Dritter Teil septemb.doc septemb.doc (2)  

Autor:              Roland Iobst
Ort:                c:/eigene dateien/texte/2001/
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Erstellt:           02.09.01, 07:23:45
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Aurora, wer ist sie, Aurora? Rosenfingrige Göttin der Morgenröte, Schwester der Sonne – sie versteckt sich nicht vor den Menschen, auf sie ist Verlass: Auch jetzt wieder reitet sie mit ihren Gäulen aus dem Horizont herauf, um die kühlfeuchte Nacht zu verscheuchen und alles in roséfarbene Pfützen zu tauchen. Aber etwas ist anders: Ihre Wangen brennen von einem Tempo, dass in seinem Fahrtwind die ersten bunten Blätter von den Bäumen reißt.
Während man sich wieder in eine der Warteparzellen am Frankfurter Bahnhof verkrochen hat, inmitten des frühen Gewimmels geschäftiger Fußgänger, die sich nicht anmerken lassen, dass sie alle entmutigten Schweinchen gleichen, gegen deren Haus draußen der Wolf anbläst, bläut uns Aurora gnadenlos ein, dass die dritte Jahreszeit naht. Sie fegt die Stadtstreicher aus ihren Deckenecken und weht sie vom Vorplatz in die nahe gelegenen Rotlichtcafés wie Wassertropfen auf den Scheiben der Automobile. Aurora, das ist: Morgenröte im Aufgang. Und heute scheint ihr Erröten eine Folge von Zorn.
Die Briten haben die deutsche Nationalelf geschlagen, mit 5:1, späte Rache für die Schmach von 66, man hat es in der Zeitung im Flugzeug gelesen.
Hat da wieder jemand an der Geschichte herumgefummelt, Arni?
Oliver würde diese Nachricht gewiss freuen. Er findet, der Deutschen Fußball gliche der Currywurst: erstaunlich erfolgreich – aber aus der Nähe betrachtet recht schmierig, verhackstückt und billig. Harmonie von Körper und Geist, Willen und Kraft, ist, was unseren Fußballern mangelt. Ihnen fehlen Grazie, Geschmack und geregeltes Maß – die sich nur einstellen, wenn zwei Pole sich annähern: die Sinnlichkeit geistig und glücklich, die Sittlichkeit leibhaftig und lebensnah wird. Kalokagathia, so nennt man diese Lebenseinstellung. Und du, Aurora, du kennst sie.
Unser Leben ist steter Krieg mit dem Teufel. Aber das Tier muss regiert werden. Sonst wären wir nichts als hilflose Taumler: männliche Flugameisen – nur ohne die Flügel.

Es ist der 02. September. Man weiß nicht, wie weiter. Eigentlich will man hinauf in die Hauptstadt, aber der Billigflug galt nur bis nach Hahn. Die einstündige Busfahrt hierher zum Frankfurter Hauptbahnhof hat man ohne Kontrollen geschafft, aber bis in den Norden würde man als Schwarzfahrer sicher entdeckt. Das Konto überzogen, nur wenige Münzen noch übrig. Diese für einen Briefumschlag im Postladen neben dem Schnellrestaurant verbraucht und darin die CD-Rom mit der Kopie der neuesten Ausarbeitungen gesteckt – den Feinschliff hatte man vorhin im Flugzeug erteilt. Dazu einige Zeilen auf ein fettiges Einwickelpapier aus dem Müll gekritzelt: Förmliche Entschuldigung bei Arni für die lange Wartezeit und die Unmöglichkeit, in nächster Zeit zusammenzukommen, bevor nicht die Sache zu Ende gebracht sei. Er solle nicht nach mir suchen, man werde sich melden.

Die letzten Pfennige für das Porto zusammengebettelt und die Nachricht ging auf die Reise.

Der Sturm hat sich gelegt, breche jetzt per U-Bahn zur Universitätsbibliothek auf. Muss mit den Notizen vorankommen.

