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Autor:             Roland Iobst
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Abwärts. Hinab ging es – dorthin, wo die kaum hörbaren, aber auf der Bauchdecke vibrierenden Bässe zu unseren Lebensrhythmen entspringen, wo die Leitungen den Takt schlagen und die Gewässer den Grundton liefern dazu.
Wenige Stunden, nachdem man sich das Lager bereitet hatte, kamen sie: Ohne Worte zu machen, ging es stante pede voran, den Kofferraum ungeöffnet. Derweilen spielten die Kniescheiben beleidigt.
Wir waren erst wenige hundert Meter weit gekommen – da schien das erste Etappenziel erreicht: Halten. Das Piepen einer Schranke. Und los. Es presste einen die Fliehkraft nach rechts. Immer wieder schlängelten wir uns Serpentinen hinab in den Untergrund. Dumpf hallten die Motorengeräusche zurück. Ein Parkhaus?
Nächster Halt. Irgendwo kam ein Mechanismus in Gang. Ein Rattern und Rollen. Ein Tor? Hindurch. Abrupt wechselte die Reflektionszeit des Halls. Der Gang der Tunnel die Röhre, durch die wir jetzt fuhren, musste schmal sein. Hier alles doppelt so laut. Hinter uns ratterrollte es erneut und schloss mit einem ohrenbetäubenden Krachen: Gefangen.
Weiter hinab, die Strecke besaß eine Neigung. Ärgerlich, dass man nichts sehen konnte. Der Wagen nahm Fahrt auf, schoss einer Bleikugel gleich in die Tiefe. Ein Umreißen des Lenkrads: Die Reifen schlitzten den Boden auf. Wir standen. Die Fahrertür. Und wieder ein anderer Hall. Diesmal feierlich, beinahe sakral.
› Los, schimpfte Colombo, mach einer Licht! Und seine Worte hallten als Cantus eines Vorsängers gregorianischer Choräle zurück. Eine Grotte? Auch die anderen Türen geöffnet. Der Echotakt schlurfender Schritte. Der Knall eines umgelegten Hebels. Transformatoren summten. Keinen Finger rühren, keinen Laut geben.
› Ja. Colombo hier. Holt uns ab.
Wahrscheinlich Münzapparat, dem Einrasten des Hörers nach. Sie warteten. Schritte nach rechts und nach links.
Das Getöse eines heranbrausenden Diesels. Das Quietschen von Bremsen. Türen auf und zu. Ein anderer Gang eingelegt. Abfahrt. Rückwärts, dem Pfeifen nach. Stille.
Sicherheitshalber weitere zehn Minuten ausgeharrt, den Schraubenzieher gezückt und im Schloss herumgestochert damit. Das Scheißding öffnete sich nicht. Noch einmal – es wollte nicht. Jetzt wurde einem bang: Man wummerte gegen den Deckel. Sein überraschendes Aufspringen befreite aus der Lage.

Es brauchte eine Weile, bis die Glieder wieder auseinandergefaltet waren. Der Anblick der neuen Umgebung auf jeden Fall unerwartet: ein verlassenes Gewölbe aus der Altvorderenzeit der ersten Unterpflasterbahnen; ein Geisterbahnhof.
Mitten auf den hellgrün und weiß gemusterten Bodenkacheln im Wartebereich stand der Lincoln. Hinter ihm der Tunnel, durch den wir gekommen waren: ein schmaler Fußgängerweg, der Anlage nicht zugehörig, die Mauer hatte man durchbrochen. Viktorianisch anmutende Laternen hingen an schmiedeeisernen Masten. Für Natriumdampflampen ausgelegt, aber in ihnen steckten Halogenreflektoren. Der Strom kam vermutlich aus dem Wärterhäuschen ganz hinten. Links und rechts der übliche Schacht, aber keine Schienen darin verlegt. Reifenspuren im Staub führten ins Dunkel des Tunnels. Es waren schon andere Nachteulen hier gewesen;an einer der Wände prangte ein Graffito:

»E = m c². Einstein im Orkus.«

Gleich neben dem Lincoln ein Telefonteil, daran eine Leitung, die sich einen Laternenmast hoch- und die gewölbte Decke entlang ins Fenster des Wärterhäuschens hineinschlängelte – die Wiederbelebung einer beerdigten Infrastruktur.
Keine Taschenlampe dabei.
Den Wagen, das Häuschen durchsucht. Ein Emailleschild: AEG Schnellbahn AG. Keine geeigneten Hilfsmittel gefunden bis auf eine Schnappschusskamera, die man sich gleichals Kameradschnappte.
Ein Fährmann, der einen über die Senke setzte, stand nicht zur Verfügung. Dunkeldunkel dort hinten. Vielleicht hilft der Blitz. Links in den Graben gesprungen, zögerte man vor dem Durchlass – und tauchte ein in das sich ausbreitende Nichts.

