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31. Dezember. Wie vom Deutschen Wetterdienst und mir vorhergesagt: zwanzig Grad Minus. Die Uhr zeigt 23:00. Über die Nacht hat Frau Holle noch einmal ihre Kissen aufgeschüttelt, damit ich noch etwas zum Kämpfen habe auf meinem Weg zum Venusberg hinauf. Holle, das ist Freyja Frigg Holda und Hel. Und wer bin ich?
Die Straßen einsam, das Weiß hat alle Aktivitäten erstickt. Einzig einzwei einsame Kentauren harren aus in ihren Decken. Sie nicken mir zu, drücken in Gedanken die Hufe und Daumen. Hinter den Fenstern der Häuser, vor denen sie sitzen, glimmt es, sind die Schatten zu ahnen, die sich auf den Sprung in das nächste Jahr vorbereiten.
Ich stapfe durch den Hofgarten, Muhammadmusa II. an der Seite, der fahle Mond beherrscht das große Ganze. Ins Gesicht drischt es mir die Flocken rechts und links auf die Backen. Es ist jener Schnee, der immer von vorn kommt. Glühwürmchen schweben Irrlichtern gleich über dem Boden. Manche wagen den Tanz mit einem Geriesel, andere folgen in meinem Windschatten, hängen mir einen blausilbernen Schweif an.

[Ich habe mich jetzt lange genug zurückgehalten. Glaube mir Roland, ich würde dir das gerne ersparen – aber jetzt wird es ernst. Die Knechtschaft in Kauf nehmen, um die Freiheit irgendwann in der Zukunft zu erreichen, das ist nicht meine Art. Otto ist bereits an der Geschichte mit dem Dreißig-Millisekunden-Kamerafenster dran: Wir müssen hier endlich zum Schluss kommen.]