Mit einem Stapel Bücher hat man es sich in einem der Studienseparees gemütlich gemacht. Muhammadmusa II. hier mit Energie speisen.
Das Notizbuch mag weniger elegant als sein Vorgänger erscheinen – Muhammadmusa I. war schmal, kantig und chromfarben gewesen, dieses hier schwarzblau, vollschlank und plastikverschalt –, dafür verdaut es meine Eingaben viel schneller. Und es kann CDs brennen! Den wichtigsten Teil des alten Gehirns, die Festplatte, hier hinein verpflanzt: Es geht wieder los! Muhammadmusa-weiß-mehr: Deine Binärsprache erscheint mir so viel näher an der Verfassung des Seins. Bitte, hilf!
Materialsammlung durchsehen und weiter beschreiben. Ausschneiden. Löschen. Verschieben. Alles Auswählen und: Einfügen.

PROJEKT: ROLLE DER RUNEN (IX)

 

Sagte ja, die Freimauer würden eine Rolle spielen: Auch Wieland, der Kalokagathianer, einer von ihnen. Weimarer Loge Amalia, wie Goethe. Der hatte ihm zu Ehren vor Logenbrüdern am 18. Februar 1813 eine Rede gehalten – Zu brüderlichem Andenken Wielands, in der er die »sittliche Sinnlichkeit, die gemäßigte, geistreiche Lebensfreude« des Freundes betonte.

 

»Schon dreymahl wechselte der Tag sein herbstliches Licht,

Seit diese Freystatt sie in ihrem Schooße heget,

Und beide können noch sich des Gedankens nicht

Entschlagen, dass der Greis, der sie so freundlich pfleget,

Kein wahrer Greis, dass er ein Schutzgeist ist,

Vielleicht ihr Oberon selbst, der ihres Fehls vergißt,

Und, da sie schwer genug (däucht sie) dafür gebüßet,

Bald wieder glücklich sie zu machen sich entschließet.«

 

Das steht auf Seite 166 im Oberon, in der dreiunddreißigsten Stanze des achten Gesangs. Oberon, das ist der altfranzösische Auberon, Esclarmondes Gatte, oder der deutsche Alberon – der Zwergenkönig Alberich, Gemahl der Feenkönigin Titania und bekannte Gestalt des Nibelungenlieds.

Ganz sicher die Stelle, die die Verbindung zu Böhmes Drey Prinzipien und zur Morgenröte, Seite 67 herstellt:

»Unser Leben ist wie ein steter Krieg mit dem Teufel. (…) Wenn er aber überwunden ist, so gehet die Himmelspforte in meinem Geiste auf: dann siehet der Geist das Göttliche und himmlische Wesen, nicht ausser dem Leibe, sondern im Quell-Brunne des Hertzens gehet der Blitz auf in die Sinnlichkeit des Hirns, darinnen speculieret der Geist.«

Für den Theosophen Böhme, der sich mit Alchimisten, Naturmagiern, Herätikern und Kabbalisten umgab, bildet der Teufel dieselbe Realität wie das Gute, natürlich! Ein Denker manichäischer Prägung: In Gott wirken von Anbeginn die Urgegensätze von »Wille« und »Widerwille« und spiegeln sich in den Signaturen der Schöpfung. Darum das Ziel, die Widersprüche des Lebens in einer Einheit, den Drey Prinzipien der Göttlichkeit aufgehen zu lassen und damit den Pfusch der Welt wegzuerklären:

»Denn der heiligen Welt Gott und der finsteren Welt Gott sind nicht zween Götter: Es ist ein einiger Gott. Er ist selber alles Wesen, Er ist Böses und Gutes, Himmel und Hölle, Licht und Finsternis, Ewigkeit und Zeit, Anfang und Ende; (…) Die Kraft im Lichte ist Gottes Liebesfeuer, und die Kraft in der Finsternis ist Gottes Zornesfeuer, und ist doch nur ein einiges Feuer, teilet sich aber in zwei Prinzipia, auf daß eines im andern offenbar werde: Denn die Flamme des Zornes ist die Offenbarung der großen Liebe; in der Finsternis wird das Licht erkannt, sonst wäre es ihm nicht offenbar«, heißt es im Mysterium Magnum, und weiter:

»Dann das Buch, da alle Heimlichkeit innen lieget, ist der Mensch selber; Er ist selber das Buch des Wesens aller Wesenheiten, dieweilen er die Gleichnis der Gottheit ist; das große ›Arcanum‹ lieget in ihme, allein das Offenbaren gehört dem Geiste Gottes.« (10,3)

Es wird heiß. Wir kommen dem Grund immer näher.

