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Irgendwann im November. Erwachen in der obligatorischen Zelle auf einem Armeefeldbett. Ein kleines Räumchen im Bunkersystem. Es gab keine Tür, vor dem Ausgang standen Laurel und Stan. Als sie bemerkten, dass einem Zeit und Raum wieder zur Verfügung standen, setzte Stan sich ab. Laurel blockierte mirbreitbeinigzugewandt den Ausgang, die Arme verschränkt vor der Brust. Er knurrte. Oder war das mein Magen? Mir die Hände gebunden.
Der Schädel fühlte sich an wie ein Ei (roh). Der Schlag musste die Schale gedellt, vielleicht angeknackst haben. Im Schlaf alles Eiweiß herausgelaufen. Nur der Dotter kullerte noch irgendwo im Innern herum.
Schläfenmassage half nichts. Laurel glotzte wie ein Backenhörnchen, knurrte. Man streckte ihm die Zunge raus. Er knurrte noch immer.
Stan mit einem Adjutanten zurück. Er blickte freundlich, löste mir die Fesseln. Die wenigen Barthaare über der Lippe noch dünn.
› Das war nur zum Schutz: Sie haben im Schlaf um sich geschlagen. Sie sind kein Gefangener – er will Sie sehen.
Ach ja? Und die Kopfnuss? Eine rituelle Begrüßung? Wer will mich sehen. Werjetztschonwieder! Ein Fehler, hierher zu kommen. Ich will niemanden sehen, lasst mich in Ruhe!
Man folgte der Aufforderung, was blieb einem schon, der Adjutant mir voran, Laurel und Stan bildeten die Nachhut. Es ging durch die Biegungen und Schächte. Parkbänke standen herum. Hier waren die alle gelandet! Wie sie die wohl herunter bekommen haben? Mancherorts hingen Skizzen Zeichnungen Pläne an der Wand. Wenige Menschen verrichteten typische Arbeiten: Computerviren in Quarantäne einsperren, Astronautennahrung aus Giftcocktails und Dünger aus Sprengsätzen herausdestillieren, Nachrichtenticker umschreiben, Flugblätter verbrennen, Mikrowellenstörsender montieren. In einer Ecke das Blöken von Notstromaggregaten. Immer wieder führten Rohre die Wände entlang, nicht für Belüftung oder zum Heizen gedacht. Eines begann plötzlich zu zittern – eine Kapsel schoss hindurch, irgendwo hinter mir der Aufschlag zu hören: Rohrpost.
Der Adjutant beantwortete meine ungestellte Frage:
› So kommunizieren unsere Abteilungen auf Zehn Meter pro Sekunde miteinander; aber auch Neuigkeiten von Außen werden derart von unserem Nachrichtendienst an die zuständigen Stellen weitergeleitet. Wir haben die meisten Rohre und einige Kompressoren und pneumatische Pumpen bereits vorgefunden – indes nicht hier, sondern größtenteils um die Oranienburger Straße herum.
Ich wollte mir Konstellationen einprägen, im Kopf eine Karte zeichnen, aber auf Dotter ließ sich schlecht schreiben.
Wir gelangten nach draußen. Nicht ans Tageslicht, sondern zu den Abwasserkanälen, es geht Leitern hinunter. Zum Himmel stanks dennoch. Wie ein Brei aus Koks Kacke Kotze halt duftet, bin jetzt zu faul für eine intelligente Umschreibung: Jedenfalls wurde einem übel. Zwei Rinnen liefen zusammen, ein feucht glänzender Steg führte über die Kreuzung auf die andere Seite. Dort in der Höhe eine Tür am Ende einiger Leitersprossen, davor noch mal zwei Jungadjutanten standen, die nickten und die Leiter vorankletterten. Ein Markierungsstrich an der Wand etwa auf Augenhöhe, neben dem ein »MAX.« phosphorleuchtete, ließ Schlimmes befürchten.
› Dort hinüber. Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit – ein heftiger Regenguss in einem nahegelegenen Stadtteil und binnen Sekunden ist alles hier überspült.
Stan und Laurel kletterten auf unserer Seite wieder nach oben. Der Adjutant deutete nur aufs Gegenüber und folgte ihnen nach. Offenbar diese letzten Meter mir allein zugedacht.
Vorsichtig balanciere ich über dem stinkenden Abgrund, der Fluss träge wie Schleim.
