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Carola hatte gleich mit achtzehn den Führerschein gemacht und ein Auto von den Eltern geschenkt bekommen: einen Mazda 323 in Rot. Roland fand das ein gutes Omen. Der Mazda war so etwas wie der japanische Kadett, aber weniger bieder: windschlüpfriger, sportlicher. Zweimal die Woche fuhr sie damit hinaus zum Schißritzer Forst, um Miss Marple, ihre Deutsche Dogge, spazieren zuführen.
Der Gesundheitspfad, den beide stets dort entlanggetrottet waren, führte außer an der Michaelsquelle auch an jenem Heckenwall vorüber, hinter dem sich eine von Obstbäumen und Gebüsch umkränzte Senke verbarg, die Oliver und Roland früher als Versteck Fort Flottenkommandozentrale einen Unterschlupf für ihre intergalaktischen Pläne geboten hatte. Vor dort aus hatte man den Blick über das unter einem abfallende Tal schweifen lassen, sich vor gegnerischen Banden versteckt und joggende Pärchen mit Erbsen blasrohrbeschossen. Mittlerweile war man zwanzig geworden und hatte dieses Plätzchen lange nicht mehr aufgesucht, nun aber sich daran erinnert, als man zufällig Caros Mazda auf dem Parkplatz vor dem nahegelegenen Friedhof stehen sah.
Nach wenigen Spionagemaßnahmen war man in der Lage abzuschätzen, wann ungefähr sie an jener Hecke vorüberstreifen würde – und schlich ihr beim nächsten Mal endlich im Schutz dieses Walls hinterher; heute konnte man’s wagen: Sie schien in Eile, nachdenklich – und sie waren allein mit den letzten Insekten.
Genau gegenüber und in kurzer Entfernung besetzte ein jüngst ausgehobener Baggersee die Stelle, wo früher wilde Talwiese sich selbst überlassen gewesen war; dorthin schlug Caro nun einen Haken. Es war ein Abend im Spätherbst, man konnte die tiefstehende Sonne als glühenden Zigarettenstummel hinter dem bunten Blattwerk erahnen, ein kühler Wind versuchte ein bisschen zu pfeifen – zu frisch eigentlich, um sich am See zu vergnügen.
Caro, deren neue rotbraune Haarfarbe offenbar vom Kosmetikberater auf den Herbst abgestimmt war, ließ Miss Marple von der Leine und streifte sich, Dryade des Waldes, des falschen Kostüms aus der Menschenwelt überdrüssig und der Beobachtung durch Roland nicht bewusst, Schuhe Strümpfe Hose und Slip von einem Körper, dessen Fleisch die Berührung der Elemente suchte, aus denen er geformt war: Erde und Wasser. Sie ging in den See. Ein Beben fuhr durch ihre käsigen Hinterbacken und Gänsehaut ließ den blonden Flaum auf ihren irgendwie antilopigen Beinen sich aufrichten, als sie die Füße ins Nass tauchte. Bald leistete der Körper keinen Widerstand mehr gegen die Kälte. Es war eine Waschung und eine Taufe. Denn sie trug noch den Slip bei sich und tauchte ihn unter und wrang ihn und schaufelte sich schließlich Wasser dorthin, wo es mit der Erde chymische Hochzeit zu halten pflegt. Flüche kamen ihr von den Lippen, während sie sich und das Höschen auswusch. Hätte man sein Herz nicht schon verloren, es hüpfte Roland jetzt davon, allein dieses Zorngesichts wegen. Irgendwo kläffte Miss Marple, auf der Jagd nach einem Waldbewohner. Achtsam tastete man sich näher heran.
Bevor aber man mehr von ihr erhaschen konnte oder wenigstens ein sich hörbar näherndes Hundehecheln Zeit für ein Gegenmanöver ließ, hatte Miss Marple ihrem Namen Ehre gemacht: Sie stand keinen Meter entfernt vor Rolands grünem Zaun, knurrte und bleckte die Fänge. Der Schwanz wedelte nicht.
Es blieb keine Zeit, die Regeln für das Duell zu verhandeln: Zwei dünne Stimmen verrieten, dass sich weitere Schaulustige näherten. Die Kraussmann-Brüder. Natürlich, sie wohnten auf einem Bauernhof in der Nähe. Echte Naturburschen, deren liebste Freizeitbeschäftigung darin bestand, anderen Leuten Heuschrecken in die Briefkästen zu stecken, im Tante-Emma-Laden – heute eine Edeka-Filiale – Panini-Sammelbilder für das Album zur Fußball-WM zu klauen oder Roland, obwohl ein halbes Jahrzehnt älter, mit Katzenscheiße zu bewerfen. Schon hatten sie die Dryade entdeckt, flitzten zu ihrem Kleiderhaufen und lachten ein Lachen, das nur solche Rüpel beherrschen.
› Wenn sie das Oberteil ausziehe – man könne ja bereits ahnen, dass sie nichts mehr darunter habe –, bekäme sie ihre Sachen wieder. Wenn nicht, wären sie futsch und sie müsse halbnackt nach Hause.
