letzte Posaune verstummt, um den Beginn des Gemetzels einzuläuten – dramatische Fahrt mit Handkamera die Schlachtreihen entlang –, erscheint zwischen den Streithähnen mit Gillette Mach3-Beschleuniger für das Beste im Mann, auf einem Einhorn am Horizont, einen Dreizack in der Pranke: die rettende Synthese. Und lässt Leibniz’ Universalsprache, die alles ausdrücken und jeder verstehen kann, ermahnend aus ihrem Munde ins Tal hinabdonnern. In allen weicht die Kriegswut schweißtreibender Angst, als nach und nach das Gefolge aufschließt: Der ästhetische Staat. Der Spieltrieb. Das Glasperlenspiel. Die Triade. Die Apokryphen des Trismegistos. Der Dreisatz und der Satz des Pythagoras. Das Pascalsche Dreieck. Starbucks, Afri Cola und M-Theorie. Die Dreifaltigkeit – falsch, die ist ein Täuscher. Aber dafür der Tritonus, das Teufelsintervall, und seine Erweiterung zum berühmten Es-Dur-Akkord bei Wagner. Schließlich die monströsen Gesamtkunstwerkkatapulte. Aber noch vor der Entscheidung – das Verstummen der Sirenen, die Bestrafung der hybris, der Fall des Ikarus: Erwachen.

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