Und in der Tat röhrt mir aus der Tiefe ein Darmgrollen entgegen, als zögen sich der Stadt alle Magensäfte zusammen, um gleich hier hindurchgegurgelt zu werden, mich kleine Wurst zu verdauen. Ich weite den Schritt – und gleite natürlich aus auf der Schmiere, wäre beinahe in die Lache geplumpst. Die Gleichgewichtsübung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof aber hat doch etwas genützt: Ich rette mir gewissermaßen selbst den Hals, indem ich mein beinahe vergessenes Amulett packe und mich daran hoch und wieder gerade reiße und damit gerade noch in der Luft auffangen kann.
Wohlbehalten erreichte man das Ufer und verlor keine Zeit, erklomm sofort die Sprossen; unter einem verschwand das Brückchen im Dünnpfiff. Hinauf Hangeln bis an die Pforte. Dahinter endlich am Ziel.

Ein von oben bis unten weiß gekachelter Saal, vielleicht einmal ein Klärbecken gewesen. Lose im Kreis wieder einige Holzbänke. An der Stirnseite davon, vor der kürzeren Wand des rechteckigen Raums: man könnte es einen Thron nennen, handgeschnitzt und aus Eichenholz. Darauf hockte bucklig ein Männlein, die Beine baumelten über der Kante. Es musste ihn einer hinaufgehoben haben, er war nicht viel größer als, sagen wir, eine Dogge. Und trug eine rot-weiß gestreifte Badekappe, Rastaziegenbart und einen Kaftan vom Kreuzberger Türkenmarkt; an jedem Händchen Pseudoklunker aus Glas. Er war in weichzeichnerischen Nebel gehüllt – neben ihm standen vier kupferne Stehaschenbecher, darinnen zweidrei Kippen glommen. Eine davon drückte er gerade aus, um sich dafür eine frisch entzündete in die Zahnlücke zu schieben. Wir waren allein miteinander, abgesehen von den Milchbärten.
Er wies mir eine Bank zu in seiner Nähe. Der Rauch drückte auf die Drüsen. Man schämte sich, wischte seine Tränen mit den Leierbündchen schnell weg und gähnte dazu, damit es so aussah, als hätte man nur eine beiläufige Geste gemacht, sich den Schlaf aus den Augen gerieben. Schon platzte es heraus: Hustenanfall.
› Pardon.
Der Zwerg stippte die restlichen Kippen aus und gab einem der Milchbärte Zeichen, drei der Ascher zu entfernen. Er hielt sich an seiner letzten, filterlosen Roth-Händle fest, Tabakkrümel auf den Lippen. Ein anderer Bubi trat auf einen Wink näher und klopfte mir auf den Rücken. Er wies mir einen Platz fern von der Rauchwolke im Rund der Bänke zu.
› Setz’ dich. Mein Name ist Alberan Oberwich Aberwach Olberin IV.
Sächsischer Akzent, die Stimme schlug Kapriolen zwischen Tenor und Sopran, manchmal schlich sich ein markerschütterndes Kratzquietschen dazwischen, wie Stahlwolle über rostige Töpfe. Zwergenstimmbruch? Auch er musste jetzt Husten.
› Und der Nachnahme?
› Nenn’ mich einfach Albi. Ich bin der König von Nterlin.
› Klar.
Oberlin, Unterlin … Verstanden? Schön, dass du hergefunden hast.
› Ihr hattet mir eure Einladung jadirektan den Hinterkopf genagelt.
› Wir sind gezwungen, unsere Zufahrtswege zu sichern und vor Entdeckung zu schützen. Hättest dich Colombo ergeben und nicht den heimlichen Weg wagen sollen.
Man konnte es nicht lassen, musste die verwachsene Kreatur angaffen wie eine Lollo Ferrari (Lolli Ferraro, haha!).
› Kettenraucher, hielt Albi den Glimmstengel hoch. › Seit dem sechsten Lebensjahr um die sechs Schachteln pro Tag. Er guckte an sich herab, um auch meinen nächsten Einwand vorwegzunehmen: › Nikotinbedingte Wachstumshemmung. Den Rest hat der Mangel an Licht besorgt.
–Bist du Punktpunktpunkt?
Er lachte, als sei ich ein Kind, das gerade gefragt hatte, warum die Mädchen dort unten keinen Pipimann haben.
› Was organisiert ihr Nifl-Brüder hier unten? Wo ist Colombo?
› Ich lasse dich gerne ein wenig herumführen. Noch recht jung sind unsere Leserbriefabteilungen, eine für die großen überregionalen Zeitungen und eine für die Lokalblätter. Ich kann dich jemandem vorstellen, der weiß, wo man da den Most holt: Otto Bibarthel. Sicherlich der meistgelesene Ghostwriter weit und breit – ihm fällt wirklich zu allem ein Supplement oder eine Replik ein.
› Ihr seid das also!
