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Siebter Dezember. Tage kürzer, Atmosphäre staubiger, insgesamt frostiger. Zeit und Raum ziehen sich zusammen, fokussieren wie eine Kamerablende, lassen kein Ausbrechen nach rechts oder links zu.
Die vierte Jahreszeit, das Ende des Zyklus, ist angebrochen: Kali-Yuga. Das vierte Zeitalter, das 3.200 Jahre vor unserer Zeitrechnung, am Todestag Krishnas begann. Wie wird es aussehen, dass Weltenfinish? Wird endlich der umgekehrte Kentaur, Kalki, der Mann mit dem Pferdekopf und neunter Avatar Vishnus erscheinen? Wird er seinen in immer wieder neuen Inkarnationen herausgeschobenen Kampf gegen Shiva wirklich zu Ende bringen? Nun, wo Brahma der Schöpfer, Gestirn der Trimurti, ganz zweckloses An-Sich-Sein, sich nirgends mehr einmischt, kommt die Bewegung der Zeit erst durch diese beiden ins Spiel: Vishnu, den Weltenherrn, Erhalter des Dharma, Herrscher über die drei Welten, dessen siebte und achte Avatara Rama und Krishna, die Helden des Ramayana und Mahabharata sind. Ihm gegenüber Shiva Mahadeva, der Rivale, der große Yogi, der furchtlose Zerstörer.
Es ist Kali-Yuga, die Zeit von Durga Kali, der schwer zugänglichen, der doppelgesichtigen Braut Shivas. Als Durga steht Vishnus Wesen recht nahe, bringt Nahrung und Fruchtbarkeit, als Kali aber teilt sie Shivas Zerstörungswerk.
Wir saßen zusammen im Café Hackescher Hof, Raoul und ich. Er meinte, wir seien alle dem Schluss schon ziemlich nahe gekommen: Neun Inkarnationen – und das war’s. Die Hinduisten hielten Buddha für diese letzte Fleischwerdung Vishnus, und das ist einige Jährchen her.
»Wenn ihr Buddha trefft«, erklären die Zen-Meister hingegen, »tötet ihn. Tötet den, der sich für Buddha ausgibt – der wirkliche Buddha hat sich stets geweigert, zum Gott zu werden«.
Er lächelt nicht. Ohne mich am Alexanderplatz noch einmal umgesehen zu haben, hatte ich meine Wohnung aufgesucht, und war dort von einem Dutzend verstreuter Faxblätter empfangen worden, die das Gerät wie ein Rasensprenger hinausgeschossen haben musste. Heute nun endlich das Treffen. Auch er beleidigt, dass man dem Versprechen nicht nachgekommen war, ihn auf dem Laufenden zu halten.
› Du bist nicht etwa gekommen, nur um mir vom vierten Zeitalter und den neun Avataren zu erzählen?
› Der Zufall. Ich mache jetzt die Rezeption im Adlon.
› Wegen der Bezahlung.
› Auch. Mir gefällt die Stadt. Etwas eingebildet, aber liebenswürdig: Alle Zeitschichten liegen bloß wie noch immer nässende Wunden. Ich sollte in die Politik!
› Mal wieder was Neues, hm?
Jetzt blitzt wieder sein Zahngold. Pflichtgemäß hatte ich ihn eingeweiht und ihm verraten, was ich glaubte: dass es ihn, den Meister der rechten und linken Hand, der schwarzen und weißen Materie zu stellen galt, sollte alles ein Ende haben. Egal, was es mit den Runen auf sich habe.
Wieso eigentlich sollte ich ihm vertrauen: War nicht alles schlimmer geworden, seitdem ich ihn eingeweiht hatte?
› Wer garantiert mir, dass du es nicht bist? Das würde passen: Unscheinbar, nur eine Nebenfigur eigentlich, aber schillernd, belesen, herumgekommen.
› Jetzt flunkerst du aber –
› Der Oberkaspar der Katharer, namenlose Nichtsnutz, der ewige Lude. Die Welt wurde erschaffen, lediglich um alle möglichen Permutationen des Gottesnamens in ihr aufzuschreiben. Ist dies vollbracht: Puff!
Die Lippen werden dünn und er wirft mir einen Blick zu, wie es Enkel manchmal gegenüber ihren Großeltern tun, wenn diese wieder zu Kindern degenerieren, während sie selbst die ersten Zipperlein plagen.
› Selbst wenn: Was wäre so schlimm daran? Nirvana ist schließlich zugleich Erlösung und Heil.
Ich zucke mit den Schultern.
› Ich wiederhole: Begegnet dir Buddha, so töte ihn.
› Und woran erkenne ich den?
› Du musst Upekkha finden – Ausgeglichenheit, Gleichmut. Die drei Geistesgifte in dir selbst überwinden: Gier, Hass und Verblendung. Nur so wirst du richtig von falsch unterscheiden können. Da fällt mir eine Geschichte ein! Ich habe sie von einem Gast. Willst du sie hören? Ich mache es kurz, meine Schicht beginnt bald. Begleite mich doch zum Hotel, dann erzähle ich sie dir auf dem Weg.
› Wenn du das Taxi spendierst.
› Abgemacht. Ich nenne sie mal –