Dumpf weht mir Tanzmusik um die Ohren, sie kommt aus dem Herz des Museums. Die Außenbeleuchtung verleiht dem Gemäuer den unwirklichen Doppelschemen einer Fata Morgana inmitten der Eiswüste. Nifls neuerliche Villa Aurora. Muspels moderne Orakelstätte.
Hier ist etwas im Gange: ein Thing oder so – die letzte Versammlung, bevor zur Großoffensive geblasen wird, zum Judgement Day.
Ich schleiche ums Haus, zum Vordereingang. Dort empfängt mich die bekannte dreiteilige Inschrift über dem Portal. Offen.
Drinnen sind die Treppenzugänge in die oberen und unteren Stockwerke durch Seile und Hinweisschilder versperrt, geradeaus aber geht es durch die Flügeltür in den Konzertsaal. Nassgeschwitzte Gestalten lungern hier im Vorraum herum, sie sind etwa meinen Alters. Einer glotzt schief, die Weinflasche fällt ihm womöglich gleich aus der Hand; ein anderer begutachtet ungläubig die neuen Münzen, die in einer Stunde zahlungsfähig werden sollen; zwei weitere haben, komplett ineinander verschlungen, ihre Saugnäpfe aufeinander gepresst – sie haben sich noch nicht entschieden, ob sie zu ihm oder ihr gehen.
Ein letztes Mal Spaß vor dem Sieg der einen Macht über der andern, Dance Macabre in etwa? Manche Gesichter erscheinen mir vertraut, einer nickt mir zu wie einem alten Bekannten. Gespräche, Gespräche:
Ein Chauvinist . › Frauen sind so wenig erkenntnissüchtig, das ist das ganze Problem!
Eine Schriftstellerin. › Da irren Sie aber, Sie Memme! Typisch für euer Geschlecht.
Der Chauvinist. › Wenigstens bin ich dabei in guter Gesellschaft. Sie schreiben auch?
Die Schriftstellerin. › Nur wenn mir nach Folter ist.
Ein Lakoniker. › Nehmen Sie’s nicht so existentiell. Leibniz ist mit der Binärlogik seiner lingua characteristica universalis bekanntlich auch nicht zum Ende gekommen. Obschon das Neue immer schwerer aufzuspüren ist, sollte man dennoch weitermachen.
Ein Traditionalist. › Immer dieser Fetisch des Neuen! Wozu gibt es Nachfahren? Immerhin hat eine ganze Tradition: von Boole über Babbage, Peano, Russell, Turin, von Neumann und Gotthard Günther diese Logikkalküle erheblich und zu unser aller Nutzen weiterentwickelt. Fortschritt muss ja nicht immer gleich alles radikal neu erfinden. Natura non facit saltus – sie macht keine Sprünge!
Ein Radikaler. › Aber sicher, zumindest im Kleinen: Quantensprünge macht sie, Sie Technoromantiker! Und Sie haben wirklich noch nie von den zellulären Automaten gehört? Das Pascalsche Dreieck? Das sind diskrete Modelle dynamischer Selbstorganisation, die hochkomplexe Systeme beschreiben können. Konrad Zuse hat ja vermutet, dass die Natur sich selbst genau aus solchen Abzählregeln zusammenkomputiert, das Universum nichts anderes als das Programm eines gigantischen Zellularautomaten sein könnte. Dann wär’ die Universalmathematik simpler als gedacht und die Wissenschaft bräuchte in Zukunft nicht mehr nach komplexen Gleichungen, sondern entsprechend knapperen Programmbeschreibungen Ausschau halten. Warum sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt hat? Weil’s für viele zu neu, ein zu großer Sprung ist.