› Oder unsere entomologischen Labors! Hier züchten wir genetisch verändertes Kleinvieh: Stechmücken Bremsen Ameisen, immerhin zwei Drittel aller Tierarten. Damit lässt sich so einiges ausrichten.
› Was denn zum Beispiel?
› Ihr Stich Biss Kot injiziert Antikörper gegen die Uganda-Grippe, die Weizenmehlkrätze oder die Hundepocken. Ohne uns wäre ein Drittel der Menschheit längst hinweggerafft worden. Denen da oben mag nicht auffallen, dass sie technologisch dreihundert Jahre hinter den Fähigkeiten von Nifl und Muspel hinterherhinken – Viren und Bakterien aber lassen sich nicht so leicht hinters Licht führen; die Biester haben sich daran gemacht, den Planeten zu übernehmen! Bei der aktuellen (ergo veralteten) Technik fallen sie den Ärzten gar nicht mehr auf. Wir haben das Wettrüsten wieder in die Waage gebracht. Der Stolz unserer Bemühungen bildet momentan die Obstfliege Drosophila – wo die sich niederlässt, gedeiht kein Bakterium mehr. Und unser modifizierter Seidenspinner ist Lieferant sämtlicher Antivirentextilien in Nterlin.
› Ihr seid … recht technophil?
› Machen ja auch Spaß, diese ganzen Gadgets! Aber wir sind keine Fortschrittsidioten, falls du das meinst. Wir sehen die Evolution nicht so verbissen. Ist eh alles nur Werkzeug.
Die Flugameisen. Frag nach den Flugameisen!
› Kein Interesse an Algorithmen?
› Nee. Die merkantile Produktion, die Logik der Perfektionierung ist an so etwas interessiert: Das Fließband des Taylorismus, lean production, usw. Ja, und natürlich die Informationsfilterer und Entscheidungsfinder – die suchen wie die Verrückten danach. Und die Gegenseite versucht, sie auf chaostheoretischen Bananenschalen ausrutschen zu lassen. Ist aber halt genauso eine scheißkomplizierte Mathematik. Deshalb gibt es uns: weil selbst die Niflheimer nicht mehr vom Wahn des Echten und Authentischen lassen wollen. Irgendeiner muss ja gegen die Effizienz arbeiten, das krumme Holz des Unverständlichen Unnützen Unzeitgemäßen zwischen die Speichen rammen. Darum halten wir ganz pragmatisch – und dennoch völlig utopisch – Mal einfach das Nichts, Mal die unendlichen Mannigfaltigkeiten hoch. Simpelste Mengenlehre, wenn Du möchtest. Und Murphy‘’s Law. Oh, ich vergaß: Da wäre natürlich noch unsere Glas- und Metallschmelze. Du hast dich bestimmt gefragt, wohin all diese Sachen aus den Sammelcontainern verschwinden, womit sie oben angeblich die Müllgruben füllen. Tja, wir buddeln uns von der Seite heran und ernten ab.
› Ach wirklich?
Albi grinste wie ein CEO, der dieses Stichwort aus dem Publikum bereits für seine Präsentation vorgeplant hat.
› Wir stellen Schmuck daraus her. All dieses Kleinzeug, spielte erbübisch grinsendmit den Fingerchen, –das ihr auf den Märkten kauft. Du machst dir keine Vorstellungen, wie profitabel dieses Geschäft ist. Die Einnahmen aus dem Schmuck- und Billigtextilienverkauf bilden zusammen mit unserer über die Jahre gewachsenen Sammlung historischer Münzen, die meisten gewonnen aus verschütteten Brunnenschächten und den in den Kellern verwahrten Aktienobligationen, unseren finanziellen Grundstock. Die Reserven haben wir in einem Hort in den ehemaligen Wasserspeichern eingelagert – du kannst davon abhaben, bist bestimmt ziemlich pleite für den Moment.
› Ich möchte Sieglinde sprechen.
› Stimmt, die ist vor einiger Zeit zu uns übergelaufen. Aber der Gegner hat sie nun in seinen Klauen.
› Colombo bestand darauf! Das war Teil der Abmachung.
› Was Nifl betrifft, mag das stimmen. Wir sind aber nicht so und nicht wie die anderen. Colombo, dieser Colombo, ist ein Doppelagent: Wir haben seine Konditionierung mit einer reversiven Zelltherapie gebrochen, sein Erbgut für unsere Sache reprogrammiert. Mit Laurel und Stan war es einfacher – denen musste man einfach nur zureden und Kekse anbieten. Der FAF, das ist eine oberirdische, eine westliche Angelegenheit; du bist hier untertags, im Osten des Landes. Wir sind in allem das Gegenteil: ein Anti-FAF sozusagen. Die Autonom-Frankonia Ferhinderungs-Armada, kurz: AFFA.
