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Noch immer zwanzigster Oktober. Auweia. Ich kann die Wände hochlaufen im Handstand, kann mich in Nebel verwandeln und unter dem Türspalt hindurchgleiten, mich aufplustern zu einem gigantischen Rund und mit mir selbst Riesenbasketball spielen.
Aber da ist auch ein Gegner: Alles Rot lauert mir auf springt mich an will sich durch meine Haut zu den Knochen vorbeißen. Doch mir gelingt unter Schrammen und Schreien die Abschiebung Einsperrung in meinen Wandschrank. Ich höre das Keifen und Hämmern, aber der Riegel hält.
Fichtelölbad Fichtelölbad Fichtelölbad.

22. Oktober. Vormittag: Die restlichen Ablagerungen aus dem Körper gebadet. Man hat’s geschafft. Aber wofür?
Abends: Schickte einen Tütenpenner, Atapos den Neuköllner Kentauren zu Rascha, dem Import aus der Ukraine, um sie ein wenig auszufragen: Wie sie eigentlich an diesen Job geraten sei, ob sie noch aushalten könne, oder ihre Masche, ihr Geheimnis bereits … und umihr ein Lebenszeichen von mir zu geben. Bald, bald werde man aus seinem Versteck können und sie befreien und mit ihr wegfahren, ihr Taxi Driver sein sozusagen. Nur ohne das viele Blut und den berühmtem Blick in den Spiegel.
Man wird Colombo keine Ergebnisse liefern können und plant schon einmal die Flucht.
Hatte Atapos tags zuvor ausfindig gemacht, als er Schiris altes Lager nach Hinterlassenschaften durchstöberte. Die anderen, noch einzwei seiner Art habe er nie kennengelernt, aber Schiri, der sei gewissermaßen ihr Klekih-petra, ihr Alter vom Kreuzberg gewesen. Es hatte ihn nicht interessiert, was mit ihm passiert und meine Rolle dabei war. Der Stallstinker hat mich von fünfzig auf fünfundsiebzig heraufhandeln wollen. Hab ihm stattdessen drei Pullen Wein versprochen. Da hat er nicht widerstehen können.
Dies nun seine bittere Ausbeute: Kein Grund zur Sorge – sie sei Enttäuschungen gewöhnt, könne auf falsches Mitgefühl, das als Maske des Selbstmitleids auftrete, verzichten. Seinen Chauvinistenblick auf die eher »naturverbundene«, ergo dem Manne zur Erlösung von sich selbst verhelfende, will damit sagen: vollständig farblose Frau solle er sich doch zur Selbstbefriedigung in seinen Rodin-Arsch rammen. Keiner verstehe das besser, als ein Mannweib wie sie! Natürlich habe auch sie das Täuschungsspiel aller gespielt. Ihr Trickmanöver jedoch habe darin bestanden, dass sie ihm dieses zugegeben habe. Oder habe er wirklich geglaubt, er sei für sie wirklich eine Ausnahme gewesen … Scheiße – er sei wohl noch niemals im Leben so nah am Rinnstein gelegen, um zu kapieren, wie es auf der Straße eigentlich laufe: Nutze jede Gelegenheit! Wo jetzt immerhin das neue Gesetz verabschiedet und ihr Sozialversicherungsbeitritt, einklagbarer Lohn und die Befreiung von der Sittenwidrigkeit zum Jahreswechsel versprochen sei, laufe alles echt prima. Ganz prima, dochdoch! Wie sein Botenhengst es denn gerne von ihr besorgt haben wolle.
Beinahe wäre Atapos wirklich mit ihr abgezogen. Jedoch zog er den versprochenen Chianti vor.

23. Oktober. Was soll man liefern? Keine Zeit sich damit zu beschäftigen. Geld nötig. Wieder den lieben Tag lang den Knabentrick angewandt.

24. Oktober. Soll er Schluss machen. Mir egal.

25. Oktober. Der wieder andere kam zuvor. Es war in der Frühe, man noch im Hause diesmal, als es klingelte. Er sah dem Ersten ähnlich, wie einem Spiegel entstiegen. Sogar Mantel Waffe Pfeife.
› Ich nehme an – ich darf dich doch duzen – du hast mich erwartet.
› Ja.
› Darf ich hereinkommen?
Er tat’s. Diesmal saß man selbst auf dem Sofa und der andere stand.
› Was immer dir der andere erzählt haben mag: Wir pflegen die besseren Umgangsformen.
Er verscheuchte einen vom Platz auf dem Sofa und ließ sich dort nieder, wo der andere sich vor Tagen gefläzt hatte. Begann sich eine Pfeife zurechtzumachen, während man selbst wieder blöd in der Gegend herumstand.
Nifl nehme ich an.
› Zu Diensten.
Er lüpfte seine Hose. Auf einem käsigen aber dunkel behaarten Stück Haut in der Nähe des Knöchels prangt es:

› Stan und Laurel warten unten im Wagen?
› So ist es.
› Ihr Kollege war bereits hier.
› Aber ohne sein Ziel zu erreichen.
› Sie wissen von der Frist?
› Mein Job.
Auch er völlig ironiefreien Blickes.
› Wie hat man sich das eigentlich vorzustellen?, lief man auch vor diesem Colombo auf und ab. › Zwei konkurrierende Gesellschaften, Prinzipien, die sich in denselben Deckmantel hüllen – wieso?
› Wir pflegen uns hinter vielen Masken zu verbergen, begann er zu rauchen, › jedoch nur eine für eine Zeit und diese für beide von uns. Würden sich Nifl und Muspel getrennt voneinander maskieren, so wären wir zwar geschützt, hätten aber entblößt, was uns definiert: die absolut unzusammengehörige Gegenteiligkeit nämlich.
Das klang auf absurde Art logisch.
› Aber jetzt kommt ihr aus der Deckung – warum?
› Weißt du, die genetische Ausstattung des Menschen zum Beispiel hat sich in den letzten drei- bis viertausend Jahren nur gemächlich verändert. Mittlerweile aber sind wir am Scheitelpunkt der Exponentialkurve, am Kipppunkt aller Systeme angelangt. Wer jetzt schläft, wacht an einem Morgen auf, den er nicht mehr wiedererkennt. Jetzt geht es wirklich darum, wer das Rennen macht.
Ganz wie sein Gegner. Diese Begeisterung in den Augen, die sich als Nüchternheit zu tarnen verstand.
› Wer ist jetzt im Besitz der Rolle der Runen?
› Besitz würde ich es nicht nennen; das klingt so unflexibel. Reden wir gar nicht erst von Eigentum – das kommt aus der Mode. Leihen ist das neue Kaufen! Aber zurück zu deiner Frage: wir beide.
› Und den Quellcode?
› Ach, Roland mein Freund.
› Ich kenne, habe ihn nicht, das wisst ihr!
› Deshalb bin ich nicht hier.
› Sie wollen nicht, was der Andere wollte?
› Doch. Aber ich weiß, dass es schwierig wird.
Dasselbe Spiel, nur unter anderen Vorzeichen. Man fing an, seine kantige Art zu mögen. Stockholmsyndrom oder so.
› Ich weiß, versuchte man sich in Vorwärtsverteidigung, ich hätte die Stafette besser mit Niebelschütz’ Die Kinder der Finsternis, 1959 also begonnen. Und es fehlen da noch einige Zwischenschritte: Brechts Tui-Roman-Fragment, die Tellekt-Uell-Ins aus seinem Turandot oder der Kongreß der Weißwäscher; Schmidts und Klopstocks Gelehrtenrepubliken; Polgars Die Schreibmaschine und Kracauers Mein Schreibmaschinchen im Kampf mit Walsers »Schreibmaschinenbedenklichkeiten« in den Mikrogrammen Aus dem Bleistiftgebiet und Walter Benjamins Festhalten am Handschriftlichen in der Einbahnstrasse – der ja glaubte, dass die Schreibmaschine sich gegenüber dem Literaten verselbständigen werde, sobald sie eine nicht mehr typisierte, sondern individuell-variable Schriftgestaltung erlaube; Karl May hab ich komplett ausgelassen; genauso Canettis Blendung und Havels Im Reich der Homunkuliden; und vor allem müsste ich sicherlich alles durch Luthers Biblia Deudsch und auf die allererste Autobiographie überhaupt, die Bekenntnisse des Augustinus hinlaufen lassen: Wenn auch der kein Germane war, hatte er als Arianer und Exmanichäer das ganze Schwarzweiß unseres christlichen Denkens überhaupt erst begründet.
› Du verstehst es immer noch nicht!
Colombo schnaubte demonstrativ. Man selbst schraubt sich schon wieder aus der Fassung.
› Sagen Sie mir, wie ich Sie zufriedenstellen soll!
› Indem du die Konsequenzen ziehst. Indem du es abschließt – so wie es sein soll. Das war doch immer, was du am besten konntest: Schluss machen! Jetzt aber verlierst du die Kontrolle. Mit Worten die Welt verändern – nun, dafür musst du dem hier ein Ende setzen, das richtige. Nicht, was du neulich auf dem Friedhof versucht hast, mein Freund.
› Wie soll –