Miss Marple stand da und knurrte. Caro, wie aus einer Traumwelt gerissen, die Hände rasch vor den Oberkörper gepresst, rief:
› Ihr Vater lasse sie bestimmt vor Gericht laden, wenn sie das täten.
› Ihnen wurscht. Weil nämlich vorher ihr Vater dem von Carola eine aufs Maul und in den dicken Bauch geben werde!
Caro schien die Alternativen abzuwägen. Sie zitterte, wurde jetzt erst der Kälte gewahr.
› Okay, kam es schließlich mit kecker Nase von ihr. › Aber dann sollten sie sich gleich vor ihr einen von der Palme wedeln und nicht später einsam im Stüberl, das würde sie gerne sehen! Dafür zöge sie nicht nur das Oberteil aus, sondern käme auch ein Stück aus dem Wasser, einen zusätzlichen Einblick gewährend.
Das ließen sich die Brüder nicht zweimal sagen: Schon hatten sie angefangen, ihre Teile auszupacken und daran zu rütteln, während die Dryade langsam ans Ufer stieg.
Roland wusste nicht, was tun, wollte einschreiten, hätte folglich aber seine eigene Schaulust verraten, konnte auch gar nicht, Miss Marple stand neben ihm und knurrte, der Schwanz wedelte nicht.
Caros Pfiff. Die alte Detektivin schnellte um die eigene Achse, brach aus dem Gebüsch und stürmte los auf die Brüder, die in ihrem Schreck nicht daran dachten, die Hosen wieder zu schließen, bevor sie ihre Flucht unternahmen: Nach wenigen Schritten rutschten sie ihnen bis auf die Knie herab und warfen die beiden ins Laub. Knurrend verbiss sich Miss Marple in einen Gürtel. Der Junge konnte sich nur wieder freimachen, indem er seine Jeans gänzlich aufgab. Beiden schließlich gelang es, dem einen mit schlotternden Beinen, dem anderen mit panisch in den Bund gekrallten Händen, unter Racheschwüren davonzustolpern. Die Dryade atmete auf.
Wenn die Brüder gewusst hätten, dass sie, als sie nicht mehr zu sehen waren, sich doch noch das Oberteil abstreifte, es mit dem Slip ans Ufer warf und begann, ihre Kreise zu ziehen, Miss Marple ihr hinterher … Sichtlich genoss sie die Freiheit ihres Körpers, in dem sie sich wohlfühlte, für den sie sich nicht genierte, den aber trotzdem nicht jeder so einfach anglotzen durfte!
Roland schämte sich sogar vor sich selbst, zum Beispiel jetzt gerade wieder.
Bald jedoch war der Dryade das Wasser kein Vergnügen mehr: Enger wurden die Kreise, wilder das Rudern der Arme. Bald kämpfte sie mit einem Platschen, Springen und Tauchen gegen das Element, rang vergeblich um den Sieg, als sei sie von einer wilden Energie beherrscht, die sie nur mit sinnloser Verausgabung loswerden konnte.
Irgendwann gab sie auf, schlich wieder ans Land und setzte sich in das Schilf, Roland den Rücken zudrehend. Und als Miss Marple, die den Rolandgeruch hinter der Hecke anscheinend völlig vergessen hatte, sich neben ihr kräftig schüttelte: Begann sie, vor Nässe und Kälte vollends schlotternd, zu weinen. Sie zog die Hündin an sich heran und begrub den Kopf in ihrem Fell und schluchzte in sich hinein.
In Roland schnürte sich etwas zusammen und nahm ihm die Luft. Sicher war es Koschel, der ihr das, was immer, angetan hatte. Man wollte zu ihr, im Verlangen, den Arm um sie zu legen, was sich richtig und sehr erwachsen anfühlte.
Man hatte ihre wahre Natur gesehen, eine Waschung mit ihr geteilt, die Abschied von der Jungfräulichkeit und Offenbarung ihrer Einsamkeit gewesen war: Man war ihr endgültig verfallen. Nicht, weil sie zur Priesterin von Erde und Wasser geweiht war, die einen in die Geheimnisse des Fleisches würde einführen können – man selbst war ja der Ritter von Luft und Feuer, den Elementen des Geistes –, sondern weil sie die Kraussmann-Brüder, in einem Moment der eigenen Schwachheit, triumphal erniedrigt und beleidigt hatte, wie die sonst alle anderen.
Man stahl sich lieber leise davon, bevor der Kanide sich wieder des Männleins im Walde erinnerte und das Versteck aufflog. Ja, leider: Man beschloss, sich ihr später zu offenbaren.

Sechs Jahre hiernach wagte man es.
Zwei Wochen lang war man in den Semesterferien jeden Tag vor ihrem Haus auf- und abgelaufen, bis man endlich den Finger auf den Knopf legte. Man wollte sie zum Essen einladen und dann …
Der Vater öffnete.
› Carola mache ein Jahr Au-pair-Mädchen in den Staaten.
Es sollten weitere sechs Jahre vergehen, bevor Roland einen zweiten Versuch unternahm.

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