Ein Theologe. › Wenn die Welt ein Programm ist, wer hat es gestartet?
Ein Materialist. › Sie alle ignorieren völlig den Körper. Die Fusion von Mathematik mit Biologie in den tausend Genomprojekten, die Verbesserung des Menschen selbst, das ist mal ein mächtiger Neusprech, nicht wahr?
Die Schriftstellerin. › Meinen Herren, beenden sie bitte Ihren fiktionären Nihilismus – wir schweifen ab. Wo bleibt denn die Wahrheit in Ihrem schönen, bloß virtuellen Netzpolyversum? Das war doch einmal das Monopol der Schrift.
Ein Zwischenrufer. › Alles die Folgen der Unschärferelation: Die Welt ist alles, was der Fall sein kann … die falsche Freiheit des anything goes. Wo bleibt da die Wahrheit? Nur die nämlich macht frei, wusste schon Albertus Magnus!
Ein Pragmatiker. › Sie halten sich da raus! Es stimmt, Aufklärer und Schriftsetzer werden kaum noch gebraucht, wenn Information wieder zur ursprünglichen Höhlenmalerei, Mythos und Magie als immersives 3D-Kinospiel aus dem Computer zurückkehren. Die Schrift wird sich in Zukunft mit weniger begnügen müssen. Ihr bleibt aber noch immer die Useransprache, die Funktionen der Steuerung und Suche; Navigation in der multimedialen Landkarte, wenn Sie so wollen.
Der Chauvinist. › Sie meinen, noch mehr Rankings und Listen? Na, ob das noch literarisch genannt werden kann –
Der Pragmatiker. › Transliterarisch, mein Lieber, transliterarisch! Spielerisches Training der Phantasiemuskeln. Wie langweilig dagegen all der Analogkäse. Und monopolistisch: Dichtung kommt nicht von ungefähr von dictare, dem lateinischen Ursprung der Diktatur. Möchten Sie nicht endlich den Eingottglauben wieder zurücktauschen – gegen die tausend Möglichkeiten einer unendlichen Fiktur, in der Sie kein ausgeschlossenes Drittes der aristotelischen Logik behindert?
Der Humanist. › Die nur Provisorium bleibt. Relativistische Zeitkapsel einer sich lediglich selbst rekombinierenden Kultur, die nur ihr Sterben hinauszuzögern versucht.
Der Pragmatiker. › Verstehen Sie doch: Die Algorithmen kennen kein Drittes und können es auch nicht berechnen – aber sie können, ohne sich dessen bewusst zu sein, in ihrer Verkettung das Dritte selbst sein!
Der Humanist. › Sie sind ertappt, Sie Cusaner und Cybergnostiker! So etwas wagen Sie, innovativ zu nennen? Ihr Ex-Eingott ist in Wahrheit immer schon Trinität – und jetzt soll er auch noch die immaterielle, multiple Form sein, die alle Möglichkeiten der Welt in sich enthält und zugleich durchspielt? Wo bleibt da der Spielraum für den Menschen?
Die Schriftstellerin. › Ein gutes Stichwort: Wissen Sie, was mich nämlich immer tröstet, wenn ich mit Menschen wie Ihnen diskutieren muss? Dass wir wenigstens im Sterben gleichberechtigt sind – und jeder sein persönliches Neuland betritt.
Und wie auf Stichwort fallen alle ein in die Volapük-Hymne ein:

»Sumolsöd stäni blodäla!
Dikodi valik hetobs;
Tönöls jüli baladäla
Volapüke kosyubobs,
Vokobsöz ko datuval
Menade bal, püki bal!
«

Noch eine weitere Gruppe steht in einem Kreis, lauter bebrillte Jungintellektuelle. Rollen, habe ich Rollen gehört? Eine zweite Akademie! Natürlich, die Londoner Exilanten waren nur in Nifls Auftrag auf Fahndung gewesen – dies hier muss Muspels Pendant sein, so ziemlich in allem das Gegenteil: glattrasierte Gesichter, blumiges Deodorant, geschmacklose Anzüge.
Vom Konzertsaal her jazzige Rhythmen. Da drängelt’s und brüllt sich’s ins Ohr und quetschen sich die Erregten aneinander vorbei. Aus dem Knäuel heraus schiebt sich Oliver, Luft aufzutanken – er hat mich entdeckt. Er trägt das rosafarbene Leibchen und niemand guckt komisch.
› Hatten angefangen, uns ernsthaft Sorgen zu machen. Nun lass uns alles vergessen, klopft er mir wiedereinmal auf die Schulter. › Heut’ wird gefeiert! Das ist Carolas Werk, sensationell nicht? Ein paar Anrufe von ihrem Papa und sie lassen uns tatsächlich hier rein. Schräger Ort. Kein Vergleich zu meinem Hof, hm? Komm rein – es sind alle da: Karl, Bernadette, Jens, Liselotte, Markus, Christine …
Schlotternd lasse ich mich hineinziehen in die wogenden Körper. Bier gibt es hier keins; Wein, Cocktails und Sekt sind die Flüssigkeiten der Stunde, den Takt zum Besäufnis schlagen Ragtime, Bebop und Swing.
› Selbst Veiti hat sich mal wieder blicken lassen.
Ein untersetzter Mensch steht mir gegenüber. Ihm sind eine Menge Haare von der Stirn geflohen, aber noch immer hat er das pausbackige Mondgesicht eines unfreiwilligen Schalks.
› Soso, Laurel und Stan wieder komplett. Was macht die Kunst – noch immer die alten Karriereschieler?
Wieder ein Klaps auf die Schulter. Ich frage:
› Könntest du mir endlich erklären, was du mit dem Ganzen zu tun hast? Mit Sibylle, Nifl und Muspel, dem FAF und der AFFA?
Veiti flüstert Oliver rasch etwas ins Ohr. Der nickt nur und schaut mich von der Seite an. Dann macht Veiti sich dünne. Verstehe. Ich soll es nicht leicht haben. In Ordnung.
Oliver schiebt mich weiter, ohne Rücksicht zu nehmen. Perfekt versuchen alle, den Schein zu wahren. Der eine und andere schaut aber doch ein wenig so aus der Wäsche, wie man sich eben fühlt, wenn man weiß, dass es heute gewaltig im Karton rappeln soll. Draußen schleichen sich in meinem Gefolge bereits die AFFA-Milizen heran. Besser ich spiele hier mit, bevor sie vorzeitig auffliegen. Ich schüttele weiteren angeblich alten Schulkameraden die Hände – ich hab ihre Namen vergessen, die Gesichter aber erscheinen manchmal vertraut. Dort steht endlich Colombo, habe mich schon gefragt, wo er bleibt; bedeutungsvoll nickt er mir zu. Neben dem Kamin noch eine Variante und hinten im Eck eine dritte; selbst in der Lohe der Heizung lassen sie nicht von ihren Trenchcoats. Sie erheben die Gläser und schwenken sie in meine Richtung. Ich weiß es zu verhindern, die Contenance zu verlieren und ihnen einfach zu winken, lege nur einen Mundwinkel schräg.
Verdächtig, dass niemand mir seine Erlebnisse seit unserem Abschluss aufdrängt oder gar von mir wissen will, was ich denn mittlerweile so täte. KOPIEN ALLES KOPIEN, denke ich laut, OLIVER ALLEN VORAN! Und ja: Einige tragen Tätowierung. › Willst du mal mein Arschgeweih sehen?, gackert mich eine Studentin an. Definiert dies etwa den Dienstgrad? Ohne Vorwarnung stehen wir vor ihr: Sie hält sich fest an dem Tisch mit dem Plattenaufleger – Carola.
Vielleicht ist es das Cocktailkleid, vielleicht etwas, das ihr zuletzt zustieß: Sie hat sich verändert. Aus der Bratwurstesse ist eine Lady geworden, ihre Proportionen scheinen mir herausgeformter, die Erfahrungen der Zeit haben ihrem Gesicht alles Unentschiedene genommen. Das bringt meinen kleinen Finger zum Zucken. Vielleicht hat es auch mit der Frau zu tun, die neben ihr steht und mit der sie sich unterhält: Es ist die zweite Carola, das Double, die siebenfach Gesuchte – sie trägt Anthrazit, das Original Rot. Oder anders herum?
› Der Fuchs wechselt den Balg, nicht den Charakter, sage ich laut zu mir selbst, meinen Schatz nutzlosen Wissens ausbeutend.
Auweia. Beide sind es, Roland, sie beide! Die dämonischen Schwestern, teuflische Waldfeen und falsche Engel. Die eine spinnt den Faden, die andere wickelt ihn auf, zusammen werden sie ihn mir abschneiden jetzt!
Bevor es zur finalen Begegnung kommt, läuft Oliver zu mir über: Er verrät mir alles über die beiden, ihre Verbindung und wie ich sie vielleicht besiegen kann. Aber eine Retourkutsche gönnt er sich noch:
› Was ich übrigens noch zu deiner ultimativ-algorithmischen Informationstheorie sagen wollte, ich hab mich mal schlaugemacht: Gödels Unvollständigkeitssatz kennst du ja wohl. Abgesehen davon, dass Turing selbst im Halteproblem die Grenzen seiner Maschine bloßgelegt hat – hast du je von Chaitins Ω-Theorem gehört? »Es gibt keinen allgemeinen Algorithmus, der bei jeder beliebigen vorgegebenen Zahl ermitteln kann, ob diese Zahl zufällig ist oder nicht«. Was soviel heißt wie, dass bestimmte Informationen schlichtweg nicht komprimierbar, in ihrer Komplexität nicht auf ein Programm zu ihrer Herstellung reduzierbar sind. Soviel zu deinem Geheimnis hinter Pi!
[Ich fürchte, hier liegt ein Trugschluss vor. Es hat keinen Zweck: Einer von uns beiden muss absteigen vom Tandem – der Platz wird von jemand beansprucht. Du hast dich lange genug dagegen gewehrt.
Ich fordere dich zum Duell. Bis auf’s erste Blut. Leser, sie sind mein Adjutant. Zieh, Roland A. Iobst!