SCHÖNE TODE III: DER LETZTE WITZ DES TOTENGRÄBERS
 
Da kam dieses deutsche Fräulein zu uns ins Hotel, Neumann hat sie geheißen. Sie sah aus wie eine, die den schweren Ledermantel und die dunkle Schminke nur deshalb trug, um darunter etwas zu verbergen. Etwas, das vielleicht nur einmal jemandem erzählt werden musste. Eines Abends hinter der Bar hatte ich sie soweit:
»Jedem, mein Kind, ist eine Aufgabe zugedacht. Aber die kann man nicht suchen. Nur finden. Dann sei bereit: pack’ sie am Kragen und lass dich nicht von ihr abschütteln, komme was wolle.«
Das habe ihr der Papa leise ins Ohr zu flüstern gepflegt, als sie noch zu klein war, um es zu verstehen; die Worte hätten sich ihr jedoch ins Gedächtnis gebrannt wie eine dunkel raunende Beschwörungsformel.
Nun sei ihr neulich etwas zugestoßen, das die Erinnerung wieder entzündet habe. Sie verstehe nun, dass ihr der Vater auf seine Weise eine Lebensversicherung habe verschaffen wollen. Vor wenigen Tagen nämlich habe sie im Auto gesessen und einen Flug durch den Zeittunnel angetreten, um den Ort ihrer Kindheit wiederzusehen. »Willkommen in Utsch! Diese Stadt erhielt von 1996-98 den Städtepreis der UNESCO«, habe ihr das Schild am Ortseingang die einzige Veränderung verraten. Links das historische Rathaus, rechts die Rathausschenke »Guter Rat«, geradeaus die neogotische St.-Augustin-Kirche aus Sandstein. Danach natürlich der Marktplatz mit Fußgängerzone. Und am Stadtrand, wie ein Bollwerk gegen alles Böse der Welt: drei Einkaufszentren, ein Multiplex, zwei Sportanlagen und vier Altenheime.
Das Haus ihres Vaters in der Sandstraße 25 wie die meisten ein ’70er-Jahre-Bau mit eigener Garage. Sie schäme sich ein bisschen dafür, dass das Erste, woran sie bei dem Anblick gedacht habe, die Neugier auf die Umstände ihrer Zeugung gewesen sei: Sie konnte es sich noch immer nicht vorstellen, wie ihre Mutter ausgerechnet diesen Vater … Dabei sei sie auch nicht besser gewesen: Ihr erstes Mal habe im Hinterzimmer eines Goth-Schuppens stattgefunden, mit einem Typen in schwarzen Cowboystiefeln. Nicht der Rede wert.
Innen alles vollgestopft mit Convenience-Möbeln, der Alptraum für jeden Innenarchitekten. Altmännerschweiß in den Tapeten.
Tags zuvor das Quäken des Telefons: »Woran?« habe sie den Arzt gefragt. »Herzversagen«.
Du musst dir vorstellen: Sie fand das einen erbärmlichen Tod. Sie war der Meinung, das Sterben müsse so verlaufen, dass alle Welt an einem ablesen könne, wie sehr man sich dagegen gewehrt habe.
Dann das Murphy’s Law der Bürokratie – ausgerechnet mit Toten hatte man so ein Aufwand: Leichenschau, Bestätigung der Verwandtschaft; Gespräch mit der Bestattungsfirma; Wahl der Bestattungsart (Feuer), des Sarges: nach Wunsch des Vaters Modell »Gute Nacht«, Nussbaum mit Messingbeschlägen, darauf in Rhomben geschnitzt die Worte: »Still und einfach war sein Leben / Frei und fleißig seine Hand / Ruhig sein Hinüberschreiten / In ein bess’res Vaterland«; dann Sargbouquet, Kondolenzbuch, musikalische Untermalung des Gottesdienstes mit »Brüder, zur Sonne«.
Schließlich der Brief vom Notar: Sie erbe das Haus und das Vermögen. Sie habe es ziemlich gut gebrauchen können, angesichts der Tatsache, dass sie seit ihrem Examen auf der Stelle trat. Die Lebenslotterie funktioniere ja anders als die Glücksspiele im Fernsehen: Man bekomme nur ein Los in seinem Leben – um auf ewig zu den Gewinnern oder Verlierern zu zählen.
Ach ja: Ihr Vater habe im Testament um Verzeihung gebeten.