› Verhinderung schreibt man mit V.
Der Zwerg stemmte sich in die Höhe:
› Siehst du – wer sagt das? Wer will das bestimmen? Muspel etwa? Das F symbolisiert unseren subversiven Kampf gegen jede Form von Durchsetzung und Zwang. Zu den neuen Rechtschreibregeln beispielsweise haben wir extra eine Reversivkommission eingerichtet: eine Unterabteilung gegen die Muspel-Reform, eine gegen die Nifl-Verwirrungen. Ist schwer zu sagen, wer Sieglinde derzeit in seiner Gewalt hat – nebenbei, ihr Deckname hier lautet Selvaggia – na, ich vermute mal Muspel. Hier, ließ er sich plötzlich auf den Thron zurückfallen, › sind Fotos von einem unserer Spione: Das ist auf dem Parkplatz vor dem Bayreuther Festspielhaus.
Ein Adjutant überreichte einem eine Handvoll Abzüge. Auf den vielleicht zwanzig großformatigen und in Serie geschossenen Schwarzweißabzügen erkannte man, wie Colombo Sarolle durch die Menge zerrt, um gleich auf Bild Vier von einem weiteren Trio mit unter dem Mantel hervorlugenden Mikrowellenpistolen hinterrücks zu ihrer Freigabe gezwungen zu werden. Stan und Laurel halten den gegnerischen Colombo in Schach und achten darauf, dass der Heimkehrerschar nichts auffällt, während der andere Colombo Selvaggia in einen Golf drückt. Laurel und Stan, die mich auf der Toilette gesucht hatten, treffen zu spät ein, um das Blatt wieder zu wenden. Das Auto davon.
Volltreffer ins Weiße in zwei Fällen. Kein FAF und keine Sarolle. Statt dessen Solveigs Lied angestimmt.
Ablenkungsmaßnahme von den eigenen Gefühlen mit einer Fangfrage:
› Seid ihr genauso gespalten?
› Die AFFA, erklärte Albi geduldig, › ist nach Außen hin eine konterrevolutionäre Bewegung gegenüber dem FAF. Doch dient sie wie dieser nur der Verschleierung: des Kampfes gegen Nifl und Muspel. Man könnte diese zwei Einheiten Antinif und Contramus nennen … aber wir teilen nicht den Wahn, alles bezeichnen zu müssen.
› Wieso dann überhaupt AFFA?
› Stimmt, früher waren wir da konsequenter. Aber die Zeit zwang uns, Strategien des Gegners zu adaptieren, um die Chancen zu erhöhen, überhaupt wahrgenommen zu werden. Außerdem wuchs uns die Verwaltung über den Kopf: Weil wir für nichts einen Namen hatten, wurde alles immer mehr Kraut und Rüben.
› Wissen Nifl und Muspel von euren Aktivitäten?
› Sie vermuten, haben aber keine Gewissheit. Wann immer etwas nicht nach Plan verläuft, schieben sie es ihrem Gegenüber in die Schuhe, kicherte er. › Die Vorstellung einer grundsätzlichen Opposition gegen beide zugleich, der Gedanke, es könnte noch andere Mächte geben als sie, übersteigt naturgemäß ihr Vermögen; das geht über ihre Selbstdefinition. Dabei liegt es auf der Hand! Nehmen wir ein physikalisches Bild: Es gibt neben Materie (FAF) eben auch Antiatome (AFFA), die innerhalb der Materiegesetze nicht in Erscheinung treten, weil sie das Gegenteil davon sind. Atome und Antimaterie wiederum bestehen jeweils aus positiv und negativ geladenen Teilchen – Nifl und Muspel die einen (Elektronen und Protonen), Positronen und Antiprotonen (Antinif und Contramus) die anderen.
› Was ist mit Neutronen und Antineutronen?
› Die halten sich gegenseitig da raus.
› Es muss doch –
› Der Einzige, der Gewalt über beiderlei Materien hat, ist Punktpunktpunkt. So wird er von den anderen bezeichnet. Weil er den Dingen die Namen verleiht und wieder nimmt; selbst so unsäglich viele besitzt, dass es die Ewigkeit und einen Tag dauern würde, sie alle auszusprechen: »Der buntfarbige Flunkerer« oder »der wilde Wortwürfler« … Wir hier haben keine Sprache für ihn, wozu auch – er ist jung und zugleich alt, er steht über der Zeit, denn er kennt als Einziger die Runen genau und weiß, wie man sie gebraucht. Wozu also über ihn reden?

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