Mit Widerwillen tastet man sich voran, die Mauer schlüpfrig. Nach wenigen Metern im Rücken ein seltsamer Laut. Sich Umblicken, man ist ja nicht Orpheus, hat das Ganze noch vor sich. Die Beleuchtung des Bahnhofs erlischt – Zeitschaltung vermutlich. Sauber verwischen sie ihre Spuren: Muss nicht jeder Eindringling merken, dass es hier unten noch Leben gibt. Auf jeden Fall steht man jetzt definitiv in der Tinte. Keinerlei Rückzugsmöglichkeiten mehr.
Es kostet Mühe, leise zu sein. Jeder unbedachte Schritt kommt als Kolonnenmarsch wieder zurückgeschallt. In regelmäßigen Abständen ein Blitz von der Kamera nötig, zur Planung. Bald entdeckt man: Nur links ist die Mauer noch unbehandelt. Auf der anderen Seite verkleidet die Steine ein Estrichanstrich. Dort fühlt sich’s schon besser an.
Salpeter und Moder steigt in die Nase. Herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit hier. Immer wieder hört man es tropfen, das Objektiv ist ständig beschlagen – befinde ich mich unter der Spree?
Ein dünner Strahl Helligkeit fällt aus einem kleinen Durchbruch rechts oben ein in die Röhre. An der Stelle der Decke, wo er auftrifft, ist ein Pilz aus dem Gewölbe gewachsen. Sieht aus wie ein Kleiderhacken: U-förmig hat er sein Schirmchen wieder nach oben gebogen, ins Licht. Der Anblick macht warm.
Den Deckenpilz zurückgelassen, die kleine Oase. Die Pfützen dichter. Mit Körper und Kopf prallt man ungewollt auf eine Sache, läuft in etwas hinein; ein knotiges, filzig geadertes Ekelding ertastet, im Umfang einer halben Person, aber aus klebriger Borke.
Der Blitz offenbart: ein Wurzelgeflecht. Es reicht von der Stelle, wo es die Decke gesprengt hat, hinab bis auf den Tümpel am Boden. Links davon und halb hinter einem steht das Gefährt, ein schmaler Pritschenwagen – ich war nur wenige Zentimeter daneben gelaufen, ohne es zu bemerken. Am Wurzelbold aber kommt selbst er nicht vorbei. Wieso wurde der Stamm nicht einfach gekappt?
Dahinter noch immer ausgelaufene Tinte. Was, wenn sie einen gehört haben und irgendwo lauern? Man muss abwägen zwischen der Optimierung des Vorwarnsystems durch vermehrtes Verwenden des Blitzes und der Gefahr, dadurch überhaupt erst entdeckt zu werden.
Man entscheidet, lieber angestrengter zu lauschen.
So kommt man eine Weile voran ohne Störungen. Das restliche Stück schnell hinter sich gebracht, das Zaudern war überflüssig. In der Ferne ahnt man ein Aufhellen – vorsichtig stiehlt man sich heran. Der Tunnel endet blind an nacktem Gestein: Einige Stalaktiten hat es dort und ihr Gegenüber, die jedoch nicht dolchig, sondern gleich gewaltigen Pickelpocken, mit gelblich-schwefligem Kopf und weiß auslaufendem, verflachendem Rand; Tropfsteinspiegeleier. Der Magen rumort, beißt einem sauer in die Schleimhautwände. Leider hat der Vorrat nicht lange gehalten. Wie spät ist es eigentlich?
Links eine verschlossene Luke, darüber schwach eine Baulampe funzelt.
Ich lege den Hebel um und betrete den Gang dahinter.
Auch hier alles Undeutlichkeit. Aber mattgrün glimmende Pfeile und Worte weisen den Weg: »Durchschlupf zur U-Bahn« in die Richtung, aus der man kommt, »Zur Gasschleuse« in die andere. Phosphor. Manche Stellen glühen stärker als andere, hier müssen vor Kurzem Lichtkegel darübergestrichen sein. Man gelangt an die Schleuse, die schweren Türen mit der seltsamen Einbeulung, die wohl hohem Druck widerstehen helfen soll, offen. Rost. Die bekommt niemand mehr zu. Im Durchgang sehr zugig.
Dahinter ein weiterer Gang und einige Abzweigungen. Wieder phosphorisierte Pfeile und Buchstaben: »Waschraum«, »Männer«, »Frauen«, »Aufsicht«. Die Decken sind niedrig. Es geht Gitterstahltreppen hinauf und wieder hinab. Oft gabelt sich ein Weg oder Raum ab, unkalkulierbare Risiken bergend. Was die Dinge dahinter angeht, muss man sich seinem Gehör anvertrauen. Oder einfach den glühendsten Zeichen folgen: Sie sind der Faden, der mich durch das Labyrinth des Luftschutzbunkers hindurchführt.

Eine weitere Stahltür, verschlossen. Zwei Neonleuchten davor signalisieren: Hier bin ich richtig. Sie tauchen den Gang und seine Öffnungen Durchbrüche Löcher in ein unheimliches Bühnenbild geometrischer Schattenflächen, gelblicher Lichtkränze und verzerrter Perspektiven. Ich bin zum Herz vorgedrungen. Hinter der Tür muss das Zentrum liegen, wo für gewöhnlich etwas auf einen wartet.
Diesmal kein Zögern zulassen – ich mache mich an den Hebeln zu schaffen.
Irgendwo löst sich etwas aus dem Schatten, das kratzende Geräusch von Sohle auf Stein. Zu spät leite ich Abwehrmaßnahmen ein: Ein Schlag auf den Hinterkopf – und das Dunkel liegt nicht mehr nur vor den Augen.

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