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08. September. Zweiter Arbeitstag. Nicht weniger öde. Inventur der SF-Abteilung. Immerhin.
Die Zukunft: vor allem unwägbare Größe, Risiko ohne Grenzen. Mit ihr jedoch wird heute das meiste Geschäft gemacht. Deshalb die Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Wettervorhersage, die Prognosen und Hochrechnungen, die Expertenkommissionen und Demoskopien, die neuen Propheten: der Weg von Muspel.
Zuviel Wissen um die Zukunft aber ist für die Entschlossenheit zur Tat eher Ballast – keiner versteht das besser als ich. Kein Wunder, dass die meisten Ergebnisse in den Aktenschränken verstauben. Wie kann derjenige, der um die Zukunft weiß, sie noch verändern wollen? Wenn die Zukunft bekannt wird, gibt es keine Alternativen, zwischen denen man wählen könnte. Wer prophezeit, lügt immer, selbst wenn er die Wahrheit spricht, meint ein arabisches Sprichwort. Futuristische Unschärferelation: je genauer die Vorhersage, desto unwahrscheinlicher ihr Eintreffen. Deshalb die Flut aus der Vergangenheit, das Chaosspiel der Zeichen: der Weg von Nifl.
Gibt es einen dazwischen?

09. September. Die Vielfalt der Mehle. Nach Körnung: Glatte, griffige und doppelgriffige Mehle. Grieße: Weichweizen, Hartweizen, Vollkorn. Schrot. Kleie und Keimling. Weizen: Type 405, Type 550, Type 1050, Vollkorn, Bio. Roggen: Type 997, Type 1150, Type 1370, Type 1740, Backschrot Type 1800. Dinkel: Type 630, Type 812, Type 1050, Vollkorn. Nicht zu vergessen das leicht lösliche Instant.
Die unzähligen Weißpartikel mit der Neigung, sich unvorhersagbar im Raum zu verteilen; nebliger Staub … Aurora, ich weiß jetzt, auf welcher Seite du stehst. Ich kenne jetzt Nifls Bastion.

10. September. Dritter Arbeitstag. Das Arsenal an Automobilzeitschriften aufgestockt. Immer mehr aufgeblasene Kundschaft im Laden. Die Internationale Automobilausstellung eröffnet in wenigen Tagen. Befürchte Stress mit den Manschettenträgern. Ich kündige und lasse mich ausbezahlen. Dem Fettsack von Chef passt das natürlich nicht. Erst als ich ihm Prügel androhte, lenkte er ein. Magere Abfindung.

Frage: Zeit ist mit Luther Geld geworden. Geld ist mit Gutenberg Text geworden. Text ist mit der Moderne Bild geworden. Bild könnte in naher Zukunft bald Zeit werden. Braucht es da für’s Zirkulieren überhaupt noch einen Beweger? Ach, ist einem alles wurscht, eigentlich.

Nachtrag. Warum man dennoch bleibt: die IG-Farben-Fabrik am Grüneburgpark. Der Anschlag ’72 – kam nicht von der RAF.
Wenn Nifl zwischen Aurora-Mehl sitzt, dann Muspel irgendwo im IG-Farben-Gebäude. Deswegen hast du mich hergeführt: ganz Frankfurt eine Muspel-Zentrale, das Aurora-Werk Nifls nur ein winziger Außenposten in der Nähe des Feindes, Asyl für Spione und Späher. Nebel hat keine Farbe.
Arni, ganz sicher, das IG-Gemäuer birgt unser gesuchtes Arkanum. Zur Erinnerung, zurück zu den Freimaurern in Bayreuth: Nicht alle Bestände aus ihrem Besitz wurden im Laufe des Krieges in den Osten verschafft – einen Teil hatte man hier eingelagert, in den Archiven der Großindustrie. Die Rolle der Runen – der Nazi-Ideologie galten die Runen als Überreste einer früharischen Geheimschrift – war Teil dieser Beute und der FAF hatte versucht, mit Gewalt in die versiegelten Gewölbe und an das Desiderat zu gelangen.
Aber welcher Teil des FAF? Sitzt Muspel heute auf seinem erbeuteten Schatz und Nifls Posten wartet darauf, ihn abzujagen? Oder sucht Muspel noch immer im Keller, während Nifl den Prozess zu stören versucht?
Was wussten CIA und Pentagon von den eingelagerten Schätzen, als sie den Befehl zur Verschonung gaben? War die Rolle in ihren Besitz übergegangen oder hatte sie noch immer irgendwo dort unten gelegen und zu verschimmeln begonnen? War gar das Woynich-Manuskript in Yale ein Teil des ganzen Rätsels? Gab es eine Verbindung zwischen der CIA und den Leuten, die die Exilanten aus Feuchtwangers Villa Aurora in Hollywood-Nähe nachgezüchtet hatten? Die riesigen Studioanlagen dort in Wahrheit die Werkstätten der weltweiten Kopieproduktion?
Die Zwillingstürme in New York – erigierte Symbole der beiden Mächte? Oder eher das Pentagon auf der einen, das Kapitol auf der anderen Seite? Wie kann man so etwas zu Fall bringen, um die Welt ein für alle Mal von jeder dualen Polarität zu befreien? Man bräuchte Raketen oder ferngesteuerte Flugzeuge!

11. September. Ein verschwendeter Tag. Man hat auf nichts Lust. Plan, den Westend-Campus zu unterminieren oder die Aurora-Fabrik unter Wasser zu setzen, verworfen. Was kann einer schon ausrichten? Selbst wenn man seine Zimmergenossen für die Sache gewänne … drei kleine Männlein bringen den Lauf der Geschichte niemals ins Stocken.
Wenn auch Muspel hier einen Brennpunkt hat: Feuer, wird ihm Luft zugefächelt, strebt weg von seinem Herd, sucht nach Ansteckungsmaterial. Muspel ist ein Eroberer, Nifl schleichendes Eindringen: Wasser verbreitet sich in chaotischem aber kontinuierlichem Fließen. Wo man sich auch befindet – sie waren schon dort oder werden bald kommen. Man kann nach Hause gehen; die Hauptstadt hat gleichsam ein IG-Farben-Gebäude, Aurora bestimmt eine Niederlassung, Feuchtwanger dort ja auch eine Wohnung.
Morgen wird man sich absetzen.
Eine Kleinigkeit macht einem noch immer zu schaffen: Ohne Trägerstoff, einem Bindungselement, ohne eine Art Äther können beide nicht existieren.
Nifl und Muspel, wer ist eure Luft, haucht euch den Atem?

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