› Lenk’ deine Aufmerksamkeit ab!, unterbrach er. › Du musst mit den Augen das Objekt fokussieren und zugleich durch es hindurchschauen, musst lernen, zu schielen. Wie bei diesen 3D-Bilderbüchern: Einen Sinn für das Stumpfe entwickeln – dann wirst du es auch beschreiben können.
› Das ist mir zu hoch.
Man setzte sich, barg die Stirn in der Hand.
› Das Angebot steht: Sieglinde gegen das, was wir wollen. Am Ende.
› Ihr habt sie nicht, mümmelte man.
› Du hast uns doch gesehen in Bayreuth!
Man stach spitzfingrig in Colombos Richtung.
› Der andere behauptet, ihr hättet sie an Muspel verloren!
› Wir hatten sie immer. Wollten nur deine Erinnerung ein wenig auffrischen.
› Wieso wisst Ihr von dem Kennwort?
Colombo lächelte.
› Wir kennen deine Aufzeichnungen, schon vergessen? Alles bis Mitte des Jahres. Du selbst hast Ihre Warnung entschlüsselt.
Noch eine Beweisführung.
› Es war ein Muspel-Falsifikat! Dieser Oliver, der mir die Festplatte entwendete, ich habe das Zeichen gesehen!
› Die Tätowierungen sind nicht immer so einfach auseinanderzuhalten mein Freund.
Generalpause.
› Welche Garantien könnt ihr mir geben?
Colombo steckte ungehalten sein Pfeifenzeug wieder weg. Nun war es an ihm, den Zeigefinger auf mich zu richten.
› Was denkst du, wie du hierher gelangt bist, warum du so vor mir stehen kannst? Als ob alles nur dein Verdienst wäre! Wir haben dir das durchgehen lassen. Mein Freund. Wir haben entscheidende Hinweise geliefert: Der Parsifal – denkst du es war Zufall, dass wir beide zur gleichen Zeit anwesend waren? Deine Begegnung mit der Akademie in London … Diese Dinge haben dich auf der Spur gehalten. Seit uns die Auswertung deiner Tagebuchdaten vorlag, haben wir dich gesteuert. Wir können das Rad aber wieder zurückreißen, weißt du! Zeit, dass du etwas leistest für uns.
Wieder die Waffe – ihm fiel auch nichts Besseres ein. Als ob sich damit jedes Mal alles in Bewegung versetzen ließe. Man tappte noch immer im Dunkeln. Keine Ahnung, womit man ihm guten Willen demonstrieren könnte. Aber man sollte jetzt besser mal machen.
› Ich könnte etwas vorlesen, deutete ich schnell auf meine Regale. › Eine Erzählung und davon das Ende? Die letzten Seiten aus Alf Layla wa-Layla? Wetten, dass es gefällt?
Besseres fiel einem nicht ein. Mikrowellenverzicht gegen Gutenachtgeschichte. Keinen Deut gewitzter als er. Das ist das Ende.
› Ich halte dagegen, klatschte Colombo wie ein Echo von mir in die Hände. › Amüsier’ mich. Bring mich zum Lachen oder rühr’ mich zu Tränen, egal. Schaffst du es, überleg ich’s mir noch einmal. Wenn nicht … Ich rufe Laurel und Stan als Zeugen herauf.
Na prima. Selbst wenn es ihm gefiel – Wetten, dass er sich unter Kontrolle hat? Ein Lottospiel ist das!
Schon schlurften Stan und Laurel herein wie zwei Puppen aus der Augsburger Kiste, mit groben Bewegungen und offenen Mündern, in denen es rosafeucht glänzt. Man hatte Colombo keinerlei Pfiff oder sonst wie ein Zeichen machen gesehen. Sie setzten sich rechts und links neben ihn und glotzten mich an, den Märchenonkel, erwartungsvoll.
› Roland wird uns jetzt etwas vorlesen. Die letzte der Geschichten aus tausendundeiner Nacht. Zappelt nicht, benehmt euch. Mal sehen, vielmehr: Lass mal hören.
Jetzt galt’s.
› Du hast nicht zufällig ein bisschen Konfekt im Haus?
› Bedaure.
› Macht nichts.
Laurel und Stan schauten jetzt schon enttäuscht und betreten, Colombo machte es sich zwischen den beiden gemütlich, sie alle nun mein ohrenspitzendes Publikum. Ich den antiquarischen Band aufgeschlagen, das Tischchen nähergerückt, die Lampe angeknipst; es ging los:
Anfangs fiel es schwer, ihre Aufmerksamkeit gefangen zu nehmen, doch je länger es ging, desto mehr vergaß ich, für wen ich laut schmökerte, wo ich war und warum ich dies tat. Man berichtete von den zwei Königsbrüdern von Sina und Samarkant – meine Zuhörer gähnten, erbaten mehr Spannung und einen bildhafteren Vortrag. Man machte weiter in seliger Eintönigkeit. Dann von dem König, der jeden Tag eine Frau tötete, bis eine davon ihm unterhaltsame Geschichten zu erzählen begann und dabei nicht zum Ende gekommen war, als der Morgen anbrach, sodass sie gezwungen war, am nächsten Tag weiter zu machen und am nächsten erneut und sofort, für eintausendundeine Nacht, bis in der letzten sie zu der Geschichte gelangte, in der ein König jeden Tag eine Frau tötet, bis eine davon ihm unterhaltsame Geschichten zu erzählen begann und dabei stets nicht zum Ende gekommen war, als der Morgen anbrach, sodass sie …
Man selbst steckte mitten drin in den Ereignissen, vergegenwärtigte sie sich wie in einem Raunen hinab zu sich selbst. Man murmelte ihnen vor, dass der König Schacherbas sich darin schließlich selbst erkannte und keine Frauen mehr töten wollte und von den zwei folgenden Geschichten, die Scheharazade hintanfügte, die Geschichte einer von den Frauen eines Kalifen und die Geschichte einer Frau des Kalifen Mahmonu –und während man so mit der Tochter des Großwesirs von der Hölle durch die Welt zum Himmel hinauffuhr, waren sie einem ausgeliefert: Mattigkeit senkte sich auf alle herab wie der schwermütige Vorhang am Ende eines Tschechowstücks. Als entzöge jemand dem Raum seinen Sauerstoff: erschlafften die Glieder, begannen die Lider zu flattern, wurde der Wille allmählich niedergerungen.
Während man von der einen las, musste man an die andere denken. So viele süße S-Namen kennt das Arabische, neben Saba noch diese: Subai’a die Löwin, Sagah das Girren, Sihr die Zauberei, Sahiqa die Verheerende, Sarha der Hohe Baum, Surra der Nabel, Su’ad die Beglückende, Sa’da das Glück, Su’da die Glücklich machendste, Sukkar der Zucker, Sukna die Beruhigendste, Sukaina die Leichtherzige, Sallama die Friedensspenderin, Salsal das angenehme Wasser, Salma die Wohlbehaltene, Samga die Häßliche, Samra die Braune, Sumajja die Vornehme, As-Sauda’ die Schwarze, Sa’ta’ der Wuschelkopf, Saqra’ die Rotblonde, Samma’ die Hochnäsige, Sanba’ die mit schönen Zähnen, Saima’ die mit dem Schönheitsmahl, Subh die Morgenröte (Aurora!), Saduf die Kokette, Safra’ die Gelbe, Sahba’ die Rötlichbraune, Saida’ die Stolze…
Und während so im Kopf vor einem die Namen tanzen, springen und singen, gerät der Fluss der Rede ins Stocken, wird zu einem trägen Strom, dersich verbreitert,irgendwann endlichins Meer rinnt. Die Zuhörerschaft kann sich nichterwehren:Es reißt sie hinab in den Dämmer. Einer nach dem anderen kippen sie mir gegenüber weg wie die Mah-Jongg-Steine, ihr Schnarchen bald ein arabischer Dreiklang. Wirklich, geschafft!
Was anstellen mit diesem Pack jetzt? Bewegung, muss in Bewegung blieben. Wer weiß, wie lange der Schlaf vorhält.
Leise die Siebensachen zusammengerafft: den Mantel, Muhammadmusa II. und einige Kleinigkeiten zu Essen. Ich muss den Dingen ins Auge sehen und durch das Auge ins Hirn; Colombo hat den Hinweis gegeben: Um S— zu helfen, muss das Hauptquartier infiltriert werden.
Ich weiß nun wie.

Der Kofferraum leer. Ich quetsche meinen schlaksigen Körper hinein in den Ford Lincoln, mit angewinkelten Beinen reicht es gerade so aus. Es gelingt, den Deckel von innen heranzuziehen. Dunkelheit im Bauch des Trojanischen Pferdes.
Jetzt heißt es warten auf das Erwachen meiner Wagenlenker – nachdem ich das Licht Muhammadmusas gelöscht hab.

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