02. September. Die Fälschungsversuche des FAF, die damaligen Desinformationen von Nifl, das Zementieren der Zukunft durch Muspel – eine Verschwörung der Zeichen; der Versuch, das Buch der Zeit immer wieder neu zu beschreiben.
Gestrige Nacht unter den Brücken am Main zugebracht. Keine Hofakademie, die einen aufnimmt. Die Nachtigallen wollen einen nicht haben. Heute werde ich es mit den Treppen an der Hauptwache versuchen. Muss bald eine Lösung finden, wird kälter.
Drei, immer die Drei. Im Raum: Hätte der mehr als drei Dimensionen, würde die Erde entweder von der Sonne weg- oder in sie hineinstürzen; wir also erfrieren oder verbrennen. In der Zeit: Nicht länger als drei Sekunden dauern alle sich ins Hirn fressenden Motive der Popmusik. In allen Sprachen der Welt haben die Zeilen der Liebesgedichte maximal zwölf Silben (Quersumme Drei), die sich in drei Sekunden aussprechen lassen – das ist die Zeit, die die Gegenwart dauert: Nur solange kann unser Kurzzeitgedächtnis frische Informationen behalten (und davon nie mehr als sieben zugleich, seien es Zahlen, Wörter oder sonstwas).
Drei Sekunden ist die Zeit zwischen dem Abziehen und Explodieren einer Handgranate. Dreimal die Halbwertszeit des Isotops 133Cs.
Eins.
Zwei.
Drei.

[Hier muss ich etwas ergänzen. In der Neurophysik hat man etwas entdeckt, dass man das Dreißig-Millisekunden-Fenster nennt. Dies legt nahe, dass das menschliche Gehirn Daten genauso sequentiell abzählend verarbeitet, wie ein Computer: Die visuelle Wahrnehmung – mit durchschnittlich drei Augensprüngen pro Sekunde – nämlich kann kontinuierliche von diskreten Bewegungen nicht unterscheiden, solange die diskreten Schritte genügend klein sind: 0,03 Sekunden. Was bei einer Kamera beinahe exakt der Belichtungszeit einer dreißigstel Sekunde entspricht. Dieses Zeitfenster resultiert aus einem Synchronisierungsproblem in der Verarbeitung der Reize.Die nämlich erfolgt in unterschiedlichen Tempi: Visuelles schnell, Haptisches langsam. Nicht von ungefähr sind die Rezeptoren der meisten menschlichen Sinne in unmittelbarer Nähe zum Gehirn angesiedelt. Die neurophysiologische Lösung, um sicher ein zerbrochenes Glas zu ergreifen: Alles, was innerhalb des Dreißig-Millisekunden-Fensters geschieht, erscheint uns als gleichzeitig – obwohl die Wahrheit anders aussehen kann. Wie verhält es sich da erst mit den Erscheinungen noch unterhalb dieses Fensters?]

03. September. Auf dem Bockenheimer Campus Studenten angesprochen, die einen in ihre WG aufnehmen könnten, bis man sich genug Geld verdient hätte, um nach der Hauptstadt fahren zu können. Den ganzen Tag damit verbracht, bis sich jemand erbarmte.

04. September. Vorübergehende Aushilfsanstellung in der Bahnhofsbuchhandlung. Den ganzen Tag damit verbracht, diese Almosenarbeit zu finden.

