Haus der Halluzinationen

Du ließest dich in den Aufenthaltsraum zurückploppen, wo Settembre dir schnurrend um die Beine strich, wie ein gewöhnlicher Kater das täte. Nur dieser eben mit Stiefeln an den Hinterläufen.
–Das war der leichte Teil, nehme ich an, strichst du ihm über den Kopf.
–Hm, hockte er sich auf seinen Hintern und blickte zu dir auf, –des’alb stehen wir vor der Katastrophe: Das Un benötigt oft nur ganz kleine Lücken, durch die es hindurchschlüpfen kann, um etwas zunächst ganz sanft, aber mit eventuell großen Folgen, zu ändern. Deshalb muss man vorsischtig mit ihm sein. In der Lage sein, die Dinge von einer ’öheren Ordnung aus zu betrachten. Stell dir vor, die Welt wäre ein Programm: Nimmst du etwas weg oder fügst etwas hinzu, schreibst womöglich die Schlusszeilen neu, diente es ganz anderen Zwecken. Wäre ergo nicht mehr diese Welt. Weißt du, das ist auch so ein Paradox: Für uns gibt es nur diese Welt. Trotzdem ist ihre Wahrheit für jeden anders. Das ist der Punkt, an dem du ansetzen kannst.

Der Aufbruch ins ungewisse Internet- und Globalisierungs-Zeitalter – und die dagegen verbindende Kraft des Hörens: Sieben Hauptpersonen treffen im Februar 1996 im Hotel Paramontana, gelegen in einem ver­schlafenen Schweizer Alpental, aufeinander. Unvermeidlich enthüllen sich im Lauf einer turbulenten Woche (und auf 369 Normseiten) nicht nur all ihre Sinnsuche­reien und sonstigen Vorlieben, es wird auch manche jener Fra­gen an das Verhältnis von Natur und Technik, um die heute erbitterte Kämpfe toben, mit viel Hoffnung wie Nai­vität erstmals diskutiert. Was eine Kettenreaktion des Phantastischen auslöst, bei der sich die Zukunft als selbst im Herr­gottswinkel längst schon anwesend entpuppt.

Schnelle geschickte Schnitte, sieben Haupt-, zahlreiche Nebenfiguren. Ihre Wege kreuzen sich in einem Hotel tief in der Schweiz. Da liegt es, einsam – und ist doch verbunden mit der Welt. Hier wird versteckt, spioniert, geforscht. Erholung? Aber ja. Winter 1996, die Bilder- und Überwachungszeit beginnt, die New Econo­my boomt. Spitzel, Sex and Drugs, ein Alter, ein Fremder, Wetter und Geld. Dazu ein Kind sowie ein undurchsichtiger Hotelbesitzer. Das Paramontana, ehrwürdig, ein wenig, alt, exzentrisch im Schnee gelegen, spekuliert. Vor allem aber hört es – und wird klüger. Und wir erraten den Rest. Denn wie jeder Horrorfilm lehrt, wie jede Komödie zeigt: nichts ist schöner, als selbst die Puzzleteile zusammenzusetzen und die ei­gene Phantasie spannungsvoll in Gang gebracht zu sehen.
(Ulrike Draesner)

Haus der Halluzinationen ist Teil einer losen Tri­logie, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Digitalisierung Vernetzung Globalisierung unserer Jahrtausendwende-Wirklichkeit zu nähern versucht.
Die Arbeit an dem Roman wurde gefördert von der “Autorenwerkstatt Prosa 2008/09″ des Literarischen Colloquiums Berlin. Ein Textauszug ist auch im Märzheft der vom LCB herausgegebenen „Sprache im technischen Zeitalter” (SpritZ) nachzulesen. Außerdem gibt es eine Audio-Leseprobe auf literaturport.de.

Bisherige öffentliche Lesungen:

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