»Da, horch! Die Flut erbraust, die Lüfte hallen,

Und Freudenruf erklingt und lautes Wort,

Und Pfeifen hör ich und Trompeten schallen,

Drein Jubel tönt von vielem Volke dort.

Nun seh’ ich auch die Züge schon von allen:

Die grüßend füllen rechts und links den Port:

Von Freude scheinen allesamt entglommen,

Dass ich ans End’ der langen Fahrt gekommen.«]

Es beginnt sich zu kringeln und ringeln um mich herum, ich bin berauscht, ohne getrunken zu haben, die Knie sacken mir weg, weil ich mit mir selbst Ringelpiez spiele, Oliver fängt mich und schiebt mich zur Wand. Ich klemme mir Muhammadmusa II. hinter den Kopf, beginne mich zu fragen, wie das eigentlich enden soll.
› Es ist gleich soweit. Richard und ich müssen uns jetzt um die Gläser kümmern – du wirst dich allein aufraffen müssen.
Das rosa Leibchen wird wieder verschluckt von dem Körperkonglomerat, die ersten Helfer tragen Tabletts mit Sektgefäßen herein, es ist bald 0:00 Uhr: Eine Gasse entsteht, die Leute bringen sich vorsorglich in Sicherheit. An einem Ende des Saals nämlich fummeln die Geschwister an den Köpfen zweier monströser Zehnliterschampusflaschen herum. Jemand macht einen dreckigen Witz, ein anderer stimmt schalkhaft das alte Pfadfinderlied an und alle fallen mit ein, die es so schön zeitgemäß finden:

So ist in jedem Neubeginn das Ende nicht mehr weit;

Wir kommen her und gehen hin, und mit uns geht die Zeit.

Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiederseh’n!

Wir ruhen all’ in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh’n!

Nehmt Abschied, Brüder, schließt den Kreis,

das Leben ist kein Spiel,

Nur wer es recht zu leben weiß, gelangt ans große Ziel.

Der Himmel wölbt sich übers Land, ade, auf Wiederseh’n!

Wir ruhen all’ in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiederseh’n!

Die Buddeln werden noch einmal geschüttelt, stehen nun unter gewaltigem Druck – die beiden Frauen können gerade noch Stöpsel und Flasche mit den Händen zusammenhalten am Schaft, um das Ganze herauszuzögern. Die Meute zählt die Sekunden herab, Angelika und Carola zielen mit den Hälsen quer durch den Raum auf die andere Seite. Dort stehen zwei buddhistische Gongs, zum Jahreswechsel zu dröhnen, sollten die Stöpsel sie treffen. Ich bin mal wieder zu langsam, stehe noch immer im Weg, die Blechinstrumente liegen genau in meinem Rücken.
Es wäre an mir, jetzt endlich zu handeln, jetzt, denn nur noch wenige Sekunden und eine der beiden Geschwister wird im eigenen Blute liegen und mit ihr was weiß ich, oder von draußen die Flugameisengarde der AFFA zur Eroberung des Gebäudes ansetzen, während der FAF seine Mikrowellenminenfelder scharfstellen lässt; Panzerkreuzer Aurora gibt das Signal zum Sturm aufs Winterpalais …
Aber es hindert mich mal wieder mein Dämon; ich versuche, mir alles in Erinnerung zu rufen, die ganze Geschichte, damit sie mir hilft, meine Entscheidung zu fällen, mir für die richtige den Grund liefert, der Anlass ist ja schon da; ich versuche, alle Folgen meiner möglichen Handlungsweise zu schätzen, vor allem, was geschieht, wenn ich sie vorzeitig abbreche – zu spät: Ein Aufschrei geht durch die Menge, NULL UHR! Und es folgen zwei laute Schläge hier drinnen, das infernale Krach Pfeif Zisch Peng von da draußen – es trifft mich eins der Korkengeschosse voll auf die Brust und schleudert mich aufs Parkett.
[Treffer ins Herz. Sie haben es gesehen, Leser! Adieu, Roland. Nur das wird von dir bleiben: Muhammadmusa – zurückgelassen auf dem Abort im Wahnfried, eingeklemmt hinter dem Spülkasten. Der dritte Teil deiner Chronik noch nicht auf einen mobilen Speicher gezogen, allein in die Magnetschicht der Festplatte gebannt. Der Beweis, dass du aufhörtest, wirklich zu sein. Ich aufhörte, Roland zu sein. Ich meine das buchstäblich als ein Verschwinden: Je mehr du dich selbst fandest, desto mehr hattest du dich zwischen die Zeilen verdünnisiert, vor mir auf der Flucht, deinem neurolinguistischen Umprogrammierer.
So lass’ ich dich zurück. Du im Frieden mit dir und deiner Geschichte. Ich mit dem Auftrag, von deinem Verschwinden zu zeugen. Das längst stattgefunden hat – bevor du fabula rasa machen konntest.
Und weil ich die Namen fälschte, wird sich niemand auf deine Spur setzen, keiner dich zurückholen können.]