› Nuschel’ nicht so. Verzeihung, wofür?
Wir saßen mittlerweile im Taxi, das sich durch die Friedrichstraße quälte, wo noch immer Arbeiten am Altbestand des Kommunismus im Gange waren.
› Immer der Reihe nach.

Im Kino: Casablanca. Sie möge eigentlich keine Schwarzweißfilme, kenne sich nur mit den Thrillern der ’80er aus. Aber alle behaupteten ja, ein Klassiker. Nun also, nachdem sie es so lange vermieden habe, würde sie zum ersten Mal ihre Mutter sehen: auf der Leinwand.
Seine Bergmann habe er sie immer gerufen, guck mal, genau wie die Bergmann … Die Erzählungen ihres Vaters habe sie schon nicht mehr für bare Münze genommen, seit das mit dem Christkind und dem Weihnachtsmann aufgeflogen sei. In dem dunklen Saal habe ihr dann aber doch das Herz gerast. Das ungefähr also sei sie gewesen – doch wohl ohne diese Stimme und den Blick von unten herauf! Alles Vaters Schuld: hätte der Fotoapparate seinerzeit nicht als lästig empfunden … Jedenfalls seit dem Kino ihre eigene Phantasie endgültig dahin. Selbst heute könne sie nicht sagen, ob es ihr lieber sei, endlich ein Bild von ihr zu haben.
Nie hätten sie all die Jahre über der Bergmannmutters Tod, über den Unfall gesprochen, der die Rettung der Tochter als ein Wunder habe erscheinen lassen. Bis zu diesem einen Tag vor ihrem Abitur. Da habe ihr der Vater gestanden: Die Mutter sei viel zu früh ihre Wehen bekommen, und er habe ruhig Bluts bei den Kumpels zum Kartenspielen gesessen. Wenn sie sich doch einfach ein Taxi gerufen … Sie aber habe darauf bestanden, er solle sie zum Krankenhaus fahren. Er sich auch gleich auf den Weg gemacht, sie zu Hause abgeholt und dann extra aufs Gas gedrückt, weil sie so furchtbar geschrien und er gedacht habe, sie könnten zu spät … so sei es passiert, dass er diese Ampel übersehen habe. Den BMW, der plötzlich von rechts aufgetaucht sei, treffe keine Schuld.
Worte, die alles zusammenbrechen ließen. Noch vor dem Studium kehrte sie Utsch den Rücken.