05. September. Auf der Suche nach der nächsten Bibliothek zeigte einem Christoph, einer der jungen Studenten mit Brille und lockigen Haaren, bei denen man untergekommen ist, den neuen Westend-Campus auf dem IG-Farben-Gelände am Grüneburgpark. Er die Hände in den Arschtaschen, schlurften wir, gemeinsam mit seiner Aktionsbande gegen den amerikanischen Kulturimperialismus, Richtung Fabrik. BAU nennen sie sich – Büro für antiamerikanische Umtriebe.
› Es sei schon lange Zeit für eine Erweiterung der Uni gewesen, strich er sich das Haar aus den verschatteten Augen. › Platze doch alles aus den Nähten. Die Zusage für den IG-Komplex hätte die Uni jedoch erst erhalten, nachdem eine Menge anderer Unternehmen den Ankauf abgelehnt hätten. Erst vor wenigen Wochen seien die Kunst- und Gesellschaftswissenschaften hierher gezogen.
Wir näherten uns der majestätisch geschwungenen Auffahrt. Ein hoher Zaun riegelte nach außen hin ab. Das wuchtige Hauptgebäude, verkleidet mit honiggelbem Carmstatter Travertin, weist halbkreisförmig die nahegelegene Innenstadt ab. Mir schaudert. Die Fugen und Ritzen schwitzen Vergangenheit aus: Von den Fenstersimsen fließen weiße Tränen in die Schwärze der wettergeschminkten Wände. Nur notdürftig lockern Sträucher, Blumenarrangements und Baumpflanzungen die Funktionalität der ganzen Anlage auf. Noch immer sind Bauarbeiten im Gange, studentische Notwendigkeiten – Kopierwerke Cafeterien Buchhandlungen – fehlen.
Leonhard, Politologe im vierundzwanzigsten Semester, erzählte einem von interessanten Unstimmigkeiten: Vor der Übernahme durch die IG Farben habe das Gelände als Domizil eines städtischen Irrenhauses gedient. Und: Das Gebäude sei im Weltkrieg bewusst von alliierten Bombenangriffen verschont worden.
› Als die siegreichen Amerikaner das Gebäude erstmals betreten hätten, bot mir Christoph vergeblich eine Selbstgedrehte an, › seien sie nur vom Hausmeister empfangen worden, während sich Direktoren und Angestellte längst in Sicherheit gebracht hätten. Mann, der Mann habe als Einziger all die Jahre die Stellung gehalten! Unterhalb des Kellergeschosses befänden sich noch zwei weitere Stockwerke: Gewölbe, die die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg hätten versiegeln lassen und vermutlich etwas enthielten – vielleicht immer noch – was die Alliierten zur Schonung des Gebäudes veranlasst haben könnte. Sogar eine Abteilung der CIA habe hier ihre Arbeit aufgenommen. 1972, nach einem Anschlag der RAF, der mehreren Soldaten das Leben gekostet habe, hätten die Amerikaner einen meterhohen Stacheldrahtzaun errichtet und das Gebäude für die Öffentlichkeit geschlossen. Dort gehe etwas vor sich, bestimmt.

06. September. Erster Arbeitstag. Und schon ödet es an. Kein Wunder: Menschen, die dreihundert Jahre neben der Zeit liegen, machen entweder nur Ärger oder stehen einem im Weg.

07. September. Aurora, warst du es, dich mich hierher geführt hat? Zum Omphalos, dem Nabel und Nodix der Welt, Kreuzungspunkt mantischer Stränge aus Kapitalenergie, Stadt kabbalistischer Zahlenkolonnen und ihrer Exegeten, dem Verkehrsknotenpunkt des alten Europa, Initialzündung des FAF, dieser Scheinveranstaltung inmitten Mainhattens, dem aus provinzieller Gemütlichkeit aufgeblasenen Babel?
Man wusste nicht, dass du hier einen Tempel besitzt – die Fabrik deines Mannas: das riesige Mehlwerk am Hafen im Ostend, wo oben auf den Schornsteinen dein Zeichen prangt. »Aurora mit dem Sonnenstern. Natürlich Backen! Mehr über Mehl …«
Wieso sind wir beide hier?

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