Alles springt in die Luft, herzt sich und jubiliert, Rosa-Hardi und Italo-Richard stecken sich ihre Zungen zwischen die Zähne und kneifen sich dabei in ihre Ärsche, keinem fällt mein Umfallen auf. Nur die beiden Geschwister haben mich endlich entdeckt, sie kämpfen sich durch die Glücklichen zu mir heran, dem Sterbenden.
Meine Lungen sind zu einem Pfannkuchen gepresst, mir fehlt die Puste, ich sehe bunte Linien an mir vorbeischnellen und farblose Sonnen vor mir explodieren, die Kleckse und Muster zu einem alten Mann und einem Baby verfließen, wie am Ende von Kubricks Space Odyssey. Also schließe ich ab mit meinem zerknirschten und possierlichen Leben, welche Bilanz soll ich jetzt daraus ziehen? Ich Schussel, Schlemihl und Schmock! Noch einmal zieht mein Unvermögen an mir vorüber, lasse ich überall Regenschirme liegen, schaffe es nicht, Eiweiß und Eigelb zu trennen, stolpere ich ständig über sich öffnende Schnürsenkel …
Die Atemkanäle öffnen sich wieder und nur ein drückender Schmerz von Metall bleibt auf der Haut.
Der Glücksbringer, der mir seit neulich um den Hals hängt und mich bereits vor dem Fall in die Scheiße bewahrte, er hat das Projektil abprallen lassen. Jetzt ist die kleine Amulettkapsel gesprengt und offenbart einen Mechanismus zum Öffnen. Heraus fällt ein dünnhäutiges, fleischfarbenes Präservativ, ein ganz besonderes: »Jesus’ Skin – Extra Thin« steht auf der Verpackung.
Das Präputium. Sein Zeichen – Endlichasdsgschnalld, Roland: Arni! – du bist für alles verantwortlich. Hast es bunt mit mir getrieben, mir unsäglichem Menschen. Mich, deinen klugen Kopf, einfach verloren zu geben – mich, deine Häutung (du also die Heutung?), dein Spiegelbild und deinen Schatten! IN NEUER RECHTSCHREIBUNG DAZU, MUSSTE DAS SEIN!
[Mah-Jongg!]
Arni, ich habe Angst.
Die beiden Nixen tauchen zu mir herab.
Die Probe:
› Angeliqué?
› Hat dir das Olli verraten?
Nee. Ich weiß, was Arni weiß. Muss es wirklich sein, Arni? Lässt du mich wenigstens nicht ungedruckt gehen? Damit man meiner achtet? Ehren müsste ja nun nicht unbedingt sein.
[…!]
Was Oliver über die beiden erzählt hat? Jetzt schreib [ich] es auf. Sodass alles zusammenpasst in der Kontingenz von etwas Gutem – und zwar so:
[Es sollte, nur um es komplett zu machen, hier auch etwas über den Ausgang meiner Geschichte stehen: Allerdings, ich war es, Roland, der dir den Anlass für deine Fahrt verschafft hatte. Für die Gründe lange gegeben waren. Zunächst war es ein Experiment des Als-ob und Wäswärewenn, ich erlag der Versuchung. Dass sie sich aber so auseinanderleben würden, deine Geschichte und meine – zu den zwangsläufigen Schlüssen einer Vaticinium ex eventu und geplanten Obsoleszenz
Während du nämlich, in der Not der Entscheidung zwischen Angelika und Carola, dich schließlich beiden versichertest, hatte ich meine Wahl längst getroffen: für Rascha. Ja, meine Sallama Friedensspenderin, du bist unglaublich, aber wahr – prima materia, sozusagen!
Ich würde alles aufgeben für dich, würdest du für mich ein Geschlecht …? Beides nicht nötig – es wäre genug, wenn du aus deiner Vergangenheit flöhest und ich aus meiner Unmöglichkeit, wir beide damit zueinander: in die Spannung eines schönen Oxymorons.
Wir werden sehen. Der Plan ist gemacht.
Sie, Leser, sind mein Zeuge.
Ihr
Tobias „Arni“ Arnold Mai 2012]