› Ist das jetzt das Ende deiner Exposition?
› Na, ein bisschen Vorgeschichte muss sein.

Auf dem Friedhof angekommen, sprach sie den einzigen Lebenden an.
»Sandra Neumann. Mein Vater soll beerdigt werden.«
»Mein Beileid.«
Er streckte ihr seine Arbeiterpranke entgegen, musterte sie aus kleinen, eisgrauen Augen heraus. Sie hatte jemanden erwartet, für den ihre Situation bloß Tagesroutine war, sodass sie sich keine Gedanken über ihren Mangel an Gefühl zu machen brauchte. Jener Mann jedoch fand seine Arbeit anscheinend einen Faschingsgag: Eine gelbe Binde mit grünen Tupfen stach keck aus dem blauen Zweireiher hervor.
»Sie sind der Totengräber?«
Er strich sich über den graumelierten Bart.
»Friedhofsverwalter, bitteschön! Kennen sie die Totengräberszene aus Hamlet? Sie benehmen sich wie Clowns und reißen Witze.«
»Nein.«
»Muff Potter aus Tom Sawyer ist einer der größten Spaßvögel der Weltliteratur.«
»Ich kenne mich weder mit Literatur noch mit Beerdigungen aus.«
»Da sind Sie nicht alleine: Der griechische Staatsmann Perikles hat einmal gesagt: ›Die Kultur eines Volkes wird auch danach beurteilt, wie es seine Toten bestattet.‹«
Sie dachte darüber nach.
»Wussten Sie, dass ein Totgeborenes unter fünfhundert Gramm keinen Anspruch auf ein Grab hat, aber dennoch schicklich zu entsorgen ist? Das ist ein Gag.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Finde ich jetzt nicht besonders lustig. Haben Sie noch mehr solcher Sprüche auf Lager?«
»Was halten Sie von der Frage, ob ihr Vater einen Herzschrittmacher besaß?«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Sie haben keine Ahnung«, nickte er.
»Soweit ich weiß nicht.«
»Batterien haben nämlich die Angewohnheit, im Feuer zu explodieren.«
Somit das Wesentliche geklärt, führte er sie zu einer Parzelle nahe einer Ulme und empfahl ihr auch einen befreundeten Steinmetz. Schon verabschiedete er sich. Sie sah noch im Gehen, wie ein kleines Mädchen an ihm emporsprang. Er nahm es bei der Hand und verschwand hinter den Rhododendren.

Pfarrer übrigens halte sie für die größten Lügner auf Erden. »… wird uns immer in Erinnerung bleiben«, und so weiter. Nicht einmal das TV-Programm vergesse man so schnell.
Sie könne das ganze Geheul, das Aufbrezeln, die Beileidsbekundungen, die Blumenkränze nicht ertragen. Sie habe auch nie konfirmiert werden wollen. Jetzt könne sie ja endlich austreten.
Die Zeremonie sei gottlobkurz ausgefallen – den Vater hätten schon nicht mehr viele gekannt. Der Pfarrer sei also nicht weiter aufgehalten worden auf dem Weg zum nächsten Bestattungstermin. Zehntausend Einwohner und so eine Abgangsrate! In einer Großstadt bedeute das dann ja ein Kommen und Gehen sein wie im Karstadt!

Tage später, als alles erledigt war, konnte sie sich nicht zur Abreise entschließen. War es nur eine Laune – dass sie nicht widerstehen konnte, den Friedhofsverwalter aus dem Schatten der Pappeln heraus eine Weile zu beobachten?
Die körperlichen Arbeiten fielen ihm schon nicht mehr leicht. Wie sie seine Pratzen herumfuhrwerken sah, kam ihr aus irgendeinem Grund das Kind wieder in den Sinn. Sie ging etwas näher heran. Da war eine Narbe oberhalb der linken Braue, wie von einem Streifschuss. Was konnte passiert sein: Dienst als Kindersoldat, angeschossen, Lazarett, Heimkehr, zum Stehlen verdammt, erste Liebe und Heirat, kinderlos, Scheidung? Aber der Weltkrieg lag doch eine ganze Weile zurück. Welche Geschichte er auch zu erzählen hatte: ihr wurde unheimlich dabei.