SCHÖNE TODE V: DIE ABENTEUER IN DER NEUJAHRS-NACHT

Vor dem Fall. 23:47 Uhr.
› Das ist Caro’s Halbschwester aus Frankreich, raunte Oliver mir zu. › Wir hatten Sie einmal in der Nähe des Oleg-Hauses gesehen, weißt du noch? Was hatten wir gerätselt … sie damals sogar darauf angesprochen, damit aufziehen wollen. Tja, Caro hat es mittlerweile herausgefunden – kurz vor Silvester letztes Jahr: dass es noch eine von ihrer Sorte gab, eine Verheimlichte und sie also nicht mehr allein Papas Liebling war. Das hat wohl den Grund geliefert für das, was sie sich jetzt erst zu unternehmen getraut hat: Sie ist neulich einfach herübergefahren, zu der Adresse, die sie zwischen den Papieren entdeckt hatte. Da war es endgültig raus, das mit dem Doppelleben ihres Vaters und der fast gleichaltrigen Halbschwester, die nur einmal hier aufgetaucht war – aus denselben Gründen wie Caro in Frankreich. Nur hatte damals der Vater die Infiltrantin rechtzeitig entdeckt und zurückgeschickt, bevor die Familie mit ihr konfrontiert werden konnte. Tja, nun ist es doch noch passiert. Ein ziemlicher Schock. Dennoch verstehen die beiden sich prächtig – und uns hat es immerhin die Möglichkeit eröffnet, hier zu feiern! Caro hat es ihrer Mutter noch nicht gesagt.

Nach dem Fall. 0:03 Uhr.
› Hallo Rolli, entdeckt Caro mich, wieder champagnerlächelnd und -säuselnd, › wollte schon den ganzen Abend mit dir … es tut mir leid, das letztes Jahr; ging mir nicht gut, hatte mich nicht unter Kontrolle. Mann, du hättest aber auch einmal früher … Schön, dass du hier bist. Wo hat’s dich erwischt?
Ich liege noch immer am Boden. Rolli sagt sie – nicht Lauri oder Iobsti? Mit dem rollendem R ihrer Zunge? Sie presst mir massierend die Hand auf die Brust, entdeckt das Überraschungsei, das geplatzte.
› Hartgummi?, haucht mir die andere nach dreiunddreißig Prozent duftend und mit französischem Einschlag ins Ohr. › Das würde ich nicht mehr … Ziemlich porös – wie alt ist das denn schon?
› Keine Ahnung, Angeliqué, hab das Amulett neulich erst wiederentdeckt.
› Sag Angelika zu mir.
Sie streicht mir über die Wange wie einem Lausbub, dem man den Streich mit dem Marmeladenglas gerne verzeiht. Beide verströmen vom Halsansatz her, dort, wo die eine ein Mal hat und die andere keins, ihre pflaumigen Düfte. Die Mischung ergibt einen nussigen Geschmack hinten am Gaumen.
Tagtraum, zurückspulend: Ich bin wieder in der Kathedrale, der Sakristei mit den Wandteppichen aus Aubusson Sieg Davids über Goliath und Besuch der Königin von Saba bei König Salomon, die mir solange Kulisse für mein schüchternes Schreiben war, aber auch in der Apsis, in deren Schatten sie stand, vor den Wandteppichen Petrus und Paulus sowie Taufe des Prinzen Djem, Bruder von Bajazet, ich bin wieder zurück in ihrer Küche, um mich herum wartet das WMF-Instrumentarium, sie auf dem Esstisch.
Angelika spielt noch immer mit dem Gummi in ihrer Hand herum, während Caro den Anhänger wieder verschließt. Wie sie sich so ansehen angesichts meiner Wehrlosigkeit, suchen sie nicht den Triumph über die andere, sondern den nicht ausgeschlossenen Dritten im Bunde für heute Abend.
› Was mir alles passiert ist! Schon verblassen die ersten Details und was sie verbindet.
Caro kneift ihre Schwester. Die kichert.
› Uneinlösbare Vorsätze für 2001?, fragt Caro.
› 2002 haben wir jetzt.
› Ach ja?
› Eigentlich liegt ihr alle sogar dreihundert Jahre daneben. Ich weiß nun, wie man die Runen benutzt – die magischen Wörter des Odin: Damit nämlich kann man auf der Zeit herumkauen wie auf einem Kaugummi, sie auseinanderziehen, zu einem Ballon aufpusten, mit der Zunge Löcher hinein machen und so: Psalm 90,4: »Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.«
Angelika blickt auf ihre Funkdigitaluhr am Knöchel.
› Hattest wohl ein langes Delirium, als du in’er Ecke gedöst und was von Kirschlikör gemurmelt hast.
› Seht ihr – eben habe ich damit eure Erinnerung an dieses Jahr gelöscht. Zum Glück habe ich alles niedergeschrieben, wie gewünscht: Vom Zusammenprall mit dem Peugeot bis zum Gespräch mit der Päpstin.
› Und was hast du da?, entdeckt Caro den Zettel, der aus meiner Gesäßtasche herausragt.
› Ein Gedicht. Ich wollte es dir zustecken, konnte mich aber lange nicht durchringen – und da muss der Likör mich, ja der Likör … Jetzt sollte ich es in zwei Hälften zerreißen für euch beide: hier und hier. Aber ich habe noch mehr: Carola Mahadeba! Die mir den Anstoß gab. Und du, St. Angelika Saba! Die mir nur sagte, ich würde sie niemals mehr wiedersehen, damit ich es dennoch versuchte. Ihr zwei mein Anlass und Grund. Muhammadmusa II. – ihr könnt ihn haben. Es fehlt nur noch der richtige Schluss.
› Dafür können wir sorgen, stupst Angelika Caro den Ellbogen in die Seite, und die:
› Komm mit. Oben sind wir für uns. Da kannst du uns alles erzählen.
Jede der beiden, ganz die Allegorie einer der hygroskopischen Mächte, greift nach einer Hand. Mit einem Ruck stehe ich wieder gerade. Caro fischt sich ein Sektglas und lässt mich nippen davon, Angelika reicht mir ihres. Und während um uns herum der Glückwünsche kein Ende ist, jemand den vakanten Plattenauflegerplatz erobert und einen wirklich heftigen, norwegischen Black-Metal-Song spielt, ziehen mich die Schwestern hinaus in die Vorhalle und schlüpfen mit mir unter der Absperrung hindurch.

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