› Muss wirklich eine komische Tante gewesen sein. Worum ging es ihr überhaupt?
› Stimmt, sie war irgendwie nicht ganz echt. Ich meine nicht im Sinne von wirklich. Etwas war nicht in Ordnung mit ihr – und deswegen war sie neugierig darauf, was mit ihm nicht stimmte. Hör noch zu Ende.
› Mach schnell, wir sind gleich da.

Es dämmert. Sie friert, spürt endlich ihren Hunger. Und schüttelt den Kopf. Über sich.
»Ihr Nachwuchs?« habe sie ihn beim letzten Mal noch fragen wollen.
Sie glotzt auf das Verwaltungsgebäude, in das er soeben zurückgegangen ist, um sich für den Feierabend fertigzumachen. Zeit, nach Hause zu gehen.
Ein Mädchen läuft herbei, ohne die Spionin zu bemerken. Eine Puppe in der Hand, klopft sie an die Tür. Er tritt auf die Schwelle, ohne die Binde, hebt die Kleine zu sich empor, gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und setzt sie wieder ab. Er bedeutet sie, kurz zu warten, verschwindet, kommt wenig später zurück, schließt die Tür ab, packt sie mit seiner Pranke und marschiert mit ihr los.
Die Neumann hinterher. Etwas gefällt ihr nicht an der Sache.

In einer Seitenstraße verschwindet er mit der vielleicht Achtjährigen in einem Haus. Sie schleicht sich an die Fenster im Erdgeschoss heran, späht hinein: Nur Schemen, unbeweglich. An der Tür kein Namensschild, keine Klingel. Verschlossen.
Etwas gefällt ihr ganz und gar nicht.
Wie hineingelangen? Das Haus eingepfercht zwischen zwei Nachbarn und ohne rückwärtigen Garten. Sie kann jetzt nicht einfach verschwinden! Alle Courage zusammenraffend, hämmert sie an eine der Scheiben, probiert die anderen Fenster, ruft, wenn auch verhalten. Das einzige Echo das eines Nachbarn von der anderen Straßenseite, der sie zum Teufel schickt. Benommen im Kopf und mit Sorge im Magen, stolpert sie heim, kommt nicht auf die Idee, nach Hilfe zu fragen. Hoffentlich …

Am nächsten Abend liegt sie wieder vor seinem Haus auf der Lauer. Von der Ecke auf der anderen Straßenseite aus kann sie nicht gesehen werden. Sie hat sich ein Handy besorgt, will ihn abfangen, wenn der von seiner Arbeit zurückkommt.
Es dauert, bis es soweit ist. Sie ist geduldig.
Irgendwann lässt sich ein kleiner Junge, dem eine He-Man-Figur aus der Brusttasche ragt, auf dem Treppenabsatz nieder. Wenig später die bekannte Eröffnungszeremonie: Der Alte erscheint, hebt den Kleinen hoch, küsst ihn auf die Stirn, nimmt ihn bei der Hand, zückt den Schlüssel – als unsere Lady Neumann aus ihrer Deckung hervorschießt.
»Loslassen!«
»Fräulein Neumann?«
»Ich habe Sie gestern gesehen.«
Er guckt, als hätte ihn ihr unabgesprochener Auftritt seinen Text vergessen lassen.
»Ich hole die Polizei!«, schwenkt sie das Handy über dem Kopf.
»Lauf nach Hause!«, gibt er den Jungen frei, nicht ohne ihm He-Man aus der Hand zu nehmen. »Du kannst ihn morgen abholen.« Der kleine wirft ihr einen Blick zu, als sei sie seine Stiefmutter, und rennt davon.
»Was stellen Sie an mit ihnen?«
Sie ist schon im Begriff, die Nummer zu tippen.
»Hier liegt ein Missverständnis vor.«
Sie ließ sie es. Warum auch immer.
»Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.«

Unten in seinem Keller ein Horrorkabinett: Auf einer Werkbank die Puppe des kleinen Mädchens von gestern, geköpft. Und in den Regalen – auf einem Brett linke Beine, auf einem anderen rechte Arme, auf einem dritten zweihundert Augen in hundert Schädeln aus Plastik.
»Das hier wird Lisas neues Gesicht«, deutet der Alte auf einen der Köpfe und auf eine kleine Perücke daneben. »Das Alte war schon ein bisschen angefressen.«
Jetzt weicht die Anspannung von ihr: An dem Kleiderständer ein Arztkittel, ein Stethoskop und ein Zylinder mit der Aufschrift: Dr. med. pupp.
»He-Man bekommt ein neues Bein von mir verpasst.«
Er spielt mit der Figur in seinen Händen.
»Tut mir leid.«
»Ich muss sagen. Sie hätten sich ja einmal erkundigen können, statt sich da in etwas hineinzusteigern. Mein Nebenberuf ist kein Geheimnis … Zum Glück verstehe ich Spaß! Möchten Sie vielleicht einen Tee?«

› Und weiter?
Das Taxi stand schon eine Weile mit laufendem Motor vor dem Adlon, das Geld tickerte weiter.
› Das war’s. Keine Ahnung, was danach passiert ist, die Dame reiste am nächsten Tag ab. Nur eines hatte mich nachdenklich gemacht.
› Lass mich raten: In Ihrer Begleitung befand sich ein älterer Herr mit Narbe und Bart.
› So ist es.
› Gut, sie hat sich diesen Kerl, der vielleicht doppelt so alt war wie sie, also geangelt. Er hat sich’s aus nachvollziehbaren Gründen gefallen lassen. Und was soll mir das jetzt sagen?
› Lass dir was einfallen.
Soviel vom Algerier, der wieder einmal strahlte, als hätte ausgerechnet er den Beweis für die Riemann-Vermutung entdeckt. Er kniff mir in die Wange, verließ unseren Wagen und ich sah durch die Fensterscheibe, wie er in der Drehtür verschwand, einfach so.
Schließlich der Fahrer:
› Im Moment sind wir bei 32,50. Aber ich kann gerne noch ein bisschen länger hier stehenbleiben.

[Leider hat Roland nicht mit mehreren Dateiversionen und nur mit je einer Sicherheitskopie gearbeitet. Alle Dateien sind mit den Änderungen überschrieben worden. Die ursprüngliche Fassung – die angebliche »Korrektur« – ist uns verloren. Der Vergleich hätte gewiss interessante Aufschlüsse geliefert, Spekulationen erhärtet oder verworfen. Vielleicht auch nicht. Uns bleibt nur das, was schwarz auf weiß vorliegt – dies hier und die wenigen brauchbaren Fragmente: siehe Appendix.]

10. Dezember. Bitte. Ich hab es getan. Alles richtiggestellt nun. Den Schwindel rückgängig gemacht. Manches seit September eine Lüge gewesen. Was hätte ich tun sollen? Wie es wirklich war – was hätte es genutzt, das aufzuschreiben, so hatte ich damals gedacht. Gerade die Kleinigkeiten ließen das Ganze manchmal äußerst unwahrscheinlich erscheinen, deshalb hatte ich gelegentlich etwas nachgeholfen.
Nun aber sich der Sache gestellt. Hat mich drei Tage gekostet. Musste zwischendrin Klunker aus den Eimern verkaufen.
Nur was falsifizierbar ist, ist wahr. Jetzt stimmt wieder alles: September, Oktober, November – jetzt steht da die Wahrheit; so wie es war, wie ich es erlebt habe. Man schimpfe mich einen Lügner, mir ist es egal mittlerweile. Nur keine Korrekturen mehr. Das Programm nicht länger mit Abschweifungen aufhalten wollen: Es ablaufen lassen, wie es von Anfang an